# Am Rande und im Herzen Europas 

Belarus ist mehr als eine geopolitische Pufferzone zwischen Russland und dem Westen. Eine Reise in das Land offenbart kulturelle Eigenheiten, ein starkes nationales Selbstverständnis und eine traumatische Vergangenheit. Teil 4 von 4.

von 
   * Jan Gorski
   * Klaus-Dieter Kolenda

Seit einigen Jahren hat sich in den Medien der Name Belarus für das Land etabliert, das früher den Namen Weißrussland trug. Der neue Begriff soll die Unabhängigkeit von Russland unterstreichen. Doch noch immer ist das Land unter der Führung von Aljaksandr Lukaschenka in den hiesigen Hauptmedien nicht mehr als ein Satellitenstaat Moskaus — eine Verkürzung, die nur jemand vornehmen kann, der das Land nicht bereist und näher kennengelernt hat. Die Autoren dieses Beitrags haben Belarus besucht. Sie erlebten ein Land mit wunderschöner Natur und kulturellen Besonderheiten, dessen eigene Entwicklung jedoch unter den geopolitischen Spannungen um es herum leidet. Die Reise wurde am Ende mehr als ein touristischer Ausflug, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen deutschen Geschichte.

---

## Belarus unter deutscher Besatzung von 1941 bis 1944

Belarus war während des 2. Weltkriegs von 1941 bis 1944 von der deutschen Wehrmacht besetzt. Es entwickelte sich dort in Folge der Besatzung durch die Nazi-Wehrmacht ein grausamer und unerbittlicher Partisanenkrieg, in dem viele Städte und tausende Dörfer mit ihren Einwohnern vernichtet wurden.

1999 hat der deutsche Historiker Christian Gerlach eine detaillierte, mehr als 1.200 Seiten umfassende, erschütternde Studie mit dem Titel „Kalkulierte Morde — Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944“ veröffentlicht (1). In diesem Buch schildert er, dass 1946 ein US-Journalist Weißrussland als „das am stärksten verwüstete Land auf der Welt“ bezeichnet hat. Von den circa 9 Millionen Menschen, die den Deutschen dort in die Hände fielen, wurden etwa „1,6 bis 1,7 Millionen ermordet, 18 bis 19 Prozent: nämlich 700.000 Kriegsgefangene, 500.000 bis 550.000 Juden, 345.000 Opfer der sogenannten Partisanenbekämpfung und circa 100.000 aus sonstigen Bevölkerungsgruppen. Dazu kommen mehrere hunderttausend in den Reihen der Roten Armee gefallene Weißrussen“. Diese Zahl wird auf 550.000 bis 600.000 geschätzt (2).

Nach den neuesten Opferzahlen gehen die Historiker in Belarus heute davon aus, dass von den etwa 9 Millionen Einwohnern von Belarus 1941 im 2. Weltkrieg ungefähr 3 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet worden sind (3). Circa 27 Prozent davon waren Juden, denn während der Zarenzeit gehörte Belarus zum Hauptsiedlungsgebiet der jüdischen Bevölkerung im russischen Reich.

In der neuesten wissenschaftlichen Dokumentation über den „Genozid an der belarussischen Bevölkerung“ während der Nazi-Besatzung von 1941 bis 1944 werden für Belarus folgende Opferzahlen und Zerstörungen genannt (3): 

* mehr als 3 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene wurden umgebracht;
* mehr als 377.000 Zivilisten wurden unter Todesdrohungen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachtet und viele von ihnen sind durch untragbare Arbeitsbedingungen, Auszehrung und Folter zu Tode gekommen;
* 209 Städte wurden zerstört und verbrannt, eingeschlossen Minsk zu 95 Prozent, Gomel zu 90, Brest zu 90, Witebsk zu 80 bis 90, Nowogrudok zu 90, Polozk und Smorgon zu 90 Prozent;
* mehr als 9.200 Dörfer und Siedlungen wurden zerstört und verbrannt, eingeschlossen 5.295 Siedlungen, die von den deutschen Besatzern mit der gesamten oder einem Teil der Bevölkerung vernichtet wurden;
* mehr als 1.270.000 Gebäude in Städten und Dörfern wurden zerstört.

