Blutige Macht
Ein EU-Krimi gewährt einen Blick hinter die Kulissen der europäischen Institutionen und deren Auswirkungen auf die Normalbürger in Brüssel. Exklusivauszug aus „Bloody Files“.
Eigentlich wollte Marcel Vermeylen, der charmant-chaotische belgische Ermittler, Urlaubsvorbereitungen treffen und sein turbulentes Privatleben in Ordnung bringen, als eine Serie brutaler Morde die Hauptstadt Europas erschüttert. Wer steckt dahinter? Während die föderale Polizei, Staatsschutz und Spionageabwehr noch um Zuständigkeiten ringen, vertraut Marcel seinem Instinkt. Und der sagt ihm, dass die Spur direkt ins Herz der europäischen Institutionen führt. Seine Ermittlungen richten sich auf das Berlaymont-Gebäude, den Hauptsitz der Europäischen Kommission. Dort stößt er auf ein übles Geflecht aus Machtgier, Intrigen und Rachegelüsten. Ein Auszug aus dem zweiten EU-Krimi des Autors „Bloody Files“.
Marcel stand vor dem Berlaymont-Gebäude, dem Hauptsitz der Europäischen Kommission, und schaute auf die Uhr. 17:55 Uhr. Laut Einladung sollte das Treffen des Ad-hoc-Krisenermittlungsstabs im abhörsicheren Bereich des Sicherheitsdienstes in der vierzehnten Etage stattfinden.
Marcel betrat das Gebäude durch die elektrische Schiebetür und fand sich in einer großen Eingangshalle wieder. Das kam also dabei heraus, wenn man den Eincheckbereich eines Flughafens mit einer übergroßen Hotelrezeption kreuzte, ging es ihm durch den Kopf.
Er entdeckte ein Hinweisschild zu den Aufzügen, musste zuvor jedoch einen der beiden Ganzkörperscanner passieren. Das Sicherheitspersonal bemühte sich nach Kräften, die zwei Menschenschlangen, die sich davor gebildet hatten, in Einzelportionen durchzuschleusen. Das würde dauern … Im selben Moment bemerkte Marcel einen Anzugträger, der lässig rechts an den Scannern vorbeischritt und eine Plastikkarte gegen einen Sensor an der Schranke drückte, die sich daraufhin wie von Zauberhand öffnete. Ah, es gab also auch einen kürzeren Weg! Marcel holte seinen Dienstausweis aus der Tasche seines Tweed-Jacketts. Entschlossen trat er auf den Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes zu, der mit steinerner Miene und vor der breiten Brust verschränkten Armen die Schranke bewachte, und hielt ihm seinen Polizeiausweis entgegen. „Bonjour, Monsieur, Inspektor Marcel Vermeylen von der belgischen Polizei, ich muss in den vierzehnten Stock.“
„Haben Sie einen Besucherausweis? Oder holt Sie jemand ab?“, fragte der Sicherheitsmann unbeteiligt.
„Nein, ich bin Poli...“
„Ohne einen Besucherausweis oder eine Begleitperson können Sie nicht herein“, unterbrach ihn der Security-Mann. „Und wenn Sie der belgische König wären.“
Marcel starrte ihn mit offenem Mund an. Dann fragte er: „Und wie komme ich an einen Besucherausweis?“
„Melden Sie sich am Empfang an.“
Marcel bedankte sich, machte kehrt und ging zur Rezeption, wo zwei Damen damit beschäftigt waren, eine Besuchergruppe abzufertigen. Er schaute auf die Uhr. 18:05 Uhr. Mist.
Während Marcel in der Schlange vor der Rezeption wartete, kramte er den Ausdruck der Einladungsmail hervor, die Eric ihm weitergeleitet hatte. Als Absender war das Sekretariat von Didier Claeys, Administrateur général adjoint beim belgischen Staatsschutz, angegeben, doch auch das hatte die Mail lediglich weitergeleitet. Marcels Augen flogen an den unteren Rand des Ausdrucks. Ursprünglich stammte die Einladung vom Sekretariat des Referats für Gegenspionage im Sicherheitsdienst der Europäischen Kommission und war im Auftrag eines gewissen Kurt Holtzer, Chief Counterintelligence Officer, verschickt worden. Da würde Marcel jetzt kurzerhand anrufen.
