Das Hitze-Narrativ

In der Debatte um das Klima spielt die von Medien verwendete Sprache eine entscheidende Rolle.

Bei dem Thema Klima scheiden sich die Geister. Die einen erachten den Klimawandel als dramatische und drängende Gefahr für das Überleben der Menschheit, die anderen zweifeln daran, dass es ihn überhaupt gibt. Zwischen diesen beiden Positionen existieren selbstverständlich Grautöne und so wäre grundsätzlich eine gute Basis gegeben, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Leider funktioniert das aktuell weniger gut. Die Vertreter unterschiedlicher Positionen kommen nur selten ergebnisoffen miteinander ins Gespräch und wie immer, wenn sich der Diskurs derart verhärtet, verhärtet auch die Sprache. Man versucht mit Worten den Gegner ins Abseits zu stellen, noch bevor ein Gespräch begonnen hat. Der folgende Text hinterfragt die Begriffe, die in Bezug auf das Klima häufig verwendet werden: Klimaleugner, Klimanotstand oder Klimaschützer. Begriffe, die derartig viel Wertung enthalten, sind ungeeignet, um ein Thema fair und sachlich zu erörtern.

Wie Sprache die Klimadebatte lenkt

Eine bequeme Lüge können viele Menschen leichter ertragen als eine unbequeme Wahrheit. Die Wahrheit verlangt, dass man nachdenkt, zweifelt, recherchiert und möglicherweise sogar lieb gewonnene Überzeugungen aufgibt. Eine fertige Erzählung ist angenehmer. Sie teilt die Welt in Gut und Böse, Täter und Retter, Wissende und Leugner. Deshalb beginne ich diese Artikelserie über Klimalüge und Klimadiktatur nicht mit Temperaturkurven, CO₂-Werten oder Klimamodellen. Ich beginne mit der Sprache.

Bevor Menschen bereit sind, politische Maßnahmen zu akzeptieren, müssen sie zunächst lernen, die Welt in den dafür vorgesehenen, den Politikern genehmen Begriffen zu betrachten. George Orwell schrieb in seinem Roman 1984 über den Zweck des sogenannten Neusprechs (1):

„Das ganze Ziel des Neusprechs besteht darin, den Bereich des Denkens einzuengen.“

Orwell beschreibt eine Sprache, deren Wortschatz gezielt verkleinert wird. Bestimmte Gedanken soll schließlich niemand mehr aussprechen können, weil ihm die dafür notwendigen Begriffe fehlen. Der Roman handelt von einem totalitären Staat. Den beschriebenen Mechanismus — wer die Sprache verengt, verengt auch den Raum der zulässigen Gedanken — nutzen die Macht- und Besitzeliten und ihre politischen, medialen und wissenschaftlichen Handlanger umfangreich.

Dieser Mechanismus ist auch in der Klimadebatte zu erkennen.

Wer Zweifel an einzelnen Klimaprognosen, politischen Maßnahmen oder Berechnungsmodellen äußert, wird häufig nicht mehr als Kritiker oder Skeptiker bezeichnet. Er wird zum „Klimaleugner“. Damit ist die Diskussion im Grunde bereits beendet.

Ein Leugner prüft nicht, zweifelt nicht und argumentiert nicht. Er verweigert sich einer angeblichen, offenkundigen Wahrheit. Der Begriff Klimaleugner in einer „Scheindebatte“ ersetzt oft fehlende evidenzbasierte Argumente, welche die Argumente des „Leugners“ widerlegen könnten. In der Corona-Ära war bei Politikern und Medien diese unredliche und im Faschismus gerne angewendete Umgangsweise mit Andersdenkenden täglich zu erleben. Sie bezeichneten Personen, die das offizielle Narrativ anzweifelten, als Coronaleugner, Schwurbler, Verschwörungstheoretiker und dergleichen mehr.

So wird aktuell folgerichtig aus dem Bürger, der nach der Wirksamkeit deutscher Klimapolitik fragt, ein „Klimasünder“. Wer höhere Abgaben, Verbote oder staatliche Eingriffe unterstützt, darf sich dagegen als „Klimaschützer“ oder sogar als „Klimaretter“ fühlen. Der eine wird moralisch herabgesetzt, der andere moralisch erhöht. Noch bevor Zahlen auf dem Tisch liegen, sind die Rollen verteilt.

Auch der Begriff „Klimanotstand“ ist keineswegs neutral. Im Notstand ist jede lange Diskussion vertane Zeit. Er verlangt schnelles Handeln. In einem Notstand erscheinen Einschränkungen, Abgaben und Verbote leichter begründbar als im politischen Normalbetrieb. Wer widerspricht, gilt dann nicht mehr als kritischer Bürger, sondern als jemand, der die angeblich notwendige Rettung behindert.