> Belarus hat von allen Sowjetrepubliken während des 2. Weltkriegs, der insgesamt mindestens 27 Millionen Todesopfer in der ehemaligen Sowjetunion gefordert hat, relativ zur Bevölkerung die meisten Opfer gehabt und hat am meisten gelitten. 

Die belarussische Geschichtsschreibung spricht heute von einem „Völkermord“, der sich in Belarus während der deutschen Besatzung zugetragen hat, und das wahrscheinlich zu Recht (4).

Bei den Beweisen, dass es während der deutschen Besatzung in den Jahren 1941 bis 1944 in Belarus nicht nur zu einem exzessiven Massenmord an der belarussischen Bevölkerung gekommen ist, sondern zu einem Völkermord, einem Genozid, dem schlimmsten aller Kriegsverbrechen, stützen sich die belarussischen Historiker unter anderem auf den „Generalplan Ost“, dessen letzte Fassung aus dem Jahre 1942 stammte (5). 

Dieser war die Planungsgrundlage für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Ostmittel- und Osteuropas einschließlich Belarus und des europäischen Russlands. Geplant war die groß angelegte Vernichtung und Vertreibung von 30 bis 50 Millionen Menschen aus Bevölkerungsgruppen, die für eine zukünftige Siedlungsstruktur als „nicht geeignet“ angesehen wurden.

## Chatyn

60 Kilometer nördlich von Minsk, der Hauptstadt des Landes, liegt Chatyn. Es ist die Nationale Gedenkstätte von Belarus, die wir mit großer Anteilnahme und Erschütterung besucht haben. Sie soll an die von den Deutschen zerstörten 9.200 belarussischen Dörfer erinnern (6).

Das höchst eindrucksvolle Mahnmal soll das ehemalige Dorf Chatyn darstellen. Auf einer 50 Hektar großen Fläche erkennt man Straßen und 26 Steinquader, wo einst Wohnhäuser standen. Auf dem Gelände rundherum stehen wie Schornsteine aussehende Obelisken. Sie tragen Bronzetafeln mit den Namen der ehemaligen Bewohner des jeweiligen Hauses sowie eine Gedenkglocke, die jede Minute läutet. Aschfarbige Betonplatten weisen die Wege. 

Im Zentrum der künstlerisch sehr gelungenen Komposition steht die sechs Meter hohe Bronzeskulptur von Jossif Kaminsky, dem einzigen Erwachsenen, der das Massaker in Chatyn überlebt hat und seinen toten Sohn auf den Armen trägt.

Von den 9.200 zerstörten Dörfern und Siedlungen in Belarus in den Jahren 1941 bis 1944 wurden Hunderte zusammen mit dem größten Teil oder der gesamten Bevölkerung wie in Chatyn verbrannt. Deshalb wurde in den 1960er Jahren Chatyn, stellvertretend für die zerstörten Dörfer, als Standort der Nationalen Gedenkstätte ausgewählt.

„Ich bin aus einem verbrannten Dorf“, lautet der Titel einer 1975 erstmals in Buchform veröffentlichten dokumentarischen Sammlung von Erinnerungen von Zeitzeugen an die Zerstörung belarussischer Dörfer durch deutsche Soldaten während des 2. Weltkriegs, des „Großen Vaterländischen Krieges“, den die belarussischen Schriftstellern Ales Adamowitsch, Janka Bryl und  Uladsimir Kalesnik gesammelt und zusammengestellt haben (7). 

Das Buch enthält ausschließlich Zeugnisse von Menschen, die die Zerstörung ihres Dorfes und die Ermordung ihrer Verwandten und Mitbewohner persönlich erlebt haben. Um Zeitzeugen zu befragen, bereisten die Autoren 147 Dörfer in 35 Bezirken von Belarus mit einem Tonbandgerät und zeichneten in den Jahren 1970 bis 1973 die Erinnerungen von mehr als 300 direkt an den Ereignissen Beteiligten auf.

2024 erschien diese Sammlung in deutscher Übersetzung von Thomas Weiler unter dem Titel „Feuerdörfer“ im Aufbau Verlag, die 2025 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für eine Übersetzung ausgezeichnet wurde (8). 

In dieser erschütternden Dokumentation findet sich die Schilderung des schon erwähnten Jossif Jossifawitsch Kaminsky, dem einzigen überlebenden Bewohner des ehemaligen Dorfes Chatyn im Rayon Lahojsk, im Bezirk Minsk:

*„Mich haben sie in diesen Stall gebracht. (...) Die Tochter, der Sohn und die Frau – sie waren schon da. Und so viele Menschen. Ich sag zu meiner Tochter: 'Wieso habt ihr euch nichts angezogen? Die haben uns die Kleider vom Leib gerissen', sagt die Tochter.