„Hello?“, meldete sich eine weibliche Stimme.
„Yes, oui, bonjour … hier ist Marcel Vermeylen“, sagte er auf Französisch. „Ich bin von der belgischen Polizei und …“
„Ja, Sie werden erwartet. Die Sitzung hat bereits begonnen“, antwortete die Stimme in perfektem Französisch. „Warten Sie, ich komme Sie holen.“
Wieder schaute Marcel auf die Uhr. 18:10 Uhr. Die Besprechung hatte demnach pünktlich um sechs begonnen. Hatten die hier noch nie von der akademischen Viertelstunde gehört?
Kurze Zeit später sah Marcel eine Frau in dunklem Hosenanzug und mit blondiertem Haar energischen Schrittes auf sich zukommen.
„Monsieur Vermeylen?“, fragte sie und musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen, wobei ihr Blick, wie es Marcel schien, für einen Sekundenbruchteil an den Rissen in seiner Jeans hängen blieb.
Er bejahte.
„Kommen Sie bitte mit.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und schritt ebenso entschlossen, wie sie auf ihn zugekommen war, zu den Einlassschleusen. Marcel folgte ihr eilig. Von der Security unbehelligt, ließ die Frau erst Marcel und dann sich selbst mit Hilfe ihrer Ausweiskarte die Schranke passieren und marschierte in Richtung der Aufzüge.
„Das nächste Mal“, sagte sie, während sie den Rufknopf betätigte, „melden Sie sich bitte mindestens eine Viertelstunde vor Beginn der Sitzung an der Rezeption. Ich bringe die Mitglieder des Stabs stets geschlossen in den Besprechungsraum.“
„Ich weiß gar nicht, ob es ein nächstes Mal geben wird, mein Chef …“
Die Tür öffnete sich und sie betraten den nahezu vollbesetzten Aufzug.
„… also mein Chef“, begann Marcel von Neuem, während er versuchte, sich in dem zugeknöpften Beamtenschwarm möglichst dünn zu machen, „der will eigentlich zu den Treffen der —“
Die Frau hob abrupt die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie schüttelte heftig den Kopf und legte einen Zeigefinger auf die Lippen. Marcel verstummte augenblicklich.
Im vierzehnten Stock stiegen sie aus und die Frau führte Marcel durch eine weitere Sicherheitstür. In flottem Tempo ging sie voran durch einen steril wirkenden, weiß gestrichenen Gang, der von unzähligen Türen gesäumt war. Einige davon standen offen. Marcel hatte Mühe, mit seiner Lotsin Schritt zu halten und gleichzeitig einen Blick in die Büros zu werfen, erhielt jedoch nur stroboskopartig aufblitzende Eindrücke von Aktenbergen, Büropflanzen und auf Bildschirme starrenden Beamten.
Sie erreichten schließlich eine Tür am Ende des langen Flurs. Besprechungsraum 14.01 — abhörsicher, las Marcel auf dem daneben angebrachten Schild, ein Piktogramm zeigte ein durchgestrichenes Smartphone. Marcel blickte noch einmal auf die Uhr. 18:16 Uhr.
Die Frau öffnete die Tür einen Spaltbreit, flüsterte etwas in den Raum, wandte sich zu Marcel und gab ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass er eintreten dürfe.
Um den ellipsenförmigen Tisch aus blank poliertem braunem Furnierholz drängten sich rund dreißig Personen. Alle waren ausgesprochen förmlich gekleidet, wie Marcel augenblicklich registrierte, einige trugen sogar Uniform. Und sie waren, von zwei Ausnahmen abgesehen, männlich. Wortlos starrten sie den Neuankömmling an.
„Ähm, Bonjour, entschuldigen Sie bitte die Verspätung …“, setzte Marcel an, als ihm bewusst wurde, dass die meisten der Anwesenden wahrscheinlich nicht Französisch sprachen. „…verry sörry“, fügte er etwas lahm hinzu.
