Das Ende der Illusionen
Der Sammelband „Mut zum Widerspruch“ bündelt zahlreiche Geschichten von Andersdenkenden, die deutlich machen, dass Rechtsstaat und Wissenschaft keine Konstanten mehr sind, auf die man sich uneingeschränkt verlassen kann.
Über die Weihnachts- und Neujahrstage schaut man anlässlich des Jahreswechsels gern — oder ungern — zurück und lässt sich zu einer Bewertung des Gewesenen oder gar zu einem Ausblick auf das Kommende verleiten. Die Tage waren für den Autor verregnet, und so hatte er Zeit und nichts Besseres zu tun, als auf die Weltpolitik und die heimisch deutschen Zustände zu blicken. Da kam ihm der Sammelband „Mut zum Widerspruch. Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten“ von Wolfgang Stölzle und Günter Roth gerade gelegen.
Corona liegt noch nicht lange zurück, aber 2019, vor sechs Jahren, war an Weihnachten die Welt noch unbelastet von diesem heraufziehenden Ereignis. Ich hatte, anders als andere, die zu diesem Zeitpunkt bereits hochbesorgt auf die Geschehnisse blickten, damals tatsächlich noch keinen besonderen Anlass, an allem zu zweifeln, und fand die Welt im Großen und Ganzen noch so halbwegs in Ordnung.
Natürlich war auch mir 9/11 und das, was darauf folgte, seltsam vorgekommen. Auch andere Ereignisse ließen mich verwundert zurück: der Jugoslawienkrieg der NATO, das Massaker auf dem Maidan und die Verstrickung der Amerikaner in diese Ereignisse oder die Merkel’sche Politk des „Wir schaffen das“, die mir unlogisch vorkam, um einige Beispiele zu nennen. Naturgemäß hatte ich als langjähriger Rechtsanwalt, der seit Mitte der 1990er-Jahre die Entwicklung unseres deutschen Rechtswesens notgedrungen kritisch begleitete, Grund zur Sorge und fand vieles nicht gut eingerichtet. Aber generelle Zweifel an der Politik, an der Justiz und vor allem am Einfluss der handelnden Eliten kamen mir ehrlicher gestanden nicht. Das mag man naiv nennen, aber so war es nun mal. Immerhin konnte man doch alles anders sehen und darüber frei diskutieren, so schien es mir damals noch.
Corona änderte alles
Nun, zum Jahreswechsel 2025/26, sieht das alles ganz anders aus. Corona und seine totalitären Begleitumstände, das komplette Versagen aller Staatsorgane und insbesondere der Justiz, anschließend der Ukrainekonflikt und die Reaktion des „Wertewestens“, Gaza und die Genozidpolitik der israelischen Regierung, der immer sichtbarer werdende EU-Totalitarismus mit einem Überwachungsnetz ungekannten Ausmaßes, die immer deutlicher hervortretenden Verluste von Freiheitsräumen — all das lässt mich heute an praktisch allem zweifeln, was mir lange Zeit als gesichert und glaubhaft galt.
Wo ich früher zwischen gelegentlichen Zweifeln am System noch stets die möglichen Freiräume gesucht und erkannt hatte, noch immer glaubte, gegen Fehlentwicklungen das Wort erheben zu können und auch gehört zu werden, wechselte die Grundfärbung unterdessen zu einem Grau der Alternativlosigkeit. Heute erscheint es weder möglich, Alternativen zu denken und öffentlich zu besprechen, geschweige denn solche zu fordern oder Verantwortliche für Fehlentwicklungen und ihre fehlerhaften Handlungen verantwortlich zu machen. Zweifeln wird bereits als Schritt in den Umsturz angesehen. Zweifler sind Delegitimierer. Doch galt uns aufgeklärten Menschen angeblich der Zweifel nicht als erster wichtiger Schritt in die Mündigkeit?
War das Zweifeln, war der Widerspruch gegen allzu einfache „Wahrheiten“, war dieses Hinterfragen nicht einst zwingend notwendig, um sich überhaupt eine Meinung bilden zu können? Zum Jahreswechsel frage ich mich: Wie konnte es so weit kommen?
Wie nur wurde aus dem freien und offenen Diskurs, der noch nicht abgeschlossenen und im öffentlichen Prozess befindlichen, sichtbaren Meinungsbildung, schließlich der aktuell in fast allen Gebieten unseres Lebens vorherrschende Autoritarismus des staatlicherseits verordneten „einzig Wahren und Guten“?
Dissidenten der Alternativlosigkeit
In diesen fundamentalen Zweifel hinein lese ich zum Jahreswechsel in dem kürzlich erschienenen Sammelband „Mut zum Widerspruch. Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten“, den Wolfgang Stölzle und Günter Roth herausgegeben haben (1). In fünf Kapiteln dieses Buches mit dem hübschen und sehr treffenden Titel beleuchten 21 Autorinnen und Autoren die Entstehung dieses Autoritarismus, die aktuelle Situation des Widerspruchs in Wissenschaft, Medizin, Staat und Kirche und begeben sich abschließend auf eine Spurensuche nach dem Mut zum Widerspruch. Diesen halten die Beiträger dieses wichtigen Sammelbandes nämlich für bedeutsamer denn je, auch wenn sie die Gefahren, die vorgelebter Widerspruch gegen herrschende Narrative in sich birgt, ebenso deutlich machen. Wichtig ist für die Autoren ganz ersichtlich, warum sich einer nicht einem vorgegebenen Narrativ unterworfen hat, woher dieser Mut zum Widerspruch herrührt.
Ganz zu Anfang des Bandes lese ich das Geleitwort von Michael Esfeld. Mir kommen dabei fast die Tränen, ehrlich gesagt, und das meine ich nicht sarkastisch. Seine Einleitungsbemerkungen können als Leitsatz für das gesamte Buch und für den Widerstand gegen eine als fehlgeleitet erkannte Ordnung schlechthin verstanden werden:
„Wissenschaft und Rechtsstaat sind die beiden Säulen der Moderne. Der Rechtsstaat beruht auf dem Naturrecht, nämlich dem Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Leben, das jedem Menschen kraft seiner Natur als vernünftigem Wesen zukommt. Der Rechtsstaat sichert die natürlichen Rechte von jedem, indem er jeden auf seinem Territorium vor unerwünschten Übergriffen in die Selbstbestimmung über sein Leben schützt. Darin garantiert er die Freiheit, die für das gesellschaftliche Leben, einschließlich insbesondere der Medien und der Wissenschaft, essenziell ist“ (2).
Mehr muss man eigentlich nicht sagen. In diesen wenigen Sätzen ist der gesamte, von mir lange Zeit geglaubte Fortschritt der aufgeklärten Menschheit beschrieben; so habe ich selbst es zusammen mit vielen anderen Studenten einst in der Universität gelernt, auch meine Schulzeit war von diesen Gedanken geprägt. Und heute? Was ist davon noch übrig? Was davon gilt noch?
Der Befund ist tragisch und in seiner Dramatik kaum mehr zu überbieten. Mir kommen genau deshalb fast die Tränen, weil ich weiß, es war doch alles einst anders beschrieben worden, es war doch anders gedacht gewesen.
So wie heute hatte es niemals mehr werden dürfen in diesem Deutschland. Esfeld sagt es selbst: „Beides, Wissenschaft und Rechtsstaat, haben wir zu guten Teilen verloren, wie die Beiträge in diesem Band zeigen“ (3).
Und genau das geschieht, genau dies zeigen die Beiträge, die vor allem auch Berichte über Einzelschicksale sind, einzelne Schicksale zwar, aber solche, die sinnbildlich für den breiten Verfall von Kultur und Diskurs, für die umfassende Erosion von Freiheits- und Grundrechten stehen und auch dafür, wie man sich gegen all das auflehnen und „Nein!“ sagen kann.
