# Der Lieblingsfeind der Linken

Ständig den Kapitalismus als Wurzel allen irdischen Übels einzuordnen, ist keine Analyse, sondern kultivierte Vernebelung der Realität.

von 
   * Roberto J.  De Lapuente

Es gibt Menschen, die stellen nur allzu gern die Systemfrage, kommen aber gehörig ins Straucheln, wenn es mal um etwas anderes geht, wenn tatsächliches politisches und fachliches Wissen gefragt ist und keine Grundsatzdiskussion. Kapitalismuskritik ist für diese Menschen eine Art Totschlagargument, das sich gut anhört, an dem auch etwas dran ist, das aber der Monokausalität entbehrt, die diese Zeitgenossen gern andeuten. Wer den Kapitalismus für alles verantwortlich macht, muss sich die Frage stellen, wie Krieg, Gewalt und ähnliche Verwerfungen in vorkapitalistischen Zeiten und anderen Gesellschaftssystemen möglich waren. Wenn man bereits hier nicht mehr weiterweiß, ist das eigene ideologische Gerüst möglicherweise auf Sand gebaut.

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Was hat dazu geführt, dass der im Westen so gut verborgen gebliebene Bürgerkrieg im Osten der damaligen Ukraine zu einem heißen Krieg werden konnte? War es die NATO-Osterweiterung? Trifft die Schuld eher die an die Ukraine grenzende Europäische Union? Hatte die Ukraine ein Interesse an der Eskalation? Oder sind diese Einschätzungen Holzwege und Wladimir Putin verfolgt tatsächlich den Plan eines großrussischen Reiches? Je nach politischer Couleur gibt es verschiedene Ansätze — aber alle sind sie grundsätzlich irrelevant, weil sie die Wurzel des Übels in keiner Weise berücksichtigen: den Kapitalismus. Dass es diesen Ukrainekrieg geben kann, hat einzig eine Ursache: Es ist eine Systemfrage.

Nein, das ist nicht meine Ansicht. Ich zitiere nur Argumentationsmuster, die mir in den letzten vier Jahren immer wieder begegnen — meist von Seite Altlinker, was immer diese Kategorisierung heute noch bedeuten mag. Und diese vermeintliche Argumentation, wenn ich es recht durchdenke, hörte oder las ich auch schon weit vor diesem leidvollen Konflikt in Osteuropa. Ja, selbst während der Pandemie, die so hart mit den systemischen Tugenden brach — Wettbewerbsfähigkeit und die Berücksichtigung des Erhalts von Arbeitsplätzen zum Beispiel —, war für manchen ein Ausdruck kapitalistischer Logik, immerhin ließ ein Fleischproduzent doch tatsächlich seine Belegschaft [weiterarbeiten](https://spw.de/wp-content/uploads/2022/09/spw_239_final.pdf). Sollten die Kunden im Lockdown doch Kuchen essen! Davor sprach alles über die Flüchtlinge — die damaligen Linken sahen darin Verwertungslogiken, wie sie nur dem kapitalistischen System eigentümlich seien, schließlich wolle man billige Arbeitskräfte importieren. *(Der Ehrlichkeit halber sei erwähnt, dass der Autor dieser Zeilen das damals auch recht häufig betonte.)* 

>Die Beispiele lassen sich fast beliebig auswechseln, das Erklärungsmuster aber bleibt: Klima, Umweltverschmutzung, Digitalität und immer wieder Mord und Totschlag — ein Hinweis auf die Natur des Kapitalismus reicht, um jede weitere Analyse im Keim zu ersticken.

## Der Kapitalismus ist’s!

Selbst Kriminalität steht in dem Ruch, eine logische Konsequenz systemischen Versagens zu sein. Wäre das anders, gäbe es weder Betrug noch Körperverletzung, keinen Mord und keine Unterdrückung. Es gibt also an und für sich nichts, was in dieser Welt nicht längst falsch läuft, weil der Kapitalismus und seine Logiken sich dessen bemächtigt haben. 

Ich erinnere mich noch daran, dass ich vor einigen Jahren gelegentlich einen Podcast mit einem in der Szene nicht unbekannten Altlinken aufnahm. Das Vorhaben scheiterte nach einigen Versuchen. Denn mit ihm konnte man einfach kein ergiebiges Gespräch führen, jedes Gesellschaftsthema, das wir anschnitten, brach er recht vulgär auf den Kapitalismus herunter. Und wenn er darauf zu sprechen kam, leuchteten seine Augen, dann war er in seinem Element — und er berief sich auf Karl Marx, Antonio Gramsci und Konsorten und das Gespräch bekam sofort den Charme schlecht durchbluteter Füße. Welches Spartenpublikum hat denn heutzutage noch Lust auf so ein theoretisches Geplauder? Sicher, es gibt eine breite Nostalgiewelle in der Gesellschaft, aber erstaunlicherweise scheint es keine Renaissance irgendwelcher Marx-Exegese-Stuhlkreise zu geben. Früher war halt auch nicht alles gut.

