Das Gespenst des Mangels
Um Konkurrenzdenken und Verteilungskämpfe zu beenden, müssen wir die Illusionen durchschauen, auf denen diese beruhen.
Es ist nicht genug für alle da — dieser Gedanke hat die Macht, Kriege herbeizuführen und große Zerstörung zu schaffen. Der Glaube an den Mangel fördert Gefühle wie Neid, Eifersucht, Gier und Angst und mündet in dem Gedanken, wir seien zu viele. In einem utilitaristisch orientierten System wird töten damit moralisch vertretbar. Es ist die Angst vor Mangel, die unsere niedersten Eigenschaften nährt und die aus auf Kooperation ausgerichteten Gemeinschaften gnadenlose Konkurrenzsysteme macht. Wer dieses Monster nicht mehr will, darf es nicht mehr füttern. Er muss an das heran, was ihn letztlich das Leben kosten kann: seine Illusionen.
Am Anfang war das Paradies. Der Mangel kam in die Welt, nachdem der Mensch die ursprüngliche Fülle hinter sich ließ, das Land, in dem Milch und Honig fließen, und das heute auch viele Neugeborene nicht mehr kennen. Mit dem Mangel kam die Angst, nicht genug vom großen Kuchen abzubekommen, der einmal allen geschenkt wurde. Sie entstand, als einige wenige die Elemente privatisierten und den Zugang zur Quelle versperrten.
Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Verluste. Mit der fortschreitenden Messbarkeit wurde dem Menschen nach und nach genommen, was einmal allen gehörte. Im Laufe der Zeit vergaß er, was er einmal konnte, und verlor nicht nur die Fertigkeiten, die es braucht, um Pyramiden und Kathedralen zu bauen, sondern zunehmend auch die Fähigkeit, mit seinen Händen etwas anzufangen.
So geht es nun an unser Gehirn und die Auslagerung auch unserer mentalen Fähigkeiten. Viele leben nicht mehr selbst, sondern lassen sich künstlich am Leben halten. Was bleibt, ist armseliger Tand, der über die Verkehrsadern der Welt transportiert wird und der uns in der Illusion hält, wir hätten heute mehr.
Institutionalisierte Knappheit
Wir haben vor allem mehr zum Wegwerfen. Das Haben hat den Hunger nicht gestillt. Was andere haben, das will ich auch.
Zusammen mit der Gier verleitet der Neid zu immer neuen Käufen. Es ist nie genug. Das ist der Treibstoff eines Wirtschaftsmodells, das auf Mangel basiert und die Angst schürt, das Erstandene und Angesammelte wieder verlieren zu können oder gar nicht erst nicht abzubekommen.
Nudeln und Klopapier werden knapp. Nicht genug Spritzen für alle. Nicht alle kommen hinein.
Gasleitungen wurden gesprengt, Energiequellen zum Versiegen gebracht, Transportwege gesperrt, Industriezweige zerstört, Gelder für Kriege verschwendet, der Mittelstand geschwächt und Armut und Zwist regelrecht provoziert. Ernten werden durch Feuer zerstört, Brunnen verschlossen, Wälder geopfert. Vielleicht schon im kommenden Sommer müssen wir uns darauf einstellen, in den Klimalockdown geschickt zu werden und zugeteilt zu bekommen, was wir zum Überleben brauchen.
Welche Kräfte auch dahinterstehen: Aus der natürlichen Fülle wurde künstliche Knappheit und aus Kooperation Konkurrenz. Ursprünglich einzigartige Wesen wurden in Lernfabriken geschickt, in denen man sie in Klassen einteilte und ihnen beibrachte, sich mit anderen zu vergleichen und sich an ihnen zu messen.
Fatale Glaubenssätze
Der Vergleich ist der kleine Bruder der Angst vor dem Mangel. Er bringt die Menschen gegeneinander auf. Bin ich besser? Bin ich schlechter? In keinem Fall bin ich gut so, wie ich bin. Der Mensch muss erst zurechterzogen werden. Aus ihm soll einmal etwas werden — so als wäre er es nicht schon.
Ein ganzes System arbeitet daran, den Menschen klein zu machen und uns in ein Gefängnis zu sperren, in dem wir uns gegenseitig misstrauisch beäugen, anstatt an den Schlüssel zu kommen, der in die Freiheit führt.
Diesen Schlüssel wird man uns nicht geben, wenn wir darum bitten. Auch dann nicht, wenn wir es sehr laut tun oder Gewalt anwenden. Wir müssen ihn in gewisser Weise selbst schmieden.
