Das Privileg der Resilienz

Nur wer nicht in Kuba leben muss, kann das Land noch als heldenhaften Widerständler gegen den US-Imperialismus romantisieren.

Immer häufigere und längere Stromausfälle zwingen die Bevölkerung der größten Karibikinsel zu einem Leben, das eher einem Dahinvegetieren gleicht. Verantwortlich dafür sind nicht nur die Sanktionen aus dem Ausland, sondern auch das korrupte kubanische Regime selbst. Die traurige Wahrheit lautet, dass auch die Gegenspieler des US-Imperiums nicht besser mit der eigenen Bevölkerung umgehen als andere kritikwürdige Staatschefs. Ein Erfahrungsbericht.

Jeder Tag ist wie der andere. Um 8:20 Uhr morgens weckt mich die Sonne, die durch das Fenster scheint. Manchen mag es so vorkommen, als würde ich viel schlafen, aber in Wirklichkeit habe ich gar nicht geschlafen. Es macht auch keinen Sinn, aufzustehen, denn es gibt keinen Strom. Und ohne Strom kann ich weder arbeiten noch kochen. Deshalb ist das Fenster offen und die Sonne scheint herein, denn sonst ist es bei 30 Grad in den Tropen unmöglich zu schlafen.

Jeden Tag wache ich auf, während die Sonne auf mein Bett scheint, und trage immer dieselbe Kleidung. Denn wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch kein Wasser, und man kann sich nicht waschen. Also trage ich dieselbe Kleidung zwei oder drei Tage lang, denn auch damit muss man sparen. Der Strom kommt gegen 11 Uhr, oder um 13 Uhr, oder erst morgen. Dann beeile ich mich, zu kochen, mein Handy aufzuladen, zu arbeiten, nach Stipendien für ein Studium an ausländischen Universitäten zu suchen, Nachrichten zu lesen, mit meiner Mutter zu sprechen und wenig mehr, denn Strom gibt es höchstens sechs Stunden lang.

Ich arbeite seit über einem Monat an einem Text, und er will mir einfach nicht gelingen. Zum Glück habe ich mehrere Jobs: Ich bin Assistentin einer Content-Erstellerin, die eine Freundin von mir ist. Außerdem schreibe ich Artikel, um der Welt die Wahrheit über mein Land zu erzählen — meine Wahrheit. Das liebe ich, denn dadurch habe ich meine Liebe zum Journalismus wiedergefunden, die ich während meiner vierjährigen Laufbahn durch die Zensur verloren hatte. Aber dafür muss ich lesen, recherchieren, schreiben und überarbeiten. Das kostet Zeit, und Zeit ist genau das, was mir fehlt. Für meinen anderen Job verfasse ich Nachrichten und Ratgeber für Kubaner in der Diaspora — für ein Gehalt, das eher dem entspricht, was ich bei einem regierungsnahen Medium verdienen würde. Aber es ist beinahe ein festes Gehalt. Und ich muss nicht aus dem Haus gehen. Und ich muss nicht lügen.

Ich habe mehrere Jobs, und trotzdem reicht mein Geld nicht bis zum Monatsende. Ich kann mir nur Essen leisten und mir nicht einmal Batterien kaufen, um arbeiten zu können, ohne jedes Mal frustriert zu sein, wenn ich etwas nicht zu Ende bringen kann.

Aber ich bin privilegiert, das weiß ich. In Kuba gibt es unterschiedliche Stufen von Privilegien und auf dieser Insel widerstandsfähig zu sein, ist das höchste davon.

Ich will weder Widerstand leisten noch mutig sein. Ich will ein einfaches Leben: gut und gesund essen, meine Familie in der Nähe haben, mich mit meinen Freunden treffen, Serien schauen und ab und zu in den Urlaub fahren können.

Der Präsident, den niemand für mein Land gewählt hat, der aber dennoch dort ist und zu denen gehört, die es ruinieren und an Ausländer verkaufen, fordert uns dazu auf, „kreativ“ Widerstand zu leisten.

