Am Rande und im Herzen Europas

Belarus ist mehr als eine geopolitische Pufferzone zwischen Russland und dem Westen. Eine Reise in den Binnenstaat offenbart kulturelle Eigenheiten, ein starkes nationales Selbstverständnis und die Spuren einer traurigen Vergangenheit.

Seit einigen Jahren hat sich in den Medien der Name Belarus für das Land etabliert, das früher den Namen Weißrussland trug. Der neue Begriff soll die Unabhängigkeit zu Russland unterstreichen. Doch noch immer ist das Land unter der Führung von Aljaksandr Lukaschenka nicht mehr als ein Satellitenstaat Moskaus — eine Verkürzung, die nur jemand vornehmen kann, der das Land nicht bereist und näher kennengelernt hat. Die Autoren dieses Beitrags besuchten Belarus und erlebten ein Land mit wunderschöner Natur, kulturellen Besonderheiten, dessen eigene Entwicklung jedoch unter den geopolitischen Spannungen um es herum leidet. Die Reise wurde am Ende mehr als ein touristischer Ausflug, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen deutschen Geschichte.

Einige Vorbemerkungen

Der vorliegende Artikel ist die schriftliche Fassung von zwei Vorträgen, der am 7. Juni 2026 im Conference Center der Toscana Therme in Bad Sulza in Thüringen im Rahmen der Veranstaltung „Leben mit Katastrophen — Von der Vergangenheit bis zur Gegenwart“ gehalten wurden. Veranstalter war das private Institut für mediale und kulturelle Vielfalt in Auerstedt (1).

Die beiden Autoren dieses Textes sind Ende September 2025 für eine Woche nach Belarus gereist, um sich in diesem Land umzusehen, über dessen Geschichte und seine heutige Situation die deutsche Öffentlichkeit nur wenig weiß und seit längerer Zeit auch nicht viel Gutes hört.

Zunächst ein paar Worte zu unserem Reiseweg dorthin. Wer sich von den haarsträubenden Reisewarnungen des Auswärtigem Amts nicht abschrecken lässt, kann ganz einfach nach Belarus reisen, zumal man dafür kein Visum braucht.

Da die Flugreisen nach Belarus von der EU sanktioniert sind, sind wir zuerst von Hamburg in die litauische Hauptstadt Vilnius geflogen, die etwa 30 km von der belarussischen Grenze entfernt liegt. Von dort ging es weiter mit dem Linienbus nach Minsk, der Hauptstadt von Belarus, die fast genau in der Mitte des Landes liegt.

Abgesehen von den längeren Aufenthalten an der litauisch-belarussischen Grenze, die jeweils drei bis vier Stunden dauern können, waren die Busfahrten unproblematisch und sogar unterhaltsam, da wir leicht mit den Mitreisenden ins Gespräch kamen. Dabei wurde deutlich, dass die Grenze eher in den Köpfen der Politiker existiert, während die einfachen Menschen, überwiegend Belarussen und Litauer, die oft eng miteinander verwandt und befreundet sind, sie als etwas ansehen, was sie leider erdulden müssen.

Klaus-Dieter Kolenda, einer der beiden Autoren, wurde 1941 mitten im 2. Weltkrieg in der pommerschen Kleinstadt Wangerin, dem heutigen polnischen Wegorzyno, geboren, sein Vater wurde im Krieg vermisst und er erinnert sich noch lebhaft an seine Flucht 1945 nach Husum in Schleswig-Holstein.

Dort hat er sich während seiner Schul- und Studentenzeit zu einem Friedensfreund entwickelt und ist seit Mitte der 1980er Jahre Mitglied der berufsbezogenen Friedensorganisation IPPNW. Das sind die Internationalen Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung, die 1985 den Friedensnobelpreis erhalten haben (2).

Bei seinem Engagement für IPPNW hat er eine der wichtigsten Erkenntnisse über die Politik gewonnen: Dass es in den Internationalen Beziehungen, das heißt in der Außenpolitik, nicht um hehre Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte geht, sondern um Interessen, zum Beispiel Wirtschafts-, Macht- und Sicherheitsinteressen. Das hat schon Egon Bahr, der 2015 verstorbene Architekt der Sicherheitspolitik von Willy Brandt, einmal so oder ähnlich ausgedrückt.

Daraus folgt: Es gibt in der internationalen Politik nicht nur „schwarz oder weiß“, nicht „die Guten“ oder „die Bösen“, wobei in der in Deutschland herrschenden Propaganda immer wir die Guten und die Anderen — im Augenblick Russland und ganz besonders Wladimir Putin — die Bösen sind. zudem sind in dieser Hinsicht bestenfalls Unterschiede in Abstufungen von Grautönen auszumachen. Die „Moralapostel“ in der Politik sind Kolenda deshalb höchst verdächtig, da sie in vielen Fällen ganz andere Ziele verfolgen, zum Beispiel unter der Fahne von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten Kriege zu führen.

