Bankentürme als Dominosteine

Die derzeitigen Zerrüttungen am globalen Finanzmarkt sind der Anfang vom Ende des Finanzfeudalismus.

Das System der Finanzmacht ist schwer zu durchschauen, weil Strukturen, Regeln und die großen Zahlen unverständlich sind; die Zahl eine Milliarde beispielsweise kann ein Mensch ohne Hilfsmittel nicht erfassen. Die feudale Finanzmacht überragt die Macht von Regierungen in den USA, in Großbritannien, in Deutschland und in vielen anderen Ländern. Eine besondere Gefahr entsteht durch die Kombination von absurden Finanzregeln. Schon die Geldschöpfung durch Privatbanken kombiniert mit der obligatorischen Zinsforderung führt dazu, dass Banken Kreditvergabe im Eigeninteresse propagieren und dann auch Geld gerne an fragwürdige Schuldner verleihen. So entstanden die Hypothekenkrisen in den USA und Spanien. Seitdem ist nichts am System verändert worden.

Die Regel der giralen Geldschöpfung wird seit Jahrhunderten praktiziert, erst heimlich, heute ganz offen und von Tausenden Privatbanken. Banken geben Kredite über Geld, das sie nicht besitzen, sie erzeugen Geld und Schulden gleichzeitig und zunächst in gleicher Höhe.

Sie haben aber auch das feudale Recht, auf dieses selbst generierte Geld Zinsen zu erheben — nur vorübergehend waren die Zinsen bei null. Die Kombination der Geldschöpfung mit der Forderung von Zinsen führt dazu, dass mit der Zeit die Menge aller Schulden größer wird als die gesamte Geldmenge. Auf der Seite der Schulden kommen die Zinsen noch obendrauf. Alle Schulden können schon lange nicht mehr zurückgezahlt werden.

Die selbst verschuldete Bankenkrise

Weil die Banken das Geld aus dem Nichts erzeugt haben, gibt es gar keine oder viel zu geringe Rücklagen, und weil es insgesamt mehr Schulden als Geld gibt, können viele Kreditnehmer ihre Schulden nicht tilgen. Die Tilgung der Kredite wird deshalb immer weiter hinausgeschoben. Die Banken führen faule Kredite als Positivposten in ihren Büchern, und oft werden Schulden durch neue Schulden beglichen. Das nennt man Umschuldung. Dadurch wird die Schuldenkrise aber nicht gelöst, sondern nur immer weiter verschoben.

Wenn alle Kredite überprüft und korrekt bilanziert würden, wären die meisten Banken der Welt pleite, nicht nur einige wenige.

Die Bankenkrise ist permanent, sie äußert sich aber singulär in Form von spektakulären Pleiten. Die Bankenpleiten, die dann in den Medien erscheinen, sind besonders krasse Fälle von Großbanken, die mit Milliarden, oft im zweistelligen Bereich, im Minus sind. Sie werden selten abgewickelt (Lehman Brothers), oft vom Staat gerettet (Commerzbank) oder auch von anderen Banken samt Schulden übernommen (Credit Suisse, Silicon Valley Bank, First Republic Bank).

Die Rettung von Banken durch Banken erfolgt, weil Banken sich häufig gegenseitig Kredite geben — ein undurchsichtiges Geflecht — und bei einer Pleite mehrere andere Banken hineingerissen werden könnten. Man nennt dies einen Domino-Effekt, was kein sehr klares Bild für die Situation ist. Meistens geht es um bestimmte Verknüpfungen, die nicht ans Tageslicht kommen sollen.

Wachsende Geldmenge bis ins Unendliche

Die Kombination der giralen Geldschöpfung mit der Loslösung des US-Dollars von jeder materiellen Bindung durch Präsident Nixon im Jahre 1971 hat die Möglichkeit geschaffen, dass unbegrenzt Geld generiert wird, bis hin zu unvorstellbaren Mengen.

Mathematisch gesprochen, ist dieses System des US-Dollars divergent, alles strebt gegen Unendlich. Doch in der realen Welt, in der Geld als Zahlungsmittel gegen alles eintauschbar ist, gibt es keine Unendlichkeit.

Ein Widerspruch zwischen Finanzwelt und Realität. Realität ist ein endlicher Planet mit endlichen Ressourcen und einer begrenzten Leistungs- und Leidensfähigkeit der Menschen.