Ich übersetze: dass wir Hunger leiden und ungenießbare Rezepte erfinden; dass wir verschiedene Arten von Fächern für die Nächte mit Stromausfall basteln; dass wir in Hauseingängen schlafen und lernen, die Sprache der Mücken zu sprechen (um sie freundlich zu bitten, uns nicht zu stechen und nicht krank zu machen); dass wir uns wegen Wassermangels im Regen waschen; dass wir uns vorstellen, die Müllberge, die Straßen und Alleen versperren, seien üppige Wälder; und vor allem, dass wir ganz still sind.

Die Kubaner im Exil, unsere Brüder, die uns besser verstehen als jeder andere, bitten uns, noch ein wenig durchzuhalten, denn dies seien die letzten Atemzüge der Diktatur, die seit 66 ihrer 67 Jahre im Sterben liegt, und sie würden uns schon bald befreien kommen.

Die internationale Presse spricht von unserer Resilienz, von unserem Lächeln, das wir nicht verlieren, davon, wie wir Alternativen zur Krise erfinden. Es gibt immer einen schicken Bericht über eine bewundernswerte Person, die einen Weg gefunden hat, durchzuhalten, ohne zu verzagen. Fast immer erscheinen diese Berichte auf Englisch, auf Instagram. Die meisten Kubaner können sie nicht lesen, weil sie in Medien erscheinen, die sie nicht kennen — denn man hat uns von der Welt isoliert —, und weil es illegal ist, sie zu lesen, und obendrein — Entschuldigung, dass ich mich wiederhole – weil sie keinen Strom haben, um die bewegende Geschichte der jungen Leute zu sehen, die sich entschlossen haben, trotz allem zu bleiben.

Ja, ich bin gereizt, aber ich weiß einfach nicht, wie lange ich noch Strom haben werde. Zumindest ist das Essen fertig. Also weiter.

Ich bitte um Entschuldigung, falls ich damit die Gefühle einiger Menschen verletze. Aber ich habe es auch satt, dass das „Bleiben“ romantisiert wird, als würde man dafür eine Auszeichnung verdienen.

Die bewusste Entscheidung, in Kuba zu bleiben, ist genauso berechtigt wie der Wunsch, das Land zu verlassen. Und wahrscheinlich erfordert sie genauso viel Geld. Denn alles auf dieser Welt ist eine Frage des Geldes.

Die wenigen schönen Dinge zu sehen, die es in meinem Land noch gibt, ist teuer, sehr teuer. Die Fahrt zu einem Theaterstück oder einem Konzert kostet mich in einem Sammeltaxi mehr als zweitausend Pesos. Das sind etwa 3 bis 4 Dollar. So hoch lag bis zum letzten Monat der Mindestlohn in Kuba. Jetzt beträgt der Mindestlohn 5 Dollar.

Der Eintritt zu den Veranstaltungen kostet weniger als einen Dollar. Ich weiß, dass die Veranstalter darauf angewiesen sind. Aber für viele bedeutet das den Unterschied, ob sie in der Bar oder im Café, wo die Veranstaltung stattfindet, etwas konsumieren können oder nicht.

Nachts auszugehen — ob mit oder ohne eigenes Fahrzeug — ist in einem Land, in dem Stromausfälle immer häufiger und länger werden und die Kriminalität zunimmt, ein risikoreiches Unterfangen.

Und da bleibt nicht mehr viel Energie übrig, nachdem man sechs Stunden lang zehn Aufgaben gleichzeitig erledigt hat und weiß, dass man ohne Strom schlafen gehen muss.

Wenn du ein Stadtmensch bist (ein weiteres Privileg), herzlichen Glückwunsch — du hast es im Leben ein bisschen leichter. Wenn du hingegen am Stadtrand wohnst, musst du dich entscheiden: Entweder kaufst du dir etwas zu essen oder zahlst mehrere tausend Pesos für die Fahrt, oder du schläfst bei einem Freund, der dir ein Sofa zur Verfügung stellt, oder du legst mehrere Kilometer zu Fuß zurück.

Ich habe es satt, dass das Leben ein Ausdauerlauf ist und dass ich das angeblich für den Rest meines Lebens tun soll. Denn es ist nichts Falsches daran, zu bleiben, ein Projekt aufzubauen, für einen Traum zu kämpfen — solange man kann — und in diesen Aufenthalt zu investieren. Aber es ist auch nichts Falsches daran, weggehen zu wollen, die Insel des Mülls, des Elends, der mutierten Mücken, der Hitze und des endlosen Tages ohne Strom mit seiner endlosen Nacht ohne Strom hinter sich zu lassen. Beide Optionen sind gleichermaßen gültig, gleichermaßen plausibel, gleichermaßen schlüssig, denn alles hängt von dir und deinem Kontext ab.