Ähnlich funktioniert das Wort „alternativlos“. Wenn eine Maßnahme alternativlos ist, erübrigt sich jedes Gespräch über Alternativen. Was in dieser Welt ist bitte alternativlos? Schwachsinn Frau Merkel! Blödsinn, Herr Merz! Ob CO₂-Bepreisung, Heizungsgesetz, Verbrennerverbot, Emissionshandel oder milliardenschwere Transformationsprogramme: Sobald eine politische Entscheidung als die einzig mögliche Antwort auf eine existenzielle Gefahr dargestellt wird, schrumpft der demokratische Raum. Und genau das ist vom Imperium der Lügen — den Macht- und Besitzeliten und ihren politischen, medialen und wissenschaftlichen Prostituierten — so gewollt. Welcher Dämon wiederum die Macht- und Besitzeliten reitet, steht auf einem anderen Blatt und ist nicht Gegenstand dieser Betrachtung.

An diesem Punkt wird mithilfe begrifflicher Instrumente aus Politik Glauben. Wissenschaftlicher Konsens wird dann nicht mehr als gegenwärtiger Stand wissenschaftlicher Erkenntnis verstanden, der grundsätzlich überprüfbar und korrigierbar bleiben muss. Er wird zu einer Art Glaubenssatz. Wer ihn infrage stellt, gilt als „wissenschaftsfeindlich“. Wer auf Unsicherheiten hinweist, verbreitet angeblich „Desinformation“. Wer nach Interessenkonflikten, Modellannahmen oder wirtschaftlichen Folgen fragt, gerät unter Rechtfertigungsdruck.

Orwell schrieb bereits 1946, politische Sprache könne dazu verwendet werden, Lügen wahr erscheinen zu lassen und bloßen Behauptungen den Anschein von Festigkeit zu geben. Damit meinte er nicht die Klimadebatte. Aber sein Gedanke lässt sich auf jede politische Auseinandersetzung anwenden, in der Sprache nur noch der Verschleierung dient. Mit der Sprache haben die Menschen auch gleichzeitig die Möglichkeit zur Lüge in die Welt gesetzt.

Deshalb lohnt es sich, in der Klimadebatte genau auf die verwendeten Begriffe zu achten.

Was bedeutet „klimaneutral“ tatsächlich? Kann ein Staat, ein Unternehmen oder ein Flug klimaneutral sein, oder handelt es sich dabei häufig um rechnerische Kompensationen?

Was bedeutet „erneuerbare Energie“, wenn Windräder, Solaranlagen, Stromnetze, Speicher und Rohstoffe keineswegs ohne immensen Materialverbrauch entstehen?

Was bedeutet „Klimaschutz“, wenn zugleich aufgerüstet, Krieg geführt und zerstörte Infrastruktur anschließend wieder aufgebaut wird?

Und was bedeutet „wissenschaftlicher Konsens“, wenn der in einer Demokratie notwendige Meinungspluralismus nicht mehr zugelassen wird?

Ich behaupte in dieser Artikelserie nicht, die endgültige Wahrheit zu kennen. Niemand kennt sie. Ich suche nach ihr. Dazu gehört für mich, auch unbequeme Fragen zu stellen und Begriffe nicht deshalb zu übernehmen, weil sie täglich wiederholt werden.

Orwells Warnung beginnt nicht erst bei offener Zensur. Sie beginnt dort, wo Menschen ihre Gedanken bereits selbst begrenzen, weil sie wissen, welche Fragen und Überlegungen gesellschaftlich erwünscht sind und welche nicht. Hier wirkt die von Elisabeth Noelle-Neumann beschriebene „Schweigespirale“, die stille Selbstzensur, auf die ich im nächsten Kapitel eingehen werde. Die Gedankenpolizei aus 1984 musste in die Köpfe der Menschen eindringen. Die wirkungsvollere Form der Kontrolle beginnt jedoch dort, wo der Mensch selbst darauf achtet, keinen verdächtigen Gedanken mehr zuzulassen. Wer nicht als Klimaleugner gelten möchte, schweigt. Wer seine berufliche Stellung nicht gefährden möchte, passt sich an. Wer gesellschaftlich dazugehören möchte, wiederholt die anerkannten Begriffe. Und irgendwann fragt niemand mehr, ob eine Aussage richtig ist. Dann wird nur noch geprüft, ob sie innerhalb des erlaubten Meinungskorridors liegt. Ab diesem Zeitpunkt hat der Glaube das Denken ersetzt.

