Das Leben ist schön

Schönheit sollte nicht der Weltflucht dienen, sondern ein Lebenstrunk sein, der in aufregenden Zeiten für mehr Klarsicht sorgt.

Wir leben in Zeiten, in denen sich die hässlichsten Fratzen zeigen, in denen die Politik ihr wahres Gesicht enthüllt und in denen vielen Menschen Armut droht. Ein neuer Trend ist offenbar, dass Freunde Eintritt dafür verlangen, wenn man sie besucht — für den Snack, die Arbeit und die Benutzung der Toilette. Unter solchen Umständen ist es schwer, die Schönheit im Leben zu erkennen. In vielen Bereichen wurde sie regelrecht abgeschafft. Doch die Sehnsucht nach dem Schönen, Wahren und Guten bleibt. Sie findet nur im Ganzen Erfüllung.

Man kann sich wohl kaum etwas Schrecklicheres vorstellen, als in einem Konzentrationslager gefangen zu sein und alles zu verlieren, bis hin zum eigenen Leben. Und doch trägt der 1997 erschienene Film von Roberto Benigni, den Titel „Das Leben ist schön“. Schön ist nicht nur das Kennenlernen der Protagonisten und ihre Familiengründung. Die Schönheit überlebt alle Schrecken, getragen von der Liebe zwischen einem Mann und einer Frau und einem Vater für sein Kind. Das vielleicht Schönste ist das ambivalente Ende: Das Kind überlebt nicht nur. Unter Aufopferung seines eigenen Lebens ist es dem Vater gelungen, seinen Sohn in dem Glauben zu lassen, es handele sich alles nur um ein Spiel.

Selbst in der Hölle ist die Schönheit geblieben und hat sich nicht fortgeschlichen. Chöre sind entstanden, in denen die Menschen zusammen sangen. Neben dem Niedrigsten hat sich auch das Höchste entfaltet. Menschen sind in die Züge gestiegen, obwohl sie eine andere Wahl hatten. Sie taten es für jemand anderen oder um geliebte Menschen nicht alleine in den Tod ziehen zu lassen. Nicht einmal entlang der Stacheldrähte konnte die Philosophin Etty Hillesum ihr Herz daran hindern, voller Lebensfreude zu schlagen.

Im Auge des Betrachters

Das Schöne, das Wahre und das Gute — seit der griechischen Antike stehen sie zusammen. Könnten wir etwas hässlich finden, was wir lieben? Strahlen das Wahre und das Gute nicht immer auch Schönheit aus? Klarheit kann blenden. Wahrheit kann weh tun. Doch trägt sie nicht immer auch ein Licht in sich, das den Weg zu etwas Höherem weist? Schönheit kann trügerisch sein. Doch bröckelt nicht über kurz oder lang die Fassade?

Schönheit bereitet Wohlgefallen, Freude, Vergnügen, Glück. Sie erhebt uns in höhere Sphären.

In seiner „Metaphysik“ entdeckte Aristoteles die Schönheit in der Ordnung und Wohlproportioniertheit und sah sie wie Pythagoras in der Mathematik. Wir finden die Schönheit in der Sprache, in der Musik, der Literatur, in der darstellenden Kunst und sprechen von den schönen Künsten, einer schönen Wohnung, einem schönen Urlaub, einem schönen Bild oder schönen Menschen.

Um Schönheit zu erkennen, so der schottische Philosoph David Hume (1711 bis 1776), brauche es vor allem Übung. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831) sieht das Schöne als das sinnliche Scheinen der Idee. Nach Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ist die Schönheit falsch und die Wahrheit hässlich. Die Kunst sei dazu da, dass wir an der Wahrheit nicht zugrunde gehen. In der zeitgenössischen Philosophie hat die Schönheit als Objekt an Relevanz verloren. Sie ist nunmehr der Ausdruck einer subjektiven Einstellung. Was schön ist, bestimmt der individuelle Geschmack (1).

Spieglein, Spieglein

In seiner Artikelreihe „Die Würfel-Wüste“ beschreibt Nicolas Riedl eindrücklich einen regelrechten Kult des Hässlichen und Seelenlosen in einer monokulturell-modernistischen Architektur, die sich in der ganzen Welt breitgemacht hat (2). Vorstädte, Einkaufzentren und mittlerweile auch viele Innenstädte entbehren jedes Kriteriums, das einmal Schönheit ausmachte. In der Kunst ist Schönheit nur noch selten zu finden, und auch die Mode macht Menschen oft regelrecht hässlich.