*Ja, sie treiben die Leute in den Stall und sperren ab, treiben sie rein und sperren ab. So viel Menschen hatten sie hineingepfercht, man bekam keine Luft mehr, bekam die Arme nicht mehr frei. Die Leute schreien, die Kinder dort; freilich, bei den vielen Menschen und dieser Angst. Heu gab es dort, Stroh, noch als Futter für die Kühe. Oben haben sie den Stall dann in Brand gesteckt. Oben angesteckt, das Dach brennt, das Feuer fällt auf die Menschen herunter, Heu und Stroh fangen Feuer, die Leute ersticken, es war so eng, dass man keine Luft mehr bekam. Keine Luft bekam man. Ich sag zu meinem Sohn: „Stemm dich gegen die Wand, mit Händen und Füßen, stemm dich dagegen (...).*

*Da ging auf einmal die Tür auf. Sie ging auf, aber die Leute gehen nicht raus. Was ist los? Da schießen sie, sie schießen da, heißt es. Aber es herrscht ein Geschrei, dass man das Schießen, das Rattern gar nicht hört. Freilich, Menschen verbrennen, Feuer von oben, dann noch die Kinder – ein Geschrei, dass (...). Ich sag meinem Sohn: 'Über die Köpfe weg, über die Köpfe musst du!' *

*Ich setze ihn oben ab. Ich bin selber unten lang, durch die Beine. Und die Toten fielen auf mich. Auf mich drauf fielen die Toten, und ich krieg keine Luft. Aber ich ruderte mit den Armen – damals war ich noch kräftiger – ich kroch weiter. Kaum war ich an der Tür, da kam das Dach herunter, das Feuer auf alle herab. (...) Mein Sohn war auch noch herausgekommen, nur am Kopf hatte er sich ein bisschen versengt, die Haare angebrannt. Er kam noch 5 Meter weit, dann legten sie ihn um. Tote lagen auf ihm – mit dem Maschinengewehr waren sie alle (...).  „Steh auf“, sag ich, „sie sind weg, sie sind jetzt weg!“ Ich wollte ihn hinausziehen, aber seine Gedärme waren schon (...) Er fragte nur noch, ob die Mutter am Leben ist (...) Dass niemand, der auf Erden lebt, so ein Elend sehen und erleben muss, das gebe Gott (...).“ *

## Elim Klimovs Film „Komm und sieh“

Das Massaker von Chatyn war von Ales Adamowitsch bereits 1971 in seinem Roman „Die Erzählung von Chatyn“ behandelt worden, der Elim Klimov später als Grundlage für das Drehbuch zu dem Film „Komm und sieh“ diente (9). 

Der Film von Klimov  aus dem Jahre 1985 gilt als einer der letzten großen Meisterwerke des Sowjetkinos (10) und ist nach Einschätzung von Jochen Hellbeck, dem deutsch-US-amerikanischen Historiker und Autor eines neuen Buches über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion der vielleicht erschütterndste Antikriegsfilm aller Zeiten (11).

## Minsk 1941 bis 1944

Minsk war am Ende des 2. Weltkriegs völlig zerstört und der größte Teil der Einwohner wurde entweder ermordet oder war geflohen. Am Ende waren von den circa 240.000 Einwohnern in dieser Stadt vor dem Krieg noch 50.000 übriggeblieben (12).

> Vor dem deutschen Einmarsch lebte in Minsk mit etwa 30 Prozent der Bevölkerung eine der größten jüdischen Gemeinden der Sowjetunion. Der größte Teil der Juden, der nicht rechtzeitig geflohen war, wurde während der deutschen Besatzung verschleppt und ermordet. In der Nähe von Minsk befand sich das Vernichtungslager Maly Trostinez.

Mit dem Ghetto in Minsk entstand in jenen Jahren eines der größten jüdischen Sammellager/Ghettos Europas. Die gesamte jüdische Bevölkerung von Minsk wurde gezwungen, in das Ghetto zu ziehen.

