Das Ende der Welt

Der Krieg gegen den Iran hat die Welt schon jetzt unwiederbringlich verändert.

Bis zuletzt war unklar, ob Donald Trump den Angriff auf den Iran befehlen würde. Dann jedoch startete am 28. Februar eine massive Angriffswelle seitens der USA und Israels auf die Islamische Republik — ein Ereignis, das einen tiefgreifenden Wandel der Welt einleitete. Die Welt, wie wir sie kannten, wäre selbst dann verloren, wenn der Krieg morgen endete.

Der unprovozierte, völkerrechtswidrige Angriffskrieg der USA und Israels gegen die Islamische Republik Iran läutet das Ende der derzeitigen globalen Ordnung ein und wird die globalen Verhältnisse unwiderruflich verändern. Die wiederholte Behauptung, dass durch diesen Angriff das Völkerrecht beseitigt wurde, ist dabei nicht einmal zutreffend. Denn dieses Völkerrecht — oder die sogenannte „regelbasierte Ordnung“ — war schon lange nichts weiter als ein Schlagwort, hinter dem reine Machtinteressen verborgen wurden. Dessen Untergang wurde bereits beim Angriff der USA auf Venezuela, beim Ausbruch des Krieges in der Ukraine und bei anderen Angriffskriegen der USA in der jüngeren Vergangenheit beschworen. Das Völkerrecht hat solche Akte nie verhindert und die UN waren immer schon hilflos im Angesicht der Machtambitionen der Atommächte.

Der Wandel, der sich schon lange ankündigte, aber über Jahre eher schleichend vonstattenging, hat nun schlagartig einen Kulminationspunkt erreicht — und deshalb überschlagen sich die Ereignisse. Er betrifft aber keine theoretische, rechtliche oder moralische Ordnung, sondern sortiert die faktischen ökonomischen und politischen Verhältnisse neu.

Das Ziel der USA und Israels in diesem Krieg wird als Verhinderung einer iranischen Atomwaffe und Befreiung des iranischen Volkes angegeben. Beides ist nichts als ein Vorwand. Denn entgegen aller Propaganda entwickelt der Iran sehr wahrscheinlich — zumindest bislang — keine Atomwaffen. Bereits in den frühen 2000er- Jahren hat der mittlerweile verstorbene Ayatollah Ali Khamenei eine Fatwa, also ein religiöses Gesetz verabschiedet, das die Entwicklung einer Atomwaffe verbietet. Zwar könnte man annehmen, dass es sich dabei um einen Propagandaakt handelte, allerdings muss man sich dabei vor Augen führen, dass der Iran von streng religiösen Menschen beherrscht wird. Dass es um die Befreiung des Iran von einem mörderischen Terrorregime geht, ist ebenso auszuschließen. Denn die USA und Israel haben kein Problem damit, mörderischen Terror gegen die Bevölkerung des Iran auszuüben.

Eigentlich geht es um ganz andere Dinge. Der Iran ist der einzige verbliebene Gegenspieler Israels in der Region. Er ist das finale Ziel, nachdem der ganze Nahe Osten in den vergangenen 25 Jahren dramatisch umgekrempelt und auf eine pro-westliche und pro-israelische Linie gezwungen wurde. Die zionistische Bewegung, die Israel und die USA derzeit beherrscht, strebt ein Großisrael an, also die regionale Vorherrschaft im Nahen Osten. Die USA wiederum nutzen diesen Konflikt in ihrer größeren Strategie, ihre globale Vorherrschaft gegen Russland und China zu behaupten. Hier spielt der Iran mit seinen Erdöl- und -Gasreserven eine wichtige Rolle und muss daher als souveräner Staat beseitigt werden.

Selbst der angeblich anvisierte Regime-Change kann dabei nichts als eine Ablenkung sein. Denn wenn selbst einem mittelmäßigen Journalisten wie dem Autor bekannt ist, dass eine „Enthauptung“ der Regierung aufgrund der dezentralen Befehlsstruktur nicht funktionieren wird.

