Das Kita-Klassensystem

Unterqualifizierte Betreuer, ein schlechter Personalschlüssel und eine Mehrheit verhaltensauffälliger Kinder machen manche Kitas zu unerträglichen Aufbewahrungsanstalten.

Mehr, länger, flexibler. Bei Kitas beziehen sich die politischen Forderungen eigentlich immer auf Quantität. Wie es um die Qualität bestellt ist, davon will kaum jemand etwas wissen. Manchmal erreichen einen Berichte von frustrierten Grundschullehrerinnen über reihenweise Kinder mit unglaublichen Defiziten. Aber woher diese eigentlich kommen, darüber wird sorgfältig geschwiegen. Dabei geht die Qualität der verschiedenen Kitas weit auseinander. Tagesstätten mit soliden Verhältnissen stehen solche gegenüber, die geeignet sind, frühtraumatisierte Kinder hervorzubringen oder mitgebrachte Probleme zumindest in keiner Weise zu beseitigen.

Ingrid war seit über vierzig Jahren Erzieherin, nun ist sie mit 67 Jahren in den Ruhestand gegangen. Da die Rente für die Münchner Miete nicht reicht, muss sie sich als Springerin in einer Kita etwas dazuverdienen. Dabei hat sie primär auf flexible Arbeitszeiten geachtet, sodass ihr Zeit bleibt, zu reisen und die Enkel zu betreuen. Wobei, Mindeststandards wollte sie schon eingehalten haben: Die Kita sollte geschlossene Gruppen haben, ein offenes Konzept findet sie „nur den Wahnsinn, einfach furchtbar für alle Beteiligten“. Und einen Garten, weil Frischluft die Kinder deutlich entspannt. Kurzum, eine Kita mit Garten und geschlossenen Gruppen, damit bewegt man sich in München automatisch schon in der oberen Hälfte, aber immer noch weit weg von dem privaten Premium-Kindergarten, in dem Ingrid bislang als Gruppenleitung tätig war.

Schon nach vier Monaten hat sie beschlossen, dieser städtischen Kita den Rücken zu kehren — tolle Arbeitszeiten hin oder her. Was sie erzählt, ist beunruhigend. Zum einen fehlt es an allen Ecken und Enden an Personal, und die, die dort arbeiten, sind schlecht ausgebildet und können oft kaum Deutsch.

Alle Menschen, die in städtischen Kitas arbeiten, brauchen eigentlich eine Deutschprüfung, aber wie die Kolleginnen zu diesen Bescheinigungen kommen, ist ihr unklar. Sie findet es bedenklich, wenn Kinder in der Spracherwerbsphase von Menschen betreut werden, denen es an grundlegenden Deutschkenntnissen mangelt. In den Gruppen herrschen Chaos und ein Lärmpegel, der über Stunden unglaublich hoch ist.

Sie ist Springerin und hat mittlerweile alle sechs Gruppen gesehen: keine einzige erträglich. Wenn es zu laut wird — und das wird es oft — schalten die Betreuerinnen ein iPad an und werfen kleine Filmchen an die Wand. Dann schauen die Kinder dort hin und halten kurz den Mund. Vorweihnachtliches Singen oder Ähnliches gibt es nicht, dafür laufen über Stunden Christmas-Hits über Spotify. Ja, und dann noch Advent zu Showzwecken: Die Kinder werden in dieser Kita offenbar permanent fotografiert, und die Fotos kommen dann in ein Portfolio, das die Eltern sich anschauen können. Und die Fotos sind super! Da werden Kinder nacheinander vor die immer gleiche Mandarine und den immer gleichen Tannenzweig gesetzt und stechen aus ausgerolltem Teig ein einzelnes Plätzchen aus. Bitte schön lächeln — klick — und ab zum nächsten Kind.

Am Tag darauf dürfen die Kinder nacheinander mit Hilfe einer Erzieherin mit lustiger Nikolausmütze eine Kerze anzünden, die nach dem Foto gleich wieder für das nächste Kind ausgepustet wird. Auch der Speiseplan liest sich großartig: „Farfalle mit zweierlei Gemüse an Sahnesoße und gemischten Salat“, konnten die Eltern zum Beispiel letzten Donnerstag lesen. Klingt doch sehr vielversprechend. Das Ganze war dann ein Riesen-Bottich mit zerkochten weißen Nudeln und widerlicher weißer Maisstärkensoße. In dem Ganzen schwammen hie und da eine Erbse und ein Brokkoli-Röschen rum. Der Salat ist so wenig, dass die Erzieherinnen ihn in Streifen schneiden. Jedes Kind ein bis zwei Streifen Salat. Aber das sei doch egal, meinten die Kolleginnen, die Kinder essen den Salat und das Gemüse ja eh nicht, da macht es doch nichts, wenn es nur wenig davon gibt. Schmeißt man am Ende doch alles weg. Und so etwas gibt es tagtäglich. Mal ist die Soße rot, mal braun, mal weiß, und immer wird sie über irgendeine Sättigungsbeilage gekippt. Auf dem Papier klingt es aber immer hochgradig ausgewogen.

