Das verschwindende Volk
Neuere Erfahrungsberichte über den Umgang der chinesischen Regierung mit den Uiguren zeichnen das Bild einer totalitär regierten Region — relativierende Gegenstimmen sollten dennoch erwogen werden. Teil 1 von 3.
Im „Mainstream“ ist es vielfach geradezu Pflicht, die chinesische Führung zu kritisieren und die Betrachtung dieses facettenreichen Landes ausschließlich am Thema „Menschenrechte“ aufzuhängen. Andererseits kann man in der sogenannten alternativen Presse die exakt gegenteilige Tendenz feststellen: Viele scheinen geradezu angestrengt über China nur Gutes sagen zu wollen. Gern wird dabei eine Adlerperspektive eingenommen, werden nach oben zeigende Wirtschaftsdaten dokumentiert, wird geradezu hämisch konstatiert, wie weit Deutschland hinterherhinkt. Um einem Land gerecht zu werden, braucht es aber auch den Zoom auf die Details. Es reicht nicht, nur Xi Jinpings globalpolitischen Muskelaufbau zu bewundern, man sollte auch zu den Verlierern und Opfern auf der Schattenseite des Systems schauen, den „Erniedrigten und Beleidigten“, um es mit einer Formulierung Dostojewskis zu sagen. Zu den Bevölkerungsgruppen Chinas, die immer wieder im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen oder gar kultureller Auslöschung genannt werden, gehören die Uiguren, eine überwiegend muslimische Minderheit in der nordwestlichen Provinz Xinjiang. Bei der Bewertung des Umgangs der chinesischen Regierung mit den Uiguren gehen die Meinung sehr weit auseinander. Neuere Veröffentlichungen wie die des Dichters und Exil-Uiguren Tahir Hamut Izgil oder der Überlebenden eines Umerziehungslagers, Mihrigul Tursin, bieten aus persönlicher Perspektive einen Einblick in die Verhältnisse in einem autoritär regierten Landesteil. Man kann solche Berichte als „westliche Propaganda“ abtun und zu Bedenken geben, dass ihnen nur anekdotische Bedeutung zukomme. Das Zusammenfügen mehrerer solcher Zeugnisse vermittelt jedoch ein Gesamtbild, das für die chinesischen Machthaber desaströs ausfällt.
1. Teil: Frösche auf dem Grund des Brunnens
Dem alten Mann fuhr der Schreck in die Glieder. Der gläubige uigurische Muslim hatte, wie es die Regierung angeordnet hatte, sämtliche religiösen Bücher in seinem Haus bei den Behörden abgeliefert. Diesen einen Koran hatte er jedoch anfangs nicht finden können. Nun entdeckte er ihn doch. Das heilige Buch nachträglich abzugeben, erschien riskant. Unweigerlich hätten ihn die chinesischen Offiziellen dann gefragt, warum er dem Konfiszierungsbefehl, der schon einen Monat alt war, nicht sofort nachgekommen sei. Entdeckte ein Nachbar oder Verwandter das Buch bei ihm, so konnte ihn dieser bei der Polizei anzeigen.
Der verzweifelte Mann wusste sich nicht anders zu helfen, als den Koran in eine Plastiktüte zu stecken und diese in den Tumen-Fluss zu werfen. Unter den Brücken waren aber aus Sicherheitsgründen Drahtnetze angebracht. Man fand den Koran bei Reinigungsarbeiten und darin eine Ausweiskopie des alten Mannes. Die Polizei nahm ihn umgehend fest, ein Gericht verurteilte ihn zu sieben Jahren Gefängnis.
Einer, der davonkam
Diese unglaublich anmutende Geschichte spielte sich in der Uiguren-Region Xinjiang in Nordwestchina ab. Jedenfalls berichtet sie der Dichter und Exil-Uigure Thahir Hamut Izgil in seinem 2024 erschienenen Erfahrungsbericht „In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung. Uigurische Notizen“. Izgil, geboren 1969, war Mitte der 1990er-Jahre für drei Jahre in einem chinesischen Umerziehungslager inhaftiert gewesen. Er erlebte den sich verdunkelnden politischen Horizont in Xinjang bis 2017 hautnah mit, bevor es ihm gelang, mit seiner Familie unter einem Vorwand und mithilfe von allerlei Tricks in die USA auszureisen. Er lebt seither in Washington.