Weiterhin: Kolenda ist Mediziner, aber kein Historiker, Politikwissenschaftler, Atomwissenschaftler und auch kein Völkerrechtler. Deshalb stützt er seine Ansichten in diesen Bereichen gerne auf Fakten und Analysen einer Reihe von wissenschaftlichen Experten aus diesen Fachgebieten — soweit er ihre Expertisen für vernünftig, plausibel und nachvollziehbar hält — und weiß natürlich, dass er dabei nicht immer den Stein des Weisen gefunden hat.

Zu den Wissenschaftlern, mit deren Expertisen er sich im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg besonders beschäftigt hat, gehören die beiden prominenten US-Amerikaner John Mearsheimer und Jeffrey Sachs sowie Glenn Diesen von der Universität Südost-Norwegen (3, 4, 5).

Der Ko-Autor dieses Berichtes, Jan Gorski, wurde 1949 in Belarus in dem Weiler Podauty im Raum Polozk geboren. Er ist 1957 mit seiner Familie nach Polen umgesiedelt, wo er in der Nähe von Wegorzyno aufgewachsen ist, lebt seit 1981 in Deutschland und ist seit vielen Jahren Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher West-Ost-Gesellschaften (BDWO).

Der BDWO ist ein Zusammenschluss von mehr als 70 Vereinigungen und Initiativen in Deutschland, die sich für die Vertiefung der Beziehungen zu den Menschen in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion einsetzt, wozu auch Belarus gehört, zum Beispiel durch „Bürgerbegegnungen zwischen West und Ost, Durchführung von kulturellen Veranstaltungen und Vorträgen zu politischen, sozialen und wirtschaftlichen Themen sowie Verbreitung von Informationen, die ein differenziertes Bild des jeweiligen Partnerlandes zeichnen“ (6).

Da Jan Gorski auch über ausgezeichnete russische und belarussische Sprachkenntnisse verfügt, hatten wir keine Probleme, uns mit den Menschen zu verständigen, die wir bei unserem Besuch in Belarus trafen. Obwohl Gorski das Land im Rahmen seiner BDWO-Funktion und humanitärer Hilfe bereits vorher mehrmals besucht hatte, war es für ihn die erste Reise, auf der er sich den Gedanken und Gefühlen widmen konnte, die ihn seit seiner Kindheit begleiten.

In dem Weiler, in dem er nach dem 2. Weltkrieg geboren wurde, hat sich im Herbst 1943 die folgende Untat zugetragen: Deutsche Soldaten überfielen eines Morgens diesen Ort und haben die Männer, alles Zivilisten, erschossen und deren Häuser in Brand gesetzt.

Als einziger Mann seiner Familie überlebte sein Großvater, weil dessen Haus etwas abseits stand. Die Frauen und Mädchen, darunter auch seine Mutter und Großmutter, entgingen der Ermordung. Ein Teil der weiblichen Bevölkerung dieses Weilers und deren Kinder versuchten in der anschließenden Winterzeit, in selbst gegrabenen Erdhöhlen zu überleben.

Nach dem Kriege wurde bekannt, dass es sich bei diesem schrecklichen Kriegsverbrechen wie bei vielen hundert anderen vergleichbaren Untaten in Belarus (siehe unten) um eine Vergeltungsaktion wegen der Tätigkeit sowjetischer Partisanen in dieser Gegend gehandelt haben soll.

Belarus heute

Unsere Reise nach Belarus war mehr als Tourismus. Wir wollten ein Land kennenlernen, das mitten in Europa liegt, in Deutschland aber oft kaum wahrgenommen wird. Gerade weil Belarus im 2. Weltkrieg unter der deutschen Besatzung unermesslich gelitten hat, hielten wir es für wichtig, das Land näher kennenzulernen und nicht nur durch politische Schlagzeilen zu betrachten. Wer über Belarus urteilt, sollte auch seine Menschen, seine Geschichte und die Spuren dieser Vergangenheit kennen.

Ein Land zwischen den Fronten

Belarus ist ein Binnenland, das zwar im geografischen Zentrum Europas liegt, aber zugleich eine geopolitische Nahtstelle zwischen Ost und West bildet. Im Osten und Süden grenzt es an Russland und die Ukraine — zwei Brüdervölker, die heute in einem blutigen Stellvertreterkrieg gegeneinander stehen. Im Westen und Norden liegen Polen, Litauen und Lettland, die sowohl der Europäischen Union als auch der NATO angehören und einen anderen politischen und gesellschaftlichen Weg eingeschlagen haben.

