Aufruf zur Anarchie
Sylvie-Sophie Schindler legt mit ihrem Buch „Anarchie — Jetzt oder nie“ ein flammendes Plädoyer für einen radikalen Wandel vor — zu Ende denken muss der Leser diesen jedoch selbst.
Anarchie scheint in den Geschichtsbüchern zu verstauben. Sie dient oft als Schreckgespenst dessen, wovor uns der Staat so mühsam zu schützen vorgibt: unser entfesseltes Selbst, das in einem Krieg aller gegen alle wahre Blutbäder anrichtet. Dieses Zerrbild der Anarchie als propagandistische Dystopie einer staatenlosen Welt dient jedoch den Interessen der Herrschenden. Die Zeit der Anarchie ist allerdings noch gar nicht gekommen. Aber das könnte sich bald ändern. In Zeiten des Umbruchs werden auch radikal erscheinende Ideen wieder attraktiv, und so ist es vor dem Hintergrund der gewaltigen Umbrüche, in denen wir uns befinden, passend, dass Sylvie-Sophie Schindler einen Essay über Anarchie geschrieben hat.
Über Anarchie geschrieben haben schon viele verschiedene Menschen zu ganz verschiedenen Zeiten. Bekannte Denker wie Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Gustav Landauer oder Erich Mühsam waren überzeugte Anarchisten, ebenso wie der eher praktisch veranlagte Michail Bakunin. Bemüht darum, den Ruf der Anarchie zu retten, war zuletzt auch Horst Stowasser, der in seinem großen Werk „Anarchie“ die Ideen, Irrtümer und Missverständnisse der Anarchie dargelegt hat. Ist daher ein weiteres Werk über Anarchie wirklich notwendig? Wurde nicht alles Wichtige schon gesagt?
Dieser Auffassung kann man sein. Jedoch haben all diese Autoren vor ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Hintergründen geschrieben. Erlebten Kropotkin, Bakunin und sogar Erich Mühsam noch Zeiten der Monarchien, der großen Kriege und gesellschaftlicher Umbrüche, erlebten sie noch die Ausbeutung des Proletariats in den Fabriken und Minen, so sind diese Dinge zumindest im Westen kaum mehr als eine ferne Erinnerung. Und noch Horst Stowasser, der sein Buch bereits 2009 veröffentlichte, lebte in einer anderen Zeit als wir heute. Die alten Schriften und Erklärungen sind daher nicht immer anwendbar, und dem Begriff der Anarchie muss vor dem aktuellen politischen Hintergrund, in dem große Umbrüche bewährte Konzepte und Lebensmodelle zunehmend unbrauchbar machen, neues Leben eingehaucht werden.
Wann wäre die Zeit denn auch geeigneter für radikale Ansätze und Ideen, wenn nicht jetzt, da die Herrschenden die alte Gesellschaftsordnung systematisch abreißen und die Menschen in eine Zeit neuen Elends zu schicken gewillt, sie in Schlachthäusern des Krieges für ihr eigenes Überleben zu opfern bereit sind? Das alte Herrschaftskonzept, so schreibt Schindler, hat noch nie funktioniert. Der Mensch wird von der Wiege bis zur Bahre in den Staatsapparat eingesperrt, wird zu einem Wesen des Staates, der ihn zu seinen Zwecken instrumentalisiert, ihn unterwirft und beherrscht.
Dabei handelt der Staat nie im Interesse der Menschen. Diese haben auf sein Wirken tatsächlich gar keinen Einfluss, auch wenn ihnen das in der Wahlpropaganda eingeredet wird. Keine Partei wird kommen und die Interessen der Menschen vertreten; kein Politiker, der ernsthaft seine Wähler im Sinn hat, wird an die Spitze gelangen. Parteien können nur dann behaupten, die Interessen des Volkes zu vertreten, solange sie in der Opposition sind. Gelangen sie an die Schalthebel der Macht, erfüllen sie die Interessen der Kapitalklasse, die mit dem Staat längst verschmolzen ist. Demokratie ist daher ein Reinfall, eine Ablenkung, welche die Gewalt der Macht maskiert. Nicht zum ersten Mal, aber erneut heute tritt das wieder deutlich zutage.
Daher ist die Zeit reif, etwas Neues auszuprobieren, und aus vielen guten Gründen plädiert Sylvie-Sophie Schindler für die Anarchie.
