Das Rätsel des Gehorsams
Die Geschichte der Länder Malawi und Simbabwe zeigt, warum Menschen zu lange an einem dysfunktionalen System festhalten und wie sich nach einer Revolution doch wieder das Alte durchsetzt.
„Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder“, schrieb Georg Büchner in Dantons Tod und brachte damit die Krux der politischen Umwälzung auf den Punkt. Die Geschichtsbücher sind gut gefüllt mit Beispielen von Revolutionären, die mit freiheitlichen Parolen ein repressives System ablösten, nur um am Ende mindestens genauso repressiv zu regieren. Ähnliches geschah im Zuge der erkämpften Unabhängigkeit in Simbabwe. Robert Mugabe führte die Befreiungsbewegung an, regierte nach deren Erfolg jedoch als brutaler Diktator. Im nur wenige hundert Kilometer entfernten Malawi regierte nach dem Ende der Kolonialherrschaft Hastings Kamuzu Banda über drei Jahrzehnte autoritär das Land. Warum dauerte es so lange, bis die Menschen sich eines politischen Systems entledigten, das sie privat schon seit langem kritisierten? Die Antwort auf diese Frage betrifft mitnichten nur die afrikanischen Staaten. Sie betrifft den Menschen an sich.
„Fasse den Entschluss, nicht mehr zu dienen, und du bist sofort frei“ (Étienne de La Boétie, „Über die freiwillige Knechtschaft“).
Irgendwann in den 1980er-Jahren, während ich an einer kanadischen Universität mein Postgraduiertenstudium absolvierte, hatte ich einen Klassenkameraden aus Simbabwe, der mich gerne wegen Malawi aufzog.
Sein Land war gerade erst unabhängig geworden. Robert Mugabe war noch der revolutionäre Held, der Befreiungsführer, der Intellektuelle, dessen akademische Qualifikationen — „sieben Abschlüsse“, woran mich mein Freund unermüdlich erinnerte — beinahe wie ein weiterer Befähigungsnachweis für die Regierung eines Landes wirkten.
Simbabwe verkörperte das neue Afrika: selbstbewusst, befreit und geführt von Männern, die einen Befreiungskrieg für die Freiheit geführt hatten. Malawi war da schon schwieriger zu erklären. Wir hatten einen Präsidenten auf Lebenszeit.
„Wie könnt ihr Malawier es zulassen, dass ein einziger Mann euch so lange beherrscht?“, fragte mein Freund und paffte an einer Pfeife, die für sein Alter ziemlich unpassend wirkte, obwohl eine Pfeife einem jungen Intellektuellen in jenen Tagen irgendwie den Anschein vorzeitig erworbener Weisheit verlieh.
Das war keine unberechtigte Frage. Hastings Kamuzu Banda, der „Ngwazi“, wie wir ihn alle in Erinnerung haben, regierte Malawi seit der Unabhängigkeit und leitete ein politisches System, in dem Opposition verboten war, abweichende Meinungen gefährlich sein konnten und die Unterscheidung zwischen Loyalität zum Land und Loyalität zu seinem Präsidenten immer schwieriger wurde. Tatsächlich wurde Gehorsam offiziell als einer der vier Eckpfeiler der Regierungspartei proklamiert, neben Einheit, Treue und Disziplin. Schon das politische Vokabular sagte dem Bürger, was von ihm erwartet wurde.
Mein simbabwischer Freund fand das unbegreiflich. Sein Volk hatte schließlich einen Befreiungskrieg geführt. Sie hatten die weiße Herrschaft gestürzt. Sie hatten Mugabe. Doch die Geschichte hat einen schelmischen Sinn für Humor.
