# Das Elend des Zwangs

Weil Kinder und Jugendliche dem institutionellen Zwang unterliegen, können sie keine eigenen Fähigkeiten ausbilden.

von 
   * Felix  Feistel

Wir leben heute in einer Gesellschaft des Zwangs. Schule, Studium, Ausbildung, Beruf, Sozialsystem: Überall wird mit Zwang regiert, um die Menschen zu erwünschten Verhaltensweisen zu bewegen. Das jedoch begünstigt nur eine kleine, besitzende Kaste, während der Rest der Menschen materiell, seelisch und geistig verwahrlost. Der Zwang erscheint oft notwendig, um ein gesellschaftliches Zusammenleben zu organisieren. Tatsächlich jedoch ist er diesem eher hinderlich und hält die Menschen davon ab, sich wirklich einbringen zu können.

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Auch wenn es den wenigsten Menschen noch auffällt, so sind wir unser gesamtes Leben lang einer Vielzahl von Zwängen unterworfen. Schon in der frühen Kindheit werden uns von außen Zwänge auferlegt, die uns zur Anpassung und Unterordnung nötigen. So müssen bereits kleine Kinder sich dem Willen der Eltern unterwerfen und etwa in den Kindergarten gehen, damit die Eltern arbeiten können. Sie müssen sich dabei nach den Vorstellungen und zeitlichen Vorgaben der Eltern richten — unabhängig davon, ob sie selbst das möchten oder nicht. Dieser Zwang rührt natürlich nicht ausschließlich von den Eltern her, denn auch diese sind einem ökonomischen Zwangssystem unterworfen, dem sie sich beugen müssen. Gleichzeitig wird aber der Zeitpunkt, an dem von den Eltern erwartet wird, sich wieder zur Lohnarbeit zu mühen, immer weiter nach vorne verschoben, sodass mittlerweile bereits Säuglinge in Kindertagesstätten gegeben werden.

Der Zwang, dem Menschen unterliegen, nimmt dann noch größere Ausmaße an, wenn sie selbst in die staatlichen — oder privaten — Formatierungsanstalten, genannt Schulen, gehen. Hier haben sie sich dem Zwang des Lehrplans zu unterwerfen, müssen sich mit Themen beschäftigen, die sie unter Umständen überhaupt nicht interessieren und in denen sie gar keinen Sinn sehen. 

> Dabei schwebt über ihnen stets das Damoklesschwert schlechter Benotung und damit einer verbauten, miserablen Zukunft in Elend und Armut. Denn nur, wer in der Schule reüssiert, der hat, so die aufgedrängte Vorstellung, Aussicht auf einen guten Arbeitsplatz und damit ein gutes Leben.

Und hier geht der Zwang dann weiter. Schließlich besteht der Sinn und Zweck dieser ganzen Zwänge darin, die Kinder auf einen Beruf vorzubereiten. Konsequenterweise werden sie lediglich darauf getrimmt, sich zukünftig in die Arbeitswelt einzugliedern und sich neuen Zwängen zu unterwerfen, die sie dazu nötigen, für die Interessen anderer statt für ihre eigenen zu arbeiten. Menschen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, haben es hier oftmals schwer. Und wer nicht gehorsam ist, sich nicht den Zwängen unterwirft, der wird ziemlich schnell rausgeworfen. Und landet dann möglicherweise in dem, was uns gerne als soziale Errungenschaft angepriesen wird: im staatlichen Sozialsystem.

Doch wer auf staatliche Sozialleistungen angewiesen ist, unterliegt neuen Zwängen. Ihm wird vorgeschrieben, was er zu tun und zu lassen hat, und er muss über jeden Cent Rechenschaft ablegen. Gleichzeitig wird mit allen verfügbaren Mitteln Druck auf ihn ausgeübt, damit er möglichst schnell wieder eine Arbeit aufnimmt und in das Sklaven- und Zwangssystem zurückkehrt. Zwang — das ist die einzige Sprache, die das ökonomische System kennt. Er wird hinter [euphemistischen Phrasen](https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/versicherer/munich-re-dax-chef-fordert-zumutungen-fuer-buerger/100123079.html) wie der von der „Leistung“, die sich „lohnen“ müsse, verborgen. Was damit aber gemeint ist, ist die Unterwerfung unter von außen auferlegte Zwänge.