Denn Anarchie ist, entgegen der Propaganda, nicht die Herrschaft des Stärkeren und auch keine Gesellschaftsform ohne Regeln. Es ist eine Gesellschaftsform, in der die Regeln von all jenen gemacht werden, die sie auch betreffen, eine Welt ohne Herrschaft.
Auch Gewalt ist kein Bestandteil der Anarchie, obwohl in der Vergangenheit Anarchisten Gewalt ausübten. Dieser Weg hat sich als Irrweg herausgestellt und wurde daher schon vor einem Jahrhundert aufgegeben. Die Propaganda gegen Anarchie hält sich allerdings bis heute. Und das, obwohl ein direkter Vergleich der Blutbäder, welche die Anarchie und die Staaten angerichtet haben, eindeutig zulasten der Staaten ausfiele. Denn wann immer in der Geschichte Kriege und Völkermorde verübt wurden, standen Staaten hinter diesen Taten. Der Mensch an sich wird nur eingebettet in ein staatliches Kollektiv zum Massenmörder.
Schon allein deshalb ist die Zeit reif für die Anarchie. Doch das ist, wie Schindler schreibt, keine bequeme Angelegenheit, die von der Couch aus zu erledigen ist. Die passive Bequemlichkeit des Netflix-schauenden Konsumenten wird die Menschheit nicht aus der Misere führen, wird den drohenden Vernichtungskrieg nicht abwenden und die Verelendung der Massen nicht verhindern. Anarchie ist eine Praxis, die auf Handeln ausgerichtet ist. Sie erfordert dabei den inneren Athleten. Die Leistungen eines Athleten, die er in den offiziellen Wettkämpfen zur Schau stellt, sind nur das offensichtliche Ergebnis des unsichtbaren, aber langwierigen Trainings. Ebenso verhält es sich bei der Anarchie. Viel Übung ist erforderlich, viele Fehlschläge sind in Kauf zu nehmen, und das Ergebnis wird doch nie perfekt sein.
Doch diese Übung und Anstrengung ist notwendig. Viel zu lange haben die Menschen sich Autoritäten unterworfen und sich ideologisch einspannen lassen in einen Wettstreit der Politik. Dabei sind sie in eine jämmerliche Existenz von Teilnehmern einer ganz und gar unwichtigen Disziplin gerutscht: Sie sind emotionale Teilnehmer der Politik geworden, in denen politische Programme um die Macht konkurrieren. Sie haben sich in ein Theater aus rechts gegen links hineinziehen lassen, Klimarettung gegen Abschiebungen — so primitiv ist das, womit sich viele Menschen tatsächlich ernsthaft beschäftigen und wo sie sich emotional involvieren lassen.
Dabei sind sie über die Stufe von Kindern nie hinausgekommen.
Infantil hoffen sie auf die Erlösung durch Vater Staat, geben dabei die Verantwortung nur zu gerne an die Politiker ab, die diese ebenso gerne übernehmen. Denn auch die Politik hält die Menschen auf dieser Stufe der Infantilität gefangen, auf der die Schuld stets im Außen, bei anderen, gesucht und die Verantwortung abgeschoben wird.
Anarchie jedoch setzt Selbstreflexion zwingend voraus. Der Blick nach innen, in die eigene Persönlichkeitsstruktur und eine schonungslose Analyse der eigenen Traumata und schrecklichen frühkindlichen Erfahrungen ist die Grundlage, auf der jede menschliche Begegnung, jedes Miteinander beruht, das wesentlich für eine freie Gesellschaft ist, in der jeder in der Lage ist, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Sylvie-Sophie Schindler plädiert überzeugend gegen jede Form der staatlichen Bevormundung, ja gegen die Existenz des Staates als solche. Zugleich sieht sie die Zeit für einen Paradigmenwechsel gekommen. Dieser kann jedoch nicht mit Gewalt herbeigeführt werden. Denn der Weg der Gewalt hat in der Vergangenheit genau jene Verhältnisse stabilisiert, die er abzuschaffen versprach. Stattdessen spricht sie sich dafür aus, Strukturen zu schaffen, Lebensweisen zu etablieren und Beziehungen zu pflegen, die den Staat und all seine Anhängsel letztlich einfach überflüssig machen. Das befreit nicht nur das Volk, sondern auch die Politiker, können auch sie sich dann doch endlich den schönen Dingen des Lebens widmen.
