Der Hass auf Spiritualität

Mit vulgären Aufforderungen demonstrieren selbst ernannte Antifaschisten ihre geistige Armut.

Leben und leben lassen. Darauf sollte man sich doch eigentlich einigen können? Doch so manche, die sich selbst Antifaschisten nennen, erkennen nur ihre eigene Wahrheit als die einzig richtige an. Und so muss alles zerstampft werden, was dem eigenen materialistischen Weltbild widerspricht und von dem abweicht, was sich unrechtmäßig mit dem Etikett „die Wissenschaft“ schmückt. So waren sich sogenannte Antifas in Dresden nicht zu schade dafür, dazu aufzurufen, den Stuhlgang in Klangschalen abzulassen. Eine Heilpraktikerin schildert ihr Entsetzen ob der vulgären Geisteshaltung jener, die sich selbst als progressiv bezeichnen würden.

Und wieder einmal beginne ich einen Beitrag mit mir und meiner einzigartigen Meinung. Mit mir und meinen aufgewühlten Gefühlen. Darf ich diese ausdrücken? Das darf ich. So sagt es meine Verfassung. Auch andere dürfen ihre Meinung ausdrücken. Selbstverständlich. Wenn ich mich verletzt fühle, durch die Meinung eines anderen, dann ist das meine Sache. Ich bräuchte ja nicht so empfindlich zu sein.

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Als ich den Satz im obigen Foto vor einigen Tagen zum ersten Mal las, war ich sprachlos. Fassungslos sozusagen. Das heißt: Ich war wirklich getroffen. So, als ob Krieg wäre und jemand hätte auf mich geschossen. Und getroffen.

Inzwischen hab ich meine Sprache wiedergefunden. Meine Gedanken kreisen um dieses Thema, obwohl wahrscheinlich niemand wissen will, was ich mir jetzt bei so einem Satz denke. Dem schier unaussprechlichen Satz:

„Scheißt ihnen in die Klangschalen!“

Ich bekomme tatsächlich körperliche Symptome wie Brechreiz, Übelkeit, Schwindel und Atemnot. Ein echter Volltreffer!

Ich hole meine Klangschale, die mit mir mitkommen wollte, damals, als ich die Pilger-Reise nach Indien machen musste. Ja. Ich musste sie machen, denn mein geistiger Meister hatte mich gerufen und ich war dem Ruf gefolgt. Ich trug die Frage nach Indien, wo er denn sei, der vom Christentum angekündigte Retter der Welt. Wo er sei, der Mythos vom Jüngsten Gericht.

Auf dem Weg begegneten mir zwei schöne große Klangschalen. Die eine steht in meiner Praxis, denn ich bin — noch — Heilpraktikerin für Psychotherapie. Die andere steht zuhause vor meinem Hausaltar. Manchmal lasse ich den Klang ertönen. Die Enkelkinder, wenn sie zu Besuch kommen, haben auch Freude daran. Vorhin, als ich die Haus-Klangschale aufhob, da rutschte sie etwas zur Seite und schlug so kurz ihre Nachbarin an, eine kleinere Klangschale, die hierher bis von Tibet gekommen ist.

Ich hörte den Klang des Vajra. Für einen Moment hörte ich den Klang des Vajra. Ich werde ein anderes Mal vielleicht erklären, was der Klang des Vajra sein könnte. Wenn der Klang des Vajra etwas Sichtbares wäre, dann wäre es so, wie wenn jemandem ein Licht aufgeht. Doch der Klang des Vajra ist nicht sichtbar — und mit physikalischen Ohren kann man ihn auch nicht hören. Aber ich habe ihn trotzdem gehört. Vorhin.

Die Klangschale ruht auf meinem Schoß und ich denke darüber nach, ob ich sie dem Autor des Spruches anbieten sollte. Er soll den Spruch auf dem Band vor meinen Augen umsetzen! Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch tatsächlich meine mir heilige Klangschale als Kloschüssel benutzen könnte.

