Das geht uns alle an
Durch laute Privatgespräche verwandeln besonders „wichtige“ Zeitgenossen ein Bahnabteil mitunter in eine große Bühne.
Es gibt Menschen, die ihr Telefon benutzen. Und es gibt solche, die darin eine wunderbare Möglichkeit erkennen, Fremde ungefragt in ihr Privatleben mit einzubeziehen. Schließlich wäre es geradezu unhöflich, ein persönliches Gespräch nur mit der Person zu führen, die man tatsächlich angerufen hat. Warum sollte man anderen diese wertvolle Erfahrung vorenthalten? Eine satirische Expedition in die Welt der unfreiwilligen Zuhörer, der öffentlichen Privatgespräche und einer erstaunlich hartnäckigen Überzeugung: Wenn mein Telefon funktioniert, muss der Rest der Welt eben zuhören.
von Hans Casteels, unfreiwilliger Teilnehmer an deiner Scheidung, fremden Darmtätigkeiten und dem Disziplinarverfahren gegen Brenda.
Es gibt eine ganz bestimmte Art, ein Telefon zu halten, die jedem in der Nähe signalisiert, dass sein Nachmittag gleich schlechter werden wird. Das Gerät liegt flach in der Hand, knapp unterhalb des Mundes, wie ein Eis am Stiel, an dem der Besitzer nur widerwillig lecken möchte. Der Kopf ist nach vorn geneigt.
Die Lippen nähern sich dem Ladeanschluss. Und dann beginnt das Gespräch — in einer Lautstärke, die geeignet wäre, in einem Steinbruch ein vermisstes Kind auszurufen.
Irgendwo in diesem sündhaft teuren Stück Technik befindet sich ein vollkommen funktionierender Hörer, dort angebracht von Menschen, die offenbar davon ausgegangen waren, dass der Käufer ein Ohr besitzt.
Der Rest von uns wird ungefragt Teil eines Gesprächs über Untersuchungsergebnisse, Eheversagen, Darmtätigkeiten oder Brenda aus der Buchhaltung. Brenda ist offenbar völlig unfähig, obwohl sie möglicherweise die einzige Person in der ganzen Organisation ist, die weiß, wie Kopfhörer funktionieren. Wir hören die Anschuldigung. Wir hören die Gegendarstellung. Wir hören, wie jemand fragt, ob Brenda bei der E-Mail in Kopie gesetzt wurde. Danach herrscht eine Stille, in der ein kompletter Eisenbahnwaggon insgeheim darauf hofft, dass Brenda sich einen Anwalt genommen hat.
Ich lebe seit 1979 in Kanada. Ich kam mit einem Akzent aus Antwerpen an und mit der Fähigkeit, ein Gespräch zu führen, ohne dabei den gesamten Raum um mich herum zu beschallen. Wenn jemand, der erst kürzlich hier angekommen ist, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, in eine Freisprecheinrichtung brüllt, finde ich das genauso nervtötend, wie wenn jemand, dessen Familie seit sechs Generationen hier lebt, dasselbe auf Englisch tut.
Eine andere Sprache zu sprechen, macht ein Gespräch nicht privat. Es verhindert lediglich, dass ich genau weiß, warum Sie seit elf Minuten Ihren Bruder anschreien.
Ich würde auf keine der beiden Varianten besonderen Wert legen, obwohl ich allmählich Verständnis für Ihren Bruder entwickle.
Und seien wir ehrlich bezüglich dessen, was wir tatsächlich wissen. Man kann die Einwanderungsgeschichte eines Menschen nicht daran erkennen, in welcher Sprache er in ein Samsung brüllt. Der Mann könnte letzten Donnerstag angekommen sein oder in Scarborough geboren worden sein. Seine Staatsbürgerschaft ist mir unbekannt. Seine Lautstärke jedoch ist umfassend dokumentiert. Ich benötige keine weiteren Informationen, um mir ein Urteil über sein Verhalten zu bilden.
Die Position des Telefons bleibt faszinierend. Diese Leute halten es direkt vor ihr Gesicht, nah genug, um hineinzubeißen, und beschweren sich dann, dass sie nichts hören können. Zum Zuhören führen sie den Lautsprecher ans Ohr, zum Antworten bewegen sie ihn wieder zum Mund und wiederholen dieses Manöver die nächste halbe Stunde lang. Sie haben das Funktionsprinzip eines Telefons eigenständig rekonstruiert und weigern sich gleichzeitig, den dafür vorgesehenen Teil zu benutzen. Das anzusehen ist, als würde man einem Mann dabei zusehen, wie er Wasser in seinem Hut trägt, während er einen leeren Eimer in der Hand hält.