Auch der Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass sich die Bevölkerung eher hinter die Regierung stellt, als gegen sie aufzubegehren. Denn selbst wenn die Iraner unzufrieden mit der derzeitigen Regierung sind und sie am liebsten absetzen würden, scheint das Interesse an einer Fremdherrschaft durch ein US-Marionettenregime kaum vorhanden zu sein.

Die USA und Israel setzen wahrscheinlich auf eine andere Strategie — eine, die kaum öffentlich geäußert wird, aber immer mal wieder durchscheint: die Balkanisierung des Iran. Denn der Iran ist kein einheitlicher Nationalstaat. Die herrschende Ethnie der Perser macht Schätzungen zufolge nur etwa 38,5 Prozent der Bevölkerung aus. Daneben gibt es Kurden, Aserbaidschaner, verschiedene Turkvölker und andere Ethnien. Und während die Perser zwar das Zentrum des Iran dominieren, so sind in anderen Regionen, insbesondere in den Grenzgebieten, andere Ethnien vorherrschend.

Ein solches Staatsgebilde zusammenzuhalten ist schwierig, die einzelnen Gruppen gegeneinander aufzuhetzen leicht. Gerade in der Region gibt es ein Thema, mit dem sich ein solches Land spalten lässt: Wasser. Der Iran leidet, wie alle Staaten am Persischen Golf, unter einer enormen Wasserknappheit. Das Land verbraucht mehr Wasser, als es hervorbringt. In der Folge trocknet es langsam aus.

Bereits im vergangenen Jahr machte eine Wasserkrise Schlagzeilen — auch hier im Westen. Der Kampf um die Wasserressourcen ist für die USA und Israel eine gute Möglichkeit, die einzelnen Volksgruppen gegeneinander aufzubringen. Denn Wasser ist existenziell, und wer am Rande seiner Existenz steht, kümmert sich nicht um abstrakte Ideen wie die einer Nation oder eines gemeinsamen Staates.

Es ist daher keine Überraschung, dass die USA damit anfangen, die Kurden in der Region zu bewaffnen. Diese Strategie haben sie schon gegen die syrische Regierung unter Assad angewendet — mit der Folge, dass die Kurden große Teile Syriens unter ihre Kontrolle gebracht haben. Allerdings haben die USA die Kurden, die schon lange für einen eigenen Staat kämpfen, im vergangenen Jahr einfach fallen gelassen und der neuen Regierung in Syrien gestattet, die kurdischen Gebiete wieder in Syrien zu integrieren. Ob die Kurden sich nach diesem Verrat noch einmal auf die USA verlassen, scheint daher fragwürdig.

Hinzu kommt die große Gruppe der Aserbaidschaner im Iran. Tatsächlich lebt der größte Teil der Aserbaidschaner nicht in Aserbaidschan, sondern im Iran. Es kann daher kaum ein Zufall sein, dass ein Flughafen in der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan unter Beschuss geriet — wobei die iranische Seite wiederholt bestritt, diesen angegriffen zu haben. Es spricht vieles für eine False-Flag Operation um Aserbaidschan in den Krieg mit dem Iran zu verwickeln — bisher erfolglos. Eine Wasserkrise könnte jedoch das aserbaidschanische Volk gegen die Regierung aufbringen. Daher verwundern Berichte darüber, dass die israelisch-US-amerikanische Koalition eine Entsalzungsanlage angegriffen haben, nicht.

Das Problem der Wasserknappheit betrifft allerdings auch Israel. Ein großer Teil der Wasserversorgung stammt in der gesamten Golfregion aus Entsalzungsanlagen, die Meerwasser in Trinkwasser umwandeln.

Auch der Iran ist sich der strategischen Bedeutung dieser Wasserknappheit bewusst und hat daher Berichten zufolge bereits Entsalzungsanlagen in Israel angegriffen. Israel könnte dadurch ein ähnliches Schicksal erleiden, wie es die USA und Israel für den Iran vorsehen.