Zu Beginn der Besatzung lebten mehr als 100.000 sowjetische Juden in diesem zwei Quadratkilometer großen Bezirk im Nordosten der Stadt. Hinzu kamen Juden aus ganz Europa, zum Beispiel auch die sogenannten „Hamburger Juden“. Das waren circa 7.000 Juden aus Deutschland, die Anfang 1942 in das Getto gebracht und zunächst in einem gesonderten Bereich untergebracht wurden und eine „Vorzugsbehandlung“ erhielten. Aber Ende Juli 1942 fiel der überwiegende Teil aller Bewohner des Ghettos einem Massenmord zum Opfer, bei dem auch laut Augenzeugenberichten Gaswagen eingesetzt wurden (13).

Weiterhin wurden in Minsk während der deutschen Besatzungszeit schon zu Beginn des Krieges viele tausend sowjetischer Kriegsgefangenen zusammengetrieben. Die meisten von ihnen gingen auf freiem Feld ohne Witterungsschutz an Kälte, Hunger und Krankheiten zugrunde. Von den insgesamt circa 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen starben während ihrer Kriegsgefangenschaft mehr als 3 Millionen, das heißt etwa 60 Prozent (14). Insofern handelte es sich bei den Lagern für Kriegsgefangene auch um Vernichtungslager.
 
Seit 1964 gibt es in Minsk eine Gedenkanlage mit 60 eingefassten Grabstätten in Erinnerung an die bis zu 80.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die zwischen Juli 1941 und August 1944 im Stalag 352 in Minsk umgekommen sind (15).

Darüber, über viele weitere schreckliche Ereignisse, die auch die Bevölkerung von Minsk in dieser Zeit erleiden musste, und über eine neue wissenschaftliche Perspektive auf den Massenmord in der Sowjetunion berichtet der Historiker Jochen Hellbeck auf der Basis von Aufzeichnungen  von Zeitzeugen in seinem neuen, schon genannten Buch über den deutschen Vernichtungskrieg (11, 13, 16).

Jochen Hellbeck stellt in seinem Buch den deutsch-sowjetischen Krieg aus einer neuen Perspektive dar. Er zeigt, dass die Nationalsozialisten ihren unerbittlichen Antisemitismus von Beginn an mit einem obsessiven Antibolschewismus verknüpften. 

Die Nazis planten, alle Juden und Kommunisten in der SU zu ermorden. Die besetzten Gebiete im Osten wurden damit zum Ort einer speziell auf die Menschen dort zielenden Massentötung, die danach auf alle Juden im besetzten Europa ausgeweitet wurde. Auf Basis weitgehend unbekannter Zeugnisse schildert Hellbeck die damit einhergehenden Erfahrungen sowjetischer Juden und Nichtjuden. Die Lektüre dieses Buches ist allen Zeitgenossen, die wissen wollen, was damals passiert ist, nur dringend zu empfehlen.

Kürzlich ist eine lesenswerte Rezension des Buches von Hellbeck in den Nachdenkseiten erschienen, die mit der Einschätzung endet (17): „Das Buch ist nicht zuletzt auch eine wichtige Quelle der Inspiration für alle, die sich für friedliche Beziehungen zwischen Deutschland und Russland aktiv einsetzen.“

## Schlussbemerkungen und Fazit

Die beiden Autoren dieses Artikels gehören zu der Generation, die den Kalten Krieg durchlebt und nach der Wendezeit 1989/1991 an einen dauerhaften Frieden in Europa geglaubt haben und jetzt darüber entsetzt sind, dass die Kriegsgefahr in Europa wieder bedrohlich zugenommen hat und derzeit größer zu sein scheint als in den dunkelsten Zeiten vor 1989 (18). 

Deshalb wollen wir mit unseren bescheidenen Kräften etwas für die Erhaltung des Friedens tun, und zwar drei Dinge:

**Erstens** wollen wir in Informationsveranstaltungen in Deutschland über unsere Reise nach Belarus und unsere Erfahrungen dort berichten und in diesem Zusammenhang auch den Film „Komm und sieh“ zeigen (9).

**Zweitens** wollen wir uns dabei einsetzen für eine möglichst baldige Beendigung des Krieges in der Ukraine, der droht, sich zu einem großen europäischen Krieg mit dem Einsatz von Atomwaffen auszuweiten, denn Europa braucht den Mut zu einem Verhandlungsfrieden, wie jüngst Harald Kujat und Michael von der Schulenburg in einem umfangreichen Artikel detailliert dargelegt haben (19).

