Der Ernstfall im Ruhrgebiet

Die Stadt Dortmund bereitet sich auf den Fall einer militärischen Eskalation vor und scheint dennoch die Auswirkungen einer solchen nicht zu überblicken.

Während die Fußballweltmeisterschaft in Nordamerika in den letzten Zügen steckt und die Aufmerksamkeit der Bevölkerung bindet, setzt sich der Trend der Militarisierung in Deutschland fort. Die Stadt Dortmund stellt Überlegungen darüber an, wie sie im Fall eines Krieges handlungsfähig bleiben kann, agiert dabei aber geradezu realitätsfremd. Es geht um Vorräte und Taschenlampen, anstatt darum ein Szenario zu verhindern, das gerade für das Ruhrgebiet dramatische Folgen hätte. Die Region ist noch immer geprägt von ihren bergbaulichen Altlasten und befindet sich damit in einer besonderen Situation, was Infrastruktur und Ökologie angeht.

In diesem von Kriegen geschüttelten Jahr findet die Fußballweltmeisterschaft auf drei Kontinenten statt: den „Drei Amerikas“, Kanada, den USA und Mexiko. Ein Ausdruck der „Einheit und Vielfalt der Nationen“? Oder ein Puzzle im neuen Hegemonialkonzept der USA: „Shield of the Americas“ (1)?

Noch nie haben so viele Nationen teilgenommen. Noch nie haben Nationen aus den ehemaligen Kolonien die Weltrangliste erklommen, haben die „Kleinen“ es den großen Fußballnationen so schwergemacht und es bis in die erste K.o.-Runde — manche auch weiter — geschafft. Deutschland musste sich Paraguay geschlagen geben und nach Hause fliegen. Ist das Endspiel der westlichen Vorherrschaft im Fußball angekommen? Noch hat Trump allerdings das Sagen, wie es scheint. „Rote Karten“ , „Rote Linien“ gibt es bei ihm nicht. Während weltweit die Menschen vor den Fernsehern das Fußballgeschehen gespannt verfolgen — eben auch in Deutschland —, wird von den Herrschenden, von den Fans fast unbemerkt, weiter an den Kriegsvorbereitungen gedreht. In Istanbul geben die NATO-Freunde — der Rest der Welt blieb ungefragt — schon einmal ein paar Milliarden für die Ukraine frei.

In Deutschland tut die CDU/SPD-Regierung ihr Bestes um die sozialen Errungenschaften aus der letzten Nachkriegsära zu plündern und das Geld für die gewünschte Aufrüstung durch Kürzungen und Änderungen bei den bisher gültigen Sozialleistungen zu beschaffen. Ihr neues Rentenkonzept, das wir noch nicht kennen, wird bereits von „Experten“ als soziale Reform verkauft und dem ahnungslosen Publikum sowie dem Bundestag schmackhaft gemacht. Die Überraschung kommt, sobald die WM vorbei ist. Aber dann kommt jeder Protest bereits zu spät, den Bundesabgeordneten wurde längst die Annahme empfohlen. Die ach so soziale „Reform“ sieht vor, dass auch die Lohnabhängigen in einen Fonds einzahlen, der am Ende von BlackRock verwaltet werden wird — welch eine Überraschung (2).

Der Ernstfall wird vorbereitet

Und wie wahrscheinlich viele andere Städte bereitet sich Dortmund ganz nebenbei auf den Kriegsfall vor: „Im Ernstfall reicht es nicht für alle, ist die ehrliche Bilanz der Stadtverwaltung Dortmund für den Kriegsfall“, heißt es in den Ruhr Nachrichten vom 26. Mai 2026 (3).

Wie soll es denn dann weitergehen? Die wichtigste Frage sei, wie die Stadtverwaltung handlungsfähig bleibe und wie die zentrale Infrastruktur — also die Versorgung mit Strom und Wasser — gewährleistet werde. Außerdem gehe es um Feuerwehr und Stadtwerke. Man sei noch auf der Suche nach einem unbekannten Ort für die zentrale Steuerung.