Verliert der Iran diesen Krieg, könnte die instabile Lage in der Region weiter eskalieren, etwa durch verstärkte lokale Konflikte und Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen und politischen Gruppen. Auch in anderen Golfstaaten gerieten Entsalzungsanlagen unter Beschuss. Allerdings bestreitet die iranische Seite auch hier, Urheber der Schläge gewesen zu sein. Denkbar sind auch in diesen Fällen False-Flag-Operationen seitens Israels, um die Golfstaaten in den Krieg mit dem Iran zu verwickeln. Ein solcher großer Krieg würde die Region und mit ihr die ganze Welt auf dramatische Weise umkrempeln.

Doch die entscheidenden Veränderungen sind bereits eingetreten. Dazu gehört sicherlich die Schließung der Straße von Hormus. Zwischen 25 und 30 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls und Erdgases passieren diese schmale Passage. Sie ist damit eine der wichtigsten Lebensadern der globalen Ökonomie. Besonders betroffen von den ausbleibenden Lieferungen ist dabei Asien. Denn beinahe 90 Prozent der Öl- und Gaslieferungen, die die Straße von Hormus passieren, gehen nach Asien. Beinahe 38 Prozent der Gesamtmenge geht allein nach China.

Der Iran und die Golfstaaten sind wichtige Zulieferer der chinesischen Wirtschaft mit Öl und Gas. Aber auch Indien und Südkorea sind stark betroffen. Europa erhält zwar nur einen kleinen Teil seiner Energie über die Straße von Hormus, allerdings hat die EU bereits auf andere Öl- und Gasquellen verzichtet — nämlich die günstige Versorgung aus Russland. Daher trifft die Schließung der Straße von Hormus auch Europa.

Zusätzlich ist die ganze Welt von einem dramatischen Anstieg der Energiepreise betroffen. Die ohnehin schwächelnde Wirtschaft der EU, der USA, Kanadas und anderer Staaten wird unter dieser Belastung noch weiter zusammenbrechen. Die angespannte Situation in Deutschland, die sich etwa dadurch ausdrückt, dass der deutsche Staat im Januar 2026 ganze 79 Prozent weniger Einnahmen aus der Körperschaftssteuer erhielt, als im Jahr zuvor — eine Entwicklung, die sich durch die globalen Schocks noch verschärfen dürfte. Ebenso ergeht es dem Rest der EU.

Chinas Wirtschaft wiederum, die stark abhängig von Ölimporten ist, könnte unter dem Druck ebenso zusammenbrechen. Steigende Preise dürften zu einer deutlichen Abschwächung führen, die globale Nachfrage sinken lassen und langfristige Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Wenn China schwächelt, dann hat das dramatische Folgen für die Welt.

Auch die US-Wirtschaft könnte unter den Folgen zusammenbrechen. Der Druck entsteht dabei sowohl an der Börse als auch durch die mögliche Destabilisierung des Petrodollars. Grund dafür ist, dass die Reaktionen des Iran schon jetzt die Geschäftsmodelle der Golfstaaten ernsthaft gefährden. Dabei handelt es sich einerseits natürlich um das Ölgeschäft: Viele Jahre lang haben die Golfstaaten Erdöl und -gas in die ganze Welt exportiert — gegen US-Dollar, was wesentlich zur Stabilisierung der US-Währung und damit der US-Wirtschaft beitrug. Mit der Schließung der Straße von Hormus brach dieses Geschäftsmodell praktisch zusammen.

Diese US-Dollar, welche die Golfstaaten durch die Erdölexporte verdienen, fließen nicht nur in die Taschen der Scheichs, sondern auch in den US-amerikanischen Aktienmarkt. 2024 hatten die Staaten insgesamt 812 Milliarden US-Dollar in den US-Aktienmarkt investiert. Das entsprach etwa 1,3 Prozent des Gesamtvolumens des US-amerikanischen Aktienmarktes. Seitdem sind die Werte jedoch enorm gestiegen, da die Investitionen in die KI-Blase auch von den Golfstaaten ausgingen. Der Aktienmarkt war der einzige verbliebene Wachstumstreiber für die US-Wirtschaft. Durch den Krieg sind die Börsenwerte gesunken. Der Konflikt könnte zudem einen Abzug der Mittel der Golfstaaten bewirken — zumindest aber weitere Investitionen verhindern. Auch wenn die prozentualen Anteile klein erscheinen, entziehen die Golfstaaten auf diese Weise hunderte Milliarden US-Dollar dem Aktienmarkt.