Da berichtet etwa die Juristin Alessandra Asteriti über den Verlust ihrer Juniorprofessur und Morddrohungen nach einem kritischen Beitrag zur Genderdebatte, den sie auf Twitter/X gepostet hatte, der Historiker Daniele Ganser über Anfeindungen im Gefolge seiner unbequemen Forschungen zu 9/11; Ortwin Rosner zeichnet die Geschichte von Ulrike Guérot nach, die nach fingierten Plagiatsvorwürfen und der hierauf gegründeten Kündigung ihrer Professorenstelle gegen die Universität Bonn kämpft; die Ärztin Carola Javid Kistel erzählt die Geschichte ihrer Exilierung, erzwungen durch 16 Maskenatteste, die sie für ihre Patienten in Erfüllung des Hippokratischen Eides (4) ausgestellt hatte; Andreas Sönnichsen beschreibt das von ihm erlebte universitäre Mobbing während der Coronazeit.
Daneben bereichern die Beiträge von Enno Schmidt, Wolfgang Stölzle, Andreas Heisler, Christian Schubert, Harald Walach, Lucian Michaelis und Martin Michaelis sowie die einführenden und abschließenden Worte von Rolf Lenzen, Günter Roth, Heike Egner und Anke Uhlenwinkel den Band.
Besonders eindringlich wirkt der Bericht des Soldaten Alexander Bittner, der für seine Überzeugung, sich nicht impfen lassen zu wollen, ins Gefängnis musste. Hier sprechen Menschen, die „Nein“ gesagt haben und sich nicht blind gehorchend dem Diktat der Herrschenden beugen wollten. Diese Einzelschicksale stehen beispielhaft für viele, die zeitgleich während der Coronajahre kritisch blieben, nicht ungeprüft glauben wollten, was ihnen von regierungsamtlichen Stellen vorgegaukelt wurde und die mit ihrem Widerstand ebenso in diesem Band versammelt sein könnten.
Zwei besondere Schicksale
Zwei Berichte beschäftigen mich besonders. Sie sprechen mich ganz ausdrücklich an, weil ich die beiden Berichterstatter persönlich kenne und als Menschen sehr schätze, ja bewundere. Sie waren für mich in der Coronazeit Leuchttürme des Mutes und der Klarheit und sind es nach wie vor. Wahrscheinlich findet jeder Leser einen anderen, individuellen Anknüpfungspunkt, was diesen Sammelband insgesamt so wertvoll macht. Meine eigene Geschichte lehnt sich vor allem an den Beiträgen von Michael Meyen und Christian Dettmar an, daher will ich diese beiden exemplarisch hervorheben.
Michael Meyens Beitrag „In der Wahrheit leben“ (5) deutet seine Verbannung aus der akademischen Welt letztlich als Befreiung und macht damit all denen Mut, die vielleicht vorschnell meinen, Widerstand sei zum Scheitern verurteilt. „Im Rückblick wirkt alles folgerichtig. Ich habe das gemacht, was ich immer gemacht habe. Forschen, lehren und nach außen tragen, was ich gerade herausgefunden hatte“ (6).