Ingrid ist nicht naiv, sondern vom Fach, aber so schlimm hat sie sich das einfach nicht vorgestellt.

Das Wichtigste scheinen für die Kindergartenleitung die Fotos und die Dokumentation nach außen zu sein. Weil, wenn sich „bessere“ Eltern für die Kita entscheiden, dann wird es angenehmer für die Erzieherinnen. Kinder, die sozial angepasst und windelfrei sind, kann man viel leichter betreuen als solche mit Entwicklungsstörungen und Aggressionsverhalten.

Kann man sich die Eltern auch nur im Ansatz aussuchen, dann kündigen die Erzieherinnen seltener, man braucht weniger Aushilfskräfte. Mit stabilem Personal und weniger Unterbesetzung kann man wiederum „bessere“ Familien bekommen und das Ganze läuft gut. Daher der große Drang zum schönen Schein. Ingrids Kita strampelt verzweifelt in der oberen Hälfte mit. Sie können es sich derzeit leisten, Kinder, die bei der Anmeldung deutlich aggressiv auftreten, abzulehnen.

Ingrid wird jetzt mit den Füßen abstimmen. Im neuen Jahr fängt sie wieder bei einem Premiumanbieter an. Weniger Flexibilität; aber diese Kita, die hält sie einfach nicht aus. An vielen Tagen hätte sie gar keine Zeit gehabt, mit jedem Kind wenigstens einen Satz zu sprechen und es einmal kurz bewusst anzuschauen. Am Ende des langen Tages seien manche Kinder so fertig, die würden einfach nur noch schreien. Und das ist eine ganz normale Durchschnitts-Kita. Weit weg von ganz unten. Ingrid ist jetzt gespannt auf die neue Einrichtung — eine sehr teure, bilinguale, mit langen Öffnungszeiten und großartigem Betreuungsschlüssel, Marke: beide Eltern sehr, sehr erfolgreich, so dass Zeit viel knapper ist als Geld. Richtig premium, meint Ingrid, seien aber eigentlich die privaten Elterninitiativen mit kurzen Öffnungszeiten, wo sich die Eltern noch einen guten Teil des Tages selbst um ihre Kinder kümmern.

Hannah und Jonathan haben sich mit ihrer Tochter Marie-Luise für solch eine private Elterninitiative entschieden. Natürlich hatten sie sich davor Gedanken gemacht, weil in München die Kitaplätze knapp sind. Aber eigentlich waren sie recht zuversichtlich, schließlich bringen sie ein wohlerzogenes Kind ohne Entwicklungsstörungen mit.

Zur Auswahl haben sie eine Excel-Tabelle aufgestellt: Betreuungsschlüssel, Garten, keine Nähe zu einer großen Straße, keine Sexualerforschungsräume, Bio-Essen — die Liste war lang. Am Ende kamen zwei Kitas als Favoriten heraus und eine Notlösung. Sie haben sich bei allen drei Einrichtungen beworben, bekamen drei Vorstellungsgespräche und drei Zusagen.

Klar, auf der anderen Seite sitzen vermutlich die Erzieherinnen auch mit einer langen Liste: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Eltern „vergessen“, ihr Kind abends abzuholen? Tritt das Kind aggressiv auf? Die Eltern? Werden die Eltern das Kind zu Hause lassen können, wenn es krank ist, oder einfach nur mit Paracetamol das Fieber senken und es dann doch schicken? Kann das Kind einfachen Anweisungen folgen, ist es in der Lage, ruhig einer kleinen Geschichte zuzuhören? In Marie-Luises Kita-Gruppe gibt es keinen einzigen Abdul oder eine Chantal, dafür gleich zwei Friederikes. Teuer ist das Ganze übrigens nicht. Da die Stadt München Kitas großzügig fördert, werden nur einhundert Euro monatlich fällig. An zwei Tagen wird Marie-Luise nach dem Essen abgeholt, an drei Tagen isst sie zu Hause. Ihre Mutter Hannah, die zwölf Stunden pro Woche als Grundschullehrerin arbeitet, möchte, dass ihre Tochter sich mittags gut ausruhen kann. Egal wie gut der Betreuungsschlüssel ist, irgendwann brauchen die Kinder einfach nur noch Ruhe, davon ist Hannah überzeugt.