Warum Angst stärker wirkt als Argumente

Warum lassen sich Millionen Menschen von denselben Botschaften beeinflussen? Warum lösen manche Bilder eine gewaltige öffentliche Reaktion aus, während nüchterne Zahlen kaum Beachtung finden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der französische Arzt und Sozialpsychologe Gustave Le Bon bereits vor mehr als hundert Jahren. Seine Erkenntnisse über das Verhalten von Menschenmengen gehören bis heute zu den Grundlagen der Massenpsychologie.

Le Bon schrieb (2):

„Die Massen denken in Bildern, und die hervorgerufenen Bilder rufen ihrerseits weitere Bilder hervor, ohne irgendeinen logischen Zusammenhang.

An anderer Stelle beschreibt er:

„Nicht Tatsachen, sondern die Art, wie sie dargestellt werden, beherrscht die Vorstellungskraft der Massen.“

In diesen Worten liegt ein entscheidender Schlüssel zum Verständnis der heutigen Klimadebatte. Ich habe den Eindruck, dass kaum jemand sich seine Meinung über den Klimawandel aufgrund wissenschaftlicher Originalarbeiten bildet. Die meisten Menschen orientieren sich an Bildern, Schlagzeilen und emotionalen Botschaften. Das ist eine menschliche Eigenschaft. Niemand kann täglich Hunderte wissenschaftlicher Veröffentlichungen lesen. Also verlassen sich die meisten auf das, was ihnen Medien, Politik oder sogenannte Experten vermitteln.

Deshalb prägen sich nicht Diagramme oder Messreihen in unser Gedächtnis ein, sondern Bilder: brennende Wälder, schmelzende Gletscher, ausgetrocknete Flussbetten, überflutete Straßen oder leidende Eisbären. Solche Bilder wirken unmittelbar. Sie lösen Betroffenheit, Angst oder Schuldgefühle aus. Statistische Einordnungen oder wissenschaftliche Unsicherheiten wirken dagegen nicht so intensiv und oft abstrakt, sodass sie nur einen kleinen Teil der Öffentlichkeit mental erreichen.

Le Bon war das schon vor gut 130 Jahren klar. Er beschrieb bereits Ende des 19. Jahrhunderts, dass Menschenmengen weniger auf logische Argumente reagieren als auf starke Bilder, einfache Botschaften und wiederholte Erzählungen. Je häufiger eine Aussage wiederholt wird, desto vertrauter erscheint sie — und Vertrautheit wird leicht mit Wahrheit verwechselt.

Deshalb sollte man in der Klimadebatte nicht nur fragen, welche Bilder gezeigt werden, sondern auch, welche Bilder kaum gezeigt werden.

Warum zeigen uns die Medien wochenlang brennende Wälder, aber seltener Berichte über Regionen, in denen sich Wälder erholen?

Warum werden einzelne Extremwetterereignisse oft sofort als Beleg für den Klimawandel interpretiert, während historische Vergleiche oder natürliche Klimaschwankungen in der öffentlichen Debatte häufig weniger Raum einnehmen?

Warum erzeugt eine dramatische Schlagzeile mehr Aufmerksamkeit als eine differenzierte wissenschaftliche Einordnung?

Das sind keine rhetorischen Fragen. Es sind Fragen, die jeder Leser für sich selbst beantworten sollte.

Le Bon macht noch auf einen weiteren Mechanismus aufmerksam: Die Masse sucht nach einfachen Erklärungen. Komplexität ist anstrengend. Deshalb setzen sich einfache Erzählungen meist leichter durch als differenzierte Analysen. Auch in der Klimadebatte ist dieser Wunsch nach Einfachheit immer wieder zu sehen: Hier das CO₂ als zentrale Ursache, dort die CO₂-Reduktion als zentrale Lösung. Ob komplexe klimatische Prozesse tatsächlich so einfach erklärt und auch gelöst werden können, ist eine der Fragen, denen ich in den folgenden Kapiteln nachgehen werde.

Le Bons Werk liefert keine Antworten auf die Klimafrage. Es liefert jedoch einen Schlüssel zum Verständnis, warum bestimmte Botschaften so große Wirkung entfalten können. Wer verstehen will, wie öffentliche Meinungen entstehen, sollte zu diesem Thema deshalb Psychologen und Soziologen lesen, Klimaforscher haben davon keine Ahnung. Bevor Menschen politische Maßnahmen akzeptieren, müssen sie zunächst überzeugt werden, dass eine bestimmte Wirklichkeit existiert. Die Psychologie beschäftigt sich mit diesem Weg — vom Bild im Kopf bis zur festen Überzeugung, und die Soziologie mit den Mechanismen, die zwischen Menschen ablaufen.