Ständig steigt die globale Geldmenge, insbesondere die der Leitwährung US-Dollar. Sie wird jetzt nicht mehr in Milliarden gezählt, sondern in Billionen, europäisch ausgedrückt, die Amerikaner verwenden ab der Milliarde andere Zahlwörter. Eine Milliarde sind tausend Millionen und eine Billion sind tausend Milliarden. Die Geldmenge 2023 wird auf mehr als 200 Billionen geschätzt. Das sind wenigstens 100 Billionen zu viel.

Wegen dieser viel zu großen Geldmenge heißt mein aktuelles Buch „Hunderttausend Milliarden zu viel“. Der Titel weist darauf hin, dass die Geldmenge eine wachsende Gefahr für die Stabilität des Systems darstellt. Nur der Hochfinanz bringt das unendliche Geld einen Nutzen.

Die große Geldmenge ist ein Freibrief für alle, die Geld mit Geld verdienen. Je mehr Geld da ist, desto leichter ist es für Insider, welches zu beschaffen und damit zu spekulieren. Deshalb wird das System von den Geldbesitzern aufrechterhalten, obwohl es ständig knackst und kracht. Der Systemzusammenbruch geschieht nicht überall gleichzeitig mit einem großen Crash, sondern singulär und vereinzelt, sichtbar an den Bankpleiten.

Die Zukunft ist bereits verkauft

Es gibt eine harte Tatsache, die von Politikerinnen und Politikern und von der Finanzmacht, aus gemeinsamem Interesse, strikt verschwiegen und bewusst oder unbewusst verborgen wird: Der Hauptgrund für die Auswüchse des Finanzsystems sind neben den absurden Regeln die Staatsschulden. Staatsschulden sind die größten Schulden überhaupt und für die Finanzwelt oft die sichersten Schulden, aber sie sind quantitativ der stärkste Antrieb für die Erhöhung der Geldmengen durch Kreditvergabe. Es entsteht eine Komplizenschaft zwischen Regierenden und Banken. Die Banken verdienen daran, und die Regierenden machen sich das Regieren und Finanzieren leicht. Verlierer sind alle, welche die Rückzahlung der Schulden plus Zinsen über ihre Steuern leisten müssen — je jünger sie sind, desto mehr.

Der Europarekordhalter im Schuldenmachen, Olaf Scholz, hat erst als Finanzminister, in der Corona-Hysterie, und jetzt als Kanzler, für die Aufrüstung, bisher etwa fünfhundert Milliarden an deutschen Staatsschulden zu verantworten.

Diese Schulden sind ein Segen für die Finanzwelt. Sie retten und prolongieren das absurde System. Erstens wegen der Zinsen, zweitens wegen der Erhöhung der Geldmenge und drittens wegen der Sicherheit, denn Deutschland gilt als besonders sicher in der Pflichterfüllung. Wir werden über mehrere Generationen die Scholz-Schulden bedienen und auf soziale und Umwelt-Projekte weitgehend verzichten müssen.

Wer Schulden hat, dessen Zukunft ist verkauft. Gewinnerin ist die internationale, feudale Finanzmacht. Staatsschulden sind ein Geschenk an die Finanzwelt. Es spielt keine Rolle, wie die Ökonomen es verschleiern und was die Utopisten der Modern Monetary Theory sich so ausdenken, um ins Gespräch zu kommen. Die Wahrheit gilt, auch wenn sie unterdrückt wird.

Anstatt sich in der Finanzpolitik eng an die USA zu schmiegen, wäre es für Deutschland und die Eurozone vernünftiger, einen unabhängigen Weg zu gehen, wie es die BRICS-Staaten jetzt versuchen. Sie hätten gerne eine Gemeinschaftswährung, die dem US-Dollar gewachsen ist. In der Eurozone haben wir das längst, aber es geht abwärts; die Europäische Zentralbank (EZB) verhält sich 2022/23 wie eine Filiale der US-Notenbank FED.

Der Zusammenbruch des Dollar-Systems ist bereits da, er sieht nur anders aus als der schwarze Freitag von 1929 und wird übertönt vom Waffengetümmel. Die Biden-Administration glaubt vielleicht, der Krieg könne die Finanzmacht retten. Der Krieg rettet höchstens die Wiederwahl von Joe und wird vorher nicht zu Ende gehen.


Rob Kenius „Hunderttausend Milliarden zu viel: Finanzfeudalismus aus rationaler Sicht


Quellen und Anmerkungen:

Rob Kenius betreibt die systemkritische Webseite kritlit.de.