Am Rande und im Herzen Europas

Belarus ist mehr als eine geopolitische Pufferzone zwischen Russland und dem Westen. Eine Reise in das Land offenbart kulturelle Eigenheiten, ein starkes nationales Selbstverständnis und eine traurige Vergangenheit. Teil 3 von 4.

Seit einigen Jahren hat sich in den Medien der Name Belarus für das Land etabliert, das früher den Namen Weißrussland trug. Der neue Begriff soll die Unabhängigkeit von Russland unterstreichen. Doch noch immer ist das Land unter der Führung von Aljaksandr Lukaschenka in den hiesigen Hauptmedien nicht mehr als ein Satellitenstaat Moskaus — eine Verkürzung, die nur jemand vornehmen kann, der das Land nicht bereist und näher kennengelernt hat. Die Autoren dieses Beitrags haben Belarus besucht. Sie erlebten ein Land mit wunderschöner Natur und kulturellen Besonderheiten, dessen eigene Entwicklung jedoch unter den geopolitischen Spannungen um es herum leidet. Die Reise wurde am Ende mehr als ein touristischer Ausflug, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen deutschen Geschichte.

Wirtschaftsaustausch und Sanktionen

Auch wenn das Verhältnis zwischen Belarus und Russland trotz des Vertrags über den Unionsstaat aus dem Jahr1999 und weiterer Abkommen — etwa über die Lieferung von Gas und Öl zu meist vergünstigten Preisen sowie über die Nutzung russischer Infrastruktur für den Export von Gütern, weil Häfen wie litauische Klaipėda (1) blockiert sind – nicht immer reibungslos war, hat Präsident Lukaschenko seit Beginn des Ukraine-Krieges einen engen Schulterschluss mit Moskau vollzogen. So ist Belarus 2024 angesichts des wachsenden Drucks der EU, vor allem von Polen und Balten, unter den russischen Nuklearschirm geschlüpft.

Für Litauen bedeutete der Wegfall des belarussischen Transits des Kaliumdüngers einen wirtschaftlichen Einschnitt für den Hafen Klaipėda, über den circa 30 Prozent des Umschlages erfolgte, der allerdings im Rahmen der EU-Verkehrs- und Infrastrukturpolitik, zum Beispiel durch TEN-T-Programme und Kohäsionsfonds, weiter modernisiert wurde, jedoch wie es überall nachzulesen ist, ohne direkte Kompensation der verlorenen Handelsströme.

Die westlichen Anbindungsbestrebungen von Seiten der EU und zuletzt die von Trump, der auch seine Augen auf den Kaliumdünger geworfen hat, haben stets die Tatsache ignoriert, dass die klare Mehrheit der belarussischen Bevölkerung prorussisch eingestellt ist (2).

Noch 2019 sprachen sich rund zwei Drittel für eine verstärkte Zusammenarbeit mit Russland aus und nur knapp ein Drittel wünschte sich eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland.

Somit ist es keine Überraschung, dass Russland beim Wirtschaftsaustausch mit Belarus sowohl im Import als auch im Export mit einem Anteil über 50 Prozent mit großem Abstand der wichtigste Handelspartner bleibt. China zählt ebenfalls zu den bedeutenden Partnern, wobei sich seine Position je nach Jahr mit einzelnen EU-Staaten überschneidet.

Deutschland gehört ebenfalls zu den wichtigen Handelspartnern, vor allem als Lieferant von Industrie- und Investitionsgütern. Als Abnehmer belarussischer Waren liegt es eher im mittleren Segment. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen Kalidünger (Belaruskali), raffinierte Erdölprodukte, petrochemische Erzeugnisse sowie Holz- und Industrieprodukte.

Daneben treten verstärkt auch Investoren aus den Golfstaaten als selektive Kapitalgeber auf, vor allem in den Bereichen Immobilien, was in den vielen Neubaugebieten von Minsk besonders sichtbar ist, Logistik und einzelnen Industrieprojekten, was auf eine wirtschaftliche Stabilität von Belarus hindeutet.

Belarus hat seit Sowjetzeiten eine entwickelte Maschinenbau-, Chemie und Elektroindustrie und produziert und exportiert praktisch alles: Traktoren, Autobusse, LKWs, Haushaltgeräte, Möbel und moderne Elektronik.

Auch wenn das Land über keine großen Ölvorkommen verfügt, stellt die Petrochemie doch einen weiteren bedeutenden Wirtschaftszweig dar, den nun die Ukraine zu zerstören droht.