Sylvie-Sophie Schindlers Essay ist ein wortgewandtes Plädoyer für eine Welt ohne Herrschaft, eine Welt, in der die Menschen wirklich frei sind. Man merkt, dass sie die Philosophen, Dichter, Denker und Künstler kennt. Sicher jongliert sie mit Zitaten und reiht sie aneinander, sodass sie einen neuen Sinnzusammenhang finden.
Wer in ihrem Buch aber eine Anleitung für eine bessere Gesellschaft sucht, der wird enttäuscht sein. Denn ihr Essay ist keine IKEA-Selbstbauanleitung, will dies auch explizit nicht sein.
Und auch das entspringt keinem Mangel an Vorstellungskraft, der uns nur allzu oft davon abhält, uns eine menschenwürdigere Welt überhaupt vorzustellen, sondern entstammt dem Wesen der Anarchie selbst.
Denn diese wartet nicht mit Konzepten, Theorien und Anweisungen auf. Sie ist keine Ideologie, die strikt befolgt und umgesetzt werden muss — oder auch nur kann. Anarchie bedeutet einfach: ohne Herrschaft. Und das setzt schon dort an, wo man Menschen erklärt, was Anarchie ist. Sie ist eben, was man aus ihr macht; sie kann kein fertiges Modell sein, da sie erst im Tun entsteht und sich im freien Zusammenwirken der Menschen laufend verändert. Die Freiheit geht so weit, dass man anderen Menschen auch keine Konzepte überstülpen kann — denn dann wäre die Freiheit ja gerade keine mehr.
So schreibt die Autorin auch nicht eine weitere, theoretische Abhandlung über Wesen, Struktur und Aufbau der Anarchie. Dass Organisation wichtig ist, betont sie schon, nur wie diese Organisation aussieht, das bleibt jedem selbst überlassen. Wir lesen hier also keine trockene Bauanleitung einer utopischen und damit unerreichbaren Gesellschaft, zu der wir uns erst aufmachen müssen und auf dem Weg dahin Tyrannei und Gewalt zu einem höheren Zwecke walten lassen. So funktioniert Anarchie nicht.
Mit Ideen wartet Sylvie-Sophie Schindler aber dennoch auf, Ideen allerdings, die eher vage sind und vom Leser selbst mit Leben gefüllt werden müssten. Es sind die klassischen Beispiele, die man wohl zu Genüge kennt, die aber dennoch kein Massenphänomen sind. Letztlich beginnt ein jeder bei sich selbst, seinem unmittelbaren Umfeld, denn nur dort kann man wirklich ansetzen. Die Partnerschaft, die Familie, die Nachbarschaft: Hier gibt es Potenzial für herrschaftsfreie Projekte. Dabei muss nicht jede Idee gleich die Welt revolutionieren. Es muss nicht erst ein neues Geldsystem etabliert, die Machtelite entmachtet sein und die Selbstversorgung gesichert werden, damit Menschen freier werden.
Das Buch „Anarchie — Jetzt oder nie“ von Sylvie-Sophie Schindler ist ein schmaler Essay, der sich mit seinen 111 Seiten leicht und schnell lesen lässt. Dabei greift die Autorin das Unbehagen der Menschen in der modernen Gesellschaft auf, ohne systematisch noch einmal zu erklären, was hier alles falsch läuft. Es ist keine trockene Lektüre, sondern ein flammendes Plädoyer für eine andere Gesellschaft, die nicht von Macht und Gewalt beherrscht wird, sondern in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Dabei aktualisiert die Autorin die Idee der Anarchie vor einem zeitgenössischen politischen wie gesellschaftlichen Hintergrund, der uns nur noch die Wahl zwischen digitaler Diktatur und Freiheit lässt. Wer bislang mit Anarchie noch keine Berührungspunkte hatte, der ist hier im Sinne eines Ausgangspunkts wahrscheinlich bestens aufgehoben. Das Buch kann eine Inspiration sein, sich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es lädt dazu ein, die historischen Vordenker zu lesen oder aber ohne die Theorie zur Praxis zu schreiten und die menschenfreundliche Gesellschaft gleich selbst zu gestalten.

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