Damit stellt sich die nächste Frage: Was geschieht, wenn aus der natürlichen Neigung des Menschen zur Anpassung ein gesellschaftlicher Konformitätsdruck wird? An diesem Punkt setzt der deutsche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz mit dem Begriff der Normopathie an. Dieser Begriff wurde bereits Anfang der 1970er-Jahre geprägt. Maaz hat ihn aufgegriffen, weiterentwickelt und wie kaum ein anderer auf gesellschaftliche Entwicklungen angewendet.

Wenn Anpassung zur Krankheit wird

Warum schweigen so viele Menschen, obwohl sie Zweifel haben? Warum stellen sie Fragen nur noch im privaten Kreis, aber kaum noch öffentlich? Warum übernehmen sie Meinungen, die sie selbst nie überprüft haben?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Hans-Joachim Maaz seit vielen Jahren. Dabei hat er den Begriff der Normopathie zu einem zentralen Bestandteil seiner Gesellschaftsanalyse gemacht.

Maaz beschreibt Normopathie als eine übersteigerte Anpassung an gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Menschen übernehmen Verhaltensweisen und Überzeugungen nicht deshalb, weil sie sie nach sorgfältiger Prüfung für richtig halten, sondern weil sie dazugehören möchten. Anpassung wird zur Normalität — und darin liegt nach Maaz die eigentliche Gefahr.

Maaz formuliert dazu (3):

„Mit ‚Normopathie‘ ist eine Anpassung einer Mehrheit von Menschen einer Gesellschaft an eine Fehlentwicklung, an pathogenes psychosoziales Verhalten gemeint, dessen Störung nicht mehr erkannt und akzeptiert wird, weil eine Mehrheit so denkt und handelt.“

Dieser Gedanke hat mich insbesondere während der Coronazeit nachdenklich gemacht.

Nicht weil ich glaube, dass jede Mehrheitsmeinung falsch wäre — auch wenn die Geschichte lehrt, dass die Mehrheit meist irrte. Das wäre jedoch ebenso unscharf wie die Behauptung, jede Mehrheitsmeinung müsse richtig sein. Entscheidend ist etwas anderes:

Wie viele Menschen bilden sich ihre Meinung tatsächlich aufgrund eigener Recherche?

In der Klimadebatte beobachte ich häufig folgenden Mechanismus. Viele Menschen sagen nicht: „Ich habe mich intensiv mit Klimamodellen, Messreihen oder der Erdgeschichte beschäftigt und bin deshalb zu dieser Überzeugung gekommen.“
Sie sagen vielmehr:

„Die Wissenschaft ist sich doch einig.“

Ist sie übrigens absolut nicht.

„Das sagen doch alle Experten.“

Bei solchen Aussagen sollte man vorsichtshalber der Spur des Geldes folgen.

„Das weiß man doch inzwischen.“

Wer ist bitte „man“? Ich? Sie?

An dieser Stelle beginnt für mich das eigentliche Problem. Nicht echte Überzeugung steht hinter diesen Aussagen — deswegen muss ihre Herkunft hinterfragt werden. Stammen sie aus eigener Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema oder aus gesellschaftlicher Anpassung?

Maaz beschreibt den Menschen als soziales Wesen. Jeder möchte dazugehören. Niemand wird gerne ausgegrenzt, verspottet oder als Außenseiter behandelt. Dieses Bedürfnis ist zutiefst menschlich. Gleichzeitig macht es uns anfällig für Konformitätsdruck.

Je größer der gesellschaftliche Druck wird, desto größer wird die Versuchung, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen — selbst dann, wenn man innerlich Zweifel hat.

Dieser Mechanismus ist auch in der Klimadebatte zu erkennen. Wer heute grundlegende Fragen stellt — etwa zur Aussagekraft von Klimamodellen, zur Wirksamkeit einzelner Maßnahmen oder zu den wirtschaftlichen Folgen der Klimapolitik —, muss damit rechnen, als „Klimaleugner“, „wissenschaftsfeindlich“ oder „unsolidarisch“ abgestempelt zu werden. Dass diese Etiketten in den meisten Fällen nicht gerechtfertigt sind — damit beschäftige ich mich in späteren Kapiteln. Es ist auch nicht so wichtig, ob man mit seiner Meinung eher falsch oder richtig liegt, entscheidend ist die Wirkung der Diffamierung, Diskreditierung und Etikettierung: Viele Menschen vermeiden kritische Fragen, weil sie die sozialen Konsequenzen fürchten.

