# Das intelligente Universum

Der Physiker Gerd Ganteför widerspricht der Vorstellung vom Kosmos als einer toten Maschine.

von 
   * Felix  Feistel

Die Auffassung der gegenwärtigen Wissenschaft wird oft als rein materialistisch kommuniziert. Sie betrachtet die Existenz von Planeten und Sonnen sowie des Lebens auf der Erde als unwahrscheinlichen Zufall. Das Universum ist in dieser Vorstellung nichts als eine tote Maschine, die irgendwann in Gang gesetzt wurde und auf ihr unvermeidliches Ende zuläuft. Der Physiker Gerd Ganteför widerspricht dieser Auffassung in seinem neuen Buch.

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Dass die Wissenschaft gemeinhin als streng materialistisch wahrgenommen wird, ist — so erklärt Gerd Ganteför in seinem neuen Buch „Die Intelligenz des Universums“ — eher der medialen Kommunikation zuzuschreiben als den Wissenschaftlern an sich. Viele von ihnen, so schreibt er, seien erfüllt von einem tiefgreifenden Staunen vor dem Mysterium des Universums. Dennoch verlangt der Zeitgeist eine materialistische Deutung der Welt — und die oft sehr oberflächlichen Experimente der Wissenschaftler bestätigten diese, weil sie nicht dazu gemacht seien, tiefer zu blicken. Das Universum wird, so sagt es auch Ganteför, von der Mehrheit der Menschen als tote Maschine aufgefasst, die durch einen unwahrscheinlichen Zufall in Gang gesetzt wurde und nun auf ihr unvermeidliches Ende zuläuft.

Dem zu widersprechen hat er sein neues Buch geschrieben. Dabei attestiert er dem Universum eine höhere Intelligenz, und schreibt, dass es neben den physikalischen Kräften eine immaterielle Komponente des Universums gibt, die ebenso entscheidend für dessen Entwicklung sei: die Information. Diese existiere unabhängig von einem Trägermedium, auch, wenn sie auf ein solches angewiesen sei, um sich zu übertragen. Die Information sei es, welche das Universum im Wesentlichen bestimme und die auch dessen Entwicklung vorantreibe.

Denn er sieht das Universum in einem ständigen Evolutionsprozess. Dabei widerspricht er der traditionellen Wissenschaft, die stets Entropie als wesentliche Entwicklung annimmt. Entropie ist die Tendenz geschlossener Systeme, einen ungeordneten Zustand anzunehmen. Das Leben strebt dem Tod entgegen — ein Zustand der Unordnung und des Zerfalls; Maschinen verschleißen und gehen schließlich kaputt. Genau so, so glaubt zumindest die etablierte Wissenschaft, ergehe es dem Universum als Ganzem. Über einen sehr langen Zeitraum zerfällt das Universum, die Ordnung, bestehend aus Planeten, Sonnen, Nebeln und schwarzen Löchern, fällt auseinander. Das Universum stirbt entweder den Kältetod oder zerreißt im Prozess der eigenen Ausdehnung.

Entropie ist nur umkehrbar unter Einsatz von Energie. Und genau das, so Ganteför, verhindere letztlich den Niedergang des Universums. Denn dieses gehe mit Energie sehr verschwenderisch um, was in der Folge zu einer höheren Ordnung führe. 

> Ganteför sieht das Universum in einer ewigen Evolution. Im Laufe von Jahrmilliarden habe es sich zu dem geformt, was wir heute sehen. 

Aus einigen wenigen Grundelementen hätten sich andere, komplexere Elemente und Materialien gebildet. Planeten hätten sich in Umlaufbahnen von Sonnen begeben, Sonnen wiederum zu Galaxien verbunden, und auf einigen dieser Planeten — und es gebe Gründe anzunehmen, dass dies nicht nur die Erde betrifft — habe sich auch Leben entwickelt. Man erkenne eine Organisation der Materie hin zu immer komplexeren Gebilden, bis hin zu einem intelligenten Menschen mit Bewusstsein.

Dabei versucht er die Ursachen dessen zu ergründen und sieht diese in der Quantenphysik in Verbindung mit der Zeit. Was Zeit genau ist, wissen wir zwar nicht, aber es gibt verschiedene Theorien. Wahlweise existiert die Zeit gar nicht und alle Augenblicke existieren nebeneinander, oder aber die Zeit existiert, und es gibt immer nur das Jetzt. Ganteför schließt sich der Überzeugung an, dass Zeit durchaus existiert. Diese lasse sich am ehesten an der Entropie ablesen, der Tendenz von Systemen, an Ordnung abzunehmen, beim Menschen also das Altern. Dieser Entropie stellt er die Evolution gegenüber, die stets zu einer höheren Ordnung strebe.

