Buckelnde Kirchen
Ein internes Arbeitspapier der beiden großen Kirchen zeigt, wie sehr auch diese sich freiwillig der grassierenden militärischen Logik unterwerfen.
Bereits seit einiger Zeit greift das Phänomen um sich, dass die großen christlichen Institutionen sich weniger an der Botschaft des von ihnen angebeteten Erlösers orientieren als an weltlichen Erwartungen. So auch in der Friedensfrage. Während die Botschaft Jesu Christi hier eigentlich in eine eindeutige Richtung weist, scheinen sich die Kirchen immer mehr davon zu verabschieden, überhaupt auf diese normative Weise Einfluss auszuüben. Statt an Vergebung, Feindesliebe und die friedliche Lösung von Konflikten zu appellieren, fragen sie sich lieber, wie sie im Fall eines Krieges am besten der Regierung dienen können. Nun wurde ein internes Papier zu diesem Thema veröffentlicht. Es geht um würdige Bestattungen der Gefallenen, multireligiöse Trauerfeiern und die seelsorgliche Überbringung der Todesnachrichten. Kurzum: es geht um alles, außer um die Verhinderung eines solchen Schreckens.
„Und genau zu dieser Zeit, um zwei Minuten nach elf Uhr morgens, explodierte eine Atombombe über unserem Stadtteil Urakami in Nagasaki. In einem Augenblick wurden achttausend Christen in die Hände Gottes gerufen, während die lodernden Flammen innerhalb weniger Stunden dieses heilige Gebiet des Ostens in Asche verwandelten. Um Mitternacht derselben Nacht stand die Kathedrale plötzlich in Flammen und brannte bis auf die Grundmauern nieder. (…)
Männer und Frauen der Welt, plant niemals wieder einen Krieg! Mit dieser Atombombe kann Krieg für die Menschheit nur Selbstmord bedeuten. Aus dieser atomaren Trümmerlandschaft heraus wenden sich die Menschen von Nagasaki an die Welt und rufen: Nie wieder Krieg! Lasst uns dem Gebot der Liebe folgen und zusammenarbeiten. Die Menschen von Nagasaki werfen sich vor Gott nieder und beten: Gewähre, dass Nagasaki die letzte atomare Ödnis in der Weltgeschichte sein möge“ (Takashi Nagai, „The Bells of Nagasaki“ (1).

Die Urakami-Kathedrale in Nagasaki am 13. September 1945. Quelle: atomicarchive.com
Der Krieg als Apodiktum
„Auch bei Sabotage und Terrorattacken, mit denen bereits im Spannungs- und Bündnisfall gerechnet wird, erst recht aber bei einem bewaffneten Konflikt auf deutschem Staatsgebiet im Verteidigungsfall ist davon auszugehen, dass die Opferzahl in der Zivilbevölkerung sehr hoch sein wird.“
Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall. Ein internes Arbeitspapier der evangelischen und katholischen Kirche (2, S. 12, Z. 398—401) (2).
Das neue Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland liest sich wie die Stellungnahme eines Konvents der Ahnungslosen. Das von niemandem unterzeichnete „interne Arbeitspapier“ — das allerdings veröffentlicht wurde — ist Zeugnis der intensivierten Anbiederung der Kirchen an den von der Bundesregierung vorgegebenen Plan zur Kriegstüchtigkeit und klingt, wie aus dem Halse des Friedrich Merz entnommen:
„Wie (sic!) erleben nicht nur einen Krieg in Europa, genauer in der Ukraine. Deutschland und seine europäischen Nachbarn sind jetzt schon Angriffsziel: Hybride Bedrohungen, Angriffe auf die kritische Infrastruktur, Cyberattacken sind nur einige Stichpunkte. Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen“ (2, S. 2, Z. 66—70).
Dazu im Vergleich Merz:
„Die Umstände werden vor allem von Putins Angriffskrieg gegen Europa bestimmt, es ist nämlich ein Krieg gegen Europa und nicht nur ein Krieg gegen die territoriale Integrität der Ukraine. (…) Es ist ein Krieg auch gegen unser Land, der täglich stattfindet, der täglich stattfindet. Mit Angriffen auf unsere Datennetze, mit der Zerstörung von Versorgungsleitungen, mit Brandanschlägen, mit Auftragsmorden mitten in unserem Land, mit der Ausspähung von Kasernen, mit Desinformationskampagnen (…)“ (3).
Was als Durchspielen der Szenarien von Spannungsfall, Bündnisfall und Verteidigungsfall verbrämt daherkommt, erweist sich auf den zweiten Blick als geistliche Mobilmachung. Den prägendsten Eindruck hinterlässt der kategorisch verwendete Infinitiv im Kirchenpapier:
„Im Bündnisfall wird die Hauptfunktion Deutschlands die einer logistischen Drehscheibe sein. Das heißt, durch Deutschland werden militärisches Material und Personal transportiert. Gleichzeitig werden Verwundete und Gefallene nach Deutschland zurückgebracht und von hier aus weitertransportiert werden. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sollte von einer hohen Anzahl an Verwundeten und Gefallenen ausgegangen werden“ (2, S. 4, Z. 126—131).
„Durch die zu erwartende hohe Anzahl von Verwundeten und Verletzten in der militärischen Auseinandersetzung, die nach Deutschland zurückgebracht werden, wird es darum gehen, die Strukturen der Gesundheitsversorgung auszubauen und umzustrukturieren“ (2, S. 5, Z. 154—156).
„Sowohl im Bündnis- wie auch im Verteidigungsfall werden gefallene Soldatinnen und Soldaten nach Deutschland gebracht werden. Für die Religionsgemeinschaften stellen sich hier insbesondere Fragen nach den Formen einer würdigen Bestattung und multireligiöser Trauerfeiern. Ferner ist zu fragen, in welcher Weise die Überbringung von Todesnachrichten erfolgen wird und wie diese seelsorglich begleitet werden kann“ (2, S. 5, Z. 159—163).
„Schon im Falle einer sich anbahnenden kriegerischen Auseinandersetzung wird Deutschland logistische Drehscheibe sein. Im Zusammenhang damit werden Truppen in großer Stärke zusammen mit ihrem Material durch Deutschland hindurch zu ihren Einsatzorten verlegt“ (2, S. 5, Z. 176—178).
„Es ist mit Massentraumatisierungen zu rechnen“ (2, S. 15, Z. 497).
Der grammatische Duktus der Stellungnahme lässt den Krieg als unvermeidlich eintretendes Ereignis erscheinen, dem sich niemand — am wenigsten die Kirchen — erfolgversprechend in den Weg stellen kann.
Dementsprechend gelte es, in der Bevölkerung „ein resilientes Mindset“ zu erzeugen (2, Z. 118) und die Kirchen mit „ertüchtigte(n) Seelsorgedienste(n)“ (2, Z. 374) auszustatten.
Die geplante Wehrpflicht wird dabei in keiner Weise kritisiert, sondern lediglich zum Anlass genommen, die Anzahl der Militärseelsorger zu erhöhen (2, Z. 149—150).
Unter dem Schlagwort „Empowerment“ (aus der Psychologie übernommen und so viel wie „Selbstwirksamkeit“ und „Selbstermächtigung“ bezeichnend) wird auf die veränderte Situation für Seelsorger im Kriegsfall hingewiesen; schließlich sind diese ihrerseits vom Krieg betroffen:
„Der Begriff Empowerment hat zwei wesentliche Bedeutungsbestandteile, die für schlüssige Handlungskonzeptionen als unabdingbar erachtet werden: Es geht um Befähigung und zugleich um Ermöglichung qualifizierten Handelns. Dafür sind klare Leitungsentscheidungen im jeweiligen Kontext notwendig (…)“ (2, S. 12, Z. 369—372).
„Klare Leitungsentscheidungen“ oder: eine kirchliche Einheitsfront, wie der vorherige Absatz in aller Deutlichkeit klar macht: Ohne „das öffentliche, einheitliche und ökumenische Auftreten der Kirchen auf den verschiedenen Ebenen der Zusammenarbeit in der Seelsorge und darüber hinaus“ (2, Z. 355—357) wird die Glaubwürdigkeit der Kirchen im Krisen- und Kriegsfall in Frage gestellt sein. Hierarchische Dezision, brav folgende Diözesen und Landeskirchen und vor allem die individuell gestärkte „Resilienz“ der Seelenbesorger: „Nur so wird sich die seelsorgliche Praxis bei verheerenden Ereignissen anpassen können“ (2, Z. 359—360).
Staatstragend in den Untergang
Die Absage der Kirchen an jegliche autonome Entscheidungsfindung, ihre geradezu devote Unterordnung unter den Willen von Vater Staat, findet sich in der folgenden Aussage kristallisiert:
„Die Aufgaben von Kirche sind zum Teil von der jeweiligen Lage abhängig. Diese wird durch die staatlichen Systeme festgestellt. In der Kirche wird entsprechend darauf abgestellt“ (2, S. 9, Z. 306—307).