Die Golfstaaten verfügen über einen Reichtum, der für viele Menschen kaum vorstellbar ist, und haben damit gigantische Städte mit schillernden Fassaden errichtet. Dennoch sind die Staaten im wahrsten Sinne des Wortes „auf Sand gebaut“.

Die arabische Halbinsel besteht größtenteils aus Wüste, und die errichteten Städte sind stark von Importen abhängig — vor allem von Nahrungsmitteln. Die Staaten importieren 85 Prozent ihrer Lebensmittel. Manche Grundnahrungsmittel wie Reis oder Weizen sogar vollständig. Auch hier spielt die Straße von Hormus eine zentrale Rolle: Sie ist die Lebensader der Staaten. Wird sie geschlossen, versickert der „Lebensstrom“ der Lebensmittel — die Golfstaaten würden hungern.

Hinzu kommt, dass der Krieg schon jetzt zu einem Exodus aus der Region führt. Besonders betroffen sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Denn das Konzept, Dubai als Stadt für Milliardäre und Influencer aus anderen Ländern zu verkaufen, ist durch die ersten Raketen- und Drohnenangriffe auf Luxushotels weitgehend gescheitert. Bis dahin war Dubai ein Paradies für Kryptomillionäre und Influencer — weil sie hier steuerfrei in Luxus schwelgen und durch die Zurschaustellung ihres Lebensstils im Internet zusätzlich verdienen konnten. Die Stadt war so stark auf Influencer ausgerichtet, dass sie fast wie eine einzige Kulisse wirkte. Jährlich veranstaltete sie das „1 Billion Follower Summit“, bei dem sich Influencer aller Länder versammelten. Der Zuzug reicher Menschen, überwiegend aus dem Westen, war maßgeblich für den Immobiliensektor, aber auch für die Gastronomie und die Hotels. Bleibt der Strom westlichen Geldes aus brechen diese Sektoren stark ein.

All diese Influencer und Millionäre sind jetzt gar nicht mehr so begeistert von Dubai — denn das Versprechen auf Sicherheit und Luxus kann nicht länger erfüllt werden, daher sind sie auch die ersten, die den Staat verlassen — oder es zumindest versuchen. Grundsätzlich ist der Ausländeranteil in den Golfstaaten enorm. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind über 80 Prozent der Bevölkerung Ausländer — davon allein 80 Prozent Arbeitsmigranten. Diese Arbeitsmigranten sind aber nicht diejenigen, die Luxushotels und -restaurants besuchen. Diese hängen am Tropf der prozentual geringen Menge von Influencern. Gehen nun auch noch die Arbeitsmigranten aufgrund des Konfliktes in ihre Heimatländer zurück, hört der Staat faktisch auf zu existieren.

Selbst die Erdölförderung ist nun nicht mehr garantiert. Denn in den ersten Tagen des Krieges wurden auch Erdölraffinerien von Militärschlägen getroffen — wobei unklar ist, ob es sich um iranische Angriffe oder um False-Flag-Aktionen seitens Israel und der USA handelt, die die Golfstaaten in den Krieg hineinziehen sollen. Bislang leugnet der Iran jeden Angriff auf die Ölinfrastruktur der Staaten. Die Erdölproduktion wurde in einigen Ländern — einschließlich des Iraks — heruntergefahren. Damit sind die Geschäftsmodelle dieser Staaten massiv gefährdet. Auch andere Industrien mussten reduziert werden. Die Golfstaaten fürchten zudem weitere Schläge auf die Energieinfrastruktur oder Entsalzungsanlagen.

