Amerika darf sich beruhigen
„Lasst sie Los Angeles zerstören. Lasst sie San Diego zerstören“, sagte Donald Trump auf einer Veranstaltung. Das Publikum jubelte, und die Öffentlichkeit rätselt seitdem, was er damit gemeint haben könnte.
Die Lage ist unter Kontrolle, die Gefahr gebannt, und höhere Benzinpreise sind eben der Preis, den man für Sicherheit zahlen muss. Auch europäische Autofahrer dürfen sich an den Folgen von Trumps Politik beteiligen — wenn auch unfreiwillig. Der US-Präsident hat unterdessen ganz andere Größenordnungen im Blick. Donald Trump hat einen neuartigen Ansatz für die nationale Sicherheit entdeckt. Versetze deine eigenen Bürger in Angst und Schrecken, nenne die Städte, die du am liebsten zerstört sehen würdest, und überlasse es den Iranern, zu erklären, warum sich alle verdammt noch mal beruhigen sollten.
Es gab eine Zeit, in der die Andeutung eines amerikanischen Präsidenten, ein ausländischer Gegner könnte Los Angeles und San Diego dem Erdboden gleichmachen, für eine gewisse politische Unruhe gesorgt hätte. Das Pentagon wäre eingeschaltet, die Geheimdienste wären konsultiert worden, und irgendjemand im Weißen Haus hätte diskret überprüft, ob der Präsident möglicherweise einen Schlaganfall erlitten hatte.
Im Oktober 2026 erwähnte Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Nebraska die mögliche Zerstörung zweier großer amerikanischer Städte, und das Publikum jubelte.
Offenbar haben wir inzwischen eine Stufe der amerikanischen Zivilisation erreicht, auf der nukleare Vernichtung zu einer weiteren Pointe geworden ist, die Applaus erntet — irgendwo zwischen dem Versprechen auf billigeres Benzin und Beleidigungen gegen die Demokraten.
Trump verteidigte seinen Krieg gegen den Iran und die wirtschaftlichen Folgen, die die Amerikaner hinnehmen mussten. Höhere Benzinpreise, erklärte er, seien ein kleiner Preis, den man für die Sicherheit des Landes zahlen müsse. Dann kamen die bemerkenswerten Worte: „Lasst sie Los Angeles zerstören. Lasst sie San Diego zerstören.“ Daraufhin wiederholte er, dass die Amerikaner einen geringen Preis zahlten. Man kann fast die Buchhalter in Washington hören, die versuchen, den angemessenen Abschreibungsplan für fünf Millionen verbrannter Kalifornier zu ermitteln.
Natürlich gibt es dabei einen Haken. Trump wollte offenbar erklären, dass der Krieg den Iran daran hindern würde, die Fähigkeit zu erlangen, amerikanische Städte zu zerstören. FactCheck.org und PolitiFact untersuchten seine vollständigen Äußerungen und kamen zu dem Schluss, dass diese Interpretation plausibler sei als der Vorwurf, er habe absichtlich zu einem Angriff eingeladen. Am Mittwoch erklärte Trump selbst, er werde niemals zulassen, dass der Iran diese Städte angreife. Das ist ein Unterschied, den man durchaus bewahren sollte, auch wenn er für diejenigen unter uns unbequem ist, die sich gerne an einer guten politischen Hinrichtung erfreuen.
Das Problem ist, dass der Präsident der Vereinigten Staaten den Unterschied zwischen der Verhinderung eines nuklearen Angriffs und dem Anschein, einen solchen Angriff gutzuheißen, erklären können sollte, ohne dass ein internationales Komitee aus Linguisten, Psychiatern und Pressesprechern des Weißen Hauses seine Absichten nachträglich rekonstruieren muss.
Stellen Sie sich vor, Sie wären ein amerikanischer Bürger und lebten in San Diego. Sie zahlen Ihre Bundessteuern. Sie halten sich mehr oder weniger an die Gesetze. Sie schicken Ihre Kinder zur Schule, beschweren sich über die Lebensmittelpreise und fragen sich gelegentlich, ob die Regierung eigentlich weiß, was sie tut. Dann schalten Sie den Fernseher ein und erfahren, dass Ihr Oberbefehlshaber Ihre Heimatstadt ganz beiläufig in ein hypothetisches nukleares Inferno einbezogen hat, während er erklärt, warum Benzin so teuer ist. Ihr Präsident hat es irgendwie geschafft, die Möglichkeit Ihrer unmittelbaren Verdampfung wie einen vernünftigen Beitrag zu seiner Wirtschaftspolitik klingen zu lassen.