Im Zug erhält die Vorstellung ein unfreiwilliges Publikum. Ein Mann setzt sich auf seinen Platz und beginnt sofort Geschäfte zu tätigen, mit der Überzeugung, dass der Kauf eines Tickets ihn zu einem Büro mit vierzig unbezahlten Mitarbeitern berechtigt. Er braucht die Zahlen bis Donnerstag. Mit Kevin hat er bereits gesprochen. Er ist sehr enttäuscht darüber, wie die Sache gehandhabt wurde. Wir kennen ihn seit vierzig Sekunden und verstehen bereits, warum Kevin seine Anrufe nicht mehr beantwortet.
Der Geschäftsmann möchte, dass wir hören, dass er beschäftigt, gefragt und konsultiert wird. Was bei uns ankommt, ist leider ein Mann, der „circle back“ in ein Rechteck sagt, während er seine Taschen nach einem Kassenbon durchsucht. Seine Autorität leidet zusätzlich, als die Person am anderen Ende ihn bittet, Toilettenreiniger mitzubringen. Für einen kurzen, wunderschönen Moment weiß der gesamte Waggon, welchen Stellenwert er in der Organisation hat.
Dann gibt es noch den häuslichen Streit, in voller Länge übertragen. „Darüber diskutiere ich jetzt nicht“, verkündet jemand, bevor er siebzehn Minuten lang genau das tut. Anschuldigungen werden wiederholt, weil die Verbindung schlecht ist, was denjenigen von uns, die den ursprünglichen Vorwurf verpasst haben, die nützliche Gelegenheit gibt, aufzuholen. Bei der dritten Wiederholung habe ich eine Meinung über die Ehe. Bei der vierten überlege ich, ob die Person am anderen Ende mit Brenda vielleicht glücklicher wäre.
Diese unfreiwillige Intimität ist erstaunlich. Menschen, die sich beschweren würden, wenn ein Fremder einen Blick auf ihren Bildschirm wirft, verkünden die Konsistenz ihres Stuhlgangs neben den Supermarkt-Birnen.
Der Gesprächspartner am anderen Ende weiß möglicherweise nicht einmal, dass er gerade die Obst- und Gemüseabteilung anspricht. Er glaubt, seine Schwester angerufen zu haben. Seine Schwester hat ihm stillschweigend einen öffentlichen Auftritt verschafft.
Medizinische Telefonate sind besonders düster. Irgendwo ist eine Person verängstigt, beschämt oder versucht zu verstehen, was ihr ein Arzt gesagt hat, während der Besitzer des Telefons entschieden hat, dass dies über die Freisprecheinrichtung neben der Backtheke geklärt werden kann. Es gibt durchaus legitime Gründe, die Freisprecheinrichtung zu benötigen, etwa Hörprobleme oder andere Behinderungen. Die meisten von uns können unterscheiden, ob jemand versucht, mit einer solchen Schwierigkeit zurechtzukommen, oder ob jemand mit einem Einkaufskorb herumläuft und brüllt: „WAS HABEN SIE ÜBER DAS REKTUM GESAGT?“, während er einen Sauerteiglaib begutachtet.
Videoanrufe eröffnen zudem die Möglichkeit, auf einer Familienfeier anderer Leute aufzutauchen, ohne sich dafür entsprechend angezogen zu haben. Ein Gesicht auf einem Bildschirm wird dem Café vorgestellt, dann schwenkt das Telefon herum und man stellt fest, dass man Teil der Führung ist. Sie sind auf einen Kaffee hereingekommen. Jetzt hat eine Tante auf einem anderen Kontinent Sie dabei gesehen, wie Sie mit der konzentrierten Scham eines Mannes ein Gebäckstück essen, der gerade behauptet hat, er habe keinen Hunger. Niemand hat Sie gefragt, ob Sie daran teilnehmen möchten. Der Besitzer der Kamera zeigt bereits auf jemand anderen.