Vergeblich suchte er den Tisch nach einem Schild mit seinem Namen ab. Stattdessen fing er Thierry Melchiors Blick auf, der wie stets einen dunklen Maßanzug trug. Heute zierte seine geschmackvolle Seidenkrawatte eine Nadel mit dem Insigne des belgischen Staatsschutzes. Melchior saß neben seinem Chef Didier Claeys, der bis hin zur Krawattennadel nahezu identisch gekleidet war und sich nun mit Daumen und Zeigefinger über den Schnurrbart strich.
Neben Didier Claeys thronte ein hagerer, kahlköpfiger Mann, auf dessen habichtartiger Nase eine randlose Brille saß. Sein Blick schien Marcel förmlich zu durchbohren. Der fühlte sich an einen mittelalterlichen Mönch erinnert, aber nicht einen von der lebensfrohen Sorte, die der belgischen Brautradition zu Weltruhm verholfen hatte, sondern von der Asketen-Fraktion, deren Mitglieder einsam in der Klosterzelle dicke Folianten wälzten. Dem Namensschild zufolge handelte es sich um Kurt Holtzer, den Chief Counterintelligence Officer, der zu der Sitzung eingeladen hatte.
Holtzer deutete mit einer Bewegung seines kahlen Schädels nach links. Marcel spähte in die gewiesene Richtung und entdeckte am Tischende einen freien Platz zwischen den zwei einzigen Frauen.
Begleitet von der spürbaren Missbilligung der Sitzungsteilnehmer zwängte er sich durch die schmale Lücke zwischen Stuhlrücken und Wand. Dabei stieß er versehentlich gegen ein Stuhlbein und drückte den darauf sitzenden Mann, der eine beträchtliche Leibesfülle aufwies, gegen die Tischkante. Der dikzak, bei dem es sich dem Namensschild zufolge um den stellvertretenden Chef des bulgarischen Geheimdienstes handelte, sah ihn finster an.
Mon Dieu, was für ein Panoptikum, dachte Marcel, während er sich zwischen die beiden Frauen, eine Mitarbeiterin des schwedischen Nachrichtendienstes und eine Uniformierte der rumänischen Spionageabwehr, quetschte.
Kurt Holtzers Stimme durchbrach die nach wie vor anhaltende Stille. Marcel meinte die Sprache als Englisch zu identifizieren, gleichwohl mit einem ausgeprägten alpenländischen Akzent. Leider verstand er außer seinem Namen keine einzige Silbe des Wortstrudels. Verwirrt schaute er Holtzer an, erntete aber nur wieder diesen stechenden Blick. Hilflos wandte er sich nach links zu der schwedischen Beamtin, die seine Zwangslage sofort erfasste und glücklicherweise Französisch sprach.
„Sie haben nur Beobachterstatus“, übersetzte sie flüsternd. „Sie müssen sich dort hinten hinsetzen.“ Sie wies mit dem Kinn zu zwei Klappstühlen, die an der Wand des Besprechungsraums lehnten. An einem von ihnen klebte ein Etikett, dessen ursprünglicher Aufdruck Eric Vandervaeren, Belgian Federal Police, observer von Hand durchgestrichen worden war. Jemand hatte mit Kugelschreiber Marc Vermeulen darüber gekritzelt. Er klappte den Stuhl auf und setzte sich, derweil Kurt Holtzer mit seinen Ausführungen, die Marcels Erscheinen unterbrochen hatte, fortfuhr.
Mist, fluchte Marcel innerlich, als ihm klar wurde, dass die Besprechung nicht auf Französisch geführt wurde. Er befürchtete, dass sein Schulenglisch keinesfalls ausreichte, um alle Details zu verstehen.
Kurt Holtzer gab einer Assistentin ein Zeichen, woraufhin sich ein Würfel aus der Zimmerdecke herabsenkte, an dessen Seiten vier großflächige Monitore angebracht waren, auf die Kurt Holtzer nun per Mausklick eine Präsentation zauberte.
Closing the Security Gap — the Need for a New Taxonomy war in großen Lettern auf den Bildschirmen zu lesen, und Marcel wollte sich gerade fragen, ob er in der richtigen Besprechung saß, als Kurt Holtzer schon zur nächsten Folie klickte, auf der unter der Überschrift Menace and Threat Levels ein Stufendiagramm abgebildet war. Vier Stufen stiegen von links nach rechts an und waren in zunehmend dunklen Rottönen ausgefüllt. Level eins bis vier waren als low, medium, medium-high und high klassifiziert. Der Mauszeiger glitt zur fünften, bislang weiß hinterlegten Stufe. Holtzer präsentierte diese neue Stufe, die sich mit einem Klick zu einem alarmierenden Tiefviolett verfärbte, unter der Bezeichnung vital.