Für Maaz ist das ein Kennzeichen normopathischer Entwicklungen. Nicht der offene Zwang ist das eigentliche Problem. Sondern der innere Zwang, sich anzupassen.
Besonders hellhörig wurde ich bei einem weiteren Gedanken von Hans-Joachim Maaz. Er weist darauf hin, dass gesellschaftliche Krisen häufig dazu führen, dass dieselben Institutionen oder politischen Akteure, die eine Bedrohung definieren oder in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken, sich zugleich als diejenigen präsentieren, die über die einzig richtige Lösung verfügen. Daraus folgt nicht automatisch, dass Krisen bewusst erzeugt oder inszeniert werden — auch wenn das bei Corona zweifelsfrei der Fall war. Es zeigt jedoch einen Mechanismus politischer Macht: Wer die Krise — auch bei Nicht-Existenz — definiert und eventuell an deren Planung beteiligt war, gewinnt häufig erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der Lösung. Der Retter!

Deshalb sollte niemand vorgeschlagene Lösungen ungeprüft übernehmen. Die Coronazeit hat aus meiner Sicht viele Menschen gelehrt, staatliche Maßnahmen, mediale Narrative und politische Begründungen kritischer zu hinterfragen. Wer einmal beginnt, unabhängig vom Narrativ zu denken, gibt sich nicht mehr so leicht mit einfachen Erklärungen oder vermeintlich alternativlosen Lösungen zufrieden. Die politische Philosophin Hannah Arendt sah im eigenständigen Denken die wichtigste Voraussetzung menschlicher Urteilskraft. Für sie bestand die eigentliche Gefahr im Nicht-Denken. Ihr berühmter Satz „Es gibt keine gefährlichen Gedanken; das Denken selbst ist gefährlich“ bringt genau das zum Ausdruck. Wer beginnt, selbst zu denken, hinterfragt Gewissheiten, prüft Begründungen und gibt sich nicht mehr mit einfachen Antworten zufrieden. Darin liegt die befreiende Kraft des Denkens.

Deshalb halte ich es für gefährlich, wenn Machthaber Skepsis bewusst zum Makel degradieren. Skepsis ist wichtig und gut! Nicht die Skepsis gefährdet die Demokratie, sondern derartig agierende Machthaber. Demokratie lebt nicht vom Mitlaufen.

Demokratie lebt davon, dass Bürger Fragen stellen — besonders dann, wenn nahezu alle dieselbe Antwort zu kennen glauben.

„Wo all dasselbe denken, wird nicht viel gedacht.“
Karl Valentin

Vielleicht ist kritisches Denken heute weniger eine Frage der Intelligenz als vielmehr eine Frage des Mutes. Denn gegen die Mehrheit zu denken, war zu allen Zeiten unbequem.

Wenn Angst den Blick verengt

Warum fällt es Gesellschaften in Krisenzeiten so schwer, kritische Fragen überhaupt noch zuzulassen? Warum entsteht häufig der Eindruck, es gebe nur noch eine richtige Sichtweise und nur noch einen akzeptablen Lösungsweg?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der belgische Psychologe Mattias Desmet. Er entwickelte seine Theorie der Massenbildung aufgrund der Beobachtung, dass Menschen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen bereit sind, einfache Erklärungen und weitreichende Maßnahmen zu akzeptieren (4).

Desmet beschreibt vier Voraussetzungen, die Massenbildung besonders begünstigen: weit verbreitete soziale Isolation, das Gefühl mangelnder Sinnhaftigkeit, frei schwebende Angst und eine allgemeine Unzufriedenheit, die sich keinem konkreten Auslöser zuordnen lässt. Treffen diese Faktoren zusammen, steigt nach seiner Auffassung die Bereitschaft vieler Menschen, sich hinter einer gemeinsamen Erzählung zu versammeln und einer zentralen Lösung zu folgen.

Seinen Denkansatz halte ich für äußerst aufschlussreich. Er lenkt den Blick weg von der Frage, ob eine bestimmte politische Maßnahme richtig oder falsch ist, und hin zu einer viel grundsätzlicheren Frage: Warum schließen sich in Krisenzeiten plötzlich so viele Menschen derselben Sichtweise an? Warum werden komplexe Zusammenhänge häufig auf wenige, scheinbar eindeutige Erklärungen reduziert? Die Klimadebatte bietet ein anschauliches Beispiel dafür. Seit Jahren wird sie von Begriffen geprägt, die ein Gefühl permanenter Bedrohung vermitteln: Klimanotstand, Kipppunkte, Hitzekatastrophen, Jahrhundertdürre, Artensterben oder gar das drohende Ende unseres Planeten. Wo Angst entsteht, wächst verständlicherweise auch der Wunsch nach Sicherheit — und mit ihm die Bereitschaft, weitreichende politische Maßnahmen zu akzeptieren — auch wenn sie mit der Einschränkung der persönlichen Freiheit und des eigenen Wohlbefindens verbunden sind. Man kämpft ja schließlich gegen einen gemeinsamen Feind, nicht wahr, ob das jetzt das böse Virus und seine Verharmloser, der böse Wladimir Putin und seine Versteher oder der „menschengemachte“ Klimawandel und seine Leugner sind. Schulter an Schulter, Brüder und Schwestern, das schafft Verbundenheit! So einfach ist das! Nein, ist es nicht!