Der im Osten aufgewachsene Kommunikationswissenschaftler Meyen glaubte ursprünglich an das mit dem Umbruch 1989/90 verbundene Versprechen, nun werde alles besser, fortan werde es immer möglich sein, über alles zu diskutieren. „Der andere deutsche Staat ist auch gescheitert, weil er Gegenpositionen aus dem Debattenraum ausgeschlossen hat“ (7). Als ihm dann in den Neunzigerjahren ein professoraler Förderer noch zuruft, „Herr Meyen, niemand ist so frei wie ein Professor in Bayern“, zieht Meyen den berechtigten Schluss, man müsse diese Freiheit aber auch nutzen und sich öffentlich äußern, wenn man zu sehen glaubt, dass die Dinge falsch laufen (8). Meyen tut dies häufig, sein Hörsaal ist stets voll. Erster Ärger zeichnet sich ab, als ein Gast in seiner Vorlesung, Andreas Zumach, über „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“ spricht. Zumach hinterfragt in seinem Beitrag grundsätzlich, bezieht eine Position, spricht Punkte an, über die ein Nachdenken lohnenswert erscheint. Der Text ist auch heute noch aktuell, vielleicht aktueller denn je (9). Michael Meyen hat diese Veranstaltung ermöglicht, diesen Debattenraum seinerzeit geöffnet. Was könnte daran schlecht sein? Die Folge damals: Proteste, Meyen steht fortan „unter Beobachtung“.
Mit Beginn der Coronakrise wird Meyen nicht leiser, im Gegenteil, er schreibt bereits am 18. März 2020 von der „Medien-Epidemie“ (10). Wie Meyen sich ausdrückt, begann er damit, „öffentlich dagegen anzuschreiben“. Diesem Dagegen-Anschreiben lag ein tiefverwurzelter Glaube an die Rationalität zugrunde. Wenn etwas nur gut genug erklärt wird, würde es sich durchsetzen, schließlich handelte es sich ja um gute, vielleicht bessere Argumente, so glaubte er. Doch mit diesem Glauben an das Sagbare sollte Meyen sich irren. Schon bald erscheint in der Süddeutschen Zeitung ein Text unter der Überschrift „Ein Blog, der Unmut auslöst“ (11). Dort wird Meyen dafür kritisiert, dass er Ken Jebsen für dessen Format „KenFM im Gespräch“ gelobt hatte. Aus heutiger Sicht wird man sagen dürfen, dieser Kontakt brachte alles ins Rollen. Ein Professor der Ludwig-Maximilians-Universität lobt einen Stigmatisierten — ein Skandal.
Aus dieser Kontaktschuld ergeben sich im Folgenden alle weiteren Anwürfe gegen Meyen. „Kontaktschuld ist der Tod von Journalismus und Wissenschaft“, schreibt Meyen zutreffend. Die Institutsleitung distanziert sich von Meyen, die Mittelbausprecher fordern, ihm alle Doktoranden und Postdocs wegzunehmen, Unterschriften gegen den Professor werden gesammelt.
Treibende Kraft, so Meyen, waren bezeichnenderweise die Jungen. Er ruft einen Soziologen an, dem er hin und wieder geholfen hatte; der reagiert so: „Ken Jebsen, Michael. Das geht gar nicht. (…) Ich lerne: Wir wollen zwar Demokratie, suchen uns aber aus, wer mitmachen darf“ (12).
Im Laufe der Coronajahre nehmen die Anfeindungen kein Ende. Der Höhepunkt wird im Frühjahr 2023 erreicht, als Michael Meyen sich für zwei Ausgaben als Herausgeber der Zeitung Demokratischer Widerstand nennen läßt. Auslöser war damals sein Wunsch, den beiden Zeitungsmachern Anselm Lenz und Hendrik Sodenkamp zu helfen. Nach kurzer Zeit wurde nichts daraus, es bleibt jedoch der Vorwurf im Raum „Professor Meyen: Ein Fall für den Verfassungsschutz“. Nun brechen Kollegen, die er für Freunde gehalten hatte, den Kontakt zu ihm ab. An der Universität werden ihm die Vorlesungen abgenommen. Die Universitätsleitung schaltet die Landesanwaltschaft ein, denn nun gibt es Zweifel an Meyens Verfassungstreue. Es schließt sich ein Disziplinarverfahren an, in dessen Verlauf wir, Michael Meyen und ich, mehrfach miteinander telefonieren.
