# Der blinde Fleck der Kritiker

Nach Jahrzehnten der Antiislam-Propaganda in Form von Terrorismusassoziationen ist Furcht vor Muslimen verständlich — umso wichtiger ist es, sich über eigene Vorurteile und die Profiteure der Angst im Klaren zu sein. Eine Replik.

von 
   * Martha Lina Zeh

Der Islam wird in Deutschland zunehmend sichtbarer, was sich vor allem an der physischen Präsenz von Muslimen, Halal-Läden und Sakralbauten zeigt. Laut einer Hochrechnung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) leben zwischen 6,6 und 7&nbsp;Millionen Muslime in Deutschland. Das entspricht einem Anteil von etwa 8,0 bis 8,5 Prozent der Bevölkerung (1). Solch eine hohe Zahl löst bei vielen Deutschen verständlicherweise ein Gefühl der Entfremdung und Bedrohung im eigenen Land aus. Vor allem nach Terroranschlägen wie am 25. Juli 2026 beim Christopher Street Day in Berlin melden sich in den Medien Experten und Nichtexperten zu Wort, leider selten differenziert, wodurch Ressentiments zwischen Muslimen und islamfreundlichen Stimmen einerseits und Migrations- und Islamkritikern andererseits verstärkt werden. Roberto De Lapuente und Anne Burger veröffentlichten kürzlich auf Manova Beiträge, die vermuten lassen, dass auch ihre Einstellung gegenüber Muslimen von dieser Propaganda geprägt ist, da sie Islam mit Islamisten gleichsetzen, die so viel miteinander zu tun haben wie Demokratie mit der DDR. Eine Replik auf die Artikel „[Die Linke ist nackt](https://www.manova.news/artikel/die-linke-ist-nackt)“ und „[Ziemlich links-islamische Freunde](https://www.manova.news/artikel/ziemlich-links-islamische-freunde)“ von Roberto De Lapuente sowie „[Das verborgene Christentum](https://www.manova.news/artikel/das-verborgene-christentum)“ von Anne Burger.

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*Manova* ist das Magazin für neue Perspektiven und lebendige Debatten. Eines der Hauptanliegen der Publikation ist laut dem Selbstverständnis des Teams die [Darstellung verschiedener Positionen](https://www.manova.news/debatten) zu einem Thema. Auch kritische Autoren und investigative Journalisten sind Menschen, die blinde Flecken haben. Viele *Manova*- Beiträge weisen andere auf Fehler hin, so wie [Roberto De Lapuente](https://www.manova.news/autoren/roberto-j-de-lapuente) die woke „Linke“ auf ihren Dogmatismus, ihre eigenen Widersprüche und die Abkehr von ursprünglich linken Positionen und [Anne Burger](https://www.manova.news/autoren/anne-burger) die Transgenderfraktion auf die Gefahren ihrer Einstellungen für Kinder und Familien.

Während beide sich also eigentlich anderen Themen widmen, die ich ebenso kritisch sehe wie sie, stoßen mir in einigen ihrer Artikel Bemerkungen über Muslime unangenehm auf, die undifferenziert oder sehr verkürzt hergeleitet in die Texte eingebettet sind. Also nutze ich die Einladung von *Manova* für eine Replik an die beiden von mir geschätzten Autoren.


## Berechtigte Kritik versus bissige Behauptungen

In seinem Artikel „Die Linke ist nackt“ zum Terroranschlag eines Islamisten in Berlin am 25. Juli 2026 stellte Roberto De Lapuente Thesen gegen die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens mehrerer Kulturen auf:

*„In Berlin ist jedoch noch ein Todesfall zu vermelden, über den kaum jemand spricht [ …]. Es handelt sich dabei um das Lebensgefühl, das sich besonders unter Linken großer Beliebtheit erfreute: die Illusion, dass Multikulturalität schlicht ein Akt des guten Willens sei, ein fröhlich-bunter Zustand, den man nur mit warmen Worten beschwören muss, damit er am Ende auch harmonisch gelingt. Und in diesem Glauben eingebettet: die Vorstellung, dass der Islam eine Bereicherung für westeuropäische Gesellschaften darstellen würde, ganz anders als das längst von ebendieser Klientel verachtete und kriminalisierte Christentum.“*

Allein die letzte Behauptung, dass „Linke“ den Islam wünschenswert finden, während sie das Christentum *kriminalisieren*, bedürfte der Frage, ob das überhaupt stimmt. Erstens hat der Islam nicht die institutionelle Macht, die die christliche Kirche hat, und dementsprechend meinen viele muslimfreundliche „Linke“ vielleicht einfach, dass Muslime ebenso in westlichen Gesellschaften leben dürfen sollten wie gläubige Christen, und prangern eher die Institution der katholischen Kirche und deren Machtmissbrauch an und nicht den Glauben an sich.

