Bereit für die Wahrheit

Wer die Lügen der aktuellen Zeit erkennen will, muss Zweifel und Irrtum zulassen können: bei sich selbst.

Im Zeitalter von KI und sogenannter Desinformation wird es immer schwieriger, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden. Um das Informationsgeflecht zu durchdringen, braucht es nicht nur einen scharfen Verstand. Der Wahrheit nähert sich nur derjenige, der bereit ist, immer wieder auch die eigene Meinung infrage zu stellen. Denn Wahrheit ist nicht zu haben. Sie kann nur Stück für Stück enthüllt werden.

Wahrheit trägt heute den Namen „Verfolgung von Desinformation“. Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Russischen und wird seit den 1920er Jahren verwendet. Im Westen wurde er während des Kalten Krieges bekannt. Heute wird Desinformation vor allem im Zusammenhang mit politischen Kampagnen, sozialen Medien, Geheimdiensten und Informationskriegsführung verwendet. Die Bedeutung ist immer die gleiche: die absichtliche Täuschung durch falsche oder irreführende Informationen.

Im Gegensatz zur Propaganda enthält Desinformation keine wahren oder halbwahren Informationen. Sie ist immer falsch. Sie wird verbreitet, um Menschen absichtlich zu täuschen, Meinungen zu beeinflussen oder Verwirrung zu stiften — mit dem Ziel, sich eigene Vorteile zu sichern. Was eine Desinformation ist, ist nicht leicht zu erkennen. Ob Wahlergebnisse verdreht sind, Dokumente gefälscht, Bilder untergeschoben, Videos manipuliert, Studien erfunden oder Behauptungen unecht, lässt sich häufig nur schwer feststellen.

Auffällig ist, wie inflationär der Begriff heute benutzt wird.

Alles, was den Mainstream kritisiert, gilt entweder als rechts oder als Desinformation. So soll Protest im Keim erstickt werden.

Unmittelbar haftet dem, der Fragen stellt, etwas Verruchtes an, etwas moralisch nicht zu Tolerierendes. Wirkliche Gespräche kommen so nicht mehr zustande — und die Wahrheit bleibt hinter einem dichten Schleier aus Ignoranz, Wokeness und Angst verborgen.

Bis tief in den privaten Bereich ist der Begriff vorgedrungen. Was nicht in das eigene Weltbild passt, wird als Desinformation abgetan. Damit macht es sich der Betreffende leicht: Er muss sich nicht mit Zweifeln auseinandersetzen und eventuell die eigene Sicht auf die Dinge korrigieren, sondern kann bei seiner Meinung bleiben und steht zudem noch in einem guten Licht da, während die Fragenden und Kritisierenden auf unlautere Maschen hereinfallen. Das Klima des Misstrauens, das durch das gegenseitige Beschämen entsteht, kommt denen zugute, die die Verwirrung stiften.

Verschleierte Wahrnehmung

Die größte Gefahr, schrieb Hannah Arendt sinngemäß, ist nicht die offene Lüge, sondern der Verlust der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit. Was wirklich stimmt, wird immer schwerer erkenntlich. Informationsflut, KI und die Komplexität der Themen machen es nahezu unmöglich, zu erkennen, welche Informationen echt sind und welche nicht. Die wenigsten jedoch lassen sich darauf ein, sich ihr Unwissen einzugestehen, und vertreten auch bei hochkomplexen Themen wie Klimawandel, Gesundheit, Geopolitik, Wirtschaft oder Transgender betonharte Meinungen.

Die Hindernisse für das, was wirklich stimmt, sind vielfältig. Wir alle haben blinde Flecken und stellenweise verengte Wahrnehmungskorridore.

Menschen neigen dazu, genau die Informationen zu suchen, die ihre eigene Sicht bestätigen. Wir übersehen Widersprüche und bewerten die Argumente der eigenen Meinungsgruppe höher. Zweifel zuzulassen ist unbequem, und Wahrheit zu erkennen nicht immer angenehm.

Wenn jemand erkennt, dass etwas nicht mehr trägt, dass er sich selbst belügt oder dass er jahrelang einem Irrtum aufgesessen ist, dann kann das sehr schmerzhaft sein. Deshalb schützt sich die Psyche vor Erkenntnissen, für die wir noch nicht bereit sind. Denn wenn das Welt- und Selbstbild in Frage gestellt wird, ist das wie ein Angriff auf die eigene Identität.