Los Angeles hat natürlich das unverzeihliche Vergehen begangen, demokratisch zu wählen. Auch San Diego hat eine bedauerliche Neigung gezeigt, sich eine eigene politische Meinung zu bilden. Vielleicht erklärt das, warum Trump gerade diese beiden Städte ins Spiel brachte und nicht Dallas oder Oklahoma City. Wir können nicht wissen, was ihm durch den Kopf ging — vorausgesetzt, dort herrschte überhaupt genügend Verkehr, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Doch es sagt einiges Unangenehmes über die amerikanische Politik aus, dass der Präsident zwei Städte als mögliche Ziele eines nuklearen Angriffs nennen kann und die Menschen sich sofort fragen, ob ihre Wahlentscheidungen bei der Auswahl eine Rolle gespielt haben.
Besonders interessiert mich der Jubel des Publikums. Ich kann beinahe nachvollziehen, dass ein Politiker sich so sehr an seiner eigenen Rhetorik berauscht, dass er den Bezug zur englischen Sprache verliert. Trump demonstriert diese Fähigkeit seit Jahrzehnten. Aber das Publikum?
Was genau wurde da beklatscht? Die hypothetische Zerstörung von Los Angeles? Die Möglichkeit, dass San Diego in einer radioaktiven Pilzwolke verschwindet? Oder reagierten die Menschen einfach auf den vertrauten Klang ihres Anführers, der wieder etwas Ungeheuerliches von sich gab, so wie dressierte Robben auf einen Eimer Fisch reagieren?
Stellen wir uns dieselbe Vorstellung in Kanada vor. Mark Carney steht vor einer Menschenmenge in Saskatchewan, erklärt, die Beziehungen zu China seien schwierig geworden, und deutet beiläufig an, Peking könnte Vancouver und Victoria ausschalten. Das Publikum jubelt, weil British Columbia anders wählt. Am nächsten Morgen würde Carney dem Parlament, den Medien, seiner Fraktion und möglicherweise einem Arzt Rede und Antwort stehen müssen. Selbst die Kanadier, die ein erstaunliches Maß an politischer Dummheit ertragen haben, hätten Schwierigkeiten, die mögliche Zerstörung Vancouvers als kleinen Preis für irgendetwas einzustufen.
Das Weiße Haus gab erwartungsgemäß den Medien die Schuld. Kommunikationsdirektor Steven Cheung beharrte darauf, Trump sei missverstanden worden und seine Äußerungen hätten die Entschlossenheit des Präsidenten gezeigt, amerikanische Städte zu schützen.
Offenbar liegt der Fehler bei denjenigen, die den Worten zugehört haben, und nicht bei dem Mann, der sie ausgesprochen hat. Das ist zum bestimmenden Grundsatz der Kommunikationsstrategie der Trump-Regierung geworden. Der Präsident spricht, die Öffentlichkeit hört etwas Beunruhigendes, und anschließend erklärt ein offizieller Vertreter, die Worte hätten etwas völlig anderes bedeutet. Von den Amerikanern wird erwartet, dass sie verstehen, wie ihr Präsident eine Sprache spricht, deren Bedeutung seine Mitarbeiter rückwirkend festlegen. Ich frage mich, ob die Iraner schon darüber nachgedacht haben, Übersetzungsdienste anzubieten.
Und damit kommen wir zur besonders grotesken Absurdität der ganzen Angelegenheit. Der Iran, ein Land, das von einem autoritären theokratischen Regime mit einer miserablen Bilanz der Unterdrückung regiert wird, ist zum Gegenstand amerikanischer Präsidentenfantasien geworden, in denen Kalifornien nuklear angegriffen wird.
Der Iran verfügt über keine bekannten Atomwaffen und über keine bekannten Raketen, die Los Angeles oder San Diego erreichen könnten.
Nach Angaben der Arms Control Association stellt Irans Atomprogramm zwar ein Risiko für die Weiterverbreitung von Atomwaffen dar, aber keine unmittelbar bevorstehende nukleare Bedrohung für das amerikanische Festland. Trump versetzt die Amerikaner mit einem Szenario in Angst, welches das Land, gegen das er Krieg führt, derzeit gar nicht umsetzen kann.