Andrerseits kann ich es mir doch vorstellen, denn Menschen sind zu allerhand mir unverständlichen Taten in der Lage. Also — wegen dieser Aufforderung kann ich mir dann doch vorstellen, dass jemand das tatsächlich tun könnte. Und noch viel Schlimmeres. Andrerseits kann ich das einfach nicht glauben. Und noch einmal andrerseits steht es aber da oben auf dem Plakat, als Aufforderung: Scheißt ihnen in die Klangschalen!

Ich frage mich, ob die Menschen auf dem Foto pubertierende Jugendliche sind, die unbedingt ihre Eltern herausfordern müssen. Daraufhin wünsche ich den Jugendlichen, sie mögen in diesen schwierigen Zeiten die Hoffnung nicht aufgeben. Die Provokation wird ihre Wirkung entfalten. Hier und Jetzt.

Inzwischen habe ich herausgefunden, dass das Foto laut Aussage der Fotografin das Rathaus in Dresden darstellt. Antifaschistische Gegen-Demonstranten gegen Anti-Impfpflicht-Demonstrantinnen und Demonstranten mit Lichtern.

Ja, wir mit unseren Klangschalen. Wir gehen hinaus in die Dunkelheit. Nicht nur in Dresden. Auch hier im Dorf. Immer sonntags um 16.30 Uhr. Mit Lichtern und mit unseren Klangschalen. Und wir werden keine Reden mehr schwingen und wir wollen uns niemanden mehr anhören, wir wollen lieber miteinander schweigen. Weil wir sprachlos sind.

Aber das ist nur ein Traum.

Ich recherchiere. Wer ist der Urheber oder die Urheberin dieses Satzes? Ich stoße auf Butterdosen mit dem Spruch für 18,- Euro. Entdecke ein anderes Foto, wo ein Mann mit so einem Plakat auf einer Demo herumsteht. Darunter 40 tiefgründige Kommentare wie etwa „Wie geil ist das denn“ und der tolerante Hinweis, es seien nur die Klangschalen von Querdenkern und Schwurblern und vor allem von Esoterikern gemeint. Die Klangschalen seriöser Therapeuten natürlich nicht.

Bin ich eine von den Seriösen? Bin ich eine von denen, die man ernst nimmt. Weil sie meint, ernsthafte und seriöse Dinge unbedingt sagen zu müssen. Ich glaube nicht.

Ich nehme den Klöppel und lasse meine Klangschale ertönen.

Oh, wie wunderbar sie klingt.

Ich lausche dem Klang hinterher. Wie lange klingt sie nach …

Dann gehe ich hinaus auf den Balkon.

Es regnet.

Die Kirchenglocken von St. Barbara tönen — wie eine Antwort — herüber.

In meiner Traum-Welt war das vergangene Jahr das Jahr Null. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und doch beginnt eine neue Zeit. Die Zeit der Klangschalen vielleicht.

Aber auch das ist nur ein Traum.

In der Wirklichkeit finde ich ein Bio-Baby-T-Shirt zum Kauf angeboten mit eben diesem Spruch, mit Blümelein garniert, was ihn nicht besser macht.

Das Verkaufs-Argument lautet:

Scheißt den Esoterikern und Heilern in ihre Klangschalen. Ein Statement gegen Schwurbel und Idiotie. Lustiges Geschenk für jeden, der Vertrauen in die Wissenschaft hat.

Und auch das ist nur ein Traum. Das gibt es nicht wirklich. Sondern nur im Internet. Nicht in der wirklichen Welt.

In der echten Welt gibt es weitaus schrecklichere Dinge, die Babys ertragen müssen, als für ein Statement der Eltern in Form eines T-Shirts missbraucht zu werden.

Eigentlich wollte ich mit diesem Schreiben ja das Negative ins Positive umwandeln. Das ist mir vermutlich nicht gelungen.

Wenn es nur endlich aufhören würde! Diese Hetze! Ich werde noch ganz krank davon …


Quellen und Anmerkungen: