Das verstummte Gewissen

Friedenslösungen und eine Außenpolitik der Neutralität wären im Sinne des Grundgesetzes — Waffenlieferungen an die Ukraine widersprechen ihm fundamental.

In Artikel 26 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland heißt es in Absatz 1: „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“ Dass die Waffen, die Deutschland an die Ukraine liefert, dem friedlichen Zusammenleben von Völkern zuträglich sind, kann man nun wirklich nicht sagen. Sie tragen dazu bei, dass Menschen sterben, und das auf beiden Seiten der Front. Da Friedensverhandlungen ausbleiben — sie wären der so nötige Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der beiden beteiligten Völker, der Ukraine und Russlands —, verlängern die deutschen Waffen die Zerstörung in den betroffenen Gebieten. Durch die nicht endenden Waffenkäufe wachsen die Schulden des ukrainischen Volkes, wodurch Zukunftschancen des Landes immer mehr eingeengt werden. Die deutschen Waffen schaffen wachsende Zerstörung, Angst, Not und Leid. Wie steht es doch in Artikel 1 des Grundgesetzes geschrieben?

Was Krieg mit den Menschen macht

Menschen, die Krieg erlebt haben, leiden nicht selten ihr Leben lang unter den Folgen des Krieges. Sie leiden an Schmerzen, weil sie von Munition getroffen wurden. Viele erleiden körperliche Einschränkungen, da sie Gliedmaßen verloren haben. Andere müssen mit eingeschränkter Sehkraft oder eingeschränktem Hörvermögen leben oder haben beides ganz verloren. Die Liste möglicher körperlicher Schädigungen ist lang. Doch auch die psychischen Belastungen hinterlassen ihre Spuren. Wer an die Front musste, dem blieb keine andere Wahl, als auf Menschen zu schießen, ob er wollte oder nicht. Nicht selten blieben eigene Schuldgefühle zurück.

Wer nicht schoss, musste das meist mit seinem Leben bezahlen, weil er von den Kämpfern auf der anderen Seite der Front oder gar den eigenen Leuten erschossen wurde. Den Wenigsten gelang die Flucht. Nicht minder belastend war es, zusehen zu müssen, wie Kameraden erschossen oder schwer verletzt wurden. In der Gefangenschaft erlebten Soldaten, wie Mitinsassen den Qualen nicht mehr standhielten und starben. Zivilisten durchlebten panische Ängste, während die Stadt, in der sie lebten, mit einem Bombenteppich überzogen wurde. Wieder andere litten, weil sie durch die Vertreibung ihre Heimat und was sie besaßen verloren haben, und darunter, ins Ungewisse gehen zu müssen. Für Frauen war es besonders schlimm, wenn sie in den Wirren des Krieges auch noch vergewaltigt wurden.

Traumatisierungen — die drückende Last für das weitere Leben

Was unsere Vorfahren erlebt haben, hat viele von ihnen traumatisiert. Um weiterleben zu können, blieb den Betroffenen nach dem Krieg oft nur, all den psychischen Schmerz zu verdrängen. In den Genuss einer Psychotherapie kamen die Wenigsten.

Die Heimat meiner Eltern war Schlesien. Welche Kriegshandlungen sie miterlebt haben, weiß ich nicht. Auf jeden Fall erlebten sie den Einmarsch der Roten Armee. In der Folge des Zweiten Weltkrieges wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben. Damals waren sie 18 beziehungsweise 19 Jahre alt. Über den Einmarsch der Roten Armee hat mein Vater nur wenig erzählt. Die Menschen hatten Angst vor Plünderungen und versteckten deshalb, was ihnen wichtig war.

Von der Vertreibung haben meine Eltern bis an ihr Lebensende nichts erzählt. Auf keinem der Fotos, die ich von meiner Mutter besitze und die nach dem Krieg gemacht wurden, hat sie gelacht.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie traumatisiert war und unter Depressionen litt. Trotz allem hat sie meine Schwester und mich umsichtig großgezogen. Ob es ihr gelang, mir im frühkindlichen Alter zu geben, was ich brauchte, kann ich nicht sagen. Meine Mutter hat aus meiner Sicht so funktioniert, wie man es von ihr erwartete. Ihr und meinem Vater bin ich auf jeden Fall sehr dankbar, dass sie für uns auch in schwierigen Zeiten sorgten und mir, als ich aufwuchs, viel Freiraum ließen, um mein Leben selbst zu gestalten.

Verschwinden die Kriegswunden, wenn die Betroffenen sterben?

Wie meine Eltern sind viele der unmittelbar im Zweiten Weltkrieg Geschädigten inzwischen verstorben. Sterben damit auch die ungeheilten Kriegswunden? Mitnichten! Viele der Kinder der Kriegsopfer, die Kriegsenkel, haben psychische Wunden von ihren Eltern übernommen, und das, obwohl die Eltern nie mit ihren Kindern über die Kriegszeit sprachen. Die Vererbung traumatisierter Erfahrungen ist inzwischen wissenschaftlich belegt (1).

Mein Onkel hat von seiner Gefangenschaft in Russland sein Leben lang nicht berichtet, obwohl wir sehr vertraut miteinander waren. „Wir mussten schwören, dass wir nicht über das Erlebte reden“, erzählte er mir einmal. Daran hat er sich das ganze Leben gehalten. Vielleicht half ihm dieser Grundsatz auch, kriegsbedingte Schuldgefühle auf Distanz zu halten. Jedenfalls waren er und meine Tante herzensgute Menschen. Für mich waren sie wie liebevolle Eltern.

Mein Kriegserbe als Nachkriegsgeborener

Normalerweise gelingt es mir, herausfordernde Lebenssituationen souverän zu meistern, doch manchmal überfluten mich Verlust- und Zukunftsängste, die in eine depressive Phase eingebettet sind. Diese Ängste sind untypisch für mich. Sie fühlen sich an, als wären sie nicht die meinen. In Folge dieser depressiven Einbrüche war ich immer wieder arbeitsunfähig. Vor allem dem Aufbau meiner Selbstständigkeit als Coach, Mediator und Moderator, den ich nach einem Burnout anging, war das nicht zuträglich.

Dass meine Eltern Verlust- und Zukunftsängste hatten, ist sehr wahrscheinlich. Sie lebten nach dem Krieg zurückgezogen und ohne Freunde. Dass sie etwas unternahmen, war selten. Sie wollten nicht auffallen und keinen Ärger bekommen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch ich Kriegstraumata meiner Eltern übernommen habe. Obwohl ich seit Jahren versuche, die Ursachen für meine depressiven Phasen aufzulösen, auch mit therapeutischer Unterstützung, ist mir das noch nicht gänzlich gelungen. Erst kürzlich habe ich damit angefangen, mir im Rahmen von Familienaufstellungen helfen zu lassen.

Deutsche Waffen haben in Kriegsgebieten nichts zu suchen

Man kann davon ausgehen, dass wir Deutschen, insbesondere jene, die Regierungsverantwortung tragen, aus der Geschichte gelernt haben. Dass sie vergessen haben, welches Leid in zwei Weltkriegen von deutschem Boden ausging, kann ich mir nicht vorstellen. Den Virus des Vergessens gibt es meines Wissens nach noch nicht. Und warum sollte er gerade unter deutschen Politikern grassieren? Ich müsste jedenfalls mein Gewissen verkaufen, um einem Volk Waffen zu liefern und ihm gleichzeitig Verhandlungen vorzuenthalten, die tragfähige Friedenslösungen zum Ziel haben.

Nur Friedenslösungen können dem ukrainischen Volk wirklich dabei helfen, in ihrem Land menschenwürdige Lebensbedingungen aufzubauen, unter denen die Menschen in Frieden leben können, und das gemeinsam mit ihren Nachbarn.

Deutsche Waffen haben in Kriegsgebieten nichts zu suchen. Deutschland muss angesichts seiner Geschichte an der Spitze der Schaffung von Friedenslösungen stehen, nicht nur für die Ukraine und Russland, sondern für ganz Europa, für den Nahen Osten, für alle Völker! Deutschland muss ein Land werden, das unverrückbar für Neutralität steht!