Ich hatte das Ganze schon damals als grotesk empfunden, war mir aber sicher, dass die blindwütigen Behörden dies bis zum Ende durchziehen würden. Ich selbst schwankte zwischen dem Rat, alle verfügbaren Rechtsmittel zu ergreifen, oder das Ganze einfach zu ignorieren. Im Disziplinarverfahren wird Meyen dann kurioserweise zur Last gelegt, sowohl aufgrund einer Spende an die Rote Hilfe — linksextremistisch — als auch durch ein Werbevideo für den Demokratischen Widerstand — rechtsextremistisch, wer weiß, jedenfalls Querdenker oder Verschwörungsideologen und daher Teil der sogenannten „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ — negativ aufgefallen zu sein. Verrückter geht es kaum. Am Ende wird gegen Meyen in diesem Disziplinarverfahren eine Gehaltskürzung für die Dauer von 15 Monaten um 10 Prozent verhängt.
Michael Meyen hat sich, und das ist wichtig, von den Aktionen gegen ihn nicht unterkriegen lassen. Sein Bericht über die Aktivitäten, die aus alledem entsprungen sind — ein Institut für kritische Gesellschaftsforschung etwa, Publikationen in Blogs und in Buchform, Vorträge und Gespräche (13) —, wirkt viel spannender als sein Bericht über den kalten, formalen Unibetrieb davor. Meyens zentrale Erkenntnis: „Wenn man aus dem Strom heraustritt, in dem sich die Mehrheit bewegt, wird der Wind rau. Ich musste mich verteidigen und habe so besser auf den Punkt bringen können, was ich sagen will, und manchmal überhaupt erst verstanden, worum es mir eigentlich geht“ (14). Und so hält Meyen sich an den alten Hölderlin-Spruch „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.
Berührende Zeilen sind das in seinem Bericht, wo Meyen von seinem Neuanfang erzählt. Ich weiß genau, wie er sich gefühlt haben muss. Das Erleben massiver Ungerechtigkeit, nicht angehört zu werden, die Erfahrung, wie es ist, geächtet und von seinen Freunden im Stich gelassen zu werden — und dann trotzdem oder gerade deshalb den Neuanfang zu wagen.
Noch stärker als das Hölderlin-Zitat berührt mich dann, als Meyen auf einen Text von Václav Havel rekurriert, „Versuch, in der Wahrheit zu leben“, ein kleiner und versteckter Text, den heute viele vielleicht vergessen haben, der mir selbst aber stets Richtschnur und Anhalt bot, wenn die Welt mir unerträglich und Widerstand dagegen praktisch unmöglich erschien.
Havel beobachtet eine allgemeine Unlust des Konsummenschen, etwas von seiner materiellen Sicherheit zugunsten seiner geistigen und sittlichen Integrität zu opfern, erinnert Meyen. Doch genau das wäre notwendig, überlebensnotwendig, um der staatlichen oder gesellschaftlichen Ideologie zu begegnen.
Unter dieser Ideologie versteht Havel die jeweilige „Machtinterpretation der Wirklichkeit“, und Michael Meyen ergänzt: „In meiner Sprache und auf das Hier und Jetzt gemünzt: die Realität der Leitmedien“ (15). An dieser Stelle wird deutlich, worauf es Meyen bei seinem Widerstand ankommt: Er will partout nicht in der Lüge leben. Es geht also um nichts weniger als darum, ein Leben in Wahrheit zu führen. Noch einmal zitiert Michael Meyen Václav Havel, der selbst mutig war, und meint damit im Grunde sich selbst, wenn er den Finger auf den Punkt legt, um den es geht: „Auflehnung gegen die Manipulation: Der Einzelne richtet sich auf und lebt — als Einzelner — würdiger“ (16).