Ein weiteres Rätsel der Wissenschaft ist die, wie Ganteför es nennt, „Feinjustierung des Universums“. Die Wissenschaft wundert sich schon lange darüber, dass das Universum offenbar perfekt darauf ausgerichtet ist, Leben hervorzubringen. Dabei würde schon eine geringfügige Abweichung in den Wirkungsmechanismen auf atomarer Ebene das Universum in einen sterilen, kalten Raum verwandeln, in dem keinerlei Leben möglich wäre. Einschränkend muss man hier aber anführen, dass diese Erkenntnis auf Computermodellen beruhen, die von Menschen programmiert werden und daher nur eine begrenzte Aussagekraft bezüglich der Wirklichkeit haben. Ganteför gibt mehrere mögliche Gründe für diese Feinjustierung an, wobei er Zufall und die Existenz eines Schöpfers ausschließt — letzteres ohne lange Begründung. Hier zeigt sich die strenge Brille des Physikers, die er über das ganze Buch hinweg nicht abzulegen vermag.

Weiterhin stellt er drei Postulate auf. Ihm zufolge ist das Universum voller Leben, was er durch Hinweise auf Leben auf anderen Planeten zu belegen versucht, die allerdings bisher wenig überzeugend sind. Zudem entwickelt er ein verallgemeinertes Evolutionskonzept, demzufolge das Universum selbst eine Evolution durchläuft. Hier arbeitet er sich sehr an der biologischen Evolution ab und entwirft eine eigene Theorie von der Entstehung des Lebens. Diese biologische Evolution, bei der sich das Leben zu immer komplexeren Strukturen verbindet und formt, überträgt er auf das Universum und die Materie an sich.

Dabei verweist er darauf, dass in der Zeit unmittelbar nach dem Urknall nur wenige Grundelemente vorhanden gewesen seien — Helium, Wasserstoff, Lithium und Beryllium. Aus diesen hätten sich dann im Laufe der Zeit neue Elemente gebildet, wobei Sterne eine wichtige Rolle als Fusionsreaktoren spielten. Im Laufe der Zeit habe das Universum komplexe Strukturen hervorgebracht — was den Grundannahmen der klassischen Physik eigentlich widerspreche. Ihm zufolge durchläuft also auch das Universum selbst einer Evolution — also eine Entwicklung hin zu größerer Komplexität.

Schließlich formuliert er einen Erhaltungssatz der Information. Denn die Information ist ihm zufolge eine der grundlegenden Komponenten des Universums und liegt in Form eines Informationsfeldes vor, dessen Einwirkung auf die physische Wirklichkeit er wiederum nur auf streng materialistischem Wege zu belegen versucht — etwa über die Wärmestrahlung des Universums. Analog zum Erhaltungssatz der Energie postuliert er, auch Information könne nicht verloren gehen, sondern lediglich umgewandelt werden. Immer wieder verweist er zur Begründung auf die Quantenphysik.

> Bei all dem verlagert Ganteför letztlich nur die Frage nach der letzten Ursache. Denn wenn es die Information ist, die letztlich die physikalische Wirklichkeit durch Einwirkungen aus dem Informationsfeld hervorbringt — woher kommt dann die Information?

Was erschafft das Informationsfeld? Woher stammt die Information? Hier klafft eine große Leerstelle, die er nicht zu erklären vermag — und es scheint, als komme ihm nicht einmal die Frage in den Sinn. Alles, was er dazu schreibt ist, dass die Information schon ganz am Anfang, mit dem Urknall entstanden sein müsse. Doch was der Urknall überhaupt gewesen ist, was ihn ausgelöst hat und was davor war — all das thematisiert er nicht.

Ganteför klammert bereits zu Beginn des Buches jede Form der Spiritualität aus, da er sich auf die Wissenschaft, genauer gesagt auf die Physik, verlassen will. Das ist das große Manko seines Buches, da er zwangsläufig immer wieder an die Grenzen der Wissenschaft stößt, ohne sie transzendieren zu können. Seine langen Ausführungen zu verschiedenen Aspekten der Physik sind zwar sehr detailliert, allerdings erschließt sich dabei nicht immer, worauf er eigentlich hinauswill. An anderer Stelle bleibt er dafür relativ oberflächlich. Zudem stützt er sich immer wieder auf reine Hypothesen, die heute allerdings teilweise die Grundlage der modernen Physik bilden.

> Alles in allem ist das Buch ein guter Ansatz, die materialistische Wissenschaft mit der Religion zu versöhnen — wie Ganteför es selbst als Ziel erklärt. Dadurch jedoch, dass er die Spiritualität radikal ausklammern will, gelingt ihm dies letztlich nicht. 

Stattdessen scheint er zu versuchen, religiöse und spirituelle Konzepte rein physikalisch zu erklären — und löst sich dadurch nicht wirklich vom materialistischen Weltbild. Das Buch zeigt somit gut den Kampf der Wissenschaft mit ihren eigenen, begrenzten Dogmen, in denen sie sich verfangen hat.

Dennoch lohnt sich die Lektüre. Denn Ganteför zeigt nicht nur die Sackgassen und Leerstellen der klassischen Wissenschaft auf, sondern darüber hinaus auch, dass selbst innerhalb der etablierten Wissenschaft das materialistische Dogma nicht unhinterfragt bleibt. Damit zeigt er, dass das transportierte Bild einer monolithischen, materialistischen Wissenschaft eher ein Medienprodukt ist, als Wirklichkeit.

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