Das verschwindende Volk
Neuere Erfahrungsberichte über den Umgang der chinesischen Regierung mit den Uiguren zeichnen das Bild einer totalitär regierten Region — relativierende Gegenstimmen sollten dennoch erwogen werden. Teil 2 von 3.
Im „Mainstream“ ist es vielfach geradezu Pflicht, die chinesische Führung zu kritisieren und die Betrachtung dieses facettenreichen Landes ausschließlich am Thema Menschenrechte aufzuhängen. Andererseits kann man in der sogenannten alternativen Presse die exakt gegenteilige Tendenz feststellen: Viele scheinen geradezu angestrengt über China nur Gutes sagen zu wollen. Gern wird dabei eine Adlerperspektive eingenommen, werden nach oben zeigende Wirtschaftsdaten präsentiert, wird geradezu hämisch konstatiert, wie weit Deutschland hinterherhinkt. Um einem Land gerecht zu werden, braucht es aber auch den Zoom auf die Details. Es reicht nicht, nur Xi Jinpings globalpolitischen Muskelaufbau zu bewundern, man sollte auch zu den Verlierern und Opfern auf der Schattenseite des Systems schauen, den „Erniedrigten und Beleidigten“, um es mit einer Formulierung Dostojewskis zu sagen. Zu den Bevölkerungsgruppen Chinas, die immer wieder im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen oder gar kultureller Auslöschung genannt werden, gehören die Uiguren, eine überwiegend muslimische Minderheit in der nordwestlichen Provinz Xinjiang. Bei der Bewertung des Umgangs der chinesischen Regierung mit den Uiguren gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Neuere Veröffentlichungen wie die des Dichters und Exiluiguren Tahir Hamut Izgil oder der Überlebenden eines Umerziehungslagers, Mihrigul Tursin, bieten aus persönlicher Perspektive einen Einblick in die Verhältnisse in einem autoritär regierten Landesteil. Man kann solche Berichte als „westliche Propaganda“ abtun, der nur anekdotische Bedeutung zukomme. Das Zusammenfügen mehrerer solcher Zeugnisse vermittelt jedoch ein Gesamtbild, das für die chinesischen Machthaber desaströs ausfällt.
2. Teil: „Wie lebendig begraben“
Tahir Hamut Izgil berichtet in seinem Buch „In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung“ davon, dass er drei Jahre in einem chinesischen Umerziehungslager verbracht habe. Im ersten Teil dieses Artikels zitierte ich ihn ausführlich. Der Exiluigure und Dichter erzählt von großen Verhaftungswellen und von Gefängnissen, „die aus allen Nähten platzen“. Allerdings blendet Izgil die Details darüber, wie es in solchen Gefängnissen zugeht, weitgehend aus, sodass man sich davon nur schwer eine Vorstellung machen kann. Diese Lücke schließt das 2022 erschienene Buch „Ort ohne Wiederkehr. Wie ich als Uigurin Chinas Lager überlebte“ von Mihrigul Tursun, einer ebenfalls heute in den USA lebenden Zeitzeugin, die von teilweise noch schwerer erträglichen Vorkommnissen berichtet.
Mihrigul Tursun stammt aus einem uigurischen Dorf nahe der chinesischen Westgrenze. Die Bewohner empfanden sich gar nicht so sehr als ein Teil Chinas und pflegten einige Vorurteile gegenüber Han-Chinesen, von denen sie vor der Jahrtausendwende noch nicht so viele zu Gesicht bekamen. Die Uiguren praktizierten eine Form des Islam, der liberaler war als beispielsweise in arabischen Ländern. „Uigurische Frauen trugen nur selten ein Kopftuch.“ In der Ära Deng Xiaopings, als Tursun aufwuchs, gestand die Pekinger Zentrale der Uiguren-Provinz Xinjiang relative Autonomie zu. An den Dorfschulen wurde der Unterricht nur auf Uigurisch gegeben.