Desmet weist darauf hin, dass Angst den Blick des Menschen verändern kann. Wer sich bedroht fühlt, sucht Orientierung. Komplexe Zusammenhänge erscheinen dann oft weniger attraktiv als einfache Erklärungen. Gleichzeitig wächst die Bereitschaft, Maßnahmen zu akzeptieren, die unter normalen Umständen wahrscheinlich deutlich kritischer diskutiert und eventuell nicht durchgesetzt werden würden.

Eine demokratische Gesellschaft sollte darauf achten, dass Angst niemals zum dauerhaften politischen Instrument wird. Politikern wie Karl Lauterbach, Boris Pistorius, Roderich Kiesewetter und Konsorten, die bewusst permanent Angst verbreiten, sollte das Handwerk gelegt werden. Angst kann kurzfristig mobilisieren. Sie ist jedoch ein schlechter Ratgeber, wenn es darum geht, langfristige Entscheidungen mit weitreichenden Folgen für Freiheit, Wohlstand und gesellschaftliches Zusammenleben zu treffen.

Desmets Arbeiten liefern keine Antwort auf die Frage, wie sich das Klima entwickelt. Sie erklären jedoch, warum Krisenkommunikation eine so große Wirkung entfalten kann. Wer verstehen möchte, weshalb Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit dieselben Begriffe übernehmen und dieselben politischen Forderungen unterstützen, kommt an Erkenntnissen der Psychologie kaum vorbei.

Damit gelangen wir zu einer weiteren entscheidenden Frage: Wie entstehen eigentlich die Bilder in unseren Köpfen, die unser Weltbild prägen? Mit diesem Mechanismus beschäftigte sich bereits vor über hundert Jahren der amerikanische Publizist Walter Lippmann.

Die Bilder in unseren Köpfen

Wie entsteht eigentlich unsere Vorstellung von der Realität?

Diese Frage stellte sich der amerikanische Publizist und Politikwissenschaftler Walter Lippmann bereits im Jahr 1922 in seinem Werk Public Opinion. Seine Antwort ist ebenso einfach wie tiefgründig: Die meisten Menschen reagieren auf das Bild von der Realität, das sich in ihren Köpfen gebildet hat, und nicht auf die Realität selbst. Dieses auf sie „wirkende“ Bild der Realität wird dann zu ihrer „Wirklichkeit“.

Lippmann schrieb (5):

„Wir reagieren nicht zuerst auf die Welt, sondern auf das Bild, das wir uns von ihr gemacht haben.“

Dieser Gedanke ist von zeitloser Aktualität.

Kein Mensch kann die gesamte Realität erfassen. Niemand kann alle wissenschaftlichen Studien lesen, sämtliche Messdaten auswerten oder jedes politische Ereignis selbst überprüfen. Deshalb sind wir zwangsläufig darauf angewiesen, dass uns andere die Welt erklären.

Medien, Wissenschaftler, Politiker, Experten oder soziale Netzwerke liefern uns täglich eine Vielzahl von Informationen, aus denen wir nach und nach ein Bild unserer Wirklichkeit zusammensetzen.

Das wird erst dann problematisch, wenn wir dieses vermittelte Bild mit der Realität selbst verwechseln. Darin sehe ich eine der entscheidenden Fragen der heutigen Klimadebatte. Die meisten Menschen kennen den Klimawandel nicht aus eigener Anschauung. Sie kennen ihn aus Fernsehnachrichten, Zeitungsberichten, Dokumentationen, Internetportalen oder den sozialen Medien. Das Bild, das sie sich vom Klima machen, entsteht daher überwiegend aus Informationen, die andere ausgewählt, eingeordnet und vermittelt haben.

Damit stellen sich zwangsläufig weitere Fragen:

Welche Ereignisse werden immer wieder gezeigt — und welche kaum?

Welche wissenschaftlichen Studien schaffen es in die Hauptnachrichten — und welche bleiben weitgehend unbeachtet?

Welche Experten erhalten regelmäßig eine Bühne — und welche kommen kaum zu Wort?

Diese Fragen richten sich gegen die Vorstellung mancher Menschen, dass öffentliche Darstellungen automatisch die gesamte Realität abbilden.

Mehr hierzu im nächsten Teil.