Beruhigt stellte Marcel fest, dass die bebilderten und beschrifteten Folien ihm das Verständnis der Holtzer’schen Ausführungen erheblich erleichterten. Auch in Holtzers akzentgeprägtes Englisch hörte er sich immer besser hinein, sodass er dem Vortrag beinahe mühelos folgen konnte.
Kutz Holtzer legte eine Kunstpause ein und blickte den Anwesenden reihum fest in die Augen.
„Wie schuddent minz wörts“, beschwor er sie mit ernster Stimme.
Marcel legte den Kopf schief. Minz? Er grübelte, welche Rolle ein Heilkraut in diesem Zusammenhang spielen könnte, dann ging ihm ein Licht auf: Das hieß wahrscheinlich, dass man kein (Minz-)Blatt vor den Mund nehmen solle! Na klar, Holtzer versicherte, dass man offen miteinander reden könne. Er kam doch tatsächlich viel besser mit, als er befürchtet hatte. Mit sich selbst über alle Maßen zufrieden, lehnte Marcel sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete, was weiter geschah.
Die Teilnehmer murmelten zustimmend, woraufhin Kurt Holtzer zur nächsten Präsentationsseite überging. Wieder ging ein Raunen durch den Raum. Der schwedischen Beamtin entfuhr ein entsetztes „Herregud“, die Kollegin von der rumänischen Spionageabwehr schlug sich die Hand vor den Mund.
Marcel starrte wie vom Donner gerührt auf die Folie, die Holtzer soeben aufgerufen hatte. Sie zeigte das Foto der toten EU-Kommissarin Nadezhda Petrova. Es war offensichtlich am Tatort aufgenommen worden — aber von wem? Er selbst kannte dieses Foto nicht, es stammte also mit Sicherheit nicht vom belgischen Polizeifotografen. Und überhaupt: Wie war es in die Hände des Counterintelligence Officers gelangt? Hatte einer der anderen Teilnehmer etwas damit zu tun? Marcel musterte sie der Reihe nach. Alle wirkten angemessen erschüttert, nur der bulgarische Geheimdienstchef blieb auffallend ruhig — kannte er das Bild bereits?
Kurt Holtzer sprach mit leiser, eindringlicher Stimme von einem „Anschlag auf Europa“, wobei er Europa wie Juhropp aussprach. Sein Tonfall verursachte Marcel eine Gänsehaut.
Das Kinn nachdenklich auf die Hand gestützt, betrachtete er die neue Folie, die Holtzer jetzt aufrief. Sie enthielt einzelne Passagen eines Verordnungstextes, der, soweit Marcel verstand, die Einführung einer neuen Sicherheitsstufe — eben jener tiefvioletten Stufe fünf — vorsah.
Es folgte eine tour de table, bei der jeder Anwesende die Position seines Mitgliedstaates dazu kundtat. Alle sprachen sich, wie Marcel ihren Mienen entnahm, dafür aus. Der bulgarische Vertreter dankte der Kommission für die schnelle Reaktion und stellte am Ende seiner Stellungnahme die Frage, ob es schon Erkenntnisse im Mordfall Nadezhda Petrova gebe.
„Ich sage nur ein Wort“, sagte Holtzer in verschwörerischem Ton. Marcel hatte den Eindruck, als sei die Frage im Vorfeld abgesprochen worden. „Geldwäsche …“
Umgehend wechselte Holtzer zur nächsten Folie, auf der das Porträtfoto eines jungen Mannes zu sehen war. Marcel stutzte, als er dessen Namen las: Ivo Kovačević. Das war doch der Bruder des ersten Mordopfers, der in London lebte und dort bei einer Bank arbeitete! Auf welche Verbindung war der Staatsschutz beziehungsweise Holtzer hier gestoßen, die der belgischen Polizei bisher entgangen war? Marcel scannte den stichpunktartigen Steckbrief unter dem Foto und übersetzte in Gedanken: Millionensummen — Kontensperrung — neue EU-Bestimmungen.