Irgendwann wird ein Platz, eine Straße nach ihm benannt …
Auch Christian Dettmar, einer der wenigen Richter, die es wagten, im Rahmen ihrer Rechtsprechungsmöglichkeiten während der Coronazeit kritische Fragen zuzulassen oder selbst zu stellen, sieht ein Leben in der Wahrheit als die oberste Prämisse seines Handelns. Mit Christian Dettmar verbindet mich einiges: Er war einer der Zeitzeugen, die ich im Rahmen meiner Recherchen zu meinem Buch „Corona-Staat“ (17) befragt und dort zitiert habe. Wir standen während der letzten Jahre immer wieder in Kontakt und haben uns mehrere Male getroffen; ich hätte es als Mitbegründer des ZAAVV (Zentrum zur Aufarbeitung, Aufklärung, juristischen Verfolgung und Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschheit, (18)) gerne gesehen, wenn die Stiftung nach ihm benannt worden wäre.
Mir läuft es kalt über den Rücken, wenn er berichtet, wie ein Beamter bei der Hausdurchsuchung einen Zettel in Dettmars Wohnung findet, auf dem zwei Zitate zu lesen sind, eines von Johann Wolfgang von Goethe und eines von Gustave Le Bon. Der Ermittler überlegt, ob es sich dabei um eine „Spur“ im Rahmen der Ermittlungen handelt … Auszugsweise steht auf dem Zettel: „Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrthum um uns her immer wieder gepredigt wird“ und „Überall ist der Irrthum oben auf, und es ist ihm wohl und behaglich im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.“ So Goethe. Und ergänzend Le Bon: „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern“, und „wer sie aufzuklären versucht, (wird) stets ihr Opfer“.
Dettmar war über 26 Jahre lang Amtsrichter am Amtsgericht in Weimar. Am 20. Januar 2023 wurde er vorläufig vom Dienst suspendiert, weil er am 8. April 2021 einen bundesweit aufsehenerregenden Beschluss wegen Kindeswohlgefährdung getroffen hatte, der der Staatsraison zuwiderlief.
Sachlich und nüchtern, geradezu distanziert, berichtet Dettmar über die näheren Umstände, nennt Aktenzeichen und Termine, führt die die Prozesse begleitende Literatur auf (19). Er tut dies wie ein korrekt vorgehender Rechtswissenschaftler, der dokumentieren möchte. An den Fakten ist nicht zu rütteln. Dettmars Bericht aber steht unter der Überschrift „Wenn es auf Tatsachen nicht mehr ankommt“, und genau darin liegt der Kern des Problems. Auf die Wahrheit nach Goethe und Le Bon kam es im Verlauf der Verfahren niemandem mehr an, nur einem: Christian Dettmar. Erschüttert hat ihn nicht, dass Fragen zu Corona nicht oder falsch beantwortet wurden, „sondern, dass diese Fragen viel zu selten oder gar nicht erst gestellt wurden und vielleicht auch nicht gestellt werden sollten“.
Dettmar, das ist seinem gesamten Bericht anzumerken, drückt sich zurückhaltend aus. So habe auch ich ihn stets kennengelernt, als einen Mann, der vorsichtig in seiner abschließenden Bewertung ist, abwartend, jemand, der Wert darauf legt, alle Seiten einer Geschichte zu beleuchten und die Hintergründe ausführlich kennenzulernen, bevor er sein Urteil spricht.
Wie sehr muss es gerade einen wie ihn befremdet, ja entsetzt haben, dass ihm selbst solche Richter, die hinterfragen, die eine Prüfung auf inhaltliche Richtigkeit vornehmen, verwehrt wurden. Er muss die Erfahrung machen, dass die Gerichte, die sich in der Folge mit seinem Kindeswohlbeschluss befassen, sich mit keiner Frage und mit keinem einzigen Satz mit den zugrundeliegenden drei Gutachten auseinandersetzen und vielmehr behaupten, auf die inhaltliche Richtigkeit der Entscheidung von Dettmar komme es nicht an. Für Nichtjuristen: Ob es tatsächlich eine Gefährdung des Kindeswohls gab oder hätte geben können — die Gefahr reicht bereits aus —, ist vollkommen egal. Also selbst wenn Dettmar durch seinen Beschluss einen Schutz der beiden betroffenen Kinder bewirkt hätte, es wäre trotzdem in den Augen des Landgerichts Erfurt und des Bundesgerichtshofs rechtswidrig gewesen und Dettmar hätte falsch gehandelt. Noch mal mit anderen Worten: Er durfte als der für das Wohl der beiden Kinder zuständige Richter diese Kinder nicht schützen, er hätte sie der Gefahr weiter ausgesetzt sein lassen müssen. Wie grotesk, wie absurd!
