Ach, Alice
Kaum hatte Familienministerin Karin Prien angekündigt, den Bezug des Elterngeldes für Frauen von zwölf auf neun Monate verkürzen zu wollen, veröffentlichte Alice Schwarzer in der Emma einen Jubelartikel. Sie findet das gut so. Eine Replik.
Einen Shitstorm hatte Alice Schwarzer auf ihre Forderung erwartet, Müttern noch einen mitzugeben und sie nach neun Monaten wieder in die Beschäftigung zu zwingen. Bekommen hat sie ihn nicht wirklich. 4.029 Views auf X, mickrige sechzehn Antworten — das ist nicht mal ein Shit-Lüftchen. Die Emma verliert immer mehr an Reichweite. Soll man das jetzt einfach mal auf sich beruhen lassen? Schwarzer ist eine Frau über achtzig, die ihre Meinung nicht mehr ändern wird. Wann immer es um Frauen geht, ist die Emma ein Top-Magazin; sobald Frauen jedoch zu Müttern werden, wird es bodenlos. Eine Replik lohnt sich trotzdem.
Mütter stehen heute vor fast unlösbaren Aufgaben, und ihre Möglichkeiten werden nun noch weiter beschnitten. Mütter sorgen für das Fortbestehen unserer Gesellschaft. Aber sie können nicht mehr; die Belastungen sind viel zu hoch, und es gibt zu wenig Babys. Bei einer Geburtenrate von 1,2 wird in einer Generation nur noch zwei Drittel von uns übrig sein. Jetzt sollen Mütter noch eins draufbekommen — unter dem Jubel von Alice Schwarzer. Wer heute fordert, Familiengründung noch schwieriger zu machen, der leidet unter galoppierendem Realitätsverlust. Wir alle wissen: Wer schweigt, stimmt zu. Auch ich bin ein Teil der Frauenbewegung, und ich sage ganz deutlich: Nicht in meinem Namen. Ich stimme nicht zu.

Alice Schwarzer schreibt in ihrem Artikel, die Verkürzung der Elterngeldzeit sei ein Fortschritt, denn sonst würden Mütter zu lange aus ihrer Berufstätigkeit gerissen. Neun statt zwölf Monate seien genug.
Wörter, die in ihrem Artikel fehlen:
• Babys
• Kinder (außer in Erwähnung, dass von der Leyen sieben davon hat)
Denn um Babys und Kinder geht es Schwarzer nicht. Sie sind unwichtig. Sie sollen irgendwohin, ganz egal wohin, und das möglichst lange und möglichst wenig sichtbar. Es wird sehr deutlich: die Autorin hält Kindererziehung für eine totale Zeitverschwendung.
Mutter-Kind-Bindung? Egal. Urvertrauen? Egal. Liebevoller Umgang? Egal.
Alice Schwarzer ist kein bösartiger Mensch. Es scheint ihr wirklich am grundlegenden Verständnis dafür zu fehlen, dass Kinder Beziehung brauchen. Kleine Menschen kommen völlig hilflos zur Welt. Sie brauchen einen liebevollen Blick, um zu wissen: Ich bin etwas wert. Sie brauchen jemanden, der ihnen so nah ist, dass er ihren Kummer versteht, auch wenn sie ihn noch nicht verbal äußern können. Sie brauchen jemanden, der ihre Gefühle reguliert. Der „Schon gut“ sagt, wenn es nicht so schlimm ist und tröstet, wenn es einmal schlimm ist. Zu dem sie Blickkontakt aufnehmen können, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Sie brauchen einen Menschen, durch dessen Verhalten sie die Welt kennenlernen können. Die ersten drei Jahre sind entscheidend: In dieser Zeit lernen sie Bindungsverhalten. Oder eben nicht.
Kitas können das nicht in dem Maße leisten wie liebende Bezugspersonen. Zu viele Kinder quengeln und schreien gleichzeitig. Die Erzieherinnen wechseln häufig und haben oft keine tiefe Bindung zu den Kindern. Kinder in Kitas haben einen messbar höheren Spiegel des Stresshormons Cortisol. (1) Bei Mädchen führt der Dauerstress tendenziell zu Ängstlichkeit, bei Jungs zu Aggressivität. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor, wenn Sie an die Gen Z denken?
Kinder brauchen eine feste, liebevolle Bezugsperson! Klar hat sich in den letzten zweihundert Jahren viel verändert. Damals haben Frauen von morgens bis abends durchgearbeitet: Die Kuh, das Schwein, die Hühner, der Garten, Stricken, Nähen, Stopfen und noch vieles, vieles mehr. Aber traditionelle Frauenarbeit zeichnete sich dadurch aus, dass sie jederzeit unterbrechbar war. Dass Raum war, für einen Blick, ein Wort und zur Not eben auch einen Trost. Dass Kinder jederzeit den Rockzipfel fassen konnten, um sich sicher zu fühlen.
Heute ist Muttersein merkwürdig. Das Essen kommt von Lieferando, die Wäsche aus der Maschine, und die mickrige Tomatenpflanze auf dem Balkon ist kein Ganztagsjob. Da ist zwar ein großer Freiraum entstanden, aber eine zentrale Sache hat sich eben nicht verändert: die Kinder. Sie brauchen nach wie vor eine anwesende Bezugsperson. Meistens ist das die Mutter.