Die vielen Billionen an Petrodollar—sofern das Öl überhaupt noch gefördert werden kann — werden für die Golfregion zunehmend nutzlos. Sie können nicht mehr gegen Nahrungsmittel eingetauscht werden, wodurch die luxuriöse Fassade der ansonsten auf Sklaverei und Ausbeutung aufgebauten Staaten in sich zusammenbricht. Infolgedessen fliehen die meisten Menschen aus diesen Ländern.

Der größte Profiteur der derzeitigen Situation ist wahrscheinlich Russland. Denn aufgrund des Einbruchs der Erdöl- und Gasproduktion in den Golfstaaten wenden sich vor allem die asiatischen Staaten Russland als neuem Lieferanten zu. Russland hat sich stets als verlässlicher Partner erwiesen und pumpt am Rande seiner Kapazitätsgrenze Öl und Gas in Richtung China; auch Indien wird beliefert. Dabei profitiert das Land von den gestiegenen Erdölpreisen. Die aktuelle Situation hat gezeigt, wie brüchig die Lebensader am Golf ist, und wird viele Staaten dazu bringen, ihre Versorgungsinfrastruktur zu diversifizieren — mit Russland als großem Gewinner.

Der größte Fehler der USA und Israels war vermutlich die Ermordung des religiösen Führers des Iran, Ali Khamenei. Denn bei ihm handelte es sich nicht nur um den Staatsführer der islamischen Republik. Er war der religiöse Führer der schiitischen Muslime. Seine Ermordung ist vergleichbar mit der Tötung des Papstes für die Katholiken. Viele Katholiken wären im Falle der Ermordung des Papstes sehr erzürnt — vergleichbar ist die Reaktion der Schiiten auf den Tod Khameneis.

Die iranische Führung hat nach seiner Ermordung verkündet, dass der Iran sich nicht in einem einfachen Krieg befinde, sondern in einem Dschihad — einem religiösen Konflikt. Das betrifft alle Schiiten weltweit. Der Iran verwandelt den Krieg damit in einen religiösen Konflikt, der zu einer Erhebung der schiitischen Gemeinschaft weltweit führen könnte.

Diese Erhebung hat zumindest schon begonnen: In Pakistan und Bahrain, wo es große schiitische Minderheitengruppen gibt, kam es bereits zu ersten Aufständen. In Pakistan wurden bei einem Versuch, das US-amerikanische Konsulat in Karachi zu stürmen, mehrere Menschen getötet. Die Aufstände in Bahrain konnten — mit der Unterstützung saudischer Soldaten — niedergeschlagen werden.

Auch die Schiitische Hisbollah im Libanon ist in den Krieg eingetreten und hat wieder damit begonnen, Drohnen und Raketen auf Israel abzufeuern. Dies zwang Israel, Luftangriffe auf den Libanon zu fliegen und eine weitere Bodenoperation in dem Land zu starten — und verlängerte damit die Front. Ebenso haben die schiitischen Milizen im Irak US-Basen unter Beschuss genommen. Die Huthis im Jemen halten sich bislang merkwürdig zurück, könnten sich aber jederzeit auf Seiten des Iran in den Krieg einschalten.

Die Schiiten stellen innerhalb des Islams eine Minderheit dar; etwa 90 Prozent der Muslime sind Sunniten, die den Schiiten gegenüber feindlich gesinnt sind. Daher sind die Schiiten im Laufe der Geschichte immer wieder Opfer von Verfolgung geworden — und haben daraus eine hohe Resilienz entwickelt. Das stiftet eine Einheit unter ihnen, die sich auf der Gegenseite nicht findet. Die Sunniten, vor allem in den Golfmonarchien, sind weniger spirituell und eher materialistisch orientiert. Für die Schiiten hingegen gilt jeder gefallene Kämpfer, jedes Opfer feindlicher Angriffe, als Märtyrer. Diese Menschen geben nicht so leicht auf — das US-Imperium dürfte sich an ihnen die Zähne ausbeißen.