Wir beendeten unser Studium und kehrten in unsere jeweiligen Länder zurück, und nach und nach begann sich der klare Kontrast, den mein Freund gezeichnet hatte, aufzulösen. Der revolutionäre Held mit der beeindruckenden Sammlung an akademischen Graden blieb an der Macht, und die Institutionen um ihn herum schwächten sich im Laufe der Jahre ab. Politische Gegner wurden verfolgt, Wahlergebnisse wurden zunehmend angefochten, und Gewalt hielt Einzug in das politische Leben.
Der Befreier legte sich langsam die autoritären Gewohnheiten zu, die nur schwer mit der Freiheit zu vereinbaren waren, für die seine Bewegung gekämpft hatte.
In der Zwischenzeit geschah in Malawi etwas ebenso Unerwartetes. Die angeblich fügsamen Malawier begannen sich zu regen. Kirchenführer erhoben ihre Stimme. Studenten demonstrierten. Arbeiter traten in den Streik. Politische Gefangene und Exilanten wurden Teil des nationalen Diskurses. Ganz normale Menschen, die jahrzehntelang ihre Stimme gesenkt hatten, wenn das Gespräch auf Politik kam, begannen deutlich lauter zu sprechen. 1993 stimmten die Malawier in einem Referendum für die Beendigung des Einparteiensystems. Im darauffolgenden Jahr wählten sie Banda in Mehrparteienwahlen aus dem Amt.
Ich habe mich manchmal gefragt, was mein simbabwischer Kommilitone von dieser Umkehrung hielt. Im Laufe der Zeit wurde mir jedoch klar, dass er glaubte, mir eine Frage über die Malawier zu stellen. Keiner von uns erkannte, dass er eine Frage über Menschen stellte.
Mehr als vier Jahrhunderte vor unseren Gesprächen in Kanada hatte ein junger Franzose namens Étienne de La Boétie im Grunde dieselbe Frage gestellt. Seine Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft geht von einem politischen Rätsel aus, das so offensichtlich ist, dass wir oft gar nicht bemerken, wie außergewöhnlich es eigentlich ist. Ein Tyrann mag ein einzelner Mensch sein, während die Menschen, über die er herrscht, zu Millionen zählen. Wie kommt es also, dass Millionen einem einzigen Menschen genau die Macht zur Verfügung stellen, mit der dieser sie beherrscht?
Diese Formulierung ist verstörender, als nur festzustellen, dass Herrscher Soldaten und Polizisten brauchen. La Boéties Einsicht war, dass sich Tyrannei schließlich viel weiter in die Gesellschaft hinein erstreckt. Die Macht des Herrschers reproduziert sich durch zahllose Akte der Kooperation von Menschen, die selbst niemals als Tyrannen bezeichnet werden könnten. Um ihn herum stehen jene, die direkt von seiner Macht profitieren; um sie herum stehen andere, die von deren Macht profitieren. Weiter außen befinden sich Beamte, Soldaten, Polizisten, Richter, Geschäftsleute, Bürokraten und zahllose kleinere Funktionäre, deren individuelles Handeln die Maschinerie am Laufen hält. Hinter ihnen steht die große Masse der gewöhnlichen Bürger, von denen viele das System, das ihre tägliche Anpassung aufrechterhalten hilft, privat ablehnen würden.
Manche glauben aufrichtig. Manche tun nur so, als würden sie daran glauben. Manche profitieren davon. Manche sind verängstigt. Manche sagen sich, dass Politik sie nichts angeht. Andere haben Kinder zu erziehen, Karrieren zu schützen und Leben, die sie lieber weiterführen würden. Wieder andere gewöhnen sich einfach an die Dinge, und was zunächst empörend erscheint, kann mit genügend Zeit zu dem werden, was man eben als Normalität hinnimmt.
Es gibt eine weitere Kategorie, vielleicht folgenschwerer als jede der anderen: jene, die zu Wächtern des Anführers werden, ohne jemals für diese Rolle angeworben worden zu sein. Sie fühlen sich in seinem Namen beleidigt, wittern Feinde, die er selbst vielleicht niemals bemerkt hat, bestrafen Kritik, die er selbst vielleicht niemals gehört hat, und überbieten einander in Loyalitätsbekundungen.