Als soziale Wesen haben wir Angst, ausgeschlossen zu werden, Freunde zu verlieren oder Ansehen einzubüßen, wenn wir die Sichtweise ändern. Als Gewohnheitswesen sperren wir uns dagegen, umzudenken, umzulernen und Unsicherheit auszuhalten. So sehen wir häufig die Welt nicht so, wie sie ist, sondern wie wir sie gerne hätten. Wir halten, so Friedrich Nietzsche, oft deshalb an Überzeugungen fest, weil sie Trost spenden, nicht weil sie wahr sind.

Es erfordert Mut, die Bereitschaft zur Veränderung und das Loslassen von Vertrauten, um sich auf unsicheres Terrain zu begeben. Denn wenn man etwas wirklich erkennt, kann man sich nicht mehr darauf berufen, es nicht gewusst zu haben. Die Verantwortung, die daraus resultiert, gilt es zu tragen.

Wahrheit findet, wer sich öffnet

Tatsächlich ist die Wahrheit immer da. Angst, Begierde, Vorurteile, Konditionierungen oder innere Unsicherheit verhüllen sie. Sie wird dann sichtbar, wenn die Schleier dünner werden.

Als Wahrheit gilt das, was mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Eine Aussage gilt als wahr, wenn sie den Tatsachen entspricht, widerspruchsfrei in ein Gesamtsystem von Aussagen passt und sich in der Praxis bewährt. Das ist einfach bei natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die überprüfbar und durch Belege, Beobachtungen oder Experimente gestützt sind. Der Apfel fällt zu Boden, wenn wir ihn loslassen. Wasser kocht bei hundert Grad Celsius. Auf der Nordhalbkugel ist gerade Sommer.

Bei anderen Aussagen ist es schwieriger. CO2 begünstigt den Klimawandel. Demokratie garantiert Freiheit. Russland ist Deutschlands Feind. Transgender steht für Toleranz. Impfen schützt vor Krankheiten. Stimmt das? Haben wir die Kompetenzen, das zu beurteilen?

Der Wahrheit können wir uns oft nur annähern. Das erfordert die Bereitschaft, verschiedene Perspektiven anzuhören, Quellen zu prüfen, zwischen Fakten und Interpretationen zu unterscheiden, eigene Irrtümer zuzulassen und Unsicherheit auszuhalten.

Nicht diejenigen sind der Wahrheit am nächsten, die total überzeugt sind, sondern diejenigen, die bereit sind, ihre Überzeugungen immer wieder zu prüfen.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Diese Aussage wird einem der größten Philosophen unserer Kultur zugeschrieben. Sokrates meinte damit nicht, nichts zu wissen. Nicht Resignation verbirgt sich hinter seiner Aussage, sondern eine Einladung zur Offenheit.

Fragen wagen

Die Suche nach Wahrheit beginnt dort, wo die Gewissheit endet. Wo nicht hinterfragt wird, ist die Wahrheit fern. Der Zweifel spielt eine wichtige Rolle bei der Wahrheitsfindung. Woher stammen diese Informationen? Welcher Quelle entspringen sie? Welche Idee steht dahinter? Halten die Aussagen kritischen Fragen stand? Passen sie zur eigenen Erfahrung?

Macht uns etwas freier oder abhängiger? Wird Eigenverantwortung gefördert oder behindert? Schürt es Angst oder Vertrauen? Öffnet sich der Blick oder verengt er sich? Wer profitiert? Soll etwas verkauft werden? Isoliert es uns oder bringt es uns zusammen? Vor allem aber: Erniedrigt oder erhebt es uns? Das Menschenbild, das durch eine Information gefördert wird, ist ein wertvolles Indiz dafür, ob etwas wahr ist oder falsch.

Alles, was auf der einen Seite klein macht, macht auf der anderen groß. Eliten entstehen in dem Maße, wie Menschen an ihre eigene Ohnmacht glauben. Wir kommen dann der Wahrheit am nächsten, wenn wir uns nicht durch Informationen erniedrigen oder verängstigen lassen, sondern ihnen mutig entgegentreten.

Lassen wir nicht andere für uns „die Fakten checken“. Prüfen wir selbst. Erheben wir dabei keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit und misstrauen wir denen, die das tun. Keine Regierung, kein Medium, kein Experte und kein Gegenexperte ist im alleinigen Besitz der Wahrheit. Jeder kann sich irren. Das gehört zum Menschsein dazu.

Nehmen wir uns die zum Vorbild, deren Erkenntnisse nicht mit Antworten begannen, sondern mit der Fähigkeit, scheinbare Selbstverständlichkeiten immer und immer wieder zu hinterfragen und zur Disposition zu stellen — so, wie es der vor Kurzem verstorbene Philosoph Jochen Kirchhoff tat (1). Damit gehen wir nicht auf Nummer sicher. Doch wir gehen aufrechter.