Allerdings nahm Mihrigul Tursun ab den 1990er-Jahren einen Stimmungsumschwung wahr. Die chinesische Regierung versuchte, schrittweise mehr Kontrolle auszuüben. Freundliche Chinesinnen boten den Mädchen zehn Yuan als Belohnung an, wenn diese sich ihre traditionellen uigurischen Zöpfe abschneiden ließen. Ab der fünften Klasse mussten alle Schüler dann Chinesisch lernen.
Das Erlernen der Schriftzeichen war, wie man sich denken kann, schwer. Da Mihrigul herausragende schulische Leistungen erbrachte, wurde sie im Alter von 12 Jahren in ein Internat nach Guangzhou, an der südchinesischen Küste verschickt — fern ihrer Heimat und der Menschen, die bis jetzt ihr Leben ausgemacht hatten. Sie erlebte einen veritablen Kulturschock, denn „die Menschen hasteten durch die Straßen und telefonierten dabei ununterbrochen mit kleinen Telefonen, überall knatterten Autos“.
Ein „unwissenschaftliches Konzept“
Am Internat war es den Mädchen verboten, in ihrer Heimatsprache zu sprechen. „Doch wenn wir uns austauschen wollten, gingen die Lehrer dazwischen: Sie sagten uns, dass wir uns bemühen sollten, nur chinesisch zu sprechen. Deshalb war auch in jedem Schlafsaal nur eine einzige Uigurin untergebracht.“ Die kulturellen Unterschiede trübten auch das Verhältnis zwischen den Schulkameradinnen. Eine Bettnachbarin sprach Mihrigul an, als sie diese dabei „erwischte“, sich in Richtung Mekka zu verneigen. „‚Du glaubst an Gott?‘, fragte sie mich amüsiert. Ich war perplex. ‚Ja, natürlich. Du nicht?‘ ‚Nein. Das ist doch ein ganz altes, unwissenschaftliches Konzept.‘“ Diese Anfangspassagen aus dem Buch „Ort ohne Wiederkehr“ sind interessant, weil sie das Projekt einer anfangs noch sanften „Sinisierung“ nicht Han-chinesischer Volksgruppen im Land dokumentieren — faktisch die Ausübung von Druck mit dem Ziel der vollkommenen Assimilation.
Mihrigul Tursun arbeitete nach der Schule für ein Unternehmen, das auch Geschäfte im arabischsprachigen Raum machte.
In Ägypten lernte sie ihren Ehemann kennen und gebar Drillinge. Mit den Neugeborenen flog sie 2015 zurück nach Urumchi (Xinjiang), um ihren Eltern ihre neuen Enkel zu zeigen. Damit begann für sie der Albtraum. Schon am Flughafen wurde sie von chinesischen Beamten im Zivil bedrängt: „Sie sprachen in herrischem Ton und gaben mir Anweisungen: ‚Du steigst ruhig mit uns aus und sagst kein Wort zu niemandem‘, verlangten sie von mir.“
Sie wurde verhört und unter anderem gefragt, ob sie in Ägypten Mitglied einer terroristischen Vereinigung gewesen sei. „‚Bück dich!‘, bellte der Mann, der mich verhört hatte. Alles ging blitzschnell, ich bekam von hinten einen schwarzen Sack über den Kopf gestülpt, und es wurde auf einmal stockdunkel um mich herum. Dann zerrten sie mich aus dem Raum.“
Irgendetwas gestehen
In Tage langen Verhören wurde Tursun dazu gedrängt, irgendetwas zu gestehen. „‚Und du weigerst dich auch, deine Verbrechen zu gestehen.‘ ‚Welche Verbrechen?‘, schniefte ich. ‚Was soll ich denn gestehen? Da gibt es nichts …‘ ‚Siehst du, genau das meine ich.‘“ Der Frau waren ihre drei Kinder brüsk entrissen worden — ihr weiteres Schicksal blieb für sie lange unklar. Diese Sorge um ihre Drillinge beschreibt sie als „schlimmer als jede Folter“. Mihrigul wurde lange allein in deinen dunklen Raum gesperrt. „Völlig allein hockte ich dort auf dem kühlen Steinboden zwischen den bedrückend engen Wänden.“ Allmählich dämmerten ihr die Hintergründe ihrer Verhaftung. „Mir wurde klar, dass die chinesischen Behörden in Kairo nicht nur mich, sondern alle Uiguren penibel überwachten.“ Tursun beschreibt, dass sie in der Isolationsfolter „fast verrückt“ geworden war. „Ich fühlte mich wie lebendig begraben. War ich überhaupt noch am Leben? Alles verschwamm in meinem Gehirn.“
Als fast noch schlimmer erwies sich aber der nächste Schritt ihres Martyriums, die Unterbringung in einer überfüllten 40-Quadratmeter-Zelle mit vielen anderen Gefangenen. Die Zelle wurde von mehreren Kameras überwacht. Anweisungen wurden über Lautsprecher erteilt. „Langsam verstand ich, dass in der Gefängniszelle ein strenges Regiment herrschte. Es war uns nicht erlaubt, miteinander zu sprechen. Und wir durften uns auch nicht nach Belieben im Raum bewegen. Für alles, was wir taten, mussten wir vorher um Erlaubnis fragen.“ Ihre Notdurft mussten die Gefangenen in ein Loch im Boden unter den Augen aller anderen verrichten. Auch der Gang zur „Toilette“ war genehmigungspflichtig. Der Andrang zu besagtem Loch war speziell frühmorgens groß. Die Zelle stank bestialisch.
Fauliger Geruch und Unterwerfungsrituale
Geschlafen werden konnte nur in Schichten, weil nicht genügend Liegeplatz für alle Gefangenen vorhanden war. Nur etwa ein Drittel der Frauen hatte „das Privileg, sich der Länge nach auszustrecken. Alle anderen versuchten, im Sitzen zu schlafen“. Tursun gibt an, in diesen Nächten besonders gelitten zu haben.
Die uigurische Frau spricht mit Blick auf ihre im Ganzen drei Gefängnisaufenthalte von etwa 40 Frauen in einer Zelle. Die Anzahl wechselte. Oft wurden in den ohnehin überfüllten Raum noch weitere „Neulinge“ nachgeschoben. Die Zelle sei durchströmt gewesen vom fauligen Geruch Dutzender Insassinnen, die sich über Monate nicht hatten waschen können.
Zum „Frühstück“ gab es nur einen Becher mit Reiswasser. Um diesen zu bekommen, war für die Gefangenen eine Unterwerfungsgeste nötig. Sie mussten ihren Kopf beugen und bekennen, dass sie im Unrecht waren. Diese Praxis offenbarte in gesteigerter Form die Einstellung jeder Macht zu den ihr Unterworfenen. „‚Du musst akzeptieren, dass du im Unrecht bist. Dann machen wir es dir nicht schwer‘, sagten sie. ‚Aber wenn du das nicht einsiehst, werden wir es dir sehr schwer machen.‘“
Der Traum jedes Sadisten
Während die Gefangenen also auf diese Weise elend vegetierten, wurden sie dazu gezwungen, sich andauernd zur Ideologie ihrer Peiniger zu bekennen. Das „rote Buch“ der Partei mit Sprüchen von Mao und des momentanen Staatsführers Xi Jinping sowie patriotischen Liedtexten mussten sie permanent rezitieren und praktisch auswendig lernen. „Wir marschierten, exerzierten, saßen still, ganz wie die Stimme im Lautsprecher es anordnete. Vor allem aber waren wir von früh bis spät nicht eine Minute lang uns selbst und unseren eigenen Gedanken überlassen.“ Diese Verhältnisse muten wie der auf die äußerste Spitze getriebene feuchte Traum eines Sadisten an, die Erfüllung jenes kranken Bedürfnisses, einen Menschen — oder eine Gruppe — absolut zu beherrschen.