Manche mögen von echter Hingabe angetrieben sein, während andere unter der bestehenden Ordnung Positionen, Privilegien oder schlicht ein Gefühl der Sicherheit erlangt haben und — bewusst oder unbewusst — verstehen, dass ihr eigenes Wohlergehen an deren Fortbestand geknüpft ist. Der Diktator muss solchen Menschen nicht immer Anweisungen geben. Sobald ein politisches System lange genug besteht, kann es seine eigenen freiwilligen Polizisten hervorbringen: Bürger, die seine Grenzen verteidigen, weil der Schutz des Großen Führers für sie untrennbar mit dem Schutz ihrer selbst verbunden ist.
Möglicherweise ist eine noch tiefere, persönliche Investition im Spiel. Nachdem Menschen jahrelang einen Anführer verteidigt haben, entwickeln sie ein Interesse daran, weiterhin zu glauben, dass ihre Verteidigung gerechtfertigt war.
Einzugestehen, dass der Anführer repressiv geworden ist, könnte bedeuten, sich eingestehen zu müssen, dass das eigene Urteilsvermögen falsch war — vielleicht über viele Jahre hinweg und vor den Augen vieler Leute. Was auf dem Spiel steht, ist also längst nicht mehr nur materieller Natur. Auch der eigene Ruf, der Stolz und das Selbstbild als Mensch mit gesundem Urteilsvermögen sind betroffen. Dasselbe Muster begegnet uns weit über die Politik hinaus: bei unserem Widerstand gegen neue Ideen und gegen Kritik, die Positionen infrage stellt, mit denen wir uns im Laufe der Zeit identifiziert haben. Manchmal verteidigen wir eine Idee noch lange, nachdem die Belege gegen sie sprechen, weil wir, würden wir sie aufgeben, auch unsere eigene Geschichte über uns selbst neu schreiben müssten.
Das ist der beunruhigende Gedanke, der in La Boéties Begriff der „freiwilligen Knechtschaft“ steckt, wobei man sich gegen das Wort „freiwillig“ durchaus sträuben darf. An Gefängnis, Folter, Verbannung oder Tod ist gewiss nichts freiwillig. Zwischen dem begeisterten Mitläufer, der durch Unterdrückung aufsteigt, und dem verängstigten Elternteil, der schweigt, weil andere Menschen von ihm abhängig sind, liegt ein gewaltiger moralischer Abstand. Menschen leben nicht allein von politischem Mut.
Jahrhunderte nach La Boétie lieferte uns der tschechische Dissident Václav Havel eine der besten Illustrationen für dieses Phänomen. In „Die Macht der Machtlosen“ stellt er sich einen Gemüsehändler vor, der den kommunistischen Slogan „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ in sein Schaufenster hängt. In einem malawischen Kontext könnten wir uns etwas annähernd Gleichwertiges vorstellen: ein Schild mit der Aufschrift „Boma ndilomweli, silikusintha“ („Diese Regierung bleibt. Sie ändert sich nicht.“ Anmerkung der Übersetzerin). Der wichtige Punkt ist, dass der Gemüsehändler es möglicherweise gar nicht glaubt. Er stellt das Schild auf, weil man das eben so macht. Der Fleischer tut es, der Büroangestellte tut es, der Lehrer tut es und der Nachbar tut es.
Das Schild sagt weniger über Ideologie aus als über Anpassung. Der Gemüsehändler sagt damit eigentlich nur, dass er die Regeln kennt und in Ruhe gelassen werden will.