Das macht den Iran noch lange nicht zu einem verantwortungsvollen Mitglied der internationalen Gemeinschaft. Seine Machthaber haben Dissidenten eingesperrt, Frauen unterdrückt, Nachbarländer bedroht und die Urananreicherung weit über das hinaus vorangetrieben, was für gewöhnliche zivile Zwecke erforderlich wäre.
Niemand sollte das Ausbleiben eines nuklearen Angriffs auf Kalifornien als Beweis für die moralische Überlegenheit des Iran missverstehen. Aber es ist schon eine bemerkenswerte Demütigung, wenn der Anführer der mächtigsten Streitmacht der Welt die Zerstörung seiner eigenen Städte beiläufig in eine politische Rede einbaut, während der angeblich so gefährliche Gegner noch nicht einmal über die Waffen verfügt, die er dafür bräuchte.
Die Iraner können sich ausnahmsweise leisten, die Erwachsenen im Raum zu sein. Sie müssen absolut nichts tun. Keine Rakete abfeuern, keine dramatische Erklärung abgeben, kein Drohvideo veröffentlichen, in dem ein General neben einer riesigen Rakete steht. Sie können einfach zusehen, wie der amerikanische Präsident seine eigene Bevölkerung in Angst versetzt, seine eigenen Bundesstaaten gegen sich aufbringt und der internationalen Presse eine weitere Kostprobe davon liefert, wie schwierig es ist, die amerikanische Außenpolitik zu interpretieren. Es ist eine bemerkenswerte diplomatische Leistung, wenn der eigene Gegner die Propaganda für einen gleich selbst erledigt.
Am meisten beunruhigt mich, wie beiläufig die nukleare Vernichtung in die politische Sprache Einzug gehalten hat. Seit achtzig Jahren leben wir mit Waffen, die ganze Städte innerhalb weniger Minuten auslöschen können. Regierungen haben ausgeklügelte Kommandostrukturen, Frühwarnsysteme, diplomatische Kanäle und Abschreckungsdoktrinen entwickelt, weil die Folgen eines Missverständnisses katastrophal wären. Die gesamte Architektur beruht zum Teil auf der Annahme, dass diejenigen, die diese Waffen kontrollieren, zumindest eine grundlegende Vorstellung davon haben, was sie damit anrichten können. Und dann kommt Donald Trump daher und behandelt die Zerstörung von Los Angeles, als würde er über die Absetzung einer erfolglosen Fernsehserie sprechen.
Seine Verteidiger werden darauf bestehen, dass er hypothetisch gesprochen habe. Damit liegen sie wahrscheinlich richtig. Diese Verteidigung wirft allerdings eine noch beunruhigendere Frage auf: Warum muss der Präsident der Vereinigten Staaten die mögliche Vernichtung von Millionen seiner eigenen Bürger beschwören, um eine Erhöhung der Benzinpreise zu erklären?
Was ist aus der Erklärung militärischer Ziele, wirtschaftlicher Folgen, diplomatischer Alternativen und der Bedingungen geworden, unter denen der Krieg enden könnte? Warum besteht die Kommunikation des Präsidenten inzwischen aus einem ununterbrochenen Strom katastrophischer Bilder, unterbrochen von Selbstbeweihräucherung und Applaus?
Weil Angst funktioniert. Es ist einfacher, Menschen mit der Möglichkeit eines nuklearen Angriffs in Angst zu versetzen, als die Folgen eines Krieges zu erklären. Es ist einfacher zu behaupten, jede wirtschaftliche Unannehmlichkeit sei der Preis für das Überleben der Nation, als die Entscheidungen zu begründen, die diese Unannehmlichkeiten verursacht haben. Und es ist erheblich einfacher, zu verkünden, man habe die Welt gerettet, als nachzuweisen, dass sie tatsächlich vor genau der Katastrophe stand, die man beschworen hat.
Derselbe Präsident, der den Amerikanern versichert hat, die nuklearen Fähigkeiten des Iran seien zerstört worden, muss sie nun dazu bringen, sich iranische Nuklearangriffe auf Kalifornien vorzustellen, damit sie die Weisheit seines Militäreinsatzes zu schätzen wissen. Vielleicht könnte jemand erklären, wie diese Aussagen zusammenpassen. Wenn dem Iran die Fähigkeit genommen wurde, Atomwaffen zu entwickeln, warum wird dann seine angebliche Fähigkeit, amerikanische Städte auszulöschen, zur Rechtfertigung für die anhaltenden wirtschaftlichen Belastungen herangezogen?