Mithrugul Tursun wurde schließlich entlassen. Aufgrund der Bürgschaft ihres Vaters, wie sie schreibt. Sie hatte Hausarrest. Das geringste Fehlverhalten hätte zur Folge gehabt, dass nicht nur sie, sondern auch ihr Vater unter den beschriebenen Umständen ins Gefängnis eingeliefert worden wäre. Man darf sich also nicht vorstellen, dass entlassene Gefangene — also faktisch Folteropfer — offen über ihre Erlebnisse reden konnten und dass ihnen die Solidarität ihrer Familie und Freund dann sicher war.
Die Entlassenen mussten unterschreiben, über ihre Erfahrungen im Gefängnis zu schweigen. Redeten sie, waren ihre geliebten Familienangehörigen in Gefahr, dieselbe Hölle zu durchleben. Die Nachbarn mieden Menschen, von denen bekannt war, dass sie gerade aus dem Gefängnis gekommen waren. „Um solche Leute machte man lieber einen Bogen. Deshalb besuchte uns auch niemand daheim.“ Nicht etwa die Folterer, sondern die Gefolterten fanden sich somit als Ausgegrenzte der Gesellschaft weder.
Ein engmaschiges Netz der Kontrolle
Einen weiteren Tiefschlag brachte Tursuns Wiederbegegnung mit ihren Kindern, die in der Zwischenzeit ebenfalls vom Staat „betreut“ worden waren. Von den Drillingen waren nur noch zwei übrig. Der dritte Sohn war unter ungeklärten Umständen verstorben. „Wir haben wirklich alles unternommen, um Ihr Kind zu retten. Sie sind dem chinesischen Staat zum Dank verpflichtet“, sagte eine Ärztin zu ihr. Für die „Behandlung“ ihrer Kinder hatte eine Klinik in Urumchi der Gefängnis-Überlebenden denn auch eine satte Rechnung über umgerechnet etwa 10.000 Euro zugeschickt.
Sie sollte also jene Menschen für ihre „Arbeit“ bezahlen, die vermutlich für den Tod ihres dritten Kindes und für die schwere Traumatisierung der beiden noch lebenden verantwortlich war. Letztere wirkten bei der Wiederbegegnung sichtlich eingeschüchtert und verstört. „Wenn ich frontal auf sie zukam, duckten sie sich weg, so als erwarteten sie Schläge.“
Seit Mihrigul Tursun zuletzt in Freiheit in Xinjiang gelebt hatte, waren Jahre vergangen, während derer das Netz der Kontrolle um die Bewohner immer engmaschiger geworden war. Mihriguls Vater traute sich zum Beispiel nicht mehr, freitags zur Moschee zu gehen. Der Grund: Überall waren im öffentlichen Raum Kameras angebracht, die ihn bei dieser „Tat“ ertappt hätten. „Diese Kameras waren mit einer sensiblen Gesichtserkennungssoftware ausgestattet, die auch Emotionen lesen konnte. Sie registrierten nicht nur, wer wohin ging und wer welches Gebäude betrat, sondern auch, ob die Gesichter der Passanten sorgenvoll oder gelöst wirkten. Sorgenvolle Gesichter galten den Behörden als suspekt.“
Staatsdelegitimierende Musikinstrumente
Die Einwohner von Xinjiang wurden nach einem Punktesystem kategorisiert. Punktabzug gab es unter anderem für das Praktizieren der islamischen Religion, etwa öffentliches Beten, für das Tragen traditioneller Kleidung und für Auslandsreisen. Bei einer Hausdurchsuchung konfiszierten Ordnungshüter die traditionelle, bunt bestickte uigurische Mütze von Mihriguls Vater. Seine beiden geliebten Saiteninstrumente, eine Rawap und eine Kushtar, zertrümmerten sie auf dem Boden, sodass das Holz splitterte. „Der Besitz solcher Instrumente ist verboten! Sie hätten sich auf der Wache melden und sie abgeben müssen.“ Beschreibungen, die absolut mit jenen übereinstimmen, die Tahir Hamut Izgil in seinem Buch „In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung“ gibt.
Auf die erste Verhaftung Mihrigul Tursuns erfolgte 2017 noch eine zweite, die damit begann, dass nachts plötzlich vier Polizisten mit Hunden an ihrem Bett standen. Die Aktion war Teil einer „Säuberungswelle“, wie Tursun vermutet. Einen konkreten Anlass sieht sie nicht. Als wollte der chinesische Justizapparat seine Gräueltaten während des ersten Gefängnisaufenthalts der Frau noch übertreffen, wurde sie diesmal einer Behandlung unterzogen, die im engeren Sinn als Folter bezeichnet werden kann. Sie wurde während eines Verhörs auf den sogenannten Tigerstuhl geschnallt.
Auf dem „Tigerstuhl“
„Meine Beine lagen also gerade und parallel zum Boden auf der Bank, während sie meine Hände hinter der Rückenlehne fesselten, sodass auch mein Oberkörper sehr gestreckt wurde. Das ist eine sehr unbequeme, unnatürliche Haltung. Anfangs geht es noch. Aber bereits nach kurzer Zeit verspürt man starke Schmerzen in den Gliedmaßen und überstreckten Gelenken.“
Immer wieder wurde sie mit den gleichen monotonen Fragen, mit sinnlosen und falschen Vorwürfen konfrontiert. Antwortete sie nicht wie gewünscht, konnte es passieren, dass die „Verhörprofis“ sie bespuckten und ohrfeigten, bis sich eines ihrer Ohren ganz taub anfühlte. Einmal flehte Tursun in diesen Tagen laut Allah an, sie sterben zu lassen. Der chinesische Beamte wurde daraufhin wütend und schrie sie an: „Deine Religion ist die Kommunistische Partei und dein Gott Xi Jinping.“
Sie musste diesen Satz wiederholen. Als Nächstes versetzten die Priester besagter „Religion“ ihr Stromstöße über einen an ihrem Kopf befestigten Helm.
„Schon durchzuckte meinen Körper vom Kopf her ein Schlag. Durchfuhr mich von oben bis unten mit einem höllischen Schmerz und raubte mir einen Moment den Atem. Diese Prozedur wurde oft wiederholt, mit oft noch stärkeren Stromstößen. Die Gepeinigten winselten vor Schmerzen und flehte die Täter an, sie zu töten.“
Vergewaltigungen und Todesfälle
Laut Mihigul Tursun starben während des zweiten ihrer drei Gefängnisaufenthalte in zwei Monaten zwölf ihrer Zellengenossinnen. Manchmal wurden Mitgefangene, die bestimmter Fehler bezichtigt wurden, auch vor den Augen aller anderen verprügelt. Dilnaz, eine junge Gefangene, wurde von Wärtern mehrfach aus der Zelle geholt und vergewaltigt. Sie weinte, als sie morgens wieder zurückgebracht wurde, und blutete am Unterleib. Dies geschah nicht allen Frauen, aber einigen jungen, die als attraktiv galten. Tursun gibt an, sie selbst sei nicht vergewaltigt worden. Dilnaz allerdings kam irgendwann nicht mehr in ihre Zelle zurück, und die Mitinhaftierten mutmaßten, sie sei getötet worden.