Wenn Millionen Menschen im Grunde dieselbe Rechnung aufmachen, kann am Ende jeder Einzelne dazu beitragen, ein System aufrechtzuerhalten, das viele insgeheim verabscheuen. Wenn man aus der Sicherheit eines anderen Landes auf die Dinge blickt, ist es leicht zu fragen, warum die Menschen nicht Widerstand leisten. Das war die Frage meines simbabwischen Freundes. Es wird wesentlich schwieriger, wenn Widerstand einen den Job, die Bildung der Kinder, den Reisepass, die Freiheit oder das Leben kosten kann. Dennoch bleibt der unbequeme Kern von La Boéties Argument bestehen: Jedes unterdrückerische System erfordert eine Teilhabe, die weit über den kleinen Kreis derer hinausgeht, die es tatsächlich lenken.
Das mag erklären, warum das größte politische Kapital eines schlechten Herrschers manchmal der vernünftige Bürger ist, der ihn zwar ablehnt, aber dennoch gehorcht.
Der Fanatiker gehört ihm bereits. Die interessantere Person erkennt, was falsch ist, beschwert sich privat darüber, lacht vielleicht sogar unter vertrauten Freunden über den Herrscher und geht dann am nächsten Morgen zur Arbeit, um die kleine Funktion zu erfüllen, die das System von ihm verlangt. Er mag ausgezeichnete Gründe dafür haben. Offener Widerspruch bewirkt vielleicht nichts. Jemand anderes mag besser in der Lage sein, es zu tun. Warum die eigene Karriere zerstören? Warum die eigene Familie gefährden? Sicherlich kann man mehr erreichen, wenn man innerhalb des Systems bleibt.
Im Laufe der Jahre habe ich wunderbar mutigen und revolutionären Gesprächen zugehört, die den sicheren Kreis, in dem sie geführt wurden, nie überlebten. Heute kann eine WhatsApp-Gruppe vor Empörung, Trotz und Aktionsvorschlägen geradezu beben, wobei die Revolution leise erlischt, sobald jemand seinen Namen unter einen Brief setzen, auf einer Demonstration erscheinen oder ein Büro betreten und öffentlich aussprechen muss, was alle untereinander längst gesagt haben. Für diesen Rückzug gibt es oft sehr gute Gründe. Auch der Telefonrevolutionär hat eine Familie. Er weiß, dass die Bewunderung seiner Mitrevolutionäre auf WhatsApp nicht unbedingt die Schulgebühren seiner Kinder bezahlt, wenn sein Mut ihn den Arbeitsplatz kostet.
Darin liegt eine Ironie, die ich an anderer Stelle untersucht habe, als ich die abnehmende Angst betrachtete, die viele moderne autoritäre Herrscher vor sozialen Medien zu haben scheinen. Einer Bevölkerung kann eine erstaunliche Freiheit zum Beschweren gewährt werden, wenn das Beschweren selbst zum Ersatz für Handeln wird. Der Druck wird abgelassen, jeder hat sich zu Wort gemeldet, alle fühlen sich für einen kurzen Moment mutig — und am Montagmorgen läuft die Maschinerie weiter.
Besonders schwierig wird es, wenn der Herrscher ursprünglich als Befreier an die Macht kam. Ein Anführer, der durch einen Kampf an die Macht gelangt, besitzt etwas, das ein gewöhnlicher Politiker nicht besitzt: moralisches Kapital. Er hat für die Nation gelitten, für die Freiheit gekämpft, war im Gefängnis oder im Exil und hat Kameraden sterben sehen. Die Bevölkerung hat daher das Gefühl, ihm etwas zu schulden — manchmal sehr viel.
George Orwell erkannte die Gefahr besonders gut in „Farm der Tiere“. Die Revolution beginnt mit der Befreiung und entwickelt allmählich ihre eigene Hierarchie, ihre Privilegien und ihre eigene Mythologie.
Die Genossen von gestern werden zu den Herrschern von heute, während die Erinnerung an den ursprünglichen Kampf immer wieder beschworen wird, um Zustände zu rechtfertigen, die dessen Zweck zunehmend verraten.
