Der große Schwindel
Tatort Vergangenheit: Das Buch von Gerd Reuther zeigt, dass die Antike in der Renaissance erfunden wurde.
Die westliche Kulturgeschichte wird vor allem auf die griechische und die römische Antike zurückgeführt. Bis heute kennen wir die Schriften des Aristoteles und den Eid des Hippokrates. Wir beziehen uns auf die attische Demokratie und auf das römische Recht. Doch was, wenn diese Vergangenheit auf tönernen Füßen steht? Wenn vieles von dem gar nicht stimmt, was an Schulen und Universitäten gelehrt wird? Wenn die glorreiche Antike vor allem eine Erfindung der sogenannten Renaissance war, um die Macht von Kirche und Adel mithilfe der Geisteswissenschaften zu stärken? Ein Buch des Mediziners und Manova-Autors Gerd Reuther gibt zu denken (1).
Früher waren wir Wilde. Bis zum Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit um 1500 lebten wir in düsterer Unkenntnis und wateten durch schmutzigen Schlamm. So dürfte es in der Vorstellungswelt der meisten Menschen aussehen, was unsere Geschichte betrifft. So in etwa wird es uns gelehrt. Erst mit der Renaissance wurde alles besser. Die Welt wurde sauberer. Krankheiten wurden besser behandelt. Der Buchdruck wurde erfunden.
„Kennzeichnend“, so die deutsche Wikipedia, „war die Wiederbelebung der kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike, die zu Maßstäben für daran anknüpfende Renaissance-Werke von Gelehrten und Künstlern wurden. Bahnbrechende neue Perspektiven ergaben sich gegenüber dem Mittelalter insbesondere für das Menschenbild, für die Literatur, die Bildhauerei, die Malerei und die Architektur.“
Demnach hat es in der Geschichte der Menschheit eine Epoche gegeben, die als Vorbild diente und den Begriff „Wiedergeburt“ rechtfertigt: die Antike. Damals kannte man die Perspektive, die den Menschen seltsamerweise während des Mittelalters wieder abhandengekommen ist. Nichts kommt der Perfektion der griechisch-römischen Kunst gleich. Die attische Demokratie ist bis heute staatspolitisches Vorbild, und Denker wie Aristoteles und Platon sind jedem bekannt. Der hippokratische Eid wirkt bis in die heutige Medizinethik hinein, und das römische Recht ist Grundlage vieler heutiger Justizsysteme.
Kein Zweifel: In der Antike entstand das Beste, was die Menschheit hervorzubringen imstande ist, und in der Renaissance wurde es wiederbelebt.
Die Begriffe „Renaissance“ und „Humanismus“ suggerieren, die etwa 250 Jahre währende Epoche sei durch einen unbändigen Willen zu einer besseren Gesellschaft geprägt gewesen. Gemeinsam mit den Intellektuellen ihrer Zeit hätten geistliche und weltliche Oberschichten die Menschen aus dem mittelalterlichen Gefängnis befreit, mit dem Ziel, die Entfaltung des Individuums zu ermöglichen.
Unter dem Tisch
Nicht berücksichtigt wird dabei, dass die Renaissance von Revolten und Bürgeraufständen geprägt war, einem Aufbegehren der Bevölkerung gegen den immer autoritäreren Durchgriff der kirchlich-adeligen Herrschaftsallianz. Krankheiten und Epidemien waren Ausdruck von schlechten Lebensverhältnissen, mangelnder Hygiene, Hunger, Not und Kriegen. Es war die Zeit der Hexen und der Frauenverbrennungen. Millionen fielen der Inquisition zum Opfer, die die Gesellschaften bis in ihr Innerstes spaltete, bis keiner mehr dem anderen traute.
Der Begriff „Humanismus“ taucht erst ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf und der Begriff „Renaissance“ ab dem 19. Jahrhundert. Doch „human“, so der Mediziner Gerd Reuther, war in dieser Epoche nichts. In seinem Buch „Tatort Vergangenheit“ hebt er den Mythos einer humanistischen Gelehrtenrepublik auf und enthüllt sie als informellen Club narzisstischer Hochstapler, der sprachkompetent und wortgewaltig unter dem Deckmantel von „Wissenschaft“ Geschäfte auf eigene Rechnung betrieb.
