Der allgegenwärtige Antisemit

Mit Demagogie und Stigmatisisierungen wollen die Eliten den Diskurs beherrschen und die öffentliche Meinung kontrollieren. Jens Lehrich und Florian Ernst Kirner im Gespräch mit Moshe Zuckermann.

Moshe Zuckermanns neues Buch „Der allgegenwärtige Antisemit“ erschien dieser Tage im Westend-Verlag. Jens Lehrich und Florian Kirner hatten die Ehre, mit ihm ein Gespräch für den Rubikon zu führen.

Moshe Zuckermann ist einer der Großen unserer Zeit. Als Historiker, zweifellos. Als mutiger Bürger Israels, selbstverständlich. Als Kämpfer für die Menschenrechte der Palästinenser, klar.

Vor allen Dingen aber, das durften Jens Lehrich und ich in Frankfurt am Main erleben, ist Moshe Zuckermann eine große, große Persönlichkeit unserer an Persönlichkeiten nun nicht gerade reichen Zeit.

Dieser Mann hat eine geistige Tiefe erreicht, die sich nicht allein durch Jahrzehnte des Forschens und Denkens erklärt. Sie ist auch aus den fruchtbarsten Traditionen des Geistes- und Kulturlebens erwachsen. Und sie ist das Ergebnis eines Lebens, das Anteil nimmt, das eingegriffen hat, das nicht nur irgendwo dabei gewesen ist, sondern mittendrin stand, im Fluss der Geschichte.

Dieses Leben begann als bewusstes Wirken in Frankfurt am Main. Die Erzählungen Moshe Zuckermanns über seine Erfahrungen als jüdischer Schüler in einem Westdeutschland kurz nach der Nazizeit sind so überraschend wie berührend. Seine Mitschüler, so berichtete er uns, seien durch die Bank feine Kerle gewesen.

Die große Perspektive

Die anhebende Studentenbewegung erreichte auch den Gymnasiasten Zuckermann.

Der wurde Marxist, aber auch, und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, in dieser Zeit kurz nach dem Holocaust, zu einem jungen Zionisten. Der Traum vom neuen Judenstaat in der Ferne begann hell zu leuchten in ihm.

1970 zog er dann tatsächlich in diese vermeintlich sichere, neue Heimstatt des geschundenen Judentums – aber die Realität, die er dort vorfand, stürzte ihn in erste Zweifel. Am Ende stand der Bruch mit einem expansiven und militaristischen Zionismus, der die Rechte der Palästinenser mit Füßen tritt.

Unser Gespräch nahm viele Wendungen und Zuckermann beschrieb die ganz große Perspektive: die Situation der Juden am Ausgang des 19. Jahrhunderts, die Entstehung des Zionismus in Wien, die Gegnerschaft von Karl Kraus und Theodor Herzl, die innenpolitische Lage Israels heute, die relative Isolation der Friedensbewegung und der winzigen israelischen Linken.

Und natürlich ging es auch um den Diskurs über die Juden, den Holocaust und den Staat Israel im heutigen Deutschland. Damit beschäftigt sich zentral Moshe Zuckermanns neues Buch „Der allgegenwärtige Antisemit“, das im Westend-Verlag erschien und den Anlass unseres Interviews darstellte.

Güte und Freundlichkeit

Als er berichtete, wie Abkömmlinge des Tätervolks, vom CDU-Bürgermeister bis Jutta Ditfurth, ausgerechnet ihm das Wort verbieten wollten in seiner alten Frankfurter Heimatstadt, weil er nämlich „Antisemit“ sei, blitzte dann doch eine gewisse Bitterkeit und Verachtung, eine stille Wut in diesem Menschen auf. Aber nur für einen Moment.

Sofort fand Moshe Zuckermann zurück in sein eigentliches Weltgefühl: durchdrungen von Menschenliebe, Güte, Freundlichkeit.

Dieses Weltgefühl intakt gehalten und immer wieder neu hergestellt zu haben, sagt unfassbar viel über einen Mann, der manche Schlammschlacht auszustehen hatte und haben wird, der sich keine großen Illusionen über die Kräfteverhältnisse macht und durchaus Grund zur Resignation hätte.

Als Jens und ich uns nach dem Gespräch verabschiedeten, waren wir ganz erfüllt von dem Privileg, dieses Interview geführt zu haben. Ja, sicherlich, Moshe Zuckermann, ein bedeutender Historiker. Ja, natürlich, ein Akteur der Friedensbewegung von internationalem Rang.

Aber vor allem: was für ein Mensch!



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