Zumal zur Institution Kirche inzwischen allgemein bekannt ist, dass sie keinerlei Hilfe der Linken bedarf, um kriminalisiert zu werden. Der Historiker und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner kam in seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ zu dem Fazit, dass dieses historisch gesehen eine fortlaufende Geschichte von Verbrechen, Heuchelei und Gewalt sei und sich ab der Zeit des römischen Kaisers Konstantin I. im 4. Jahrhundert nach Christus von einer verfolgten Bewegung in eine Institution verwandelt habe, die systematisch Massenmord, Betrug und Machtpolitik betrieben habe. Von aktuellen Missbrauchsskandalen ganz zu schweigen. Gleichzeitig ist die [ursprüngliche Botschaft von Jesus](https://www.manova.news/artikel/heiliges-erwachen), also das eigentliche Christentum, sicherlich nicht nur in meinen Augen eine Bereicherung für die Gesellschaft, wenn die Menschen, die sich als Christen bezeichnen, denn auch danach leben würden.

Der offensichtliche Widerspruch der von De Lapuente angesprochenen woken Linken, wenn sie „dem Islam“ ihre Sympathie bekunden, aber zugleich einen Christopher Street Day feiern und sich öffentlich wirksam als queer outen möchten, hätte für seine Argumentation gereicht. Und haben Muslime hier nicht sogar eine Gemeinsamkeit mit dem Autor und vielen Islamkritikern aus dem konservativen Lager, nämlich Kritik an zur Schau gestellter, über das Ziel hinausgeschossener sexueller „Freiheit“, bei der die Würde auf der Strecke bleibt?


## Islam ist nicht Islamismus

Menschen, die für die Möglichkeit einer friedlich zusammenlebenden multikulturellen Gesellschaft eintreten, könnten durchaus Angst haben, dass nach einem „islamistischen Terroranschlag“ wieder die Antiislam-Propaganda losgeht, die nicht explizit zwischen islamistischen Terroristen und Muslimen unterscheidet. Und genau das tut Roberto De Lapuente:

*„Der Community und der politischen Linken war nach der Tat anzumerken, wie sie daran zu knabbern hatte, weil sich für den neutralen Beobachter diese Illusion als Trugbild aufdrängte. Richtig ist aber dennoch, dass die Vertreter der Linken schroffer denn je bei der Fahne blieben, mit rhetorischen Kniffen versuchten, die Schuld dem konservativen Lager zuzuschieben. Wahlweise identifizierten manche den* ***Islamismus*** *sogar als Spielart rechter Weltanschauung, obgleich* ***Islamisten*** *in ihren Gefilden einen sogenannten antiimperialistischen Kampf führen und den Neokolonialismus abstreifen wollen — mit ein Grund, warum Linke so ein starkes Faible für den* ***Islam*** *entwickelt haben. Schließlich hätte er denselben Gegner: den kapitalistischen Westen.“*

Anstatt also den Islamismus zu verurteilen und zu untersuchen, was genau das denn ist und woher er kommt, reagiert sich De Lapuente an „den Linken“ ab und präsentiert eine stark verkürzte Herleitung vom Islam zu den Islamisten, die nicht so eindeutig ist, wie es hier scheint — dazu später mehr —, um dann die Unterkomplexität linker Parolen zu kritisieren:

*„Sie (die Linken, M.L.Z.) sind nackt, auch weil sie sich in den letzten Jahrzehnten darauf spezialisiert haben, die Komplexität der hiesigen Welt mit ziemlich unterkomplexen Parolen zu flankieren.“*

Wie zielführend ist es, wenn sich die „Linken“ auf ihre Angst vor „rechts“ konzentrieren, aber zugleich auch die vermeintlich Rechten auf ihre Angst vor Islamisten/Muslimen und Abscheu gegen „Linke“? Wer kümmert sich nun um die Frage, wie wir mit der komplexen Situation und unseren Ängsten umgehen? Wer sorgt für Verständigung statt Anschuldigung? 