Ergänzend wäre noch zu sagen, dass das Atomkraftwerk in Ostrowez schon jetzt 40 Prozent des Energiebedarfs des Landes deckt, und dass ein neues Atomkraftwerk im Osten des Landes geplant wird.

„Silicon Valley des Ostens“

Besonders bemerkenswert ist, dass der Anteil der IT, der bis 2020 mit steigender Tendenz 6 bis 7 Prozent der Wirtschaftsleistung betrug und schon über der Landwirtschaft lag und nach 2020 aufgrund der Abwanderung von einigen Firmen und Fachkräften etwas sank.

So wie die belarussische Maschinenbauindustrie als „Werkbank“ für Russland gilt, wird die IT-Branche häufig als „Silicon Valley des Ostens“ in Osteuropa bezeichnet.

Große Unternehmen wie EPAM Systems haben hier ihren Ursprung und exportieren — trotz Sanktionen — weltweit Web- und App-Entwicklungen, Cloud-Lösungen, Datenanalysen sowie KI-Anwendungen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Land, was die Kommunikationstechnologie betrifft, soweit wir es feststellen konnten, selbst in den entferntesten Ecken des Landes einwandfrei funktioniert.

In Belarus hat auch das Unternehmen Integral seinen Ursprung, das an der Entwicklung sowjetischer Weltraumtechnologie beteiligt war. Heute werden dort unter anderem die Mikroprozessoren entwickelt und produziert, die den europäischen zumindest ebenbürtig sind.

Dass Belarus zu einem wichtigen IT-Standort werden konnte, ist das Resultat einer gezielten staatlichen Bildungs- und Wirtschaftspolitik. Ein zentraler Baustein war die Gründung des Hi Tech Park Belarus (HTP) einer staatlichen Sonderwirtschaftszone speziell für IT-Unternehmen und Technologie-Start-ups. Der Park gilt als eine „osteuropäische IT-Schmiede“.

Derzeit sind im HTP-Cluster rund 60.000 Programmierer beschäftigt, verteilt auf Standorte in Minsk, Grodno, Brest und Gomel und ein neuer Standort in der Kooperation mit China befindet sich im Bau.

Zu den jüngsten Entwicklungen zwischen der Ukraine und Belarus

Anlass für diese neue Stufe der Eskalation sind Berichte vom 17. Juni 2026 über einen Drohnenangriff aus der Ukraine, bei dem ein Bus mit belarussischen Kindern aus einer Sportschule in Gomel auf dem Weg zu einer Erholungsreise nach Südrussland von Bomben getroffen worden ist. Es gab dabei Tote und Verletzte. Die Ukraine weist eine Verantwortung für den Vorfall zurück, während Russland und Belarus die Ereignisse anders bewerten.

Während dieser Vorfall einer Aufklärung bedarf, ist das Ultimatum, das der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Belarus wenige Tage später stellte, eindeutig. Er forderte Minsk auf, Signal- und Relaisanlagen in Grenznähe zur Ukraine innerhalb einer Woche abzubauen. Nach ukrainischer Darstellung würden diese Anlagen russische Drohnenoperationen unterstützen. Für den Fall der Nichterfüllung kündigte er an, dass die Ukraine nach Ablauf der Frist selbst handeln werde.

Wegen seiner engen Bindungen an Russland hat das Ultimatum nicht nur für Belarus eine große sicherheitspolitische Bedeutung, die weit über den bilateralen Konflikt hinausreicht. Angesichts dessen fiel die Reaktion aus Brüssel zumindest bemerkenswert aus.

Anstatt das Ultimatum zu kritisieren oder vor dessen möglichen Folgen zu warnen, stellte sich die EU-Kommission hinter die ukrainische Argumentation. Sie erklärte, die Ukraine habe das Recht auf Selbstverteidigung und verwies zugleich auf die aus Sicht der EU fortgesetzte Unterstützung Russlands durch Belarus. Eine öffentliche Distanzierung von Selenskyjs Ultimatum erfolgte nicht.

Während die Vereinigten Staaten in dieser Frage deutlich zurückhaltender auftraten und keine vergleichbaren öffentlichen Erklärungen abgegeben haben, sehen Kritiker in dem Ultimatum einen Schritt, der die Gefahr einer weiteren Verschärfung der Lage erhöht und weit reichende Folgen für die europäische Sicherheitsordnung haben könnte.