Was jedoch nicht passieren darf, ist, dass diejenigen von uns verurteilt werden, die bereits aufgegeben haben. Dass man uns vorschreibt, was wir tun oder wie wir uns verhalten sollen. Dass derjenige, der es hier geschafft hat, seinen Traum zu verwirklichen, auf diejenigen herabblickt, die das nicht wollen, oder sich für eine einzigartige, erleuchtete, auserwählte Spezies hält. Dass Politiker, die den Ölpreis nicht kennen, dir sagen, du sollst durchhalten und dass du ein heldenhaftes Volk bist. Dass internationale Journalisten, die eine Woche lang in einem Hotel wohnen, um einen Bericht zu schreiben, für den sie genug bezahlt bekommen, damit eine kubanische Familie mindestens ein Jahr lang essen kann, davon sprechen, dass Kuba nicht wirklich am Zusammenbruch steht, weil es noch Leben gibt.

Dass wir Kubaner heute noch am Leben sind, ist eine Studie wert, und wenn überhaupt, dann ist es die Widerstandsfähigkeit unserer Körper und unserer Geister, die es zu untersuchen gilt, nicht die „unserer Seelen“.

Ich bin nicht weggegangen, weil ich mir das nicht leisten kann. Ich will aber auch nicht hierbleiben, weil ich mir ein Leben hier, das halbwegs menschenwürdig ist, ebenfalls nicht leisten kann.

Wie ich befinden sich die meisten kubanischen Bürger in der Schwebe. In der Vorhölle derer, die nichts tun können. An Händen und Füßen gefesselt, gezwungen, denselben Tag immer wieder zu erleben, drei Tage lang dieselbe Kleidung zu tragen, ohne Öl zu kochen und zuzusehen, wie die Eier schlecht werden, ohne Strom einzuschlafen und ohne Strom aufzuwachen. Von nichts anderem zu träumen als von einer Solaranlage, um sich auszuruhen.

Und auch wenn ich jeden Tag versuche zu lachen und nach einem Weg suche, damit sie mir nicht auch noch das wegnehmen, was ich in mir trage, kann und will ich den Rest meines Lebens nicht so verbringen. Ich weigere mich.

Widerstand: ertragen, aushalten oder leiden; Bezeichnung für einen Körper oder eine Kraft, die der Einwirkung oder der Gewalt eines anderen entgegenwirkt; Bezeichnung einer Person oder eines Tieres, das überlebt. Ist das Leben?

Resilienz: die Anpassungsfähigkeit eines Lebewesens gegenüber einem Störfaktor oder einem widrigen Zustand beziehungsweise einer widrigen Situation. Lässt sich das romantisieren?

Eine Freundin, die sich retten konnte, sagte einmal, dass Überleben anstrengend sei. Das muss wohl der Grund sein, warum ich ständig müde bin und mich nicht darüber freuen kann, dass ich meine Leseblockade überwunden habe und nun jeden Monat fünf Bücher lese, während ich die Stromausfälle nutze.

Das muss wohl der Grund sein, warum mich die Wut überkommt, wenn ich in den ersten Minuten nach der Wiederherstellung der Stromversorgung schon wieder einen Bericht (von Ausländern für Ausländer gemacht) sehe, in dem davon die Rede ist, wie in Kuba unter widrigen Umständen Wunderkinder entstehen. Mich interviewen sie nicht, weil ihnen das keinen inspirierenden Aufhänger bietet und weil alles, was ich zu sagen habe, ehrlich gesagt ein bisschen deprimierend ist.

Diesen Tag habe ich bereits gestern erlebt, und ich werde ihn morgen wieder erleben. So halte ich in meiner Not durch. Mir bleibt nichts anderes übrig, als den „Tag des Murmeltiers“ noch einmal zu überstehen. Und ab und zu meiner Wut freien Lauf zu lassen.

Damit beende ich meinen Ausbruch, der Strom ist wieder weg.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag wurde exklusiv für Manova verfasst, von Elisa Gratias aus dem Spanischen übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova Korrektoratsteam lektoriert.