Auch *Manova-*Autorin Anne Burger nennt in ihrem Beitrag „[Das verborgene Christentum](https://www.manova.news/artikel/das-verborgene-christentum)“ den Islam im Zusammenhang mit islamistischem Terror, ohne dies weiter auszuführen, und fördert somit — ob bewusst oder unbewusst — das Feindbild des Islam. 

In ihrem Text geht es eigentlich um eine Buchrezension zu „Dominion“ (auf Deutsch: „[Herrschaft]() https://www.buchkomplizen.de/herrschaft-oxid.html)“, in dem der Historiker Tom Holland die These aufstellt, dass sich praktisch alle Werte, die wir im Westen als selbstverständlich nehmen, auf das Christentum zurückführen lassen. Sie hätte sich also folgenden Einschub zum Islam an dieser Stelle sparen können:

*„Holland setzt sich auch — vor allem in einem eigenen Buch dazu — mit dem Islam auseinander und sieht dort massive Unterschiede zum Christentum. […] Es würde zu weit führen, hier auch noch die Ansichten von Holland zum Islam zu schildern, doch gut kommt der nicht weg. Bestimmt ist sein Bild auch beeinflusst von einer Reportage, die er für die BBC vor Ort drehte — über die christlichen Jeziden, kurz nachdem der südliche Teil des Irak vom Islamischen Staat befreit wurde. Christliche Männer, die von ISIS tatsächlich barbarisch gekreuzigt wurden, Frauen und kleine Mädchen, die als Sklavinnen gehalten wurden. Alte Frauen, die zu unattraktiv waren und getötet und in einem Haufen liegen gelassen wurden. Er hat noch die Gebeine vorgefunden. Wer so etwas sieht — etwas, das im Namen der Religion durchgeführt wurde —, der wird kein Freund des Islam werden.“*

Und jemand, der diese Zeilen von Burger liest, ebenso wenig. Viele Menschen werden diesen Absatz lesen und gar nicht merken, dass bei ihnen im Kopf dabei ein Bild von Islamisten stellvertretend für Muslime hängen bleibt, da wir solcherlei Aussagen seit Jahrzehnten durch die Leitmedien vermittelt bekommen. Die minimale Differenzierung, die Burger hier durch das Wörtchen „auch“ vornimmt, dürfte bei den meisten untergehen. Und wie wenig die von ihr beschriebenen ISIS-Barbaren in Wirklichkeit mit dem Islam zu tun haben, werden wir gleich sehen. 

Also frage ich mich, warum sie sich in ihrem Text über die Werte des Christentums für diesen Einschub zum Islam entschied, wenn dann kein Platz mehr war, um mehr Klarheit darüber zu schaffen, was am Islam kritikwürdig ist und welche Rolle islamistische Gewalttäter dabei genau spielen?

Ich plädiere dafür, jeden Satz, den wir schreiben oder lesen, achtsam unter die Lupe zu nehmen und — im Fall der Islamisten wie ISIS — dann doch eher den Fundamentalismus und Terrorismus als Phänomen zu kritisieren und zu überlegen, wie er entsteht und wie wir damit umgehen können. 


## Kritik an Migrationspolitik

De Lapuente hat natürlich recht, wenn er viele Linke auf den blinden Fleck hinweist, eine Debatte zur Migrationspolitik zu scheuen. Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner schreibt in seinem „Manual für den Kampf der Kulturen – Warum der Islam eine Herausforderung ist“ über die Asyldebatte in Deutschland ab den 1980ern:

*„Hätten sie (die Linken, M.L.Z.) die Asylsuchenden gekannt, wäre ihnen aufgefallen, dass der überwiegende Teil von ihnen sehr andere politische und moralische Vorstellungen hatte als sie selbst. Manche, etwa die in Algerien verfolgten, in Deutschland Zuflucht findenden islamischen Fundamentalisten waren gewaltbereite Gegner der Linken und für einen großen Teil der Intellektuellenmorde in Algerien mitverantwortlich. […] Eine nur in Ansätzen intelligente, nicht lediglich das eigene politische Lager, die eigenen vorgefertigten Ansichten, die eigene Klientel bedienende Asyldebatte hätte zumindest die Frage der Wertorientierung aufwerfen müssen.“*