Gleichzeitig leben ganze Wirtschaftszweige von dem Wunsch nach Schönheit: die Kleidungs- und Kosmetikindustrie, die Chirurgie, die Schmuckindustrie, aber auch Fitness und Sport, Piercing und Tattoos, Pornografie und Prostitution und die Roboterethika. Unsummen werden dafür ausgegeben, uns attraktiver erscheinen zu lassen. Viel Energie fließt in das Bestreben, möglichst schön zu wirken und sich mit schönen Menschen und Objekten zu umgeben.

Untersuchungen der Attraktivitätsforschung belegen, dass als schön angesehenen Menschen wesentlich öfter als anderen noch weitere positive Eigenschaften zugeschrieben werden.

Im Alltag bekommen sie in allen Lebensbereichen mehr Zuwendung. Oft werden sie als geselliger, zufriedener, fleißiger, intelligenter, kreativer, sympathischer oder sogar ehrlicher eingeschätzt als unattraktivere Menschen.

Natürlich schön

So kommen weiterhin das Schöne, das Wahre und das Gute zusammen. Die Trias überlebte ihren Fall. Auch nach Auschwitz ist es möglich, Gedichte zu schreiben. Es gibt Menschen, die innerhalb des Dunklen, Chaotischen und Verdrehten die Schönheit nicht aus den Augen verlieren. So sehr man versucht hat, sie aus der Architektur, der Mode oder der Kunst zu verjagen, so oft sie auch im Banalen und Beliebigen ertränkt und ins Virtuelle verbannt wurde: Die Sehnsucht nach Schönheit dauert bis heute an.

Schönheit hat etwas mit Ordnung zu tun. Als schön gelten ausgeglichene Züge, symmetrische Kompositionen, ein harmonisches Gesamtbild. Schönheit taucht vor allem in der Natur auf. Innerhalb von Jahrmillionen Gewachsenes kann vielleicht als bedrohlich empfunden werden, doch bestimmt nicht als hässlich. Auch das, wovor sich mancher ekelt oder ängstigt, ist im eigentlichen Sinne schön: ein Spinnennetz, eine Schlangenhaut, der Krater eines Vulkans.

Während Schönheit mit dem natürlich Gewachsenen in Verbindung steht, ist Hässlichkeit gemacht. Sie entsteht, wenn die für die natürliche Entwicklung notwendige Vielfalt nicht zur Verfügung steht.

Bei inzestuösen Fortpflanzungsverhältnissen etwa kann das Harmonische ins Disharmonische kippen. Oft gilt als hässlich, was von der Norm abweicht und nicht einem bestimmten Ideal entspricht. Doch gerade das kann in einem anderen Kontext als etwas Besonderes gelten und Bewunderung hervorrufen.

Zwischen Chaos und Kosmos

Die Grenzen sind fließend zwischen hässlich und schön, und allgemeingültige Kriterien gibt es nicht. Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet, schrieb Christian Morgenstern. Was wir lieben, verliert seine Hässlichkeit und gewinnt an Besonderheit. Das Abstoßende verliert sich im Anziehenden. Viele Märchen erzählen davon. Kaum eine Liebesgeschichte kommt ohne die Hindernisse aus, die es zu überwinden gilt, bevor die Liebenden die wahre Schönheit im anderen entdecken.

In manchen Erzählungen ist ein Fluch mit im Spiel, der erst durch ein reines und liebendes Herz behoben werden kann. Die Prinzessin muss ihren echten Gefühlen Ausdruck verleihen und den Frosch an die Wand werfen, bevor der Prinz zum Vorschein kommt. Wahre Liebe lässt keinen Falsch zu. Sie ist nur für den echt und von Dauer, der andere mit allen ihren Seiten nimmt und seine Beziehungen nicht nur mit Süße, sondern auch mit Salz würzt.

So wird auch das Leben erst schön, wenn wir aufhören, uns einzelne Zutaten herauszupicken, sondern es im Ganzen nehmen. Dinge kommen und gehen. Erst aus den Kreisläufen ergibt sich eine tiefe Ordnung, die größer ist als unser Denken und deren harmonische Proportionen die Schönheit des Gesamten erfahrbar machen.

Das ist Kosmos, das geordnete Ganze. Ihm zur Seite steht Chaos, altgriechisch der weite und leere Raum, in dem es noch keine Ordnung gibt. Beide zusammen, Chaos und Kosmos, stoßen den Schöpfungsprozess immer wieder aufs Neue an.

Stand by me

Nur wer es annimmt, dass das eine auf das andere folgt, bekommt einen Zugang zu der Schönheit des Lebens. Es braucht immer wieder Entwicklungsphasen, in denen die alte Ordnung aufgebrochen wird und eine neue entstehen kann. Sonst entsteht eine Form von Inzest, und es wird hässlich. Wer das begreift, der kann sich, wie der Dichter Rainer Maria Rilke es ausdrückt, die Welt schön lieben. Dann werden die Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Und das Schreckliche ist im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.