Bereits zuvor hatte Selenskyj die belarussische Führung wiederholt wegen ihrer engen Zusammenarbeit mit Russland kritisiert. Das vorausgegangene Treffen mit der im Exil lebenden belarussischen Oppositionsführerin Swjatlana Tichanowskaja könnte in Minsk und Moskau als zusätzliches politisches Signal verstanden worden sein.

Unabhängig von der Bewertung der einzelnen Positionen zeigt der Vorgang, dass die Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine zunehmend auch Belarus erfasst. Das von Selenskyj ausgesprochene Ultimatum stellt dabei einen Schritt dar, der weit über eine diplomatische Protestnote hinausgeht. Die Kommentatoren des oben genannten polnischen Senders Belsat entwickeln daraus bereits verschiedene Szenarien eines eventuellen Bürgerkriegs in Belarus.

Minsk heute

Nun einige Impressionen aus Minsk, in der wir bei unserem Besuch die meiste Zeit verbrachten.

Minsk ist heute eine höchst eindrucksvolle, grüne 2-Millionenstadt, die sich hinter Städten wie Hamburg und Berlin nicht zu verstecken braucht, mit einer großen Zahl von modernen Hochhaus-Neubauvierteln und einer ganzen Reihe neuer orthodoxer Kirchen in diesen Stadtteilen, die vor allem in den letzten 20 Jahren gebaut worden sind. Weiterhin beeindrucken viele gepflegte Parks, große und schön angelegte breite Straßen mit gut reguliertem Autoverkehr, und ein umfangreiches Bus- und U-Bahnnetz. Eine Metro gibt es natürlich ebenfalls — seit 1986. Sie war die viertgrößte der damaligen Sowjetunion und zeichnet sich weniger durch prunkvolle Gestaltung als durch moderne Ästhetik und Funktionalität aus.

Auf den Straßen begegnet man meist stilvoll gekleideten, geschäftigen Menschen, die sich oft als ausgesprochen hilfsbereit erweisen. Nicht selten geben sie bereitwillig Auskunft oder begleiten einen sogar ein Stück des Weges, insbesondere wenn sie bemerken, dass man älter ist und aus Deutschland stammt — eine Aufmerksamkeit, die wir angesichts der gemeinsamen Geschichte mit einer gewissen Verlegenheit wahrnahmen. Entlang der eindrucksvollen Swislatsch-Promenade, auf der wir häufig unterwegs waren, befinden sich zahlreiche Bereiche, in denen junge Menschen mit allgegenwärtigen Kopfhörern ihre Freizeit aktiv gestalten.

In den schmucken Hochhäusern wohnen größtenteils die Eigentümer selbst, Mietwohnungen sind selten. Viele Familien in Belarus besitzen zusätzlich eine Datscha auf dem Lande.

Die Stadt ist aber auch ein anschauliches Beispiel für die nach dem Krieg wieder aufgebaute sowjetische Architektur sowie für die Wiederherstellung des historischen Erbes. Das betrifft vor allem die Altstadt mit dem nachgebauten Rathaus und mehreren sorgfältig restaurierten alten Kirchen. Mit ihren zum Teil im stalinistischen Stil gebauten Wohn- und Kaufhäusern und Märkten vermitteln sie eine gewisse Nostalgie in Erinnerung an die sozialistische Vergangenheit. Ein paar Straßenzüge weiter sieht man dann aber wieder modernste Glas- und Aluminiumbauten.

Minsk ist eine ausgesprochen saubere und gepflegte Stadt und die Kulturmetropole von Belarus: Es gibt eine große Zahl von Museen, 20 Theater, Konzerthallen und eine ganze Reihe von Hochschulen. Allein vier davon bilden IT-Spezialisten aus.

Für junge Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ist ein Studienplatz in Belarus sehr begehrt, auch, weil sich nach Abschluss des Studiums die Möglichkeit für einen Daueraufenthalt mit Arbeitserlaubnis im Lande bietet, wie wir in Erfahrung bringen konnten.

Besonders sehenswert sind am Stadtrand liegende Freilichtmuseen, wo man viel über Leben, Kultur, Handwerk und Geschichte des Landes erfahren kann.

Ein „absolutes Muss“ ist das Museum zur Geschichte des „Großen Vaterländischen Krieges“. In diesem Museum werden Exponate aus der Kriegszeit von 1941 bis 1945 ausgestellt. Besucher können an multimedial unterstützten Führungen teilnehmen und dabei verschiedene Aspekte der Geschichte dieses schrecklichen Krieges miterleben.

Was man in Minsk nicht sieht, sind Bettler, Obdachlose und Graffitis, aber auch kaum Militärs und Polizisten.