„Wie Ihnen bekannt sein dürfte“, erläuterte Holtzer, „war Nadezhda Petrova die treibende Kraft hinter den verschärften Geldwäscheregeln. Das hat nicht jedem gefallen.“ Während sich Marcel noch ärgerte, dass man der belgischen Polizei diese Erkenntnis vorenthalten hatte, fuhr Holtzer fort: „Besonders nicht diesen drei Männern.“
Wie von Zauberhand veränderte sich die Folie. Von Ivo Kovačević’ Foto führten jetzt Pfeile hinunter zu drei nebeneinander angeordneten leeren Rahmen. „Ahmad Moradi“, sagte Holtzer, „ein Teheraner Geschäftsmann mit Verbindungen zu diversen Terrororganisationen.“ Im ersten Rahmen erschien das Bild eines fülligen Mannes.
Ein Tuscheln ging durch die Schar der Anwesenden, das augenblicklich verstummte, als sich der zweite Rahmen füllte und einen grobschlächtigen Mann in olivgrünem Kampfanzug zeigte.
„Oleg Sokolow, ehemaliger Soldat der sowjetischen Armee. Wohnt mittlerweile in Sewastopol, von wo aus er in großem Stil Waffengeschäfte abwickelt.“ Holtzer räusperte sich, während im dritten Rahmen ein sonnengebräunter Mann mit Cowboyhut sichtbar wurde. „Und Brad Tucker, aus den USA stammender Polit-Aktivist. Hat sich ein Medien-Imperium aus diversen Onlineplattformen und Radiostationen aufgebaut.“
Marcel konnte sich keinen Reim auf das soeben Vernommene machen. Was bitte schön war jetzt der Zusammenhang zwischen diesen drei Männern? Und was hatte Ivo Kovačević mit der ganzen Sache zu tun?
Schon wechselte Kurt Holtzer zur nächsten Folie. Sie zeigte, wie die Bildunterschrift verriet, das Standbild einer Überwachungskamera der Londoner Bank, in der Ivo Kovačević arbeitete. Drei Männer standen an einem Kaffeeautomaten und schienen in ein Gespräch vertieft zu sein. „Wir haben Grund zu der Annahme“, ließ Holtzer sich vernehmen, „dass es sich bei diesen Männern um Ahmad Moradi, Oleg Sokolow und Brad Tucker handelt. Drei Männer, denen vor Kurzem die Konten gesperrt wurden. Von niemand anderem als Ivo Kovačević. Wir haben es hier mit enemies of Europe, mit Feinden Europas, zu tun.“
Was war das denn jetzt für eine hanebüchene Theorie, fragte Marcel sich. Wieso sollten diese drei Männer ihre Wut über ihre gesperrten Konten ausgerechnet erst an der Schwester eines kleinen Bankangestellten und dann an einer EU-Kommissarin auslassen? Gab es überhaupt ein Bekennerschreiben?
Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, erteilte Kurt Holtzer Didier Claeys das Wort. Der räusperte sich und richtete seinen Krawattenknoten.
„Wie von der Kommission bereits ausgeführt“, begann er mit monotoner Stimme — sein ausgeprägter französischer Zungenschlag erleichterte Marcel glücklicherweise das Verständnis ebenso sehr wie Holtzers österreichischer Akzent —, „bestehen erste Verdachtsmomente, die auf einen hybriden Anschlag auf die EU-Institutionen hindeuten.“
Marcel sah, wie Kurt Holtzer bei diesen Worten bedeutungsschwer die Lippen schürzte und sich per Augenkontakt der Zustimmung der übrigen Kollegen versicherte.
„Nach Einschätzung der belgischen Sicherheitsbehörden ist es ratsam“, fuhr Claeys fort, „ab sofort verschärfte Sicherheitsvorkehrungen in Brüssel einzuführen.“
Amüsiert bemerkte Marcel aus dem Augenwinkel, wie der bulgarische Geheimdienstchef gegen einen beständig wiederkehrenden Sekundenschlaf ankämpfte. Plötzlich ertönte lautstark die Wilhelm-Tell-Ouvertüre von Rossini und ließ den Bulgaren hochschrecken.