Dieser Zwang, so die Überzeugung, ist dringend notwendig. Denn wie sollen denn Kinder sonst wissen, was sie für die sie in Zukunft erwartende Leistungsgesellschaft benötigen? Wie sollen sie Fähigkeiten erwerben, die für die Gesellschaft nützlich sind? Wie sollen sie zu einem nützlichen Teil, zu einem funktionierenden Rad im Getriebe der kapitalistischen Maschine werden, wenn nicht durch Zwang? Ihnen müssen die entsprechenden Kenntnisse vermittelt werden, die sie brauchen, um sich in dem System zu behaupten und ihren „Beitrag“ zu leisten.

Dabei wird jedoch gerne übersehen, worin dieser Beitrag eigentlich besteht und wem dieses System hauptsächlich nützt. 

> Es geht dabei nicht um die „Gemeinschaft“, die es in dieser Form ohnehin nicht gibt, sondern um die Taschen der besitzenden Klasse, die die Gesellschaft immer weiter auspresst und immer mehr Zwang einsetzt, um die Menschen zu immer mehr „Leistung“ zu nötigen. 

All das geschieht letztlich nur damit sich die Anteilseigner der Konzerne ihre leistungslosen Einkommen auszahlen lassen können. Denn diese lassen sich trotz Rezession [Rekorddividenden auszahlen](https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/aktien/dividende-gewinnbeteiligungen-der-dax-konzerne-auf-rekordhoehe/100112126.html), während sie gleichzeitig größere Einschnitte für die Bürger verlangen. Der Zwang dient also einem System, das gezielt die Reichen immer reicher macht und die Armen immer stärker unter Druck setzt.

Doch selbst wenn dem nicht so wäre, leidet die Vorstellung vom notwendigen Zwang an einem ganz anderen Punkt. Denn wenn schon kleine Kinder unter Zwang Dinge lernen müssen, mit denen sie eigentlich nichts anfangen können, wird dadurch ihre eigene, intrinsische Motivation zerstört. Der äußere Zwang verdrängt nämlich die eigene Motivation. Für den kindlichen Willen gibt es in diesem Zwangssystem keinen Platz. Das Kind, und später der Jugendliche, müssen sich mit vermeintlich „wichtigen“ oder „nützlichen“ Dingen beschäftigen, die keinen Raum für die Entfaltung der eigenen Interessen lassen. Denn hier wird den Kindern beständig vermittelt, dass ihre Interessen im staatlich-ökonomischen Zwangssystem keinen Platz haben, das auch die Eltern weitertragen. Was das Kind von sich aus tut, gilt bestenfalls als „alberne Spielerei“ und wird als solche nicht ernst genommen. Im schlimmsten Fall wird das Kind unter Zwang von seiner intrinsischen Motivation abgebracht, und diese damit zerstört. Dem Kind geht die Motivation, und damit der eigene Antrieb verloren. Es wird passiv und unfähig, eigenständig zu agieren und einen eigenen Willen auszubilden.

> Nicht ohne Grund steigen die Diagnosen von Depressionen und Burn-out seit Jahren an, ebenso wie die Zahl der psychischen Erkrankungen. Um einen wichtigen Teil ihrer psychischen Struktur gebracht, lassen sich die Kinder und jungen Erwachsenen vom Zwang treiben, ohne jedoch einen echten, tieferen Sinn in dem zu finden, was sie tun.

Nur jene, bei denen die Trauma-Überlebensstrategien besonders stark ausgeprägt sind können sich zumindest für eine gewisse Zeit einreden, in der Leistungsgesellschaft brillieren und für die Anerkennung von anderen leben zu wollen. Doch diese Strategie funktioniert nicht auf Dauer. Nicht umsonst sagt man, dass Geld nicht glücklich macht. Und wenn man betrachtet, wie die Milliardäre dieser Welt handeln — Bill Gates, Jeff Bezos und andere —, kann man mit einiger Sicherheit die Ferndiagnose wagen, dass es sich um zutiefst traumatisierte und sehr unglückliche Gestalten handelt.

Da Kinder von Anfang an fremdem Willen unterworfen und unter Zwang mit fremden Themen beschäftigt werden, ist es ihnen auch kaum möglich, eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entdecken und zu entwickeln. Lediglich innerhalb eines engen Korridors ist es ihnen erlaubt, bestimmte Fähigkeiten auszubilden, nämlich jene, die im späteren Leistungssystem von ökonomischem Nutzen sein werden. Das verdammt die Mehrheit der Menschen jedoch dazu, sich mit jenen Tätigkeiten abzufinden, die ihnen zwar nicht wirklich entsprechen, aber für die sie noch am ehesten eine gewisse Begabung mitbringen. Eigene Begabungen zu entwickeln, die möglicherweise keinen ökonomischen Nutzen versprechen, ist beinahe unmöglich. Dabei wäre dies die notwendige Aufgabe einer Gesellschaft. Denn nur, wenn jeder Mensch seine eigene Begabung und Begeisterung entdeckt, wird er ganz natürlich einen echten, wertvollen Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten, und ihr somit dienen, ohne dazu gezwungen werden zu müssen. Eine Gesellschaft, in der eine solche Selbstentfaltung möglich ist, würde ein höheres Maß an Zufriedenheit hervorbringen — und wahrscheinlich ganz ohne Zwänge und Profiterwartungen gerade deshalb eine Entwicklung erleben, die allen Menschen dient.