Sein Buch hätte Izgil auf chinesischem Territorium kaum mit diesem Inhalt veröffentlichen können. Es bietet einen seltenen Einblick in die Vorgänge in der Uiguren-Region, über die es viele Gerüchte gibt. Anschuldigungen aus dem Westen stehen den obligatorischen Dementis der chinesischen Führung gegenüber. Ich gehe im dritten Teil dieses Artikels noch genauer auf das Problem der Wahrheitsfindung ein.
„In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung“ ist das Buch eines Mannes, der davongekommen ist. Seine Lagerhaft beschreibt er nicht ausführlicher, wohl aber die Atmosphäre zunehmender Freiheitseinschränkung und Diskriminierung, denen Uiguren in den Jahren zwischen 2015 und 2017 ausgesetzt waren. Izgil ist nicht sehr genau, was die Angaben zur zeitlichen Abfolge der Ereignisse in Ostturkistan (Xinjiang) betrifft.
Entscheidend ist aber, welche absurden Formen der chinesische Staatsterror in den Jahren bis 2017 offenbar angenommen hatte. Die Entwicklung gleicht einem dystopischen Thriller, der der Logik einer immer weitergehenden Eskalation folgt. Unwillkürlich fühlt man sich an das Deutschland der Coronajahre erinnert.
Ein „gigantisches Gefängnis“
Tahir Hamut Izgil berichtet rückblickend:
„Im Laufe der ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends löschte die chinesische Regierung das uigurischsprachige Bildungssystem größtenteils aus und zwang uigurische Kinder in chinesischsprachige Internate. Die Diskriminierung der Uiguren durch Mitglieder der Han-Mehrheit in China war nun überall zu spüren.“
Die Uiguren seien immer stärker dazu gedrängt worden, „schlecht bezahlte Stellen an Orten in China anzunehmen, wo sie in überfüllten Wohnheimen unter strikter Überwachung lebten, umgeben von einer unvertrauten und häufig feindseligen Gesellschaft“. Nach den Unruhen von 2009, die von chinesischen Ordnungskräften niedergeschlagen wurden, sei die autonome uigurische Region ein „gigantisches Gefängnis“ gewesen, „überzogen von Sicherheitskräften und einem biometrischen Überwachungssystem, das in der Geschichte der Menschheit seinesgleichen suchte. Dörfer und Stadtviertel verwaisten, während Zigtausende in Internierungslager verfrachtet wurden“.
Izgil entwirft das Bild eines fast lückenlosen Überwachungspanoptikums. „Nirgendwo, das hatte ich nun begriffen, war man vor dem neugierigen Blick der Geheimpolizei sicher.“
Die von der chinesischen Regierung vorangetriebene Massenansiedlung von Han-Chinesen habe Uiguren teilweise zu einer Minderheit im eigenen Land gemacht. Die uigurische Sprache sei im Bildungssystem „zu einer Randerscheinung verkommen“. Uiguren seien an Arbeitsplätze Zentralchinas verschickt und somit entwurzelt worden.
Die Schlinge zieht sich zu
Die Uiguren sind ein Turkvolk, das ursprünglich in der mongolischen Steppe beheimatet war. Xinjiang wurde 1949 zu einem Teil des chinesischen Territoriums. Zuvor war das Land in Zentralasien zeitweise eine sowjetische Einflusszone gewesen und wurde Ostturkestan genannt. Der endgültige „Anschluss“ an China erfolgte ungefähr zeitgleich mit der Machtergreifung der Kommunistischen Partei unter Mao Zedong. Zum Vergleich: Tibet wurde erst 1950 chinesisch. Ein Grund für das starke Interesse Chinas an der Uiguren-Region könnte das dortige reiche Vorkommen an Bodenschätzen sein. Rund ein Drittel der chinesischen Erdöl- und Kohlevorkommen liegen dort unter der Erde, ebenso wie unter anderem Gold, Eisen und seltene Erden. In jüngerer Zeit wurde Xinjiang auch immer mehr zu einem gefragten Standort für die Gewinnung von Windenergie und Solarstrom.