Kanzler befiehl, wir folgen Dir … Apodiktisch abgelehnt wird dagegen ein Auftrag der Kirchen zum Zivilschutz: „Die Kirchen und ihre Seelsorgenden verantworten nicht den Zivilschutz“ (2, Z, 196).
Die Zivilbevölkerung darf sich stattdessen — in guter Tradition (4) — auf Totenmessen und, alle Achtung, Fürbitten für den deutschen Soldaten freuen:
„Für die Zivilbevölkerung werden besondere Gottesdienste und Veranstaltungen angeboten, die sich mit der Situation im Spannungs-, Bündnis- oder Verteidigungsfall auseinandersetzen. Diese greifen Aspekte von Friedensarbeit auf und fokussieren u. a. auf das Leid der Schöpfung und die Fürbitte für die Gemeinschaft und die Soldatinnen und Soldaten“ (2, S. 14, Z. 477—480).
Die Sorge der Kirchen gilt weiterhin der „würdevolle(n) Bestattung“ (2, Z. 664) der Gefallenen. „Nach Möglichkeit werden die Gefallenen im Kreise der Familie bestattet“ (2, Z. 661-662).
Da die Bundeswehr jedoch mit der Größenordnung von eintausend Toten beziehungsweise Schwerverwundeten pro Tag rechnet (5) — in den Worten der Kirche:
„Wenn die Zahl der Gefallenen sehr hoch sein sollte“ (2, Z. 665) — „werden andere Möglichkeiten des Gedenkens an die Gefallenen für die Zu- und Angehörigen außerhalb der Bundeswehr geschaffen werden müssen“ (2, Z, 666—668), sprich: Massengräber. Nicht zuletzt sollen „(n)eben dem Volkstrauertag, dem Ewigkeitssonntag und Allerseelen“ „weitere Zeiten und Orte geschaffen (werden), an denen der Gefallenen in einer besonderen Weise gedacht werden kann“ (2, Z. 712—714).
Wer weiß — vielleicht gar ein neuer Heldengedenktag?
Die Kirchen sind nicht besorgt ob des massenhaften Leidens und Sterbens im Krieg: Ihre Sorge gilt allein ihrer eigenen Glaubwürdigkeit, die sich nun einmal besonders im Übergangsritus der Bestattung beweist. Mit einem „ewigen Leben“ im Köcher stirbt sich's gleich nochmal so gut.
Die Glocken von Nagasaki
Die völlige Ignoranz des Konvents der Ahnungslosen zeigt sich an seiner Vorstellung der Aufrechterhaltung eines geordneten, normalen Lebens im Kriegsfall. So heißt es:
„Vor allem an den bekannten und ggf. vertrauten kirchlichen Orten wird seelsorgliches Handeln gefragt sein. In vielen Fällen ist dies die ortsgemeindliche Ebene bzw. die Ebene der Pfarrei, aber auch personal- bzw. anstaltsgemeindliche Orte im Analogen wie Digitalen treten in den Blick.“ (2, S. 13, Z. 416—419)
„Dabei fungieren kirchliche Orte als Schutzraum und Zufluchtsstätte. In der Zeit der Verunsicherung sind es die Kirchgebäude, die für Kontinuität und Hoffnung stehen. Sofern die technischen Möglichkeiten hierzu bestehen bleiben, schließt das digitale Orte nicht aus — im Gegenteil.“ (2, S. 14, Z. 481—484, Hervorhebung vom Autor hinzugefügt)
Der hervorgehobene Konditionalsatz ist der einzige Hinweis in dem gesamten Dokument auf Atomwaffen. Jede nukleare Explosion löst einen elektromagnetischen Puls aus, der sämtliche im Umkreis befindliche elektronische Geräte zerstört. Die Idee digitaler kirchlicher Dienstleistungen nach einem umfassenden Krieg gegen Russland überschreitet die Grenze zur Groteske.
Die „vertrauten kirchlichen Orte“ werden von einem Krieg des 21. Jahrhunderts nicht unberührt bleiben. Wer der Bevölkerung angesichts eines drohenden großen militärischen Konflikts nichts anderes anzubieten hat als Fürbitten und Neuauflagen des Heldengedenktags, der sollte sich in Demut und Buße üben, der sollte Bücher von Überlebenden des Zweiten Weltkriegs und seines abschließenden atomaren Infernos in die Hand nehmen, und nicht ohne Verstand ein drittes Mal die Blutopfer des Krieges heiligen. Die zerstörte Urakami-Kathedrale mag ein Menetekel für derlei Schweinepriester abgeben.