Lippmann machte darauf aufmerksam, dass zwischen der Realität und unserer Wahrnehmung immer ein Filter liegt. Diesen Filter bilden unsere Erfahrungen, unsere Erwartungen, aber auch die Informationen, die wir täglich erhalten. Je einseitiger dieser Filter wird, desto einseitiger wird zwangsläufig auch unser Bild von der Realität.

Deshalb halte ich es für gefährlich und verantwortungslos, wenn in der Klimadebatte bestimmte Positionen vorschnell als unzulässig oder wissenschaftlich inkompetent erklärt werden. Wissenschaft lebt vom Vergleich unterschiedlicher Hypothesen. Dissens ist die Essenz der Wissenschaft. Wer den Blick auf eine einzige Erklärung verengt, läuft Gefahr, den Unterschied zwischen Realität und ihrer Darstellung aus den Augen zu verlieren.

Lippmann wollte die Öffentlichkeit nicht entmutigen. Im Gegenteil. Sein Werk ist eine Einladung zu mehr Urteilskraft. Lippmann erinnert daran, dass zwischen dem, was tatsächlich geschieht, und dem, was wir darüber wahrnehmen, oft ein erheblicher Unterschied bestehen kann.

Somit ist es nicht die wichtigste Aufgabe eines mündigen Bürgers, möglichst viele Informationen aufzunehmen. Stattdessen sollte er sich immer wieder fragen, ob das Bild im eigenen Kopf tatsächlich die ganze Wirklichkeit widerspiegelt — oder nur einen Ausschnitt davon. Es trifft — auch bei mir — immer Letzteres zu.

Doch wer entscheidet, nach welchen Kriterien, welche Informationen hervorgehoben, welche Themen wiederholt und welche Fragen in den Hintergrund gedrängt werden? Mit dieser Form der Aufmerksamkeitslenkung beschäftigte sich der Psychologe und Kognitionsforscher Rainer Mausfeld.

Die Macht über unsere Wahrnehmung

Wer bestimmt eigentlich, was wir für wichtig halten oder für wichtig zu halten haben? Und warum dominieren manche Themen wochenlang die Schlagzeilen, während andere kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhalten?

Mit diesen Fragen befasst sich der Wahrnehmungspsychologe Rainer Mausfeld. In seinen Arbeiten zeigt er, dass Macht in modernen Demokratien immer seltener durch offene Zensur ausgeübt wird. Weitaus wirkungsvoller ist es, die Aufmerksamkeit der Menschen zu lenken: Welche Themen stehen im Mittelpunkt? Welche Informationen werden wiederholt? Welche Zusammenhänge werden hervorgehoben — und welche bleiben weitgehend unsichtbar?

Mausfeld macht deutlich, dass unser Bild von der Realität nicht nur von den vorhandenen Fakten geprägt wird, sondern ebenso von deren Auswahl, Gewichtung und Einordnung. Dieselben Informationen können — je nach Kontext — zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen.

Rainer Mausfeld beschreibt damit einen Mechanismus, der weit über einzelne politische Themen hinausreicht. Wer die öffentliche Aufmerksamkeit lenkt, beeinflusst auch die Wahrnehmung gesellschaftlicher Wirklichkeit, weil nie alle Fakten gleichzeitig im Mittelpunkt stehen können.

In der Klimadebatte lässt sich dieser Mechanismus gut beobachten. Kaum ein Tag vergeht ohne Berichte über Hitzewellen, Dürren, Waldbrände, schmelzende Gletscher oder Extremwetterereignisse. Solche Entwicklungen verdienen selbstverständlich Aufmerksamkeit. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Werden gleichzeitig auch eher gegenteilige oder auch positive Informationen angemessen berücksichtigt, die das Gesamtbild ergänzen oder differenzieren könnten?

So stellt sich beispielsweise die Frage, wie häufig über natürliche Klimaschwankungen, historische Warm- und Kaltzeiten, Unsicherheiten in Klimamodellen oder unterschiedliche wissenschaftliche Bewertungen berichtet wird. Nicht weil diese Aspekte die Existenz des Klimawandels widerlegen würden, sondern weil sie zu einem umfassenderen Verständnis beitragen können.

Mausfeld erinnert uns daran, dass eine demokratische Gesellschaft nicht nur von der Freiheit lebt, Informationen zu verbreiten, sondern auch von der Freiheit, unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen und miteinander vergleichen zu können. Erst der Vergleich verschiedener Sichtweisen ermöglicht eigenständige Urteile.