Deshalb lautet mein Wunsch an uns alle, lieber herauszufinden, wer oder was *genau* unser Problem ist. Es sind nicht „die“ Muslime oder „der“ Islam, sondern einzelne kriminelle Fundamentalisten — beziehungsweise Staatsterrorismus, dazu später mehr — und Angst, die eine undifferenzierte Berichterstattung — dazu ebenfalls später mehr — in uns auslöst, wie folgende Zeilen aus dem Artikel „[Ziemlich links-islamische Freunde](https://www.manova.news/artikel/ziemlich-links-islamische-freunde)“ von Roberto De Lapuente:

*„Selbst wenn junge, aufgepeitschte Männer auf Deutschlands Straßen das Kalifat einfordern und damit von der Unternehmung beseelt sind, ‚diese Ordnung zu beseitigen‘, wie es Artikel 20 des Grundgesetzes ausdrückt, findet man links noch verurteilende Worte für alle, die eine solche Kundgebung kritisieren. Dass Islamisten eben nicht politisch neutral auftreten, eben auch, weil der Islam seinem Wesen nach von Anbeginn seiner Existenz politisch war […], halten die meisten Linksliberalen offenbar sogar für lobenswert.“*

Auch hier hat De Lapuente recht, wenn er beschreibt, dass der Islam politisch ist und dass Islamisten nicht politisch neutral auftreten. Doch differenziert er hier weiter, was das genau bedeutet und wie genau sich das in Deutschland zeigt? 

> Wo üben Muslime Macht aus, was haben Deutsche von ihnen zu befürchten? Wo üben Islamisten Macht aus und was haben Deutsche von ihnen zu befürchten?

Das wären doch interessante Fragen in diesem Zusammenhang. Stattdessen schürt er durch „junge, aufgepeitschte Männer“ Angst, ohne zu verraten, wie viele solcher Männer es in Deutschland gibt, wie wir sie erkennen können, wie sie ihr politisches Ziel erreichen wollen, wie sie radikalisiert wurden, wer hinter ihnen die Strippen zieht. Im selben Text schreibt De Lapuente weiter:

*„Zwar seien islamistische Gruppierungen letztlich auch Teil einer globalen Protestbewegung, die sich den neoliberalen Masters of the Universe nicht unterwerfen wollten, doch deren Ideologie könne man von links nicht unterstützen. Jahre später trat aber genau dies ein — auch weil Muslime nach den Anschlägen auf das World Trade Center und anderen Terrorvorgängen marginalisiert wurden. Linksliberale ergriffen nun beschützend Partei für den Islam, gaben dabei aber die nötige Distanz auf, die man auch als Anwalt gegenüber seinen Klienten an den Tag legen sollte. Denn richtig war, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist war — aber dabei gleich auszublenden, dass der politische Islam nichts für seine terroristischen Ableger könne, war nicht statthaft.“*

Zwar schreibt er, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist ist, doch macht er sogleich — ebenso wie Burger zuvor — den Islam für die Islamisten verantwortlich, ohne westliche Einflüsse auch nur anzudeuten. 


## Islamistischer Terrorismus und Staatsterrorismus

Der inzwischen verstorbene Autor Elias Davidsson veröffentlichte im November 2019 einen Beitrag genau zu diesem Thema mit dem Titel „[Der gemachte Feind: Die vermeintliche islamistische Bedrohung wird von staatlichen Behörden produziert und durch die Medien aufgebläht](https://www.manova.news/artikel/der-gemachte-feind)“. Die Einleitung des Textes fasst es prägnant zusammen:

*„Möchtegern-Dschihadisten werden von Geheimdiensten gezüchtet, von der Polizei verhaftet und von Gerichten verurteilt. So bekommen Leitmedien immer wieder Anlass zur Verbreitung der Fiktion einer terroristischen Bedrohung. Diese kostenlose Werbung der Leitmedien für al-Qaida und den Islamischen Staat wird weitgehend verkannt. […]. Sie sollen als Feind Nummer eins der Zivilisation gelten. In dieser Kampagne spielen auch doppelzüngige Hassprediger, Agents Provocateurs und proisraelische Einrichtungen eine bedeutende Rolle.“*