„Nach allem, was ich in meiner Zeit hier erlebt habe, wusste ich, dass jederzeit alles möglich war: von sexuellen Übergriffen bis zu psychischer und physischer Folter. Die konnten mit uns machen, was sie wollten. Und das taten sie auch.“
Eine weitere Gefangene — sie hieß Nur — war, nachdem man sie abgeholt hatte, „überall teils mit getrockneten, teils mit frischen Blutflecken besudelt. (…) Sie war offenbar auf die schlimmste Art gefoltert worden.“ Nur sackte irgendwann nachts erschöpft mit ein paar heftigen Atemstößen zusammen — sie hatte keinen Liegeplatz in der Zelle bekommen. Mihrigul rief: „Nur ist tot!“ Die Antwort aus dem Lautsprecher war: „Ruhe, Nummer 17“. Nach einer Weile kamen Uniformierte in die Zelle und stellten fest: „Nummer 23 ist tot.“ Ihre Leiche wurde abtransportiert. „Die Maskierten hatten eine große Zange bei sich, mit der sie Nur am Fuß packten. Auf diese Weise zogen sie sie wie ein totes Stück Fleisch hinter sich her aus der Zelle hinaus.“
Unheimlicher „Verwandtenbesuch“
Wärter, die sich besonders der „Erziehung“ der Gefangenen verschrieben hatten, versuchten sogar, mit der Moralkeule auf die Insassinnen einzuschlagen. Einer sagte:
„Lieber Freund, was ist aus dir geworden? Verdienen deine Eltern so ein Kind, das Verbrechen begangen hat? Haben sie Kinder, die keine Zukunft haben, verdient?“
Bei all dem muss man bedenken, dass Mihrigul während all dieser leidvollen Monate niemals eine wirkliche Schuld plausibel gemacht wurde, nicht einmal nach chinesischem Gesetz, das gewiss von deutschen Rechtsvorstellungen abweicht. Ihre Geschichte ähnelt insofern eher Kafkas „Der Prozess“ als Orwells „1984“, obwohl einige Aspekte auch an das letztgenannte Buch erinnern.
Irgendwann wurde die Uigurin dann wieder auf freien Fuß gesetzt. Vorher schärfte man ihr ein: „‚Sie werden über nichts reden, was Sie während der Schulung erlebt haben.‘“ Zwei Beamte im Zivil begleiteten sie nach Hause. Man sagte zu Tursun: „Sie sind deine neuen Verwandten, deine geliebten Brüder aus dem chinesischen Mutterland.“
Nun geschah etwas, was die frisch Entlassene noch mehr schockierte. Die beiden „Verwandten“ wollten nicht mehr gehen. „‚Sie werden ab sofort bei dir und deiner Familie wohnen‘, stellte die Polizistin klar. ‚Also behandle eine Verwandten gut.‘“
Nun hatte die Familie zwei Abgesandte des Staates in ihrem intimsten Lebensbereich, die nicht nur lästig und übergriffig, sondern auch quasi lebende Abhörgeräte waren, die jede verdächtige Äußerungen sofort bei der Zentrale melden würden. Die Besucher nahmen an jeder Mahlzeit teil, ließen sich bedienen und benahmen sich ungehobelt.
„Kein Entkommen vor der chinesischen Staatsgewalt“
Einmal, als Tursuns Vater den ungebetenen Gästen ein Lager im Wohnzimmer bereiten wollten, bestimmten sie: „Wir schlafen nicht im Wohnzimmer, sondern in euren Schlafzimmern.“ Auch die weiblichen Familienmitglieder bekamen nun je einen Mitschläfer zugeteilt. Gerade auch für einen muslimischen Mann war es zutiefst herabwürdigend, dieser Frechheit hilflos ausgeliefert zu sein. „Selbst in unseren privatesten Räumen, in den uigurischen Schlafzimmern, gab es jetzt kein Entkommen mehr vor der chinesischen Staatsgewalt“, schreibt Tursun. Die Besucher hätten sich aufgeführt „wie Herrenmenschen. Ihr Job bestand ganz klar darin, uns zu terrorisieren und sich so schlecht zu benehmen, dass wir uns sogar in unseren eigenen vier Wänden nicht mehr zu Hause fühlten.“ Dies sei, so Tursun, kein Einzelfall, sondern eine Kampagne der Regierung gewesen. In jedem zehnten Uiguren-Haushalt hätten sich „Verwandte“ einquartiert.
Die Mitbewohner vergewaltigten die weiblichen Mitglieder des Haushalts zwar nicht, jedoch wurden sie nicht selten zudringlich, wenn der Vater abwesend war. „Kaum öffnete ich den Kühlschrank“, erzählt sie über einen der Gäste, „umarmte er mich mit seinen schwabbeligen, käsigen Armen. Ich fand das extrem ekelhaft und fauchte ihn an, dass er das lassen sollte.“ Der „Verwandte“ drohte jedoch, er könne Mihrigul jederzeit wieder ins Gefängnis bringen, wenn sie sich über ihn beschwere.