Es ist, als öffneten sich die Windeln in der Wiege unserer Kultur. Könnte es in Wirklichkeit ganz anders gewesen sein? Was wurde da tatsächlich „wiedergeboren“?
Aus welchen Quellen nährt sich das Wissen, das wir heute über unsere Vergangenheit haben? Wie kam es, dass Schriften, die 800 bis 1500 Jahre lang verschollen waren, plötzlich massenhaft auftauchten? Es gab eine regelrechte Flut von Manuskripten, deren Funde auf nur ganz wenige Personen zurückgehen, die jedoch ausschlaggebend dafür waren, in der Zeit zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert ein neues goldenes Zeitalter zu sehen.
Ganz anders
Originalmanuskripte und Direktabschriften zu antiken Quellen gibt es so gut wie nicht. Wie hätten sie so lange Zeit überstehen können — Kriege, Überschwemmungen und Brände? Wer hatte Interesse daran? Wo waren sie untergebracht? Das Verfassen von Texten war ein aufwändiges Verfahren, und Papier war kostbar. Wieso soll Geschriebenes in einer papierarmen Zeit einen derartigen Stellenwert gehabt haben? Wer hatte es für ausschweifende „Gesamtwerke“ nutzen können?
Wer hatte in der auf Handel und Landwirtschaft basierenden Gesellschaft der antiken Kulturen Geisteswissenschaftler gebraucht? Warum gibt es keine Schriften, die sich mit alltagstauglichen Lebenswirklichkeiten beschäftigen? Die bekannten Autoren waren Historiker, Rhetoriker, Philosophen, Dichter und Grammatiker, die sich offensichtlich nicht mit Alltagsfragen herumschlagen mussten, um sich so ausführlich der philosophischen Arbeit und dem Schreiben widmen zu können. Ist es Zufall, dass die Dichte der geisteswissenschaftlichen Schriften der Antike exakt dem akademischen Fächerkanon der Humanisten der Renaissance entspricht?
Gefälscht
Schon der französische Jesuitenpater und Whistleblower Jean Hardouin (1646 bis 1729), ein Insider also, erklärte fast alle Schriften, die der Antike zugerechnet werden, zu mönchischen Neuschöpfungen des 14. bis 16. Jahrhunderts. Als damalige Autorität für Münzen konnte er bezeugen, dass viele Münzen gefälscht wurden, um die Echtheit der griechischen und lateinischen Klassiker zu bestätigen.
Der Altphilologe Robert Baldauf (1881 bis 1918) hatte festgestellt, dass die Heimat von Homer, Aischylos, Sophokles, Pindar und Aristoteles nicht das alte Hellas war, sondern das Italien des 14. und 15. Jahrhunderts. Und der amerikanische Philologe Aubrey Diller (1903 bis 1985) hielt alle antiken Papiere, die nach der Erfindung des Buchdrucks 1454 auftauchten, glattweg für Fälschungen.
Nicht nur Schriften wurden erfunden. Für die Schlacht im Teutoburger Wald fehlt jeder Beweis und auch die Existenz des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ ist kaum belegt, ebenso wie der Limes als Grenzbefestigung, der „Canossagang“ Heinrichs IV., die Schlacht bei Poitiers, der Trojanische Krieg, der Aufstand von Spartacus, eine europaweite Pest oder die „Spanische Grippe“. Für tödliche Epidemien fehlen die Funde von Massengräbern, und nur die wenigsten historischen Schlachtfelder konnten aufgespürt werden.
Ereignisse werden erfunden, wenn man sie braucht. Das zeigt sich auch in unserer Zeit. Doch warum brauchte die Renaissance die Antike? Warum galt vor allem Griechenland als „Hochkultur“ — und nicht die Phönizier, die Völker in Kleinasien, der Levante oder Syrien? Geometrie, Algebra und astronomische Berechnungen waren in Mesopotamien lange vor den Griechen entwickelt worden. Architektur, Theater, Pferde, Waffen und Keramik hatte Rom von anderen Völkern übernommen, Amphitheater, Tempel und Fußbodenheizungen gab es schon vor ihnen.
Geist im Auftrag der Macht
Die Antwort liegt in der Religion. Eine Kirche mit universellem Machtanspruch braucht ein großes und herrliches Reich als Vorläufer.
Die Humanisten brauchten die antiken Vorbilder, um keine Fragen nach ihrer eigenen Existenzberechtigung hochkommen zu lassen. Das Interesse an der Vergangenheit folgt dem Bedürfnis, politische und ideologische Standpunkte mit der Autorität des Alten zu versehen.