Zur Rolle der Leitmedien in diesem Zusammenhang schreibt Davidsson:

*„Al-Qaida und der Islamische Staat beziehungsweise deren Ableger sollen laut Medienberichten professionelle Propagandafilme und Magazine produzieren, die nicht nur zum ‚Heiligen Krieg‘, sondern zur ‚Schlachtung aller Ungläubigen‘ aufrufen. So soll der IS zum Beispiel die Glanzzeitschrift Dabiq in Englisch und Dar al Islam in Französisch herausgeben sowie eine Nachrichtenagentur namens Amaq oder Amak betreiben. Jeder kann diese Zeitschriften im PDF-Format von den Webseiten der US-amerikanischen Vertreiber herunterladen und sich damit einen Eintrag in der Datenbank des Bundesverfassungsschutzes erwerben.*

*Beide Zeitschriften zeichnen sich durch eine hochgradig grafische Qualität aus, die auf ein Studium der Designer bei den besten Werbeagenturen hindeutet. Diese Zeitschriften beinhalten gruselige Bilder von Enthauptungen und lange Aufsätze zur Berechtigung der Sklaverei mit Zitaten aus dem Koran.*

> Damit wird beabsichtigt, den Islam mit dieser Barbarei in Verbindung zu bringen.“ 

In einem weiteren Artikel mit dem Titel „[Die Fiktion ‚Internationaler Terrorismus‘](https://www.manova.news/artikel/die-fiktion-internationaler-terrorismus)“ aus dem Jahr 2017 schreibt Davidsson über die wichtige Rolle der Medien in Bezug auf den „Terrorismus“, die die besondere Verantwortung jedes medienkritischen Autors zeigt:

*„Terroranschläge können eine Bevölkerung nur dann terrorisieren, wenn die Massenmedien dies gestatten. Der Täter kann nur eine geringe Anzahl von Personen ‚terrorisieren‘, nämlich nur jene, die sich zufällig am Ort der Tat als Opfer oder Zeugen befinden. Nur durch die mediale Berichterstattung erhält seine Tat nationale oder internationale Bedeutung und kann so die Öffentlichkeit ‚terrorisieren‘. Zwischen Terroristen und Medien besteht daher eine organische Symbiose.“*

In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass die islamistischen Kämpfer der [Mudschaheddin](https://www.kas.de/de/web/extremismus/islamismus/mudschahed) vierzehn Jahre vor 9/11 in Hollywood und Co noch als die Guten und Verbündeten inszeniert wurden. Siehe „[Rambo III](https://de.wikipedia.org/wiki/Rambo_III)“ aus dem Jahr 1988 oder den Bond-Film „[The Living Daylights](https://en.wikipedia.org/wiki/The_Living_Daylights)“ von 1987. Da kämpfen Rambo und Bond an der Seite der „Islamisten“. Dies entlarvt also die wichtigste Information über Islamisten, die es bei kritischen Berichten über sie stets mitzuerwähnen gilt.


## Die Beziehung zwischen Islamisten und dem Westen

In einem 1998 auf *CounterPunch* veröffentlichten [Interview](https://www.counterpunch.org/1998/01/15/how-jimmy-carter-and-i-started-the-mujahideen/) sagte der ehemalige Nationale Sicherheitsberater unter US-Präsident Jimmy Carter Zbigniew Brzeziński selbst, dass er und Jimmy Carter die Mudschaheddin ins Leben gerufen haben:

*„Frage: Und Sie bereuen es auch nicht, den islamischen [Integrismus] unterstützt und künftigen Terroristen Waffen und Ratschläge gegeben zu haben?*

*Brzeziński: Was ist für die Weltgeschichte am wichtigsten? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetimperiums? Ein paar aufgehetzte Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?*

*Frage: Ein paar aufgehetzte Muslime? Aber es wurde immer wieder gesagt: Der islamische Fundamentalismus stellt heute eine weltweite Bedrohung dar.*