Schreie aus der Nachbarwohnung
Einmal hörte Mihrigul Tursun Schreie aus einer Wohnung über ihr: „Lass die Finger von ihr!“
Die Erzählerin vermutete, ein „Verwandter“ sei gerade dabei, die achtjährige Tochter ihrer Nachbarin vor deren Augen zu vergewaltigen. Als es erneut laut wurde, nahm sie an, der Mann vergehe sich jetzt an der Mutter des Kindes. Dann aber ertönte ein weiterer lauter Schrei, diesmal von einer Männerstimme — offenbar der des Vergewaltigers. Am nächsten Morgen kamen Polizisten, die die Nachbarin verhafteten und den „Verwandten“ auf einer Bahre die Treppe hinuntertrugen. Die Frau hatte ihren Peiniger mit einem Messer erstochen. Vermutlich bedeutete das auch für sie die Todesstrafe.
Manche von diesem „Besuchsprogramm“ Betroffene wählen stattdessen den Weg in die Selbstzerstörung. „Viele uigurische Männer stürzten sich aus den höheren Stockwerken von Wohnblocks, weil sie mitansehen mussten, wie die Chinesen ihre Frauen und Töchter vergewaltigten.“ Tursun schreibt auch: „Ausnahmslos jede uigurische Familie hatte zu diesem Zeitpunkt einen oder mehrere Angehörige in den Lagern; oft wurden auch ganze Großfamilien auf Verdacht interniert.“
Der lange Arm Chinas
Es gelang Tursun nach einem dritten Gefängnisaufenthalt schließlich, mithilfe der ägyptischen Botschaft aus China auszureisen und sich mit ihren beiden Kindern in dem nordafrikanischen Land niederzulassen. Damit war der Terror jedoch noch nicht zu Ende. Unvermittelt erhielt sie eines Tages einen Anruf von ihrem Vater. Er flehte die Tochter an, nach China zurückzukehren. Während des Gespräches hatte sie das Gefühl, dass der Vater gar nicht mehr er selbst war, dass chinesische Staatsbeamte hinter ihm saßen. „Dir hat niemand etwas zuleide getan“, beschwor er sie. „Also hör auf mit den Faxen. Komm zurück! Oder willst du eine gesamte Familie ruinieren? Weißt du, wie viele von uns wegen dir bereits in Schwierigkeiten sind?“ Mihrigul war von diesem Anruf verständlicherweise verwirrt und hatte Zweifel, ob sie richtig gehandelt hatte. Ihr Vater habe geklungen wie „ein gequälter, ferngesteuerter Mensch voller Angst“.
Sie fühlte sich in den darauffolgenden Monaten oft verfolgt und erhielt Drohanrufe. Dies führte sie darauf zurück, dass sie Trägerin von „Staatsgeheimnissen“ war. „Ich verfügte in der Tat über Informationen, die die chinesische Regierung um jeden Preis geheim halten wollte. Niemand in der Welt draußen sollte erfahren, was die Chinesen uns Uiguren in der Heimat antaten.“
Sie räumt ein, dass die erlittenen Traumata ihr vermutlich jede Chance auf Glück für immer verbaut haben. „Ich bin dazu verurteilt, die Erinnerung an die erlittenen Gräueltaten mit mir herumzutragen, mein Leben lang.“ Die meisten im Ausland lebenden Uiguren schweigen bis heute — wie Tursun behauptet, aus Angst um ihre noch in China lebenden Verwandten. Der lange Arm Chinas verfolge Uiguren auch noch im Exil.
Ist das auch alles wahr?