Wenn die Gefahr weiterhin besteht, was wurde dann eigentlich erreicht? Und wenn die Gefahr hypothetisch und weit entfernt ist, warum wird sie einem Publikum so präsentiert, als würde Los Angeles bereits auf die anfliegende Rakete warten? Das sind vollkommen berechtigte Fragen. Leider sind berechtigte Fragen in der amerikanischen Politik unserer Zeit zu einer gewissen Belästigung geworden. Sie stören den Applaus.
San Diegos Bürgermeister Todd Gloria protestierte dagegen, dass seine Stadt entbehrlich sei und als akzeptabler Kollateralschaden betrachtet werden dürfe. Selbst der republikanische Kongresskandidat Jim Desmond, ein ehemaliger Marineangehöriger, wies öffentlich die Vorstellung zurück, amerikanische Städte könnten als Kosten des Krieges abgeschrieben werden. Dass ein amerikanischer Bürgermeister seinen eigenen Präsidenten daran erinnern muss, dass dessen Wähler nicht als Wegwerfware behandelt werden dürfen, ist eine erstaunliche Anklage gegen den politischen Zustand der Vereinigten Staaten. Und dass man den Anhängern des Präsidenten erst erklären muss, warum das überhaupt zu beanstanden ist, könnte noch schlimmer sein.
Von Kanada aus wird dieses Schauspiel zunehmend unbegreiflich. Wir leben neben einem Land mit außergewöhnlichen Universitäten, bemerkenswerten wissenschaftlichen Errungenschaften, enormen wirtschaftlichen Ressourcen und einem Militärapparat, der in der Lage ist, fast überall auf der Erde militärische Macht zu projizieren. Doch der Mann, dem das Kommando über diese Streitmacht anvertraut wurde, ist nicht in der Lage, zuverlässig einen Satz über nukleare Kriegsführung zu formulieren, ohne eine internationale Kontroverse darüber auszulösen, ob er zwei amerikanische Städte zerstört sehen möchte.
Es gibt eine alte Annahme, dass militärische Macht Sicherheit schafft. Gewiss schafft sie die Fähigkeit, Dinge zu zerstören. Sicherheit erfordert Urteilsvermögen, Zurückhaltung, Kompetenz und die Fähigkeit, zwischen tatsächlichen Bedrohungen und solchen zu unterscheiden, die sich als praktisches Material für Wahlkampfreden eignen. Die Vereinigten Staaten verfügen über eine geradezu unvorstellbare Menge an Ersterem und zeigen einen zunehmend besorgniserregenden Mangel an Letzterem.
Am Mittwoch kam Trump erneut auf das Thema zurück und versicherte den Amerikanern, er werde Los Angeles und San Diego schützen. Wie beruhigend. Millionen Kalifornier können nun ihr Leben wieder aufnehmen, im sicheren Wissen, dass ihr Präsident klargestellt hat, dass er einer ausländischen Regierung nicht erlauben wird, sie auszulöschen. Man darf annehmen, dass das Weiße Haus ähnliche Zusicherungen für Chicago, Boston, Seattle und jede andere Stadt herausgeben wird, die möglicherweise falsch gewählt hat.
Währenddessen fragen sich irgendwo in Teheran iranische Regierungsvertreter vermutlich, wie sie zu einem derart außergewöhnlichen Vorteil gekommen sind. Ihr Land wurde bombardiert, seine militärischen Fähigkeiten wurden geschwächt und seine nuklearen Ambitionen massiv unter Druck gesetzt. Dennoch hat es der wichtigste Gegner geschafft, die Sicherheit amerikanischer Zivilisten allein durch seine eigene Wortwahl in eine politische Kontroverse zu verwandeln.
Die Vereinigten Staaten haben die Welt einst vor den Gefahren gewarnt, die entstehen, wenn irrationale Männer über Atomwaffen verfügen. Vielleicht ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, ob diese Warnung tatsächlich ausschließlich Ausländern galt.
Trump, fahr zur Hölle!
Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst am 8. Oktober 2026, auf dem Substack von Hans Casteels unter dem Titel „Trump: Go Fuck Yourself. Or... When the American President Offers Up Two American Cities for Nuclear Annihilation“. Er wurde ehrenamtlich von Silvia Lorenz für Manova übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova-Korrektorat-Team lektoriert.