*Brzeziński: Unsinn!“*

Ein aktuelleres Beispiel für die Heuchelei des Westens in Bezug auf Islamisten als „Bedrohung für uns“ ist der syrische Präsident Ahmed al-Scharaa. Dieses Mal findet der Seitenwechsel andersherum statt, und es wird nicht einmal in den Leitmedien ein Geheimnis daraus gemacht. Selbst die *[Tagesschau](https://www.tagesschau.de/ausland/asien/syrien-jahrestag-al-scharaa-100.html)* schreibt:

*„Zehn Millionen Dollar Kopfgeld hatten die USA auf den einst gesuchten Terroristen ausgesetzt. Al-Scharaa leugnet seine Vergangenheit nicht — und bereut sie wohl auch nicht.“*

Dennoch gilt die einzige Frage, die sich die Journalisten zu ihm stellen, nicht seiner Vergangenheit:

*„Seit einem Jahr steht Ahmed al-Scharaa an der Spitze Syriens: ein ehemaliger Dschihadist, der sich staatsmännisch gibt. Die internationale Rehabilitierung ist ihm schnell gelungen. Doch wohin führt er das Land?“*

So viel dazu, wie schnell die angeblich größte Bedrohung sich in einen Freund des Westens und seiner Massenmedien verwandelt und umgekehrt.


## „Die Terror-Profiteure“: Überwachungsunternehmen

Und hier kommen wir zum vielleicht wichtigsten Punkt: Wem nützt es, wenn die breite westliche Bevölkerung Angst vor Muslimen hat, die sie ja nun überall sichtbar umgeben? 

In einem weiteren [Artikel](https://www.manova.news/artikel/die-terror-profiteure) untersuchte Elias Davidsson, wie die Sicherheitsindustrie durch die kontinuierliche Verbreitung der Angstpropaganda zu einem der profitabelsten Wirtschaftsbereiche der Welt wurde. Inzwischen sind wir so weit, dass „Marktanalysten ‚Palantir attraktiv wie nie zuvor‘ (finden). Kein Wunder: Das Unternehmen hatte 75 Rahmenverträge mit dem Pentagon, die letztes Jahr in einem einzigen, zehn Milliarden schweren Paket zusammengeführt wurden“, enthüllt Tom-Oliver Regenauer in einer ausführlichen [Analyse über den Überwachungskonzern](https://www.manova.news/artikel/dialog-und-dialektik).

Davidsson beschreibt, welche Rolle die Angst der Menschen vor dem Islam dabei spielt:

*„Der Hauptzweck zur Errichtung und Pflege des Feindbildes ‚islamistischer Terrorismus‘ ist die Erzeugung von Angst. Um diese Angst zu verringern, erkaufen sich Menschen vermeintliche Sicherheit, sei es in Form von Versicherungen, Sicherheitsanlagen, Waffen oder Sicherheitssoftware. Sie sind auch bereit, behördliche Maßnahmen zu finanzieren, zum Beispiel zur Stärkung der Polizei. In der kapitalistischen Gesellschaft kann Angst leicht in Profit umgemünzt werden. Diese Kausalität hat die Industrie längst erkannt, und fast alle großen Konzerne nutzen sie als Mittel zur Steigerung ihres Gewinns.“*

## Die Verbindung zwischen IS und Islam

Bleibt immer noch die Frage offen, wie viel der Islamische Staat mit dem Islam zu tun hat. Der Autor eines ausführlichen Artikels mit dem Titel „[Die Ideologie des Islamischen Staates](https://www.sein.de/die-ideologie-des-islamischen-staates/)“ auf *sein.de* kommt zu folgendem Schluss:

*„Die Entstehung des Islamischen Staates lässt sich nicht durch eindimensionale Betrachtungen erklären. Er ist das Produkt einer ganzen Verkettung von Ereignissen, die über 60 Jahre zurückreichen und hat mit dem Islam weit weniger zu tun als mit vielen anderen Faktoren.“*

Der Begriff „islamisch“ täuscht in dieser Bezeichnung auf dieselbe Weise wie das „demokratisch“ im Namen der DDR oder das „sozialistisch“ bei den Nazis. Was also bewegt die jungen Männer dazu, in den „heiligen Krieg“ zu ziehen? Der Artikel auf *sein.de* gibt aufschlussreiche Antworten:

> „Journalisten, die gefangengenommene IS-Kämpfer interviewen, müssen immer wieder erstaunt feststellen, dass diese fast nichts über den Islam wissen, sondern nur sehr bruchstückhafte Kenntnis der IS-Ideologie wiedergeben können. Der Anschein überzeugter Gotteskrieger täuscht offensichtlich, und die Motivation ist oft sehr viel profaner: Geld.“


## Propaganda bei uns selbst erkennen

Gerade in medien- und herrschaftskritischen Publikationen wie *Manova* wissen Autoren um westliche Propaganda. Warum merken sie dann nicht, wenn sie im Fall des Islams als Feindbild selbst davon beeinflusst sind? Wie oft hinterfragen Autoren und Leser ihr eigenes Weltbild? Immerhin fordern wir das doch ständig von anderen ein, wie auch De Lapuente in „Die Linke ist nackt“:

*„Und nun, da vor den Augen der Weltöffentlichkeit erkennbar wird, dass die Mär von der harmonischen Multikulturalität mit islamophiler Grundessenz zerbrochen ist, verbleiben viele weiter auf dem Holzweg und suchen sich Nebenschauplätze, um eines nicht tun zu müssen, etwas, was Menschen nie gerne tun, die politische Linke aber noch viel weniger gerne: sich einzugestehen, dass man sich geirrt haben könnte.“*

Ich wünsche mir, dass gerade kritische Autoren komplexe Zusammenhänge nicht genauso unbewusst vereinfachen oder verkürzt darstellen, wie sie es anderen vorwerfen. 

Ich halte es sehr wohl für angebracht, dogmatische politische Strömungen und Personen zu kritisieren und Fanatismus und Gewalt jedweder Couleur anzuprangern, doch dabei stets sehr achtsam zu sein, um nicht eine ganze Menschengruppe in Mitleidenschaft zu ziehen und die Gesellschaft weiter zu spalten.


## Trotz aller Differenzierung: Schwierigkeiten beim Zusammenleben im Alltag

Sicherlich gibt es auch eine „mittelfanatische“ Tendenz im Alltagsislam, die weder mit Terrorismus zu tun hat, noch problemlos ist. So beschäftigt viele immer wieder die Rolle der Frau im Islam, und sie empfinden Frauen mit Kopftuch als unterdrückt und Provokation.

Wirklich Interessierte können sich dazu verschiedene Stimmen von muslimischen Frauen selbst anhören, wie zum Beispiel die Publizistin [Khola Maryam Hübsch im Gespräch mit B-Lash](https://www.youtube.com/watch?v=uFgs-T7vMu8) oder die deutsch-ägyptische Sängerin Nina Maleika in einer *Manova*-Sendung von Walter van Rossum mit dem Titel „[Kopftuch und Emanzipation](https://www.manova.news/artikel/kopftuch-und-emanzipation)“. Stets mit dem Wissen, dass auch diese Frauen niemals alle Musliminnen repräsentieren können. Es ist nun einmal, wie Roberto De Lapuente es selbst beschreibt: Die Welt ist komplex.

Wo Islam in Deutschland vielleicht auch mitunter Macht ausübt, sind Kleingruppen, Schulklassen und Viertel, wo Muslime bereits zahlenmäßig dominieren. Wenn also die Anzahl der Muslime objektiv steigt, kann sich das Gefühl einstellen, verdrängt zu werden. Und genau diese Gefühle gilt es als subjektive Realitäten in der Mehrheitsbevölkerung ernst zu nehmen, jedoch ohne dabei noch zusätzlich Ängste vor Terrorismus, Vergewaltigern und Islamisten zu schüren. Auch hier gebe ich De Lapuente wieder recht, wenn er kritisiert, dass Menschen, die sich mehr Aufklärung über steigende Kriminalität von Ausländern wünschen, zu schnell verunglimpft und als islamfeindlich oder rassistisch verurteilt werden, was wiederum die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt.