Godverd…! Hektisch griff Marcel in die Innentasche seines Jacketts, um sein Smartphone auszustellen, verhedderte sich jedoch im Innenfutter. Das Blut schoss ihm ins Gesicht. Verlegen grinste er Didier Claeys zu, dessen dunkle Augen ihn gereizt anfunkelten. Marcel stand auf und beeilte sich, sein Jackett auszuziehen. Er bekam sein Telefon in dem Moment zu fassen, als in der Ouvertüre die Becken einsetzten und frenetische Schallwellen durch den Besprechungsraum schickten. Nachdem Marcel endlich sein Telefon zum Schweigen gebracht hatte, ließ er sich mit einem vernehmlichen „Sörry evribödi!“ wieder auf dem Klappstuhl nieder. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können — wenn nicht der Stuhl zur Seite gekippt und Marcel mitsamt seiner Sitzgelegenheit krachend auf den Boden geplumpst wäre. Bravo, dachte er und rappelte sich auf. Dabei fing er Kurt Holtzers Blick auf, der einem spanischen Großinquisitor zur Ehre gereicht hätte. Mit glühenden Wangen setzte Marcel sich hin, hob entschuldigend die Hände und rief noch einmal: „Sörry!“
Didier Claeys nahm seinen Vortrag wieder auf und präsentierte die beiden Obduktionsberichte, aus denen er schlussfolgerte, dass es sich um denselben Täter handeln müsse, da die Art der Tatbegehung nahezu identisch sei: Die Opfer seien zuerst mit bloßen Händen erwürgt und anschließend im Kopf-, Hals- und Brustbereich massiver stumpfer Gewalt ausgesetzt worden. Der Täter habe die jeweilige Tatwaffe am Tatort zurückgelassen; im Fall von Vesna Kovačević handele es sich dabei um einen schweren Stein, bei Nadezhda Petrova um ein Auspuffrohr. Die Polizei vermute, so Claeys, dass die Gegenstände sich bereits am Tatort befunden hätten und zufällig vom Täter als Waffe verwendet worden seien.
Marcel wollte Claeys unterbrechen und einwenden, dass es noch zu früh war, um mit Sicherheit von ein und demselben Täter auszugehen. Zwar sprach die Art und Weise der Tatbegehung ebenso dafür wie der Umstand, dass Docteur Tryphon Fasern derselben Wollsorte im Halsbereich beider Opfer gefunden hatte. Gleichzeitig hatte der Rechtsmediziner Marcel erklärt, dass die schiere Menge der sichergestellten Spuren deren Analyse und Auswertung erheblich erschwerte, ganz zu schweigen von der Witterung, die die Qualität der meisten Spuren stark beeinträchtigt hatte. Doch ärgerlicherweise reichte Marcels Englisch für derartige Ausführungen nicht aus, und so hielt er sich zähneknirschend zurück.
Die Beamtin der rumänischen Spionageabwehr meldete sich zu Wort, und Marcel hoffte, dass sie an seiner Stelle Einwände erhob. Er konzentrierte sich, um ihr tadelloses Englisch zu verstehen, das ihm mehr Mühe bereitete als Holtzers und Claeys’ akzentgefärbtes. Er meinte, „professional killer“ und „suspect“ herauszuhören. Ob man von einem professionellen Täter sprechen könne und ob es bereits einen Verdächtigen gebe, musste ihre Frage wohl lauten. Auch gut, dachte Marcel. Für ihn ließ der Tathergang auf einen Besessenen schließen, nicht auf das kühle Vorgehen eines Profikillers.
Kurt Holtzer übernahm das Mikrofon. „A wärri gutt kwestschen“, sagte er an die Fragestellerin gewandt. Holtzer rief ein neues Bild auf, das einen uniformierten glatzköpfigen Mann mit Stiernacken und langem grauem Vollbart zeigte. „Iwan Grosny“, kommentierte er mit Grabesstimme.
Sofort setzte nervöses Gemurmel ein.
„Batt hie iss dedd! „, rief der Vertreter des bundesdeutschen Auslandsnachrichtendienstes aus. Auch mit dessen Akzent kam Marcel glücklicherweise problemlos zurecht. Die deutschen Behörden hielten diesen Iwan Grosny also für tot. Marcel dagegen hatte den Namen noch nie gehört. Es folgte eine kurze Erläuterung des deutschen Sicherheitsexperten, dass der berüchtigte Anführer einer transnistrischen Söldnertruppe seit zwei Jahren als tot galt, nachdem sein Privatjet über dem Schwarzen Meer abgestürzt war.
Kurt Holtzer klickte daraufhin zum nächsten Bild, das einen gewöhnlich aussehenden, glattrasierten Mann mit vollem Haar zeigte. „Die Kollegen vom MI6 haben uns diese Aufnahme einer Überwachungskamera geschickt — bemerkenswerterweise wieder aus London. Eine neuartige Gesichtserkennungssoftware hat den Mann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als den transnistrischen Kommandanten identifiziert. Es dürfte sich kaum um einen Zufall handeln, dass sich Grosny in derselben Stadt aufgehalten hat wie seine Auftraggeber.“ Vor den Augen der Besprechungsteilnehmer verwandelten sich die Gesichtszüge des biederen Mannes zu denen des Söldnerführers.
„Watte mäkkes juh dinke datte da isse ä connäcktschene wisse Grosny?“, fragte der Vertreter der italienischen Geheimpolizei. Jetzt kam Marcel beim Übersetzen etwas in Straucheln, doch er schaffte es gerade noch: Es ging um den Zusammenhang zwischen Grosny und dem Fall.
„Wie nou hau se män kills“, erwiderte Kurt Holtzer. Aha, dachte Marcel, sie wussten, auf welche Weise dieser Mann tötete.
In rascher Abfolge rief Holtzer weitere Bilder auf, getötete Rivalen Grosnys, die dieser mutmaßlich eigenhändig ins Jenseits befördert hatte. Erneut füllten Laute unterdrückten Entsetzens den Raum.
„Se sseim messott!“ Nach Kurt Holtzers Ansicht hatte man es also mit derselben Methode zu tun.
„Yesse, batte …“, warf der italienische Vertreter ein, doch Kurt Holtzer brachte ihn mit erhobenem Zeigefinger zum Verstummen. Wortlos präsentierte er ein neues Foto, es zeigte zwei junge Männer in Uniform, die frontal in die Kamera blickten. Marcel entnahm dem Untertitel, dass das Foto 1988 in der Nähe von Kabul aufgenommen worden war und Oleg Sokolow und Iwan Grosny abbildete. Sie posierten vor einer Flagge mit einer schwarzen Fledermaus, die ihre Flügel über einen blauen Globus ausbreitete.
Marcel wippte nervös mit dem Fuß. Er wollte unbedingt ein paar Fragen loswerden, aber seine rudimentären Englischkenntnisse standen ihm wieder im Weg. Auch musste er feststellen, dass er der einzige Teilnehmer zu sein schien, der Zweifel an Holtzers Darlegung hegte. Er blickte sich um — allenthalben zustimmendes Gemurmel und Kopfnicken.
„Änni kwästschens?“, fragte Kurt Holtzer in die Runde. Niemand meldete sich. Holtzer versprach, alle auf dem Laufenden zu halten, woraufhin sich die Anwesenden erhoben, ihre Unterlagen zusammenpackten und zum Ausgang drängten.
Wie benommen stand Marcel auf und reihte sich in die Prozession der Sitzungsteilnehmer ein, wobei er den einen oder anderen herablassenden Blick auf sich zu spüren glaubte.
An der Tür stand eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes und händigte ihnen ihre Mobiltelefone aus, die sie beim Betreten des Raums offensichtlich hatten abgeben müssen. Neben ihr hatte sich Kurt Holtzer postiert, er verabschiedete sich von jedem mit Handschlag.
Als Marcel an die Reihe kam, hielt Holtzer ihn auf und deutete mit einem dürren Lächeln auf Marcels Jacketttasche. „Plies giff me jor smartphone. Wie niet to tscheck if särs änni recording.“
Recording? Marcel sah ihn verständnislos an. Warum wollte Holtzer unbedingt jetzt Zugriff auf Marcels Playlist haben? Musik war zwar eine universelle Sprache, die die Menschen miteinander verband, aber dafür hatte Marcel momentan wirklich keine Zeit.