Zunächst gilt es, ein Feuer zu entfachen, in das wir das werfen, was uns einprogrammiert wurde: Ich bin nicht gut genug. Andere sind besser als ich. Ich bin es nicht wert. Ich muss mir meinen Platz erst verdienen. Doch ich muss das nicht tun. Ich muss mich nicht mit anderen vergleichen. Ich muss nichts beweisen. Ich muss mich nicht dafür rechtfertigen, so zu sein, wie ich bin.
Den Schlüssel schmieden
Jeder von uns ist einzigartig. Jeder hat seinen Platz. Wer das erkennt, der tritt aus dem Mangeldenken heraus und stellt sich den Eigenschaften, die dafür sorgen, dass wir immer wieder in den Kampfmodus verfallen: Neid, Eifersucht und Angst, nicht zu bekommen oder nicht halten zu können, was wir wollen.
Diese Eigenschaften gehören zum Menschsein mit dazu. Wir alle haben sie mehr oder weniger stark ausgeprägt in uns. Sie verleiten uns dazu, aggressiv zu werden, wenn sich jemand anderes für unseren Lebenspartner interessiert, wenn jemand etwas bekommt, von dem wir glaubten, es stünde uns zu, oder den Job hat, den wir auch wollen.
Neid und Eifersucht machen aus Freunden Konkurrenten und aus Nachbarn Feinde. Sie machen uns missgünstig, unzufrieden, kontrollierend und tyrannisch. Das merken vor allem die anderen. Diese Eigenschaften nicht anzuerkennen, trennt uns nicht nur von ihnen, sondern schneidet uns auch von einem guten Teil unseres Potenzials ab. Denn wer seine Schwächen verleugnet, kann auch seine Stärken nicht wirklich entwickeln.
Ganz werden
In der dualen Welt, in der wir leben, existieren die Dinge in Gegensatzpaaren. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Wer seinen Geiz nicht sehen will, kann nicht wirklich großzügig sein.
Wer seine Abneigung nicht akzeptiert, kann keine echte Zuneigung leben. Wer seine Grenzen nicht anerkennt, kann sich auch nicht wirklich öffnen. Und wer seine Angst vor dem Mangel nicht sehen mag, wird die Fülle nicht wirklich erleben können.
Wir können das nicht wegstoßen, was wir nicht wollen. Es ist wie ein Tor, durch das wir hindurchmüssen. Ja, ich habe alles und sein Gegenteil in mir. Alles zusammen macht mich zu einem lebendigen Menschen und stößt den Entwicklungsprozess in mir immer wieder an.
Frust und Lust, Mut und Wut, Ruhm und Ruin — sie gehören zusammen. Diese Erkenntnis brauchen wir, um wieder heil zu werden, ganz. „Ich sehe dich“ ist die Zauberformel für die schöpferische Kraft, die wir benötigen, um den Schlüssel zu schmieden, der uns aus dem Gefängnis des Mangels befreit.
Die Knoten lösen
Hinschauen auch dort, wo es unbequem ist, und uns mit unserem hellen und unserem dunklen Potenzial annehmen — damit befreien wir vielleicht nicht gleich die Welt. Doch wir retten unser eigenes Leben. Denn es macht krank, sich in Illusionen zu wiegen. Das mussten nicht nur die erfahren, die sich haben spritzen lassen in der Einbildung, es geschehe im Sinne ihrer Gesundheit.
Wer an seinen Illusionen festhält, verdreht die Dinge, bis sie ihm passen, und verhält sich entsprechend. So entstehen energetische Verknotungen. Es fließt nicht mehr. Etwas ist blockiert. Auf der einen Seite bildet sich ein Zuviel und auf der anderen ein Zuwenig. Das Gleichgewicht ist gestört. Das ist der Boden, auf dem Krankheit gedeiht. Kein Heilstrom kann uns erreichen, wenn wir unnachgiebig und undurchdringlich bleiben. Wir werden nicht wieder gesund.
Nur Öffnung kann uns helfen, Beweglichkeit, Transparenz. Ja, ich kann auch sein, was ich nicht sein will. Es ist in Ordnung. Ich bin Mensch. Und ich bin einzigartig. Ich muss mich nicht vergleichen, nicht rechtfertigen, meinen Platz in der Welt nicht erst verdienen. Ich muss nicht kämpfen. Ich muss mich nicht beweisen. Ich bin hier. Für mich ist gesorgt. Was sagt wohl der Mangel, wenn wir das erkennen? Hat er dann noch Macht über uns?