Was wir hier brauchen, ist Kontakt zwischen zugewanderten Muslimen und ihren deutschen Nachbarn und Mitschülern. Bekannte berichten mir von unfreundlichen Muslimen, die ihre Viertel „übernommen“ hätten und die Beklemmung, die dies bei ihnen auslöst. Darüber müssen auch sich selbst eher klassisch linken Werten zuordnende Medien berichten können, um die Menschen abzuholen und ihre Sorgen sichtbar zu machen. Interviews mit Betroffenen beider „Parteien“ eines Wohnviertels wären wünschenswert und scheitern bei kleinen Medien wie *Manova* wohl eher an den fehlenden Finanzen, um Reporter vor Ort zu schicken.



## Teile und herrsche 

Antiislam-Propaganda in westlichen Medien, der wir Europäer seit Jahrzehnten ausgesetzt sind, hinterlässt bei jedem ihre Spuren, der sie nicht aktiv hinterfragt. Eine Debatte über Migration und Kritik am Islam müssen erlaubt sein. Ebenso muss es möglich sein, Ängste in Bezug auf zugewanderte Menschen aus einem für die meisten fremden Kulturkreis zu äußern, ohne deshalb zurechtgewiesen oder als Unmensch verurteilt zu werden. 

Ich kann auch verstehen, dass die Autoren und das kleine Redaktionsteam nicht so sensibel auf islamkritische Informationen reagieren wie ich selbst aufgrund meines engen Kontakts zu Muslimen.

Und natürlich ist [Migrationskritik](https://www.manova.news/artikel/die-krise-des-systems) ein wichtiger Aspekt und wurde ja auch in diesem Magazin bereits kritisch beleuchtet. Da das Thema ein Minenfeld ist, das zu gesellschaftlichem Unfrieden und Spaltung beiträgt, bedarf es besonderer Sorgfalt und Differenzierung, um nicht „aus Versehen“ ein Feindbild zu schüren, das der „Teile und herrsche“- und Überwachungspolitik der Mächtigen am Ende wieder einmal in die Hände spielt.


## Perspektivenwechsel

Der bereits zuvor erwähnte Islamwissenschaftler Stefan Weidner, der engen Kontakt, ja sogar Sympathie für den Islam hat und dennoch verschiedene Standpunkte beleuchtet, gesteht in seinem Buch „Manual für den Kampf der Kulturen“, Angst vor einem Anschlag zu haben, als ein muslimisch aussehender Mann mit Bart in der Londoner Underground einen Koran liest. Er geht damit einen wichtigen Schritt weiter als De Lapuente und Burger: Er ist sich seiner eigenen Vorurteile bewusst und bringt sie offen in seinen Essay mit ein.

Und gegen Ende seines ausführlichen und unterhaltsamen Werks zum Thema hebt er noch eine Tatsache hervor, nämlich, dass „die anderen“ wesentlich mehr Grund zur Angst vor „uns“ haben als wir vor ihnen:

*„Gegenwärtig und in absehbarer Zeit spielen sich alle diese Kriege in den islamischen Ländern selbst ab. […] Während westliche Staaten in der islamischen Welt stationiert und militärisch gegen dort agierende Kombattanten aktiv sind, führt kein islamisch geprägter Staat gegenwärtig gegen irgendeinen nichtislamischen Krieg […].*

> Wie immer man es dreht und wendet, wie furchtbar die Bedrohung durch Anschläge auch sein mag: Das größere Leid, die existentielle Bedrohung erfahren nicht wir.“

Was also, wenn zugewanderte Muslime ebenso Angst vor den Deutschen und islamfeindlicher Gewalt haben, die es auch in Deutschland gibt und laut [Statista](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1449658/umfrage/polizeilich-erfasste-islamfeindliche-delikte-in-deutschland/) zunimmt?


## Kaffeetrinken

Nachdem wir nun Gewalttäter und Fundamentalisten von einfachen Muslimen unterschieden haben, möchte ich wieder die Frage nach der Unmöglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens stellen. Vielleicht wäre ein erster Schritt, die Besinnung auf Gemeinsamkeiten? Dazu zum Abschluss noch ein Zitat aus Weidners Buch, das beschreibt, was im 17. Jahrhundert geschah:

*„Europäische Moden wie Tulpenzucht hielten Einzug in Istanbul wie umgekehrt das Kaffeetrinken und Rauchen in Europa.“*

Kann sich irgendjemand heute Europa ohne Kaffeekultur vorstellen?