2009 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Uiguren, Han-Chinesen und der chinesischen Staatsmacht mit mindestens 180 Toten auf allen Seiten. Auslöser war der Tod uigurischer Arbeiter in einer südchinesischen Fabrik gewesen. Die Ereignisse führten zu bewaffneten Unruhen in Urumtschi, der Hauptstadt der Uigurenprovinz Xinjiang. Die Regierung reagierte darauf mit der Kampagne „Harter Schlag“ gegen „religiösen Extremismus, ethnischen Separatismus und gewaltbereiten Terrorismus“.
Tahir Hamut Izgil dokumentiert deren Auswirkungen auf den Alltag von nicht unmittelbar an den Kämpfen beteiligten Uiguren. Er spricht von einem gelenkten Zustrom von Han-Migranten in Xinjiang, um aus der Urbevölkerung eine Minderheit im eigenen Land zu machen, von Unterdrückung der Religionsausübung und der Diskriminierung im Alltag.
Der Bericht vermittelt den Eindruck einer schrittweisen Eskalation staatlicher Kontrolle und Repression, ähnlich einer immer fester geschnürten Schlinge um den Hals.
Die Regierung erließ beispielweise ein Verbot, in Xinjiang Kurzwellenradios zu verkaufen, und ließ die Geräte von Uiguren konfiszieren, die schon eines besaßen. Izgil gibt sein Gefühl so wieder:
„Da es uns nun unmöglich war, ausländische Webseiten zu besuchen oder Radiosender aus anderen Ländern zu hören, kamen wir uns plötzlich wie die sprichwörtlichen Frösche im Grund des Brunnens vor.“
Gefängnisse, die „aus allen Nähten platzen“
2015 kam es laut Izgil zu Massenverhaftungen „in einem solchen Ausmaß, dass die bestehenden Haftanstalten der Stadt — Zellen in Polizeirevieren, Gefängnisse, Auffangeinrichtungen, Arbeitslager und Drogenentzugsstationen — bald aus allen Nähten platzten. Innerhalb von nur ein paar Tagen hatte man Schulen, Ämter und sogar Krankenhäuser in ‚Studienzentren‘ umgewandelt und hastig mit Eisentüren, Gitterstäben vor den Fenstern und Stacheldraht versehen.“ Diese gefängnisartigen Anlagen wurden dann systematisch befüllt.
„Jeden Tag beorderte man Hunderte von Uiguren aus allen Teilen der Stadt zu Dutzenden von Polizeistationen, von wo aus sie zum ‚Studium‘ weitergeschickt wurden. Uns war mittlerweile klar geworden, dass es sich bei den ‚Studienzentren‘ um Konzentrationslager handelte.“
Es wurde eine technisch fortgeschrittene Kontroll-Infrastruktur geschaffen. Alle Daten der Bürger wurden in ein System namens „Integrated Joint Operations Platform“ eingegeben. Die Ausweise aller Menschen waren über das Internet mit der Plattform verlinkt. War ein Uigure als politisch gefährliche Person markiert worden, so löste sein Ausweis beim Einscannen, zum Beispiel bei einer Polizeikontrolle, einen Alarm aus, und der Betreffende konnte sofort verhaftet werden. Die Atmosphäre in jenen Jahren schildert Tahir Hamut Izgil so:
„Es lag eine ungeheure Spannung in der Luft. (…) Auf einen einzigen gerufenen Befehl hin rannten die Militärpolizisten die Straßen hinunter und auf die kleinen, einfachen Häuser in diesen Straßen zu, um die Uiguren, die darin wohnten, zu verhaften und ihr Haus zu durchsuchen.“
Im Pyjama verhaftet
Auch Menschen, die noch nicht verhaftet worden waren, unterlagen einem immer dichter werdenden Netz von Kontrollen durch die Nachbarschaftskomitees und Vorladungen zu Propagandaveranstaltungen, denen man sich als Einzelner nur schwer entziehen konnte. Diese signalisierten den Bewohnern permanent: Der Staat ist präsent, ihr seid machtlos und müsst euch fügen. So wurden die Einwohner eines Wohnkomplexes, wo ein Freund Izgils lebte, „gezwungen, sich allabendlich in einem großen Saal zu versammeln und mit den neuesten Richtlinien der Partei zu beschäftigen. Dabei forderte man die Menschen auch dazu auf, übereinander ‚Bericht zu erstatten‘, mit anderen Worten: sich gegenseitig zu denunzieren“.