Susanne hingegen, Großmutter von Anton, begegnete einem Abdul, als sie mit ihrem kleinen Enkel auf einem der schönsten Spielplätze Münchens war. Mitten in einem Park gelegen, aber fußläufig vom Münchner Problemviertel Neuperlach aus zu erreichen. Während sie dabei waren, an den Wasserkanälen zu matschen, kam eine Horde von Kindergartenkindern an, gemeinsam mit ihren Betreuerinnen. Die Erwachsenen trugen alle Namensschildchen um den Hals. Wozu die Schildchen, erkundigte sich Susanne, die Kinder könnten doch noch gar nicht lesen? Damit die Kinder wüssten, wer eine offizielle Person sei, erklärte ihr die Erzieherin gewichtig. Es war Juli; die meisten Kinder waren also mindestens seit letztem September in der Kita. Ob denn die Kinder die Erzieherinnen nicht von allein erkennen würden, fragte Susanne vorsichtig. Naja, so sicher sei das halt nicht, sie seien eine offene Einrichtung, 146 Kinder und 14 Betreuerinnen, viele in Teilzeit, die ja auch manchmal wechseln würden und im Schichtmodell arbeiten, da ginge das schon mal unter.

Um sie herum wurde es so laut und wuselig, dass Susanne anfing, die Sandspielsachen einzusammeln. Sie fragte den kleinen Anton, ob sie vielleicht noch eine Breze kaufen wollten. „Oder ein Groasang?“, fragte Anton hoffnungsvoll. „Ja, oder vielleicht ein Croissant“, meinte die Oma lächelnd. Und dann kam ein kleiner, vielleicht vierjähriger Knirps daher und fragte sie provokant grinsend, ob sie „heute schon ficken war“. Was tut man da als Oma mit einem knapp Dreijährigen an der Hand? Ohrfeige ist ja ausgeschlossen, aber einfach umdrehen und gehen, das geht doch auch nicht? Sie marschierte also zu einer Erzieherin, die — ins Handy guckend — auf einer Bank saß, und berichtete ihr vorsichtig (der kleine Anton hat gute Ohren und lernt Worte schneller, als man glaubt), dass sie von dem kleinen Kerlchen da drüben gerade übelst sexistisch beleidigt worden wäre.

Die Erzieherin schaute kurz auf, fokussierte das Kind, nuschelte irgendwas von „Ja, Entschuldigung“ und senkte dann ihren Blick wieder auf den Bildschirm. Ob sie denn da gar nichts unternehmen wolle, fragte Susanne. Der Kleine sei jetzt ja noch klein, aber irgendwann sei der dann vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre alt, ob man ihm da nicht lieber rechtzeitig Grenzen setzen solle? Resigniert ließ die Erzieherin das Handy sinken, schaute die Oma genervt an und brüllte dann über den ganzen Platz, so dass es auch noch das letzte Kind verstehen konnte: „Abdul, du sollst nicht ‚ficken‘ sagen. Weißt du doch.“ Noch ein entnervter Blick auf Susanne, dann zurück zum Handy. Abdul grinste triumphierend.

Warum, wollte Anton auf dem Heimweg wissen, habe die Frau eigentlich „ficken geschreit“? Die Oma entschuldigte sich in Gedanken gleich doppelt bei ihrer Schwiegertochter und setzte dann zur Erklärung an: „Weißt du eigentlich, dass es auch Croissants gibt, die innen eine Füllung haben? Mit so verschiedenen Cremes. Was meinst du, ob das wohl lecker schmeckt?“ Fand Anton eine sehr spannende Frage, da war die andere vergessen. Ihr Sohn hat später voll verstanden, dass die Oma da in einer Notlage war, klar. Aber musste es denn wirklich gleich ein Schokocroissant sein? Wo Zucker doch so ungesund ist. In der Kita, in die Anton mittlerweile geht, gibt es übrigens auch keine Chantal oder einen Abdul. Aber eine Frieda, die gibt es dort. Und auch viele andere bildungsbürgernahe Namen. Anton geht vier Tage die Woche bis 14 Uhr 30; mittwochs hat er Pausentag, sonst wird es ihm zu viel, beobachten die Eltern.

Als Ingrid diese Geschichte hört, winkt sie ab. Immerhin, die Erzieherin habe Deutsch gesprochen und auch noch auf Anhieb den Namen des kleinen Übeltäters gekannt. Und sofort gewusst, um welche „üble sexistische Beleidigung“ es sich da gehandelt habe. Sowas sei bei offenen Gruppen nicht selbstverständlich.