„Behauptet man eine zeitlich entfernte Vergangenheit als Idealbild, die man wieder erreichen müsse“, so Gerd Reuther, „muss es eine ‚dunkle‘ Zeit dazwischen gegeben haben. Der angebliche Rückgriff auf eine idealisierte antike Kultur hatte unweigerlich eine neue Einteilung in drei Epochen zur Folge: das Altertum mit seiner klassischen Kultur, eine daran anschließende ‚finstere‘ Verfallsperiode und die von den Humanisten eingeleitete Renaissance der Antike als gegenwärtiges Goldenes Zeitalter.“
Dies ist der Grund für die Bezeichnung „römisch-katholische Kirche“. Griechenland war der kulturelle Vorläufer Roms. Also musste hier die Wiege des Geistes sein. Die angeblichen Beweise dafür beruhen oft auf einer einzigen Quelle. Für die Existenz vieler Schriften gibt es keine weiteren Spuren, keine Belege. Alle großen antiken Denker scheinen unverheiratete Einzelkinder aus wohlhabenden Familien gewesen zu sein, deren Authentizität allein auf den eigenen Schriften beruht.
Glaubt man den „Funden“, scheint es in der Antike keine Bösewichte gegeben zu haben, keine Schurken, nur tüchtige Führungspersonen und Intellektuelle mit einem ausgeprägten Sinn für Briefwechsel und „Korrespondenzen“. Viele der Namen sprechen eine bildreiche Sprache: Hippokrates: „der die Zügel der Pferde in der Hand hält“, Herodot: „der Held“, Caesar: „der Kaiser“, Cicero: „die Kichererbse“, Theophrast: „der Schwätzer Gottes“, Asinius Quadratus: „der Quadratesel“.
Hießen diese Menschen wirklich so? Hat es sie überhaupt gegeben? Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet der „Entdecker“ Amerikas den Namen Christoph Kolumbus trug: „christusbringender Kolonist“? Gerd Reuther geht weit in die Aufdeckung von Fälschungen, die nicht unbedeutend für die heutige Zeit sind. Die Gegenwart nährt sich aus der Vergangenheit und ist wegweisend für die Zukunft. Wenn es heute darum geht, ein Weltreich aufzubauen, das Kontrolle über den gesamten Planeten ausübt, dann braucht es Geschichten, die diese Absicht konsolidieren.
Wirksames Gift
Mit großem Aufwand wurden in den Schreibstuben der Renaissance aus dem Nichts Regenten und Dynastien erfunden und Kriege und Waffenstillstände geschaffen. Eine nahezu durchgängige Aneinanderreihung von Herrschaftsdynastien, Päpsten, Denkern, Künstlern und Wissenschaftlern: Platon belehrte Aristoteles, dieser belehrte Alexander den Großen.
Wer eine lückenlose Papstliste seit Petrus präsentiert, muss keine Fragen zu Zeiten beantworten, in denen Existenz und Sitz eines Papstes mehr als vage sind. Folgt ein deutscher Kaiser auf den anderen, gibt es keine Zweifel an einem „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“.
Die Folgen sind weitreichend. „Mit der zunächst auf die biblische Vergangenheit und eine lateinische Kunstsprache zentrierten Scholastik und dann mit der humanistischen Verbildung der Renaissance wurden die Sargnägel in ein ergebnisoffenes, auf Evidenz gegründetes Denken der akademischen Eliten Europas eingeschlagen.“ Europa verkam zu einem „Subkontinent weltfremder Traumtänzer“, der von Krieg zu Krieg und Wirtschaftskrise zu Wirtschaftskrise taumelte.
Es gibt, wie wir vor allem in den vergangenen Jahren deutlich beobachten konnten, keine breit angelegte, unbefangene Forschung. Stattdessen gibt es moralische und ideologische Indoktrination. Anstatt Erkenntnisse zum Entstehen und zur Bedeutung von Machtmechanismen gibt es das Nachbeten von Schlachten, Eroberungen, Siegen und Niederlagen. So lernen wir es in der Schule und an den Universitäten. Schüler und Studenten lernen nicht zu denken, sondern zu reproduzieren. Empirie, eigenes Denken und naturwissenschaftliche Erkenntnisse fehlen im Lehrplan.