Für Belarus bedeutet diese Lage einen ständigen Balanceakt. Als geopolitische Nahtstelle zwischen Ost und West steht das Land unter dem Einfluss unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Interessen, was eine eigenständige Entwicklung nicht leicht macht.

Entscheidungen, die andernorts vor allem nach innenpolitischen oder wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen werden, stehen hier häufig auch im Zusammenhang mit größeren geopolitischen Entwicklungen.

Die Energie, die in wirtschaftlichen Fortschritt, gesellschaftliche Modernisierung oder den Ausbau internationaler Beziehungen fließen könnte, wird durch äußere Spannungen gebunden. Belarus wird häufig nicht als eigenständiges Land betrachtet, sondern vor allem durch die Interessen und Konflikte seiner Nachbarn sowie der größeren politischen und militärischen Bündnisse wahrgenommen.

Umso bemerkenswerter erscheint uns, dass sich das Land dennoch seine eigene Identität, seine kulturellen Besonderheiten und ein ausgeprägtes nationales Selbstverständnis bewahrt hat. Gerade darin liegt eine der größten Herausforderungen für Belarus — und vielleicht auch eine seiner größten Stärken.

Auf der Landkarte zeigt sich, dass Belarus etwa zwei Drittel so groß ist wie Deutschland, die Hauptstadt Minsk zentral im Land liegt und sich im nordöstlichen Polozk die geografische Mitte Europas befindet (7). Entgegen einem weit verbreiteten Narrativ führt eine Reise nach Belarus daher nicht aus Europa hinaus, sondern mitten in sein Herz.

Die Großstädte Gomel mit 500.000 und Grodno, Brest, Mahilou sowie Witebsk (Geburtsstadt von Marc Chagall) mit jeweils etwa 350.000 Einwohnern sind als Provinzhauptstädte durch ein gut ausgebautes Kommunikationsnetz miteinander und mit der Hauptstadt Minsk verbunden und verfügen über eine gut ausgebaute touristische Infrastruktur.

Belarus ist vermutlich eines der letzten Länder in Mitteleuropa, in dem man noch großflächig unberührte Natur erleben kann: Die Schönheit der Landschaften mit den unzähligen blauen Seen, dunklen Wäldern, der Vielfalt der Tierwelt und vielen Naturparks machen Belarus zu einem wahren Paradies für Naturfreunde.

Białowieża-Urwald

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Region des Białowieża-Urwalds an der Grenze zu Polen. Hier wurde 1991 die Auflösung der Sowjetunion besiegelt. Für viele Belarussen kam dies überraschend: Hatten sich nicht im Referendum vom 17. März 1991 über 80 Prozent von ihnen für den Erhalt einer reformierten Sowjetunion ausgesprochen?

Während in Belarus der Białowieża-Urwald als nationales Heiligtum gepflegt und kulturell verehrt wird, wurden auf der polnischen Seite dieses einzigartigen UNESCO-Weltnaturerbes über 600 Hektar Wald eingeschlagen. Einer Studie zufolge entstand dadurch ein ökologischer Schaden auf einer Fläche von mehr als 4.000 Hektar (8).

Zudem errichtete Polen ab 2022 an der Grenze zu Belarus einen rund fünf Meter hohen Stahlgrenzzaun, dessen Bau etwa 350 bis 400 Millionen Euro verschlang. Diese Überwachungs- und Grenzschutzsysteme sind im Rahmen europäischer Programme zur Sicherung der Außengrenzen mitfinanziert worden (9).

Dort, wo einst ein zusammenhängendes Wald- und Lebensgeflecht ohne harte Einschnitte existierte, zieht sich heute eine metallene Schneise durch das Ökosystem und unterbricht die jahrtausendealten Wanderwege der Tiere. So wird ein Naturraum, der sich menschlichen Grenzziehungen entzieht, selbst zum Schauplatz geopolitischer Abgrenzung. Eine neue Stufe der Abschottung entsteht, indem nicht nur — wie bisher — die Kontakte zwischen Menschen erschwert werden — erfahrungsgemäß sind die vielstündigen, grundlosen Wartezeiten an der EU-Außengrenze eher die Regel als die Ausnahme —, sondern auch jahrhundertealte Lebensräume und Wanderwege von Tieren werden fragmentiert und voneinander getrennt.

Da die Geschichte von Belarus in Deutschland kaum bekannt ist, lohnt sich ein kurzer Blick auf ihre wichtigsten und oft übersehenen Aspekte.