Auch im wirklichen politischen Leben kann der Befreier von gestern irgendwann auf das moralische Guthaben zurückgreifen, das er sich während des Kampfes erworben hat. Kritik wird zu Undankbarkeit, Opposition zu Verrat, die Partei zunehmend ununterscheidbar vom Staat – und der einstige Befreier schließlich zum Führer der Partei.
Das ist einer der Gründe, warum Bildung keinen garantierten Schutz vor Autoritarismus bietet. Mein simbabwischer Freund war stolz darauf, dass Mugabe sieben akademische Abschlüsse hatte. Vielleicht waren es tatsächlich sieben; vielleicht war die Zahl bereits Teil der Mythologie, die sich um ihn gebildet hatte. Das spielt kaum eine Rolle. Interessanter war die Annahme, die hinter dieser Prahlerei steckte: Ein derart gebildeter Mann müsse doch wohl weise regieren. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass Intelligenz, Charakter und Selbstbeherrschung ganz unterschiedliche Eigenschaften sind und akademische Abschlüsse, wie zahlreich sie auch sein mögen, keine Impfung gegen die berauschende Wirkung von Macht darstellen.
Vor Kurzem musste ich wegen eines amerikanischen Militärangehörigen wieder an jene lang zurückliegenden Gespräche denken. Major Jason Watson, ein aktiver Offizier der US-Luftwaffe, forderte öffentlich die Amtsenthebung und Absetzung von Präsident Donald Trump und Vizepräsident J.D. Vance. Er wusste, dass für einen aktiven Offizier mit militärischem Rang politische Beschränkungen gelten, die für einen gewöhnlichen Bürger nicht in gleicher Weise gelten. Er trat in Uniform auf, protestierte am Kapitol, wurde verhaftet und setzte damit seine militärische Karriere aufs Spiel.
Ob Watsons politische Vorwürfe zutreffen oder nicht, muss unabhängig von seinem Mut festgestellt werden. Opferbereitschaft war noch nie ein Beweis für die Richtigkeit einer Sache; die Geschichte ist voller Menschen, die heldenhaft für Überzeugungen gelitten haben, die später als falsch oder sogar schrecklich beurteilt wurden. Was Watsons Handeln überzeugender zeigt, ist die Ernsthaftigkeit seiner Überzeugung. Er war bereit, einen Preis dafür zu zahlen, öffentlich auszusprechen, was er für richtig hielt.
Dieser Unterschied ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich so viele mutige Meinungen gehört habe, die ihre Urheber nichts kosteten. Eine private Verurteilung im Freundeskreis ist das eine; dieselben Worte erhalten ein anderes moralisches Gewicht, wenn der eigene Name, der Lebensunterhalt, die Freiheit oder der Ruf damit verbunden sind. Die Distanz zwischen diesen beiden Formen des Sprechens kann gewaltig sein, und es gibt durchaus nachvollziehbare Gründe dafür, warum die meisten von uns zögern, sie zu überwinden.
Malawi überschritt diese Grenze in den frühen 1990er-Jahren, weil bestimmte Menschen sie zuerst überschritten. Bevor die Menschenmengen die Straßen füllten und bevor der politische Wandel den beruhigenden Anschein der Unvermeidbarkeit annahm, gab es Einzelne, die sprachen, als Sprechen noch Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Geistliche nutzten ihre Kanzeln, als Schweigen sicherer gewesen wäre; Studenten demonstrierten, bevor das Demonstrieren zu einem Ausdruck der nationalen Stimmung wurde; Arbeiter legten ihre Arbeit nieder, während die repressiven Institutionen des Einparteienstaates noch existierten.
Einige Menschen zahlten einen hohen Preis für Handlungen, an die spätere Generationen sich einfach nur als Etappen auf Malawis demokratischem Übergang erinnern würden.