„Yess, värri gutt recording, Rossini, ›Wilhelm Tell‹, Ouverture. Mejbi next taim, okay?“, vertröstete er Holtzer freundlich und wollte sich an ihm vorbeizwängen.
Holtzers Lächeln verschwand und machte einer geradezu bedrohlichen Miene Platz. Es folgte eine Tirade auf Deutsch, von der Marcel zwar kein einziges Wort verstand, deren feindseliger Tonfall jedoch keinen Zweifel offen ließ. Nun wurde es Marcel zu bunt. Er zückte seinen Dienstausweis und erwiderte auf Französisch: „Inspecteur Marcel Vermeylen, police fédérale, excusez-moi, Monsieur, aber ich verstehe Sie leider nicht.“
Kurt Holtzer, der einem Schlaganfall nahe schien, winkte hektisch einen hoch gewachsenen, breitschultrigen Sicherheitsbeamten herbei.
Thierry Melchior, der die Szene beobachtet hatte, trat eilig hinzu. „Mensch, was ist in Sie gefahren, Sie können hier nicht einfach den Polizisten herauskehren!“, herrschte er Marcel an.
Marcel schaute ihn überrascht an. „Was soll das bitte heißen?“
„Das soll heißen, dass Sie jetzt Ihren Dienstausweis ganz schnell wieder einstecken. Sie haben überhaupt keine Hoheitsbefugnisse hier!“
„Was? Bin ich hier in Belgien oder in Syldavien?“
„Das ist etwas komplizierter, als Sie meinen, werter Kollege“, bemerkte Thierry Melchior auf diese süffisante Art, die Marcel mochte wie Zahnschmerzen. „Tun Sie mir einen Gefallen. Spielen Sie nicht den Sheriff. Sie haben der belgischen Polizei heute schon genug Schande gemacht …“
Marcel errötete.
„… händigen Sie Monsieur Holtzer einfach Ihr Telefon aus.“
„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?!“ Marcel verstand die Welt nicht mehr.
„Der Chief Counterintelligence Officer hat Ihnen eine Anweisung erteilt, zu der er aufgrund der in diesem Gebäude geltenden Sicherheitsbestimmungen befugt ist. Er will kontrollieren, dass kein Mitschnitt von diesem Gespräch gemacht wurde. Also geben Sie ihm sofort das verdammte Handy!“
„Mir eine Anweisung erteilt?“ Marcel spürte Ärger in sich aufwallen. „Hören Sie, guter Mann, ich bin Polizist. Irgendwo hört der Spaß auf. Auf mein Smartphone kann der lange warten!“ Er wandte sich zum Gehen.
Thierry Melchior blickte mit der Andeutung eines Kopfschüttelns zu Kurt Holtzer, der daraufhin dem Sicherheitsbeamten den knappen Befehl „Confiscate! „ erteilte.
Der Gorilla trat auf Marcel zu und streckte die Hand aus, Marcel zeigte ihm den Vogel. Der Sicherheitsbeamte stellte sich mit zwei schnellen Schritten hinter Marcel und versuchte, ihn in den Polizeigriff zu nehmen. Marcel wich ihm gekonnt aus und machte sich seinerseits daran, den Mann mit einem Armhebel zu überwältigen. Zwei weitere Security-Mitarbeiter liefen herbei. Mit kampfbereit erhobenen Händen ließ Marcel seinen Blick zwischen seinen drei Kontrahenten hin- und herschnellen. Dann ließ er die Arme sinken. Es hatte keinen Sinn. Während ihn zwei der Beamten festhielten, nestelte der dritte Marcels Mobiltelefon aus der Jacketttasche.
Kurt Holtzer schüttelte entrüstet den Kopf, murmelte etwas von „serious security incident“ und bedeutete den Beamten mit einer ruckartigen Kopfbewegung, Marcel zum Responsible Team Leader abzuführen.
Und während er, von zwei Gorillas eingerahmt, einen endlos scheinenden Gang entlang eskortiert wurde, fragte sich Marcel, wie er das, was ihm gerade widerfuhr, einordnen sollte: Als Schildbürgerstreich? Als diplomatische Provokation? Oder als Machtmissbrauch? Es fühlte sich jedenfalls an wie der absolute Tiefpunkt seiner bisherigen Polizeikarriere.

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