Und es sind ja nicht nur die Kinder, die ihre Mütter brauchen. Die meisten Frauen wollen auch Mütter werden. Dringend. Sie empfinden das nicht als eine Zumutung, sondern als Erfüllung. Schwarzer wollte offenbar keine Kinder, denn sie ist eine Frau, die bekommt, was sie will.
In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war die Frauenbewegung auch eine Bewegung für die Freiheit von Kindern. Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd und so. Das war ja auch nötig; diese Festlegung von Frauen war falsch. Jetzt aber will Alice Schwarzer bestimmen, was Mütter zu wollen haben. Ganztagsarbeit ab dem neunten Monat.
Übrigens ist Schwarzer nicht immer gegen eine Karriereunterbrechung von Frauen. Sie forderte erst kürzlich ein Pflichtjahr für Frauen und Männer — an der Waffe oder im sozialen Bereich. Da scheint das ganze Jahr obendrauf nichts auszumachen. Aber wenn es um die eigenen Kinder geht — nein, da sind zwölf Monate plötzlich zu viel. In der Welt von Schwarzer dürfen Frauen eigentlich alles machen, nur um ihre Kinder kümmern dürfen sie sich nicht. Kaum eine Emma, in der Mütter nicht abgewertet werden.
Ein großes Rätsel innerhalb der Frauenbewegung ist, wieso die Frauen in England das mit der Translobby so viel besser hinbekommen haben, als wir in Deutschland. Sie haben das Selbstbestimmungsgesetz verhindert, ein Verbot von Pubertätsblockern erreicht, und es wurde klar festgelegt: Wo Frauenumkleide draufsteht, hat niemand mit einem Penis etwas verloren. Warum schaffen wir nicht einmal ansatzweise, was die Engländerinnen erkämpft haben?
In England gibt es zwei große Gruppen, die die Proteste getragen haben: Lesben und Mütter. Mütter wollen ihre Kinder schützen, und viele Lesben möchten nicht als transphob beschimpft werden, wenn transidentifizierte Männer sich als „lesbisch“ bezeichnen und fordern, in den Dating-Pool von Lesben aufgenommen zu werden.
In England haben sich die beiden Gruppen zusammengetan: die lesbische Journalistin Julie Bindel, die lesbische Philosophin Kathleen Stock sowie Müttervertreterinnen wie Helen Joyce und „Women for Scotland“. In der Breite wurde der Protest von „Mumsnet“ getragen, einem quer durch alle Schichten beliebten Internetportal für Mütter.
Das funktioniert dadurch, dass die beiden Gruppierungen einander mit Respekt begegnen. Von Julie Bindel war noch nie etwas gegen Mütter zu hören und Kathleen Stock gilt als sehr familienfreundlich. Dieses ständige Schlechtreden von Frauen, die andere Lebensmodelle wählen, das gibt es dort nicht.
Und gemeinsam sind sie stark.
Die Frauenbewegung in Deutschland? Es gibt die neue, wunderbare Organisation der Frauenheldinnen, die Frauen nicht vorschreibt, wie sie zu leben haben. Dort formiert sich eine Gruppe, die alle Frauen unabhängig von ihrem Lebensentwurf vereinen kann. Das gibt große Hoffnung.
Die Emma? Ach ja. Die dümpelt vor sich hin. Es ist solch ein Jammer, weil sie so viel zu sagen hat. Sie benennt, dass Prostitution Ausbeutung und nicht Selbstverwirklichung ist, dass Pornografie verroht, dass der Islam eine Gefahr für Frauenrechte darstellt und dass Männer keine Frauen sein können. So viele wichtige Themen.
Aber wenn es um Mütter geht, schlägt die ideologische Keule erbarmungslos zu. Erziehung gehört demnach in staatliche Hand, Frauen an die Werkbank, Care-Arbeit und Beziehungen sollen möglichst abgeschafft werden. Frauen, die das anders sehen, werden in jeder Emma zuverlässig abgewertet. Frauen werden in zwei Gruppen gespalten: die Guten, die keine Kinder haben oder sich wenigstens nicht um sie kümmern und die Untermenschen — diese dummen Gänse, die sich einfach um das Wohl ihrer Kinder sorgen, statt arbeiten zu gehen.
Liebe Alice, okay, Du findest Kindererziehung ist Zeitverschwendung, Dir ist egal, was Mütter wollen, weil Du meinst, besser zu wissen, was gut für sie ist. Was Babys brauchen, ist Dir offenbar ebenfalls schnuppe — das ist noch nicht einmal eine Erwähnung wert. Das ist schade, aber nun ja. Daran werden wir wohl nichts mehr ändern können. Aber, das was Dein Baby — nämlich die Frauenbewegung — braucht, ist Frauensolidarität. Von allen. Für alle. Vielleicht wäre das ja mal einen Gedanken wert? Du hattest Dir schließlich einen Shit-Storm gewünscht, den Du erhobenen Hauptes entgegennehmen wolltest. Zufrieden?
Viele Grüße,
Anne Burger