Mihrigul Tursun sagte schließlich in einer öffentlichen Anhörung vor dem US-amerikanischen Kongress aus. Sie gilt als wichtige Zeugin, die aus dem „toten Winkel“ des chinesischen Machtsystems zu berichten weiß. Es gibt Videoaufnahmen, auf denen Tursun zu sehen ist. Man kann sich anhand ihrer Worte und Ausstrahlung selbst ein Bild davon machen, ob man ihren Berichten glauben möchten. Die Frage der Glaubwürdigkeit solcher Aussagen behandle ich separat mit dritten und letzten Teil meines Artikels. Schon jetzt sei gesagt, dass es zwar nur relativ wenige derartige Berichte gibt, dass diese aber miteinander und mit Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen kompatibel sind. Der Wahrheitsgehalt eines Einzelberichts kann nicht überprüft werden, aber die grundlegenden Beschreibungen der Zustände in uigurischen Lagern — etwa, dass es Folter, überfüllte Zellen und politische „Umerziehungsmaßnahmen“ gibt — kann man durch Vergleiche mit ähnlichen Berichten und anderen Quellen auf Plausibilität untersuchen.
Zum „Gegencheck“ eignen sich unter anderem der Bericht Tahir Hamut Izgils und das Buch von Gulbahar Haitiwaji, „Wie ich das chinesische Lager überlebt habe“, dessen Inhalt mit dem Bericht Mihrigul Tursuns vergleichbar ist. Von Haitiwaji sowie ihrer Leidensgenossin Kalbinur Sidik gibt es ein Vortragsvideo. Weiter ist zur Verifizierung noch die Entdeckung der sogenannten China Cables im Jahr 2019 relevant. Lange galt die Existenz von Umerziehungslagern in Xinjiang als bloßes Gerücht, für das es an Belegen fehle. Berichte von Menschenrechtsorganisationen und einzelne Aussagen sprachen dafür, die chinesischen Behörden stritten alles ab.
Die „China Cables“ enthalten einige Beschreibungen, die offenbar aus der Perspektive der chinesischen Behörden selbst geschrieben sind. Anweisungen, die etwa die 24-Stunden-Videoüberwachung betreffen, die strenge Geheimhaltung der Geschehnisse innerhalb der Lager sowie Verfahren, um Gefangene zu „Reue und Geständnis zu bewegen, damit sie zutiefst die Illegalität, Kriminalität und Gefährlichkeit ihres früheren Verhaltens verstehen“.
Ein Business-Champion und seine Foltergefängnisse
Wie alle Berichte und Dokumente über den Umgang der chinesischen Regierung mit den Uiguren sind auch die „China Cables“ in ihrer Authentizität bestritten worden. Allerdings sollte man es sich auch nicht so einfach machen, schlicht deswegen von einer Unschuldsvermutung auszugehen, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“, ohne zuvor die existierenden Zeugenaussagen und Indizien näher untersucht zu haben.
Es wäre zu einseitig, nur die wirtschaftlichen Erfolge Chinas und die mutmaßliche Zufriedenheit einer Bevölkerungsmehrheit anzuführen, über die Schattenseiten und die Verfolgung von weniger begeisterten Untertanen Xis jedoch zu schweigen. Beide Aspekte gehören zu einem stimmigen Gesamtbild dazu.
In einem Urlaubsvideo über Gran Canaria erzählt Manuel Martinez-Fresno, Manager des Hotels Santa Catalia in Las Palmas, stolz von einem Besuch Xi Jinpings in seinen heiligen Hallen. Der Staatschef besetzte mit seinem Anhang rund die Hälfte der Zimmer und forderte strenge Sicherheitsvorkehrungen. Weder für den Hotelmanager noch für die Moderatorin des Films sind Menschenrechtsverletzungen ein Thema, wird in irgendeiner Weise zwischen Verdiensten und Schattenseiten des „hohen“ Gastes abgewogen. Ein Würdenträger gab sich die Ehre — ob dieser die Würde vieler seiner Bürger mit Füßen trat, interessiert nicht.
Nun ist dieses Verhalten aus der Perspektive von Martinez-Fresno sicher verständlich. Er ist ja eine Bewirtungsfachkraft, kein Politik-Experte. Eine andere Vorgehensweise wäre allerdings von politischen Journalisten zu erwarten. Ihre Aufgabe beginnt ja gerade dort, wo die Auskunftsbereitschaft von Machthabern sehr häufig endet.