Offene Gruppe, das bedeutet laut Prospekt, dass die Kinder sich frei in verschiedenen Funktionsräumen bewegen und ihre Aktivitäten selbst wählen dürfen. Das fördere die Selbständigkeit und Partizipation der Kinder. In der Realität bedeutet es, dass die Kinder keine feste Bezugsperson haben. Niemand schaut sie an, niemand weiß, wie es ihnen geht.

Kleine Puppenmütterchen sitzen vielleicht jeden Tag mit Gleichgesinnten in derselben Puppenecke, möglicherweise sogar mit der immer gleichen Erzieherin. Aber weniger sozial Angepasste treiben sich irgendwo auf dem Kitagelände herum und müssen sich schon ein Markenzeichen angewöhnen wie der kleine Abdul, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen.

Solche Kitas wählt man nicht wegen des Geldbeutels, denn die Kosten sind (mit Ausnahme der Essenskosten) gar nicht so verschieden von Einrichtungen mit geschlossenen Gruppen — wenn es nicht gerade die bilinguale mit Musiktherapie sein soll. Aber solche offenen Kitas haben lange Öffnungszeiten. Darüber hinaus sind Plätze in München knapp, und irgendwie sind die in den guten Einrichtungen immer schon vergeben. An eine Marie-Luise oder einen Anton. Abduls und Chantals bekommen das, was übrigbleibt. Auch Erzieherinnen und pädagogische Ergänzungskräfte verdienen überall nach Tarif. Aber auch sie sind knapp und können sich aussuchen, wo sie arbeiten.

Ganz unten bleiben dann Hilfskräfte mit wenig Deutschkenntnissen und sehr wenig Ausbildung. Und solche, die in allen anständigen Einrichtungen rausfliegen. Ingrid ist nicht die Einzige, die zum Jahresende die städtische Kita verlässt. Einer Kollegin wurde tatsächlich gekündigt. Sie hat dauernd krank gemacht, ist zu spät gekommen, hat ewige Toilettenpausen eingelegt und war zwischenrein, wann immer möglich, an ihrem Handy beschäftigt. Wenn ein Kind oder eine Kollegin etwas brauchte, war sie ziemlich genervt ob der Störung. Sie hat übrigens sofort eine neue Anstellung bekommen, ab Januar in einer Einrichtung mit offenem Konzept. Denn sie ist eine „Fachkraft“. Konkret heißt das, dass sie einen einfachen Hauptschulabschluss hat, ein eigenes Kind hat und dann zehn Monate auf einer Kinderpflegeschule war. An solchen Schulen fällt heute so gut wie niemand mehr durch. Ach ja, und sie ist sogar doppelt qualifiziert: Deutsch kann sie auch noch.

Das Konzept der offenen Gruppen baut die Stadt München weiter aus. Ob die Entscheidungsträger dabei wirklich vom pädagogischen Konzept überzeugt sind, ist fraglich. Denn offene Gruppen sind viel, viel billiger.

Und der Mangel an Erzieherinnen kann in solchen Einrichtungen besser verteilt werden. Die Kinder, die dort hingehen müssen, haben es nicht leicht. Klar, solche, die gerne basteln, malen oder mit Puppen spielen, sozial stark sind und sich aktiv eine Bezugsperson aussuchen können, kommen vielleicht ganz gut durch. Aber solche, die eigentlich dringend eine Förderung brauchen, die gehen einfach unter. Die haben mehr oder weniger schon beim Startschuss verloren. Genauso, wie das bei den Proletarierkindern im neunzehnten Jahrhundert der Fall war. Nur, dass Unterschicht hier nicht über das Einkommen läuft, sondern über den sozialen Status. Die Rückkehr der Klassengesellschaft.

Liest man die politischen Forderungen bezüglich der Kitas, ist nie von mangelnder Qualität die Rede. Mehr Kitas, längere Öffnungszeiten, flexiblere Öffnungszeiten — das sind die Kriterien. Im Vordergrund steht, Frauen in die Ganztags-Berufstätigkeit zu bringen. Da erwirtschaften sie Krankenkassenbeiträge, sehen zu, dass die Rentenkasse über die Runden kommt, tragen zur Arbeitslosenversicherung bei und zahlen darüber hinaus noch Steuern. Ihre Kinder werden inzwischen kostensparend verwahrt. „Frauenpower“ nennt man ihre Beiträge zu den Sozialversicherungssystemen. Und „Frühförderung“ das, was in den Kitas abläuft. Und die Eltern sehen tagtäglich, wie gut ihre Kinder gefördert werden — schließlich bekommt man täglich so ein nettes Foto von den Aktivitäten der süßen Kleinen. Kein Wunder, dass die Grundschullehrerinnen entsetzt sind.