Doch unser Zwangssystem engt die Menschen stark ein und begrenzt sie auf wenige Tätigkeiten und Denkweisen, die dem System entsprechen müssen. Innovation wird damit schon in jungen Jahren die Grundlage entzogen, und die Kinder werden auf ein Leben in Mittelmäßigkeit vorbereitet, in dem sie sich von äußeren Zwängen treiben lassen. Das erklärt, warum die Mehrheit der Menschen den Coronafaschismus widerspruchslos geduldet und mitgemacht hat, und warum diese Mehrheit auch jeden anderen staatlich verordneten Wahnsinn mitmacht: Sie wurden schon von Anfang an auf strikten Gehorsam vorbereitet.

Das erklärt aber auch, warum der Berufswunsch so vieler junger Menschen heutzutage darin besteht, Influencer zu werden. In einer Gesellschaft, die von Zwängen geprägt und ganz auf Leistung getrimmt ist, verspricht jede nur mögliche Karriere lediglich Jahrzehnte der Anstrengung und der Aufopferung. Der Beruf des Influencers hingegen wirkt wie eine Möglichkeit, Lebensgenuss und Geldverdienen miteinander zu verbinden. Es sieht einfach aus — ist es allerdings tatsächlich nicht — und verspricht zudem, am endlosen Waren- und Konsumstrom teilhaben und daraus sogar eine Einnahmequelle machen zu können. Da den Kindern schon in jungen Jahren jede Initiative und jede intrinsische Motivation genommen wurde, wählen sie also den Weg mit dem vermeintlich geringsten Widerstand, um das von der Gesellschaft insgesamt vorgegebene Ziel des materiellen Wohlstands zu erreichen. Und dieser ist heute nun einmal der Weg des Influencers.

> Ebenso wenig überraschend ist es, dass sich immer weniger Menschen in dieser Gesellschaft noch einbringen wollen. Warum sollte man auch ein System unterstützen, das einen von Anfang an mit Gewalt zu überflüssigen Dingen gezwungen und dazu genötigt hat, das eigene Selbst zu unterdrücken? 

Warum sollte man einen Beitrag zu dieser Maschinerie der Gewalt leisten? Kriminalität oder Schmarotzertum am Gemeinwesen erscheinen da nicht nur einfacher, sondern auch wie ein Akt des Widerstandes gegen eine zerstörerische Maschinerie, die strukturell die Reichen auf Kosten aller anderen begünstigt. „Nach mir die Sintflut“ ist eine gesunde Geisteshaltung in einer Gesellschaft, die so verkommen und gewalttätig ist.

Statt also immer mehr Zwänge einzuführen und den Druck auf die Menschen, vor allem auf die jungen Menschen, immer weiter zu erhöhen, wäre es sinnvoller, eine Welt zu erschaffen, in der die Menschen ihre eigenen Fähigkeiten und Leidenschaften entdecken und ausleben können. Das muss sich nicht auf eine einzige Sache beschränken und kann sich im Laufe des Lebens durchaus verändern. Doch nur eine Gesellschaft, die den Menschen diese freie Entfaltung ermöglicht, bringt glückliche Menschen hervor und motiviert sie dazu, ihre Fähigkeiten in die Gemeinschaft einzubringen.

Erst dann kann eine funktionierende Gesellschaft entstehen, die sich durch eine geringe Kriminalitätsrate und das Fehlen von Ausbeutung auszeichnet. In ihr arbeiten vielmehr alle Menschen motiviert und selbstbestimmt zusammen, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Gewalt und Krieg würden dann vielleicht nicht ganz verschwinden, aber doch um einiges unwahrscheinlicher werden, ebenso wie Drogensucht oder Konsumwahn. Das käme letztlich auch der Umwelt zugute. Und erst dann entsteht eine Gesellschaft, in der man gerne Kinder großzieht, um auch ihnen ein Leben in Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Wie wäre es also, genau hier anzusetzen, um uns dieser Vision zu nähern?