Speziell die Verfolgung von Intellektuellen und Kulturschaffenden nahm an Fahrt auf:
„Manche, vor allem die Intellektuellen, hatte man jedoch mitten in der Nacht aus ihren Häusern geholt. Ich hatte gehört, dass die Polizei nach Mitternacht an die Wohnungstür des betreffenden Menschen klopfte, sich, sobald geöffnet wurde, die Identität desjenigen bestätigen ließ, ihm Handschellen anlegte und ihn fortschleppte. Er durfte noch nicht einmal die Kleidung wechseln — er wurde in dem weggebracht, was er gerade anhatte. Manchmal war das nur ein Pyjama.“
Die Polizei brachte die Betroffenen „in eine Gefängniszelle oder in ein Lagergefängnis, wo es nichts gab außer einer hohen Decke, vier dicken Wänden, einer Kamera in jeder Ecke, einer eisernen Tür und einem kalten Betonboden“.
Ein Folterstuhl und verblasste Blutflecken
Tahir Hamut Izgil suchte ab einem bestimmten Zeitpunkt ernsthaft nach Wegen, um mit seiner Familie das Land zu verlassen. Als Izgil bei einer Behörde einen Pass beantragte, spürte er dort eine feindselige, einschüchternde Atmosphäre. Er wurde auf eine Eisenbank im Flur gesetzt, wo man ihn auf unbestimmte Zeit warten ließ. „Nach einer Weile hatte ich einen Mann im Keller gequält aufschreien hören.“ Vom Flur aus konnte man in einige Zellen hineinschauen.
„In der Zelle stand ein schwerer eiserner ‚Tigerstuhl‘ zum Verhören und Foltern von Gefangenen. Das Eisengitter, mit dem man den Oberkörper des Gefangenen im Stuhl fixierte, stand offen, die Eisenringe für Hände und Füße hingen zu beiden Seiten herab.“
Die Folter auf einem „Tigerstuhl“ wurde von Mihrigul Tursun in ihrem Buch „Ort ohne Wiederkehr. Wie ich als Uigurin Chinas Lager überlebte“ genauer beschrieben. Der Stuhl zwang Befragte zu einer qualvoll angespannten Körperhaltung, in der sie stunden-, oft tagelang bleiben mussten, während ihnen Verhörprofis immer dieselben sinnlosen Fragen stellten, um ihren Geist zu brechen. „Entlang der Wände waren Eisenringe im Betonboden festgeschraubt, vermutlich um Menschen daran zu fesseln. In der Mitte des Bodens waren verblasste Blutflecken zu erkennen.“
Heilsbringer Xi Jinping
Wie fast immer in autoritären Regimen und wie wir es zum Beispiel aus dem Corona-Zusammenhang kennen, solidarisieren sich die Normalbürger in Zeiten wie diesen nicht mit den Opfern, sondern mit der Macht. Dies war in Xinjiang nicht anders. Ein alter Bekannter, ein Ökonomieprofessor, rief Tahir Hamut Izgil unerwartet an. Nach ein wenig Smalltalk überfiel er den Schriftsteller mit einem ergriffenen Bekenntnis zu Chinas Partei und Machthaber: „Xi Jinping ist jetzt an der Macht. Jetzt werden sich die Dinge für uns zum Positiven wenden.“
Wer aus dem Gefängnis entlassen wurde oder Ärger mit Behörden hatte, dem fielen die meisten seiner Mitmenschen regelmäßig in den Rücken.
Man begegnete „denjenigen, die verhaftet worden waren, mit großer Skepsis — egal, warum derjenige festgenommen worden war, und unabhängig davon, ob die Festnahme nun gerechtfertigt war oder nicht. Wurde ein Mitglied einer Familie verhaftet, vor allem aus politischen Gründen, fühlten sich die Menschen, die davon Wind bekamen, im Beisein der Familie unbehaglich oder mieden sie ganz“.
Totalitarismus ist machbar, Herr Nachbar!
In Xinjiang bildeten sich überall Nachbarschaftskomitees, die der Gleichschaltung und Propagandaverbreitung in der unmittelbaren Wohnumgebung jedes Uiguren dienten. Das geschah so in Wohnblocks wie auch in Behörden und Firmen. Manche Normalbürger und Geschäftsinhaber wurden von den Behörden zu Mitgliedern des „Sicherheitsdienstes“ ernannt. Sie erhielten eine Armbinde und einer Trillerpfeife sowie einen Knüppel. Ein auf diese Weise neu ernannter „Sicherheitsmitarbeiter“ erzählte:
„Die Gegenstände müssen in jedem Laden griffbereit sein, so stand es in der Bekanntmachung des Nachbarschaftskomitees. Hat das Geschäft geöffnet, muss ein Angestellter die Armbinde tragen. Erwischen sie uns dabei, dass wir sie nicht tragen, zwingen sie uns, das Geschäft zu schließen, und versiegeln die Tür. Um das Siegel wieder loszuwerden, müssen wir beim Nachbarschaftskomitee vorsprechen, ein Bußgeld zahlen und eine Bürgschaft ausstellen.“
Uiguren konnten auch unversehens zu einem Treffen in einem öffentlichen Raum einbestellt werden. Nicht hinzugehen, war wegen des Konformitätsdrucks fast unmöglich. In der Pädagogischen Hochschule Kaschgar rief ein anwesender Parteikader am Ende eines Vortrags des Direktors aus: „Nieder mit den ethnischen Separatisten!“ Erwartet wurde, dass die Zuhörermenge daraufhin im Chor „Ja, nieder mit ihnen!“ schreien sollte. Die Anwesenden, die eine derartige politische Liturgie noch nicht gewöhnt waren, schwiegen betreten. Das versetzte den Parteisoldaten in Rage. „Singt mir nach“, schrie er. „Nieder mit den ethnischen Separatisten!“ Einige folgen dem Aufruf. Andere erwiesen sich als subversiv und riefen „Muh!“ Wutentbrannt erklärte der Direktor die Versammlung daraufhin für beendet.
Gespenstische „Manöver“
Manchmal veranstalteten die Nachbarschaftskomitees auch „spontane“ Manöver, die angeblich der Terroristenbekämpfung dienten.
„Die Manöver begannen ohne Vorwarnung, indem der für eine bestimmte Gegend zuständige Komiteekader den Gruppenführer anwies, die Trillerpfeife zu betätigen. Sobald diese erklang, mussten sich die restlichen Ladenbesitzer der Gruppe ihren Knüppel schnappen und an einem vorher festgelegten Ort einfinden. Je nach Befehl des Kaders mussten die Ladenbesitzer dann auf der Straße auf und ab marschieren und nach Terroristen suchen oder den Knüppel schwingen und das Verprügeln von Terroristen üben.“
Izgil berichtet für diese Zeit über einen „Zustand konstanter Anspannung“, was unter anderem durch die sich ständig ändernden Vorschriften bedingt war.
„In jüngster Zeit waren jedoch viele vormals legale Dinge auf einmal illegal. Inzwischen war es unmöglich zu sagen, was erlaubt war und was nicht — das entschied die Regierung von Augenblick zu Augenblick.“
In dem Gebäude, in dem die Eltern des Autors wohnte, wurde an jeder Wohnungstür eine Kamera installiert. „Mit den Kameras wurde überwacht, wer die jeweilige Wohnung betrat und verließ.“ Dies brachte Izgils Eltern in Bedrängnis, da der Besuch des ehemaligen Strafgefangenen regelmäßig „aufflog“. In dem Viertel, in dem sie wohnten, gab es offenbar außerdem obligatorische, allabendliche politische Versammlungen. Auf deutsche Verhältnisse übertragen hieße das: Jeden Abend nach der Arbeit gäbe es eine politische Versammlung der Regierung, bei der Regionalpolitikern der Union oder SPD Phrasen absondern würden, wobei faktischer Anwesenheitszwang herrschen würde.
Von Schafen und Sadisten
Die Mentalität der Angehörigen des Staatsapparats wird in Izgils Buch nur wenig transparent. Einmal deutet er bei Ordnungskräften, die selbst Uiguren waren, eine sadistische Veranlagung an. „Die beiden uigurischen Polizisten nannten inhaftierte Menschen Schafe und das Lager, in dem sie interniert waren, einen Pferch. Die Unglücklichen zu quälen, machte ihnen Spaß.“
Die Unterdrückung der uigurischen Kultur machte sich unter anderem im Verbot vieler Bücher in der Landessprache bemerkbar. Es gebe „so gut wie keine uigurischen Veröffentlichungen mehr“. Da Izgil selbst Dichter war, betraf ihn die beständige Furcht vor Zensur und politischer Drangsalierung besonders. Schriftsteller wägten ihre Worte immer vorsichtiger ab. „Nachdem sie so lange unter den argwöhnischen Augen des Staates geschrieben hatten, waren uigurische Autoren generell wachsam und sensibler als selbst die Zensoren der Partei.“
Nach den niedergeschlagenen Protesten in Urumtschi 2009 hatten die Regionalregierungen das „Blick-zurück-Projekt“ ins Leben gerufen.
„Die Propagandaabteilung hatte spezielle Gruppen damit beauftragt, sich uigurischsprachige Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Filme, Fernsehsendungen und Aufnahmen von den 1980er-Jahren zum damals aktuellen Zeitpunkt anzusehen. Die Gruppen hatten die Aufgabe, jegliche Stellen mit ethnisch-separatistischen oder religiös-extremistischen Inhalten zu identifizieren.“
Tatvorwurf: Koranbesitz
Besonders hart gingen die Behörden gegen die Ausübung der islamischen Religion vor. So wurden muslimische Geistliche gezwungen, vor Fernsehkameras nach einem banalen chinesischen Lied im Disco-Rhythmus zu tanzen. Dies wurde von vielen Gläubigen als unwürdig und als bewusste Demütigung verstanden. Moscheen wurden dazu gezwungen, auf ihren Dächern die chinesische Flagge zu hissen. Aus Fernsehserien wurden islamische Wendungen wie „Assalamu alaikum“ entfernt. Schließlich wurde sogar das Wort „Allah“ verboten. Öffentlich durfte man nur noch von „meinem Herrn“ sprechen. Die Nachbarschaftskomitees richteten ein besonderes Augenmerk auf „gläubige Uiguren und Uigurinnen, die die fünf Gebete am Tag sprachen, sich einen Bart wachsen ließen oder einen Schleier trugen“.
Überfallartig konnten bei Straßenkontrollen die Handys kontrolliert und gescannt werden. Auf wessen Mobiltelefon problematische Inhalte gefunden wurden, der konnte verhaftet werden. Indiziert waren unter anderem Verse aus dem Koran und Bilder, die mit dem Islam oder mit dem uigurischen Nationalismus zu tun hatten, sowie verbotene Lieder.
Firmen mussten für ihre Mitarbeiter bürgen, damit diese keine „unautorisierte Pilgerreise nach Mekka unternehmen“ würden.
Im Mai 2017 hatte die Regierung alle Uiguren in Kaschgar angewiesen, „ihr sämtliche religiöse Gegenstände, die sie im Haus hatten, auszuhändigen“. Die meisten leisteten der Order Folge, nachdem die Bevölkerung durch die vorangegangenen Massenverhaftungen sehr eingeschüchtert war. Betroffen waren unter anderem religiöse Bücher, Gebetsteppiche und Gebetsketten. Viele mochten sich nicht von ihrem geliebten Koran trennen, wurden dann aber von Nachbarn denunziert, verhaftet und hart bestraft. Vor diesem Hintergrund spielte sich auch die Geschichte jenes alten Mannes ab, der seinen Koran aus Furcht vor den Behörden in einer Plastiktüte im Wasser versenkte, dann trotzdem aufflog und verhaftet wurde.
Die „Schande der Feigheit“
Ein relatives Happy End hatte die Geschichte zumindest für Tahir Hamut Izgil. Er erreichte nach einer kafkaesk wirkenden Abfolge quälender Behördengänge eine Ausreisegenehmigung in die USA für seine Familie und ihn selbst. Vorwand war die Notwendigkeit einer medizinischen Behandlung gegen die Epilepsie seiner Tochter im Ausland. Nachdem den chinesischen Behörden klar geworden war, dass Izgils Familie nicht mehr nach Xinjiang zurückkehren würden, verschleppten sie die zwei Brüder seiner Frau Marhaba in ein Umerziehungslager. Lange erzählte der Schriftsteller öffentlich nichts über das in Xinjiang Erlebte, um nicht weitere Verwandte zu gefährden, entschied sich dann aber doch, „auszupacken“.
Das Buch „In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung“ kam 2023 heraus. Izgils Gefühle betreffend seine Flucht aus der Heimat sind nach wie vor zwiegespalten:
„Doch obwohl wir wissen, wie wunderbar es ist, zu den wenigen zu gehören, die Noahs Arche besteigen durften, müssen wir gleichzeitig mit der Schande der Feigheit leben, die sich in dem Wort ‚entkommen‘ verbirgt.“
Das ist noch nicht alles
So schlimm die hier dargelegten Erzählungen auch sein mögen, sie sind nicht vollständig und wirken, gemessen an der vollständigen Wahrheit, beinahe bagatellisierend, solange wir nicht in die finstersten Orte im uigurischen Xinjiang hineingeleuchtet haben: die Gefängnisse und Umerziehungslager. Dies hole ich in der zweiten Folge dieser Serie dann nach und beziehe mich dabei — neben anderen Quellen — vor allem auf das Buch von Mihrigul Tursun „Ort ohne Wiederkehr“. Laut Andrea C. Hoffmann, Professorin für investigativen Journalismus in Hamburg, die sich auf einen Bericht des Australian Strategic Policy Institute von 2020 bezieht, sind bis 2021 mehr als eine Millionen Uiguren von der chinesischen Regierung in Lagern interniert worden.
Im dritten Teil der Serie wende ich mich dann Fragen zu, die viele Leser bei der Lektüre der ersten beiden Artikel beschäftigen dürften: „Ist das alles auch wahr?“, „Gibt es plausible Einwände gegen das westliche Narrativ betreffend China und Uiguren?“, „Wie ist die Quellenlage?“ Und: „Ist es heuchlerisch, sich als Wertewestler da überhaupt ‚einzumischen‘?“ Solchen Fragen muss man sich stellen, will man nicht unreflektiert der ersten plausibel klingenden Zeugenaussage folgen und daraus grundsätzliche Urteile über Yinjiang, China und „den Staat“ ableiten.
Es ist klar, dass Autoritarismus, Totalitarismus und Grausamkeit keine ausschließlich chinesischen Phänomene sind. Aber sie kommen eben auch in China vor und müssen nach Möglichkeit wahrheitsgetreu dokumentiert werden.
Mich treibt bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema weniger die Sorge um, wie der Mainstream zu klingen, als jene, den Opfern von Staatsterror durch Leugnung oder Bagatellisierung ihrer Leiden meinen Respekt zu versagen.