Ich erinnere mich: Da gibt es doch noch einen „Führungs“-Bunker aus den letzten Kriegstagen, den sich die Stadtverwaltung unter SPD-Bürgermeister Samtlebe 1970 gegen den erwarteten Atomüberfall — natürlich von den Sowjetrussen — hatte erneuern lassen, um die Stadtspitze dort unten monatelang handlungsfähig zu halten. Ausgestattet war er mit allem, was man damals für notwendig hielt: einem Zahnarzt-Gynäkologen-Stuhl, einer riesigen Telefonanlage, einer Kommandozentrale, einer Entstrahlungsanlage und vielem mehr. Noch heute ist er unter einer schicken neuen Wohnanlage zu besichtigen — ein gewisser Kitzel inbegriffen (4).

Aber bevor die Stadt eine Lösung gefunden hat, geht sie mit ihren Vorschlägen schnell zum Bürger über. Seine Aufgabe sei es nun, sich selbst zu schützen: Vorräte anlegen, Taschenlampe, und Ähnliches. Das alles natürlich nur, um im Kriegsfall oder in Krisenzeiten vorbreitet zu sein, zur eigenen Beruhigung halt, nicht weil der Krieg schon da wäre. Nein, nein, das sei es natürlich nicht ...

Dortmund habe eines der größten Untergrund-Netze des Ruhrgebiets aus dem Zweiten Weltkrieg erhalten, erfährt man, aber sie würden leider nicht für alle heutigen Bewohner ausreichen.

So werden wir heute schon in Angst und Panik versetzt — obwohl wir doch erst noch „kriegstüchtig“ werden sollen. Oder gerade deshalb?

Kriegskredite, Aufrüstung und Wehrdienst sollen nämlich — wie schon einmal — selbstverständlich werden. Und die Ukraine wird unbeschwert wie ein 17. Bundesland weiter gefördert und aufgerüstet, um mit deutschem Kriegsmaterial die Vorbereitung, die „Drecksarbeit“, in Gang zu setzen.

Und dann wird noch so getan, als ob der Wohnbevölkerung im Ruhrgebiet — mit seinen über fünf Millionen Menschen die bevölkerungsreichste Region — nur noch ein paar Schutzräume fehlten. In Wahrheit wären das Ruhrgebiet und seine Bevölkerung, wenn der Ernstfall käme, nicht zu retten. Aber das erfahren wir nicht. Obwohl es alles längst bekannt ist. Eine Freundin, die vor 20 Jahren Mitglied des NRW-Landtages war, erinnert sich nämlich, dass damals ein Landtagsabgeordneter in der CDU-Fraktion davon sprach: „Fallen die Pumpen aus, säuft das Ruhrgebiet ab!“ Sie hätten damals gelacht; es erschien ihnen zu abwegig. Sie dachten, das sei eher ein bisschen Geflunkertes …

Ruhrgebiet — eine bewegte Geschichte

Die Geschichte des Ruhrgebiets reicht weit über die industrielle Epoche hinaus und hat eine lange Tradition im Bereich Handel, Wirtschaft und Kultur.

Seit über 5.000 Jahren war der Hellweg entlang der Ruhr zwischen Elbe und Rhein eine bekannte Heer- und Handelsstraße und als solcher Teil des europäischen Fernhandels: der Ost-Westverbindung Mitteleuropas für wirtschaftlichen und kulturellen Austausch, die von Brügge bis zur Elbe, nach Lübeck und von dort über die Ostsee bis nach Nowgorod führte.

Der Hellweg war Teil der wichtigsten West-Ost-Verbindungen in Mitteleuropa und verband Westeuropa mit Zentren des Wirtschaftslebens in Mittel- und Osteuropa. Vor allem im Mittelalter gelangten hier feinste Pelze wie Hermelin und Zobel an die Höfe in Westeuropa, während umgekehrt die feinsten Tuche aus Flandern bis nach Nowgorod gelangten. Salz und Kerzenwachs waren begehrte Alltagsgüter.

Dortmund war eines der Handelszentren entlang dieser Handelsstraße. Im frühen Mittelalter hatten jüdische Kaufleute bis zum Aufstieg der italienischen Seerepubliken Genua und Venedig sowie der deutschen Hanse im Spätmittelalter nahezu ein Monopol auf den Ost-West-Handel zwischen den christlichen und muslimischen Reichen. Deshalb entstanden in Dortmund in jener Zeit — wie auch in Soest, einem weiteren Knotenpunkt des Handels in Ostwestfalen — bedeutende jüdische Gemeinden. Erst das faschistische Deutschland zerstörte ihre Existenz auf grausame Weise (5).