Und während all das geschieht, vollführen die Erwachsenen ringsum die vertraute öffentliche Choreografie von Menschen, die versuchen, ihre Wut zum Ausdruck zu bringen, ohne sich einzumischen. Ein Blick. Ein längerer Blick. Ein Platzwechsel, der sie die Aussicht kostet, für die sie bezahlt haben. In Kanada räuspert sich vielleicht schließlich jemand, was ungefähr der letzte diplomatische Schritt vor Sanktionen ist. Der Anrufer bemerkt nichts davon.
Ein Mensch, der in der Lage wäre, das Unbehagen anderer zu erkennen, hätte sich vor zwölf Minuten verdammt noch mal die Kopfhörer eingestöpselt.
Schließlich sagt jemand: „Könnten Sie bitte den Lautsprecher ausmachen?“ Die Wortwahl ist fast schon absurd höflich. Wir fragen, ob es dem Betreffenden etwas ausmachen würde, Lärm abzustellen, den er allen anderen aufgedrängt hat — als handele es sich um ein persönliches Opfer, das sorgfältig ausgehandelt werden müsse. Und trotzdem folgt oft ein verletzter Blick und ein: „Ich telefoniere gerade.“ Ja. Das ist die eine Tatsache über Sie, die wir zweifelsfrei festgestellt haben.
Der kleine, hässliche Trick dabei ist, dass derjenige, der um gewöhnliche Rücksicht bittet, plötzlich zum Störenfried wird. Das Gespräch lief vollkommen reibungslos, bis jemand etwas dagegen sagte. Nun muss der Anrufer seinem Gegenüber auf dem Bildschirm erklären, dass sich „jemand beschwert“ — meistens, während er den Beschwerdeführer direkt ansieht. Ein kompletter Waggon kann zwanzig Minuten lang gestört werden, aber sobald ein Fahrgast fünf Sekunden lang etwas sagt, haben wir plötzlich einen schwierigen Menschen.
Ich erwarte nicht, dass ein Zug, ein Café oder ein Supermarkt still ist. Menschen unterhalten sich. Kinder weinen. Jemand lässt einen Löffel fallen. und einen Raum mit anderen zu teilen bedeutet, manches davon auszuhalten. Was mich zermürbt, dass zusätzlich noch eine zweite Person aus dem Lautsprecher zu hören ist, die überhaupt nicht anwesend ist — und dass gleichzeitig vorausgesetzt wird, alle anderen könnten das einfach ertragen. Kopfhörer gibt es. Das Telefon funktioniert. „Ich rufe Sie zurück“ ist nach wie vor ein vollständiger Satz, für den man kein Abonnement braucht.
Ich vermute, manche Anrufer genießen es, ein Publikum zu haben, selbst ein feindseliges. Andere haben sich so sehr daran gewöhnt, jeden Moment nach ihrem eigenen Komfort auszurichten, dass die Leute, die neben ihnen sitzen, kaum noch wahrgenommen werden.
Sie würden sofort bemerken, wenn ich mich hinüberbeugen und anfangen würde, mich am Gespräch zu beteiligen. Anscheinend muss ich das gesamte Gespräch anhören, während ich gleichzeitig die Grenzen eines privaten Telefonats wahren soll. Das ist eine ziemlich ambitionierte Erwartung an einen Fremden, der ohnehin schon mehr über Ihren Dickdarm erfährt, als er je wissen wollte.
Eines Tages werde ich vielleicht das Seitenblicke-Werfen und das Räuspern aufgeben und der Stimme aus dem Lautsprecher antworten. Vielleicht sollte ich mein eigenes Telefon hervorholen und verkünden: „Ja, die Affäre ist vorbei. Seine Frau kann ihn wiederhaben, aber ich will meine Auflaufform zurück. Und sagen Sie dem Pfarrer, wenn er mich noch einmal kontaktiert, schicke ich die Fotos an den Bischof. Besonders das mit der Salatzange.
Dann würde ich eine Pause machen, die plötzlich aufmerksamen Gesichter um mich herum betrachten und sagen: „Entschuldigen Sie, ich dachte, wir führen hier inzwischen alle gemeinsam unsere Privatgespräche.“
Redaktionelle Anmerkung: Dieser Artikel erschien zuerst am 19. September 2026 unter dem Titel: „Your Phone Is on Speaker. The Rest of Us Are Considering Your Funeral“ und wurde von Silvia Lorenz für Manova übersetzt.