Sein Gedanke knüpft unmittelbar an Walter Lippmann an. Wenn unser Weltbild aus den Bildern entsteht, die wir im Kopf tragen, dann entscheidet die Auswahl dieser Bilder wesentlich darüber, wie wir die Wirklichkeit beurteilen. Kritisches Denken beginnt deshalb bereits bei der Frage, ob wir überhaupt das ganze Bild sehen, und aus welchen Quellen wir dieses Bild speisen und zusammensetzen, und nicht erst bei den Antworten.

Mit der Frage, wie es gelingt, gezielt Zustimmung für politische und wirtschaftliche Ziele zu erzeugen, beschäftigte sich bereits vor rund hundert Jahren ein Mann, der als Begründer der modernen Public Relations gilt: Edward Bernays. Wie entsteht öffentlicher Konsens? Und warum übernehmen Menschen mitunter Überzeugungen, die sie ohne gezielte Beeinflussung möglicherweise nie entwickelt hätten?

Zustimmung lässt sich organisieren

Edward Bernays, Neffe des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud, verband Erkenntnisse über das menschliche Unbewusste mit den Möglichkeiten moderner Massenkommunikation. Während Freud erforschte, welche verborgenen Motive menschliches Handeln beeinflussen, fragte Bernays, wie sich dieses Wissen gezielt nutzen lässt, um die öffentliche Meinung zu formen.

Sein bekanntestes Werk trägt den Titel Propaganda (7). Der Titel wirkt heute befremdlich. Doch in den 1920er-Jahren hatte der Begriff noch nicht die eindeutig negative Bedeutung, die er nach den Erfahrungen mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts erhielt.

Bernays vertrat die Auffassung, dass öffentliche Zustimmung aktiv organisiert werden müsse. Seine berühmte Formulierung von der „bewussten und intelligenten Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen“ gehört bis heute zu den meistdiskutierten Sätzen der Kommunikationswissenschaft.

Bernays Erkenntnisse machen deutlich, dass politische Überzeugungen nicht ausschließlich das Ergebnis freier, unabhängiger Meinungsbildung sind. Sie können ebenso das Resultat professioneller Kommunikationsstrategien sein, die Emotionen ansprechen, Bilder erzeugen und bestimmte Deutungen immer wieder in den Vordergrund rücken.

Bernays berichtete später selbst, Joseph Goebbels habe seine Schriften studiert und propagandistische Methoden daraus übernommen. Ob und in welchem Umfang dies geschah, wird historisch unterschiedlich bewertet. Unstrittig ist jedoch, dass psychologische Erkenntnisse zur Beeinflussung öffentlicher Meinungen sowohl für legitime Öffentlichkeitsarbeit als auch für manipulative Propaganda eingesetzt werden können. Nicht die Methode oder Technik entscheidet über ihre moralische Bewertung, sondern der Zweck, dem sie dient. Mit einem Messer kann man sich ein Brot schmieren oder auch jemanden umbringen.

Deshalb lohnt sich der Blick auf die heutige Klimadebatte. Wer über Monate und Jahre hinweg dieselben Bilder, dieselben Schlagworte und dieselben Botschaften wiederholt, prägt zwangsläufig die Wahrnehmung der Bevölkerung. Schmelzende Gletscher, brennende Wälder, überflutete Straßen oder vertrocknete Landschaften sind reale und eindrucksvolle Bilder. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Vermitteln sie ein umfassendes Bild einer komplexen Realität, oder zeigen sie nur einen kleinen Teil davon?

Bernays hätte vermutlich gesagt, dass erfolgreiche Kommunikation nicht dadurch entsteht, dass möglichst viele Fakten präsentiert werden. Entscheidend ist vielmehr, welche Botschaften emotional verankert werden und sich dauerhaft im Bewusstsein der Menschen festsetzen.

Deshalb genügt es in einer Demokratie nicht, Informationen lediglich aufzunehmen. Es ist ebenso wichtig zu fragen, wer sie auswählt, wie sie präsentiert werden und welches Ziel mit ihrer Vermittlung verfolgt wird. Kritisches Denken bedeutet nicht, jede Botschaft zurückzuweisen. Es bedeutet vielmehr, auch die Mechanismen ihrer Entstehung zu hinterfragen.

Fazit

Aus den Aussagen von Orwell, Le Bon, Maaz, Arendt, Desmet, Lippmann, Mausfeld und Bernays ergibt sich ein gemeinsamer Gedanke: Öffentliche Meinungen entstehen selten zufällig. Sie werden durch Sprache, Bilder, Emotionen, Aufmerksamkeit und Kommunikation geprägt und gelenkt.

Wissen über Menschen ist nicht vor Missbrauch geschützt, wie die Geschichte zeigt. Andererseits, wer diese Mechanismen kennt, wird politische Debatten mit anderen Augen betrachten — auch die über das Klima.