Erst die Industrielle Revolution gab dem Ruhrgebiet mit den riesigen Kohlevorkommen seine moderne Bedeutung als industrieller Motor und auch als Waffenschmiede Deutschlands.

Die Folgen der Ausbeutung

Die rücksichtslose Ausbeutung der Bodenschätze und Menschen hat ihren Preis: Das gesamte Ruhrgebiet liegt auf unsicherem Grund (6).

Das Ende des geologischen Raubbaus an Millionen Tonnen abgebauter Steinkohle hinterließ im gesamten Ruhrgebiet, auch in Dortmund, dramatische Spuren. Die unterirdisch entstandenen Hohlräume im Boden bleiben bis heute eine dauerhafte Gefahr.

Auch wenn das Tausende Kilometer umfassende unterirdische Stollennetz — die letzte geschlossene Zeche Prosper Haniel in Bottrop hinterließ ein „unterirdisches Labyrinth aus 104 km Länge“ — größtenteils mit Beton und Gestein verfüllt wurde, bleibt die dauerhafte Gefahr von Tageseinbrüchen bestehen: Der Boden kann plötzlich nachgeben und absacken; Risse in Häusern, aufgebrochene Straßen, verbogene Schienennetze bei Bahnen und Straßenbahnen können unvermittelt entstehen und in dunkle Abgründe führen. An manchen Orten des Ruhrgebiets ist die Erde bis zu 30 Meter abgesackt — noch unter Rheinniveau!

Nach Schätzungen wurden etwa 60.000 Schächte, Gruben und Stollen im Laufe der Bergbaugeschichte gegraben, am Ende bis zu einer Tiefe von 1.460 Metern. Auch diese Schächte wurden größtenteils vom Boden bis zur Oberfläche mit Beton, Gestein oder Spezialbaustoffen verfüllt und oft noch mit einem Betondeckel verschlossen.

Im Untergrund sammelt sich die gesamte Wasserversorgung des Reviers: Trink- und Regenwasser, das sich in Brüchen und Senken zu ganzen Seen und Poldern sammeln kann — und schließlich das hinterlassene Grubenwasser, das höchst giftig, salzig und mit Chemikalien, vor allem PCB, verseucht ist.

Um diese beiden Wasserarten auseinanderzuhalten bleibt die Wasserhaltung unter und über Tage die größte, aufwendigste und kostspieligste Herausforderung des aufgegebenen Ruhrbergbaus: eine „Ewigkeitsaufgabe“, für die die Ruhrkohle AG die RAG-Stiftung gegründet hat. Diese wurde mit einem Vermögen von über 18 Milliarden Euro ausgestattet — dem Gewinn aus den über ein Jahrhundert ausgebeuteten und nun zurückgelassenen Untergründen des Ruhrgebiets —,um das Überleben des „Übergrunds“, die Bewohner in den Städten und Dörfern — auf Dauer? — zu sichern.

„Früher haben wir Grubenwasser gepumpt, damit die Bergleute unter Tage überhaupt arbeiten konnten, heute pumpen wir das Wasser, damit das Grubenwasser nicht mit Grund- und Trinkwasser in Berührung kommt“, sagt ein Experte.

Mit einem enormen und kostspieligen Energieaufwand und einem ausgeklügelten, gigantischen Netzwerk aus Pumpen und Kraftwerken werden die giftigen Tiefengewässer — angesammeltes Grubenwasser aus den alten Stollen — zurückgehalten, während das höher fließende Grundwasser, die Quelle der Trinkwasserversorgung der Region, mithilfe von Polderpumpen abfließen kann und unverschmutzt gehalten wird. Es bilden sich nämlich unterhalb der Oberfläche dauerhaft Seen und Polder aus Trink- und Regenwasser, die abgepumpt werden müssen um abfließen zu können. Ohne die Pumpen ständen schon jetzt ganze Stadtteile unter Wasser. Wie „ewig“ wird das ganze System also noch halten?

Was aber geschieht, wenn es wirklich knallt?

Lohnende Kriegsobjekte gäbe es genug. Das Ruhrgebiet ist nicht mehr die Waffenschmiede des Kaiserreichs und erst recht nicht die des Nazi-Regimes. Aber Hunderte Betriebe sind hochspezialisierte Zulieferer im Bereich Spezialstahl für Panzer, andere Militärfahrzeuge und U-Boote. Dazu kommen Betriebe der Elektronik- und Hightechindustrie zur Herstellung von Cybersecurity-Software, Spezialkabeln und Antriebskomponenten für Kampffahrzeuge und Drohnen — also entscheidende Teile für jedwede Kriegsmaschinerie.

Am Nordrand des Ruhrgebiets, in Wulfen, befindet sich das zentrale, größte und wichtigste Munitionsversorgungsdepot der Truppe West der Bundesrepublik. ln der Glückauf-Kaserne in Unna, um die Ecke von Dortmund, sind logistische Einheiten stationiert, die den Nachschub an Material, Treibstoff und Verpflegung für kämpfende Einheiten sichern sollen: alles lohnende Angriffsziele zur Ausschaltung und Lähmung der energetischen und logistischen Bewegungs-, Kampf- und Verteidigungsfähigkeit der deutschen Kriegsmaschinerie.

Welche Art von Bomben auch immer eingesetzt würde: Gerade das Ruhrgebiet wäre einer der gefährdetsten Räume. Es könnte zu einer verheerenden Katastrophe kommen. Die Jahrhundertaufgabe der Ruhrkohle AG wäre mit einem Schlag zerstörbar — und mit ihr die vielen wunderbaren Nach-Industrie-Kulturprojekte und natürlich auch die mühsam wieder aufgebauten jüdischen Gemeinden mit dazu!

Eine bunkersprengende Bombe allein könnte dieses komplizierte, in Balance gehaltene System empfindlich treffen und zerstören — trotz aller eingerichteten Notfall- und Ausfallschutzpläne.

Taschenlampe und Notvorräte sind doch ein Witz angesichts dessen, was wirklich passieren könnte!

Von der RAG hört man: Die oberirdische Uhr tickt in Minuten bis Tagen, die unterirdische in Monaten bis Jahren. Binnen Stunden wäre das Ruhrgebiet überflutet und eine einzige Seenplatte. Binnen Wochen und Jahren wäre sämtliches Oberwasser mit den Giften aus der Tiefe verseucht. Es wäre eine „schleichende Ökologische und geografische Katastrophe“ sagt die RAG. „Die Natur holt sich ihr Recht zurück“, kommentierte gelassen eine Freundin.

Wäre es angesichts eines solchen möglichen Szenarios nicht angebracht, zur Umkehr aufzurufen und alles zu tun, um die Kriegslüsternheit der europäischen und besonders unserer Regierung zu stoppen, statt den Bürger zu täuschen und ihn zum Kauf teurer Notaggregate, mobiler Radios und Ähnlichem zu nötigen sowie Proviant für zehn bis 30 Tage horten zu lassen? Der Oberbefehlshaber der NATO, Alexus Grynkewich, widerspricht seinen NATO-Freunden in Europa, wenn sie gebetsmühlenartig Russland zum Feind erklären, denn „Russland suche keinen Konflikt“ (7)!
Ein Anfang!

Noch besteht Hoffnung: von den über 300.000 angeschriebenen jungen Wehrpflichtigen des Jahrgangs 2026 haben sich nur 500 positiv für einen möglichen Wehrdienst entschieden. Ein Zeichen?

Die Städte könnten ihre „Kriegsbereitschaft“ in „Friedensbereitschaft“ umdrehen und handeln wie einst, als die Bundesregierung von den USA aufgefordert war, sich an dem Bombardement auf Bagdad zu beteiligen und hunderte Städte die Regierung aufforderten, sich nicht zu beteiligen. Auch hier in Dortmund bekamen wir — damals noch die Grünen — nach dramatischem Auftritt und Appel an die Stadtratsversammlung durch, das Signal nach Berlin zu senden, wie viele andere Städte: „Keine Beteiligung“! Und zumindest vordergründig folgte der Kanzler Kohl diesem Aufruf.

Es wäre die heutige Aufgabe der Stadt Dortmund und anderer Städte im Ruhrgebiet, ein Zeichen zu setzen und zu sagen: „Haltet ein! Das ist nicht unser Krieg!“