Ihr Handeln veränderte die Kalkulation für alle anderen. Sobald eine Person gesprochen hatte, wusste die nächste, dass sie nicht mehr völlig allein war; als sich ein anderer ihr anschloss, entdeckten andere, dass Ängste und Zweifel, die sie für privat gehalten hatten, geteilt wurden. Allmählich begann das Spektakel des universellen Gehorsams zu bröckeln. Menschen, die Jahre damit verbracht hatten, einander anzusehen und Konformität zu sehen, begannen, Widerspruch zu erkennen. Das scheinbar unbewegliche System sah sich einer Gefahr gegenüber, die größer war als jeder einzelne Gegner: Seine Untertanen entdeckten einander.
Das mag eines der Geheimnisse hinter der Langlebigkeit schlechter Herrscher sein. Angst isoliert. Jeder Bürger betrachtet die anderen und sieht Gehorsam, nimmt aufgrund ihres Verhaltens an, dass sie glauben, und verbirgt daher seine eigenen Zweifel. Die anderen beobachten seine Konformität und ziehen genau denselben Schluss. Eine Nation kann Millionen von Menschen enthalten, die darauf warten, dass Millionen anderer Menschen den ersten Schritt tun.
Ich wünschte, ich könnte mich genau daran erinnern, wie ich meinem simbabwischen Freund vor all den Jahren geantwortet habe. Vielleicht habe ich Malawi verteidigt, vielleicht habe ich das Thema gewechselt, oder vielleicht habe ich einfach gelacht. Ich weiß jetzt, dass ich die Antwort nicht besaß, und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie heute besitze.
Angst erklärt einen Teil des Rätsels, ebenso wie Gewohnheit, Eigennutz, Propaganda, Klientelismus, Nationalismus, Ideologie und der zutiefst menschliche Wunsch nach einem gewöhnlichen friedlichen Leben.
La Boétie hatte sicherlich recht mit der Erkenntnis, dass Tyrannei von Gehorsam abhängt, obwohl uns die Erfahrung vorsichtig machen sollte, all diesen Gehorsam als freiwillig zu bezeichnen. Politische Systeme können Ungehorsam außerordentlich teuer machen, weshalb genau diejenigen, die sich dennoch verweigern, unsere Aufmerksamkeit verdienen.
Manchmal beginnt die Verweigerung fast unmerklich: Ein Gemüsehändler entfernt das Schild aus seinem Fenster, ein Priester sagt von der Kanzel aus, was die Menschen zuvor nur in ihren Häusern gesagt haben, ein Student geht auf die Straße, ein Arbeiter legt sein Werkzeug nieder oder ein Offizier beschließt, dass das Schweigen schwieriger zu ertragen ist als die Konsequenzen des Sprechens.
Vielleicht ist das die Antwort, die ich meinem simbabwischen Freund vor vierzig Jahren in Kanada hätte geben sollen. Das Rätsel war nie, warum die Malawier einen Mann so lange über sich herrschen ließen, genauso wenig wie es später das Rätsel war, warum die Simbabwer ihrem revolutionären Helden erlaubten, die Gewohnheiten der Herrscher anzunehmen, die sie zu stürzen bekämpft hatten. Das Rätsel gehört weder zu Malawi noch zu Simbabwe. Es gehört uns allen.
Jede Tyrannei hinterlässt uns daher zwei Fragen: Was passiert mit einem Herrscher, wenn Macht allmählich auf keinen Widerstand mehr stößt, und was passiert mit dem Rest von uns, wenn Gehorsam der einfachere Weg zu leben wird?
Es könnte also sein, dass mein simbabwischer Freund die falsche Frage gestellt hat. Das Rätsel ist nicht einfach, wie ein Mann es schafft, über Millionen zu herrschen. Es ist vielmehr, wie Millionen von Menschen, jeder mit seinen ganz eigenen, absolut verständlichen Gründen, dazu kommen, dies möglich zu machen.
Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst am 19. August 2026 unter dem Titel „The Mystery of Obedience“. Er wurde von Silvia Lorenz für Manova übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova-Korrektoratteam lektoriert.