Die Urteile gegen Dettmar sind, man kann nicht umhin, das so deutlich zu sagen, ein Skandal erster Güte; sie sind ein Justizskandal, wie es ihn in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland so noch nicht gegeben hat. Dettmar hat — und das nicht nur nach meiner Auffassung, nahezu sämtliche Kommentatoren der Urteile äußerten sich ähnlich — nicht nur richtig gehandelt — es blieb ihm geradezu keine andere Wahl. Er hat auch als fast einziger Richter einen Diskursraum eröffnet, in dem über den Inhalt der Maßnahmen fachlich abwägend hätte diskutiert werden können. Auch der Thüringer Landesregierung räumte Dettmar vor seiner Entscheidung einen Raum zur Beantwortung von Fragen und zur Einreichung eigener Gutachten ein — allein die Landesregierung reagierte im Verfahren nicht …
Dettmar schließlich wurde selbst zum Feind, ihm widmete sich die Landesregierung fortan mit Akribie, überzog einen Richter und dessen Umfeld mit Hausdurchsuchungen. Abwegig, waren doch alle Unterlagen, die für den inkrimierten Beschluss von Bedeutung waren, in der Gerichtsakte enthalten. Um Einschüchterung eines Mutigen ging es hier — und natürlich darum, andere abzuschrecken. Bestrafe einen, erziehe alle.
Dettmar hält sich in seiner Selbsterklärung, warum das alles so kam, an Hannah Arendt. Sie ist eine gute Zeugin in Zeiten des staatlichen Terrors und des Totalitarismus, denn sie weiß, dass die Bevölkerung eines totalitären Landes sich lieber an staatlich vorgegebene Propagandabotschaften hält, als den Meinungen einer Minderheit zuzuhören.
Und Dettmar rekurriert, wie Michael Meyen, auf Václav Havel. Anders als Meyen hat Dettmar aber ein persönliches Problem: Er ist als Richter im Grunde im Gefüge der Justiz unverzichtbar, wird aber im Rahmen dieses Systems wohl nicht mehr Recht sprechen dürfen. Das System hat ihn wie Meyen ausgestoßen, weil er mutig genug war, Widerstand zu leisten, Fragen zu stellen, „Nein“ zu sagen. Sein Ausschluss jedoch ist endgültiger, und er fehlt dem Justizsystem direkt, anders Michael Meyen, der weiter wirken kann, weil ihm dies seine professorale Unabhängigkeit ermöglicht. Mich ergreift das Schicksal von Christian Dettmar sehr, er ist für mich der wahre tragische Held der Coronazeit. Dettmars Bericht löst, wie im Grunde das ganze Buch, Schauder bei mir aus. Aber ich bin mir sicher, die Zeit wird kommen, da Straßen und Plätze nach Christian Dettmar benannt werden.
In diesem unverzichtbaren Buch sind die Einzelschicksale auf den ersten Blick bedrückend, für die Zukunft der Menschheit werden jedoch Exemplarbeispiele an individuellem Mut aufgezeigt, die wiederum anderen Menschen Mut machen sollten, „Nein!“ zu sagen, wenn ein Nein die einzig angebrachte Antwort ist.
Hier können Sie das Buch bestellen: „Mut zum Widerspruch: Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten“