Die europäische Universitätsbildung, so Gerd Reuther, steht auf dem falschen Startblock. Die jeweils Mächtigen waren nicht an Wissenszuwachs interessiert. Statt Forschergeist war Loyalität gefragt. Der Talar gleicht dem Priesterrock. Bis Ende des 19. Jahrhunderts galt Latein als Wissenschaftssprache, so wie in der Kirche. Niemand sonst sprach das Kunstgebilde, die ursprünglich kirchliche Geheimsprache, die über Wortschatz und Sprachkultur das Denken festlegte.
Gekaperte Bildung
Es waren die Jesuiten, die erkannt hatten, dass man die besten Köpfe der heranwachsenden Generationen vereinnahmen musste, um jedwedes reformatorische Gedankengut zurückzudrängen. Jesuitenkollegien, die Bildungskasernen gleichkamen, indoktrinierten die Menschen nicht nur geistig, sondern formten sie als Ganzes. Nicht nur das Hirn, sondern auch das Herz sollte gewonnen werden. Daher der hohe Stellenwert von Kunst und Kultur. So blieb nicht viel Raum, sich der von den Jesuiten beanspruchten Bildungshoheit zu entziehen.
Das Erasmus-Förderprogramm der Europäischen Union war ein direkter Bezug zur kirchlichen Gelehrtenrepublik der Renaissance. Der Namensgeber des Programms ist höchst zweifelhaft. Erasmus von Rotterdam war weder in der ihm zugeordneten Stadt geboren, noch adeliger Herkunft. Er soll das uneheliche Kind eines Pastors gewesen sein, ohne Schul- und Universitätsabschluss. Dennoch verlieh ihm die Universität Turin den Doktortitel. Als Hochschullehrer ist er nicht aktenkundig.
Schulen und Hochschulen bringen immer wieder neu treue Diener des Systems hervor, ein System, in dem vorwiegend geglaubt und nachgeplappert wird und nicht wirklich geforscht. Angenommen werden nur die offiziellen Narrative etwa zu einem abrupten Klimawandel, unvorhersehbaren Epidemien oder unvermeidlichen Kriegen. So ist es gewesen und so wird es bleiben — wenn wir es nicht wagen, den Elfenbeinturm, auf dem unsere Kultur fußt, ins Wanken zu bringen.
Aussortieren
Es ist an uns, dem in dunklen Schreibstuben Ersonnenen das Fundament zu entziehen. Hierbei haben wir mächtige Gegner: unsere Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, unsere Feigheit und Zaghaftigkeit, unsere Faulheit und Bequemlichkeit. Wer im Elfenbeinturm sitzt oder von ihm profitiert, wird seinen Platz nicht freiwillig räumen. Wer die Privilegien eines Systems genießt, gibt sie nicht einfach so auf.
In vielen Jahrhunderten wurden die Menschen so geformt, wie man sie haben will. Unzählige Seiten wurden geschrieben und gelesen. Es hat viel Arbeit gekostet, sich die ganzen Geschichten und Daten zu merken. Das soll alles umsonst gewesen sein, schlimmer noch: dumm?
Was man uns in den Schulen und Universitäten unterrichtet hat, soll nicht stimmen? Ist denn alles verkehrt? Stimmt denn gar nichts?
Das Aussortieren wird Zeit in Anspruch nehmen. Wie Aschenputtel sitzen wir vor einem Haufen Linsen und Erbsen und müssen sie aus der Asche sortieren. Werden wie im Märchen Tauben kommen, um uns zu helfen? Schon in der Antike waren sie das Symbol der Reinheit, bevor sie den Heiligen Geist repräsentierten. Doch das stimmt vielleicht auch nicht.
Sicher müssen wir uns viel mehr auf unsere eigenen Sinne verlassen. Stimmt das wirklich? Kann das sein? Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie verstanden, wieso es nach der Antike ein „Mittelalter“ gegeben haben soll, in dem die Menschen verlernt haben, was sie einmal wussten. Und das mit dem „Humanismus“ ist mir schon zu Universitätszeiten nicht richtig eingeleuchtet, und ich konnte mir vieles nicht merken. Ich hätte auf mich hören sollen und meine „Lernblockaden“ ernstnehmen. Ein großer Dank an Gerd und Renate Reuther für dieses mutige Buch!

Hier können Sie das Buch bestellen: Engelsdorfer Verlag