**Drittens** möchten wir interessierte Menschen dazu ermutigen, möglichst bald nach Belarus zu reisen, um selbst die Erfahrung zu machen, dass dort Menschen leben, für die der Frieden – entsprechend dem eingangs zitierten Leitspruch von Willy Brandt – ein unverzichtbares Gut ist, das wir gemeinsam bewahren müssen. 

## Das Fazit unserer Reise lautet:

Belarus ist eine Reise wert, weil sie in ein schönes Land mit vielen Seen und Wäldern, interessanten Städten und freundlichen Menschen führt, aber auch die Augen öffnen kann für die unvorstellbaren Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während der deutschen Besatzungszeit 1941 bis 1944. 

## Aber drängende Fragen bleiben: 

* Was können und müssen wir tun, damit sich so ein Unheil niemals wiederholt? 
* Was können und müssen wir tun, damit die deutsche Regierung sich endlich darauf besinnt, sich für einen möglichst baldigen Verhandlungsfrieden in der Ukraine einzusetzen, statt – worauf auch die jüngsten Entwicklungen hinzudeuten scheinen – eine Ausweitung des Krieges auf das Territorium von Belarus zu unterstützen? 
* Wie können wir den Ängsten und schmerzhaften Erinnerungen der Menschen in Belarus begegnen, die die Stationierung der deutschen Panzerbrigade 45 in Litauen, nur rund 100 Kilometer von ihrem Land entfernt, hervorruft, denn die erneute Präsenz deutscher Soldaten und Militärfahrzeuge in dieser Region dürfte eine historische Wunde aufreißen, die bis heute nicht verheilt ist?
      
> Sich für eine Deeskalation und für einen Verhandlungsfrieden in der Ukraine einzusetzen, müsste die deutsche Regierung allein schon deshalb, um ihrer historischen Verantwortung gegenüber den Völkern der ehemaligen Sowjetunion wegen des von Deutschland begonnenen 2. Weltkrieges mit 27 Millionen Toten gerecht zu werden.

Dazu wäre die deutsche Regierung aus unserer Sicht auch deswegen moralisch verpflichtet, weil sie eine wesentliche Mitschuld am Ausbruch und der Weiterführung des Ukraine-Krieges bis heute auf sich geladen hat. 

Denn die wichtigste Ursache des Ukraine-Krieges ist laut herausragender US-amerikanischer Wissenschaftler wie John Mearsheimer und Jeffrey Sachs die beim NATO-Gipfel 2008 beschlossene und beabsichtigte Aufnahme der Ukraine in die NATO, obwohl im Zuge der Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung 1989 der Sowjetunion versprochen worden war, dass die NATO sich keinen „Inch“ nach Osten ausdehnen wird. Die Aufnahme der Ukraine in die NATO wird in Russland von der ganz überwiegenden Mehrheit der dortigen Politiker als eine existentielle Bedrohung angesehen, die man nicht hinnehmen will, und das ist im Westen seit vielen Jahren bekannt (20, 21, 22). 

Auch hat die deutsche Bundesregierung 2014 den Maidan-Putsch in der Ukraine unterstützt, der eine nationalistische Regierung in Kiew an die Macht gebracht hat, die die Ukraine in die NATO führen will. Und die damalige deutsche Bundesregierung als Garantiemacht des Minsker Vertrages unter Angela Merkel hat 2015 nichts dafür getan, um den völkerrechtlich gültigen Minsk-II-Vertrag umzusetzen. Wenn das geschehen wäre, hätte die Invasion Russlands in die Ukraine Ende Februar 2022 wahrscheinlich nicht stattgefunden (21, 23).   

Zum Schluss möchten wir all denjenigen, die derzeit die gefährliche Politik der Remilitarisierung Deutschlands mit aller Macht vorantreiben, anstatt sich für eine baldige Beendigung des Ukrainekrieges mittels Diplomatie und für gegenseitige Abrüstung einzusetzen, die eindringliche Mahnung von Bertolt Brecht vor einem Dritten Weltkrieg in Erinnerung rufen, die er am 26. September 1951 in einem „Offenen Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller“ angesichts der damals beschlossenen Wiederaufrüstung zum Ausdruck gebracht hat. Darin heißt es: 

*„Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“*