Der religiöse Aspekt dieses Konfliktes könnte sich weiter ausweiten. Die derzeit sunnitisch geprägten Golfstaaten sowie andere muslimische Staaten werden überwiegend von Diktatoren regiert, die in der Bevölkerung sehr unbeliebt sind. Fallen die Golfstaaten aufgrund von Rebellionen und Unruhen, könnte sich dieser Niedergang auf die gesamte muslimische Welt ausweiten. Der Krieg gegen die USA würde dabei eine starke religiöse Komponente annehmen, in der sich der Iran als neuer Führer der muslimischen Welt herausbilden könnte. Dieser Wandel könnte auch den Zerfall des Iran verhindern — indem die gemeinsame Religion und der Angriff von außen eine einheitliche Identität stiften. Und die muslimische Welt ist riesig: nicht nur der Nahe Osten, sondern auch große Teile Afrikas und Asiens gehören dazu.

Eine solche muslimische Erhebung dürfte zu großen Konflikten innerhalb westlicher Gesellschaften führen, in denen viele muslimische Migranten in den vergangenen Jahren untergekommen sind. Einige davon könnten sich radikalisieren und den Dschihad in den Westen tragen. Weitere Flüchtlinge aus der Region könnten diesen Effekt zusätzlich verschärfen und die westlichen Gesellschaften weiter destabilisieren — vor allem, da auch hier im Westen der Wohlstand, an dem sie partizipieren könnten, zunehmend schwindet.

Zu guter Letzt hat der Iran sehr wahrscheinlich bislang davon Abstand genommen, Atomwaffen zu entwickeln, weil der bisherige Ayatollah Ali Khamenei dies aus religiösen Gründen ablehnte. Khamenei galt dabei noch als vergleichsweise gemäßigt in seiner außenpolitischen Strategie. Sein Nachfolger könnte hingegen deutlich kompromissloser und ideologisch radikaler agieren — genau das wird erwartet — und damit den Dschihad nicht nur noch extremer verfolgen, sondern auch den Bau einer Atomwaffe in Erwägung ziehen, selbst wenn dies religiöse Vorbehalte berührt. Doch ein atomarer Schlag ist auch ganz ohne dieses Szenario eine reale Gefahr. Mindestens zwei der involvierten Staaten — USA und Israel — sind Atommächte. Und Israel agiert in der Außenpolitik nach der sogenannten Samson-Option — eine Strategie der massiven Vergeltung, die vorsieht, im Falle eines drohenden Untergangs des Staats massive Atomschläge auszuführen— und zwar auch auf unbeteiligte Staaten in Europa.

Auch ein drohender Fall des Iran könnte eine atomare Reaktion auslösen. Denn Russland und China könnten sich den Niedergang des Iran nicht leisten, da der Staat integraler Bestandteil ihrer geopolitischen Ambitionen und auch des BRICS-Bündnisses ist. Ein US-Marionettenregime in dieser Region oder ein Zerfall des Landes würde die Stellung der beiden Mächte erheblich schwächen. Daher könnten sie in einem solchen Fall intervenieren und stünden direkt den USA und Israel gegenüber.

Die Gefahr eines Nuklearkrieges bleibt somit real. Hinzu kommt, dass auch im Nahen Osten ein Teil der Energie aus Atomkraft gewonnen wird. Angriffe auf ein solches Atomkraftwerk könnten ein Szenario zur Folge haben, das mit Tschernobyl oder Fukushima vergleichbar wäre. Solche Angriffe auf Nuklearanlagen haben Im Iran Berichten zufolge schon stattgefunden. Zu verifizieren sind sie aufgrund der Zensur in all den beteiligten Staaten jedoch nicht.

Doch auch, wenn all diese Schreckensszenarien ausbleiben und der Krieg schon morgen beendet würde, sind viele dramatische Veränderungen schon jetzt unwiderruflich eingetreten. Der Krieg gegen den Iran war vielleicht der größte Fehler des US-Imperiums. Er wird die USA und Europa ebenso umkrempeln wie die Golfstaaten und den gesamten Nahen Osten.