Lassen wir uns also nicht allein, wenn es hoch hergeht, verlassen wir uns selbst nicht, wenn das Chaos uns in die Ohnmacht stürzt. Wagen wir es, an sie heranzutreten. Nicht mehr wird uns abverlangt als unsere Präsenz, wenn es darauf ankommt. Versteigen wir uns nicht in den Gedanken, die Drachen überwinden zu können oder gar zu töten. Sie gehören zu den Schöpfungszyklen dazu. Hören wir auf, diese Dinge kontrollieren zu wollen, und stellen wir uns unserer Hilflosigkeit. Nicht um auf einen Retter zu hoffen, sondern um auch in der dunklen Nacht der Seele bei uns zu bleiben.

Ich gehe nicht weg. Ich bleibe bei dir. Du bist nicht allein. Das ist Heilung. Ich halte den Raum, auch wenn er dunkel ist.

So wird er nicht bleiben. Es geht vorüber. Alles wird wieder anders werden. Das ist ein Gesetz des Lebens. Immer wieder folgt auf Chaos Kosmos, immer wieder gibt es die Chance, etwas anders zu machen, so lange, bis wir es gelernt haben, wirklich bei uns zu bleiben und zu uns selbst zu stehen, ohne es anders haben zu wollen.

Lieben, was ist

Es ist wie ein Rezept für das Unglücklichsein, den Dingen hinterherzulaufen, die wir haben wollen. Nur dem, der liebt, was ist, offenbart sich das Glück. Er vertraut den Gesetzen des Lebens und weiß, dass letztlich alles richtig ist so, wie es ist. Im Wechselspiel zwischen Chaos und Kosmos gibt es keine Fehler, nur Gesetzmäßigkeiten. Das Leben ist nicht ungerecht. Wer das empfindet, hat es nur nicht verstanden (3).

Und was ist mit den Kriegen, dem Leid der Unschuldigen, der unerträglichen Bereicherung einiger weniger? Das soll nicht ungerecht sein? Sollen wir dagegen nicht aufbegehren?

Diejenigen, die nach einem höheren Sinn suchen, sehen sich mit dem Vorwurf des Spiritual Bypassing konfrontiert. Sie entziehen sich der Wirklichkeit und fliehen in Glaubensvorstellungen, mit denen sie sich eine komplexe Welt einfach erklären. Dem zur Seite stellt der amerikanische Philosoph Charles Eisenstein das Political Bypassing: die Tendenz, politische Narrative und Framing zu verwenden, um ungelöste emotionale Probleme, psychologische Verletzungen und unvollendete Entwicklungsaufgaben zu vermeiden oder um soziale Dominanz zu behaupten. Alles wird durch die politische Brille betrachtet, jedes Gespräch in einen politischen Bereich gelenkt (4).

Gemeint sind hier weder das eine noch das andere. Es geht darum, sich der einzig wirklichen Aufgabe zu stellen, die uns angetragen wird: Erlebe mich! Was auch immer sich uns präsentiert, es will erfahren werden. Darum kommen wir nicht herum! Mögen wir den Teller von uns schieben, er wird uns immer wieder serviert. Der Kelch wird nicht an uns vorüberziehen. Uns bleibt nichts, als ihn zu trinken.

Es ist, was es ist

Leid entsteht, wenn wir uns dem widersetzen. Wenn wir fliehen, manipulieren, kämpfen oder uns verweigern, dann wird es richtig unangenehm — für andere, aber letztlich vor allem für uns selbst. Die Bereitschaft, sich dem zu stellen, was ist, hat nichts mit Bypassing zu tun. Es ist der wohl mutigste Akt, den ein Mensch vollbringen kann, ein Sprung in einen Wasserfall, bei dem man nicht weiß, was einen unten erwartet.

Dieses bedingungslose Ja zum Leben ist es, das uns rettet. Niemand wird kommen, der das an unserer Stelle tut.

Vielleicht gibt es Trost, Orientierung, Hilfe. Doch den Kelch trinken, von dem wir zunächst nicht wissen, ob er Schierlingsbecher ist oder magischer Lebenstrunk, müssen wir. Wer das riskiert, wer bereit ist, alles zu lassen, dem kann sich das Leben schenken und seine unermessliche Schönheit selbst in den schrecklichen Momenten offenbaren.

Wahre Schönheit macht keine halben Sachen. Sie ist nur im Ganzen zu bekommen. Anfang und Ende, Dunkelheit und Licht, Chaos und Kosmos — wer sich darauf einlässt, der kann Wunder erleben. Durch ihn wird der weite und leere Raum, in dem es noch keine Ordnung gibt, mit einer Schönheit gefüllt, die nur kommen kann, wenn wir sie willkommen heißen.