Wenn hier von Altlinken die Rede ist, so ist eigentlich genauer gesagt [die Neue Linke](https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Linke) damit gemeint. Sie hat — im Gegensatz zu den wirklich alten Linken, den Sozialisten und Kommunisten und auch im Gegensatz zum alten Marx — den Kapitalismus zu einer profanierten Teufelserscheinung modifiziert, von der man sich dringend fernhalten sollte, ganz so wie es der Teufel mit dem Weihwasser hält. Marx sah im Kapitalismus noch die notwendige Vorstufe zu einer sozialistischen Gesellschaft, er verteufelte dieses Produktions- und Akkumulationssystem nicht, sondern verstand sie als geschichtliche Voraussetzung — der Philosoph hatte etwas in diesem für seine Zeit noch relativ neuen Phänomen erkannt, was den Neuen Linken später offenbar entging: Der Kapitalismus schafft Grundlagen, die über ihn selbst hinausweisen. So entwickelt er die Produktivkräfte, steigert den gesellschaftlichen Reichtum, treibt die Arbeitsteilung voran und schafft überhaupt erst die materiellen Voraussetzungen, auf denen eine sozialistische Gesellschaft nach Marx denkbar wäre. Wer den Kapitalismus lediglich als moralisch verwerfliches System betrachtet, übersieht geflissentlich diesen dialektischen Charakter. 

>Für Marx war der Kapitalismus deshalb kein historischer Irrtum, sondern eine notwendige Entwicklungsstufe — obgleich dieser Prozess eigene Widersprüche hervorbringt, die Marx wiederum als mögliche Kräfte der Überwindung des Kapitalismus deutete. 

Im Grunde wittere ich hinter dieser eiligen Kapitalismuskritik, die schon um die Ecke biegt, bevor man sich mit einem gesellschaftlichen Phänomen überhaupt inhaltlich auseinandergesetzt hat, einen eklatanten Mangel an Kenntnis. Bevor das Gegenüber merkt, dass der Gesprächspartner zum Beispiel von Geopolitik und deren fast zwangsläufigen, immer auch unappetitlichen Verwerfungen — oder aber der Fußballweltmeisterschaft oder ganz profan von ökonomischen Abläufen — wenig Ahnung hat, verlagert man den Themenschwerpunkt und kommt lieber vom Tausendsten ins Hundertste. Vielleicht muss man diese Form alt- beziehungsweise neulinken Kapitalismusfatalismus‘ als gewiefte Taktik begreifen, das eigene Gesicht, die eigene Intellektualität, auf die man so mächtig stolz ist, durch Themenverlagerung zu bewahren.

## Vor dem Kapitalismus gab es offenbar keine Kriege

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit in diesem Milieu die vielen Grausamkeiten dieser Welt durch den kurzen Satz „Der Kapitalismus ist schuld“ abgetan werden. Erwiesenermaßen bringt die kapitalistische Wirklichkeit auch Armut hervor und sie bedeutet längst noch nicht, dass jedes Individuum seine Chance hat, wenn es sie nur ergreift — das ist die Folklore der Marktradikalen und Libertären. Wer den Kapitalismus als „abschließende Analyse“ verdammt, tut jedoch mit kalkulierter Ausblendungsbereitschaft so, als habe es Armut vor dem teuflischen Dammbruch dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gar nicht in diesem Umfang gegeben. Sicher, die Menschen aus der vorkapitalistischen Zeit hatten es durchaus schwer, aber sie ahnten ja auch nicht, dass es dereinst eine Welt geben könnte, in der für sie mehr Annehmlichkeiten herausschauten — insofern waren sie ja wohl, nach Lesart nostalgisch veranlagter Einschätzungen aus dem linken Milieu, glücklicher als der missgünstige *homo capitalisticus*. Und mehr Gleichheit gab es sicherlich obendrauf. Was aber ist schon bekannt über das Glück jener Jahre? 

>Unhinterfragt fanden sich Eltern damit ab, dass von ihren fünf Kindern nur zwei erwachsen wurden — auf diese Weise drohte zumindest keine Überbevölkerung. Aber richteten sich die Menschen in so einem Umfeld im Glück oder wenigstens in der Zufriedenheit ein? Wie stand es um die psychische Gesundheit derer, die in Zeiten vor dem Kapitalismus darbten? 

Wir wissen es nicht sicher, denn für Aufzeichnungen fanden die einfachen Leute so gut wie kaum Zeit — wenn sie denn überhaupt schreiben und lesen konnten.

Vertreter der monokausalen Welterklärung von der Teufelei kapitalistischer Produktionsweise arbeitet häufig mit starken Bildern von Gegensätzlichkeit. Die gute alte Zeit davor idealisieren sie zwar nicht explizit, denn so weit ist die Allgemeinbildung dann schon gediehen, dass jeder zumindest erahnen kann, wie schwierig die Zeiten für Otto Normalbauer waren — denn alleine die Ernährungssituation war bis zum Aufkommen industriell — und damit kapitalistisch — produzierter Dünger häufig unsicher. In diesen Zeiten kennzeichnete solche Gesellschaften soziologisch [eine sogenannte Alterspyramide](https://www.nachdenkseiten.de/?p=1650) — das Idealbild derer, die heute noch erklären wollen, warum die Rente eben nicht sicher sein kann. Denn ein funktionierendes Rentensystem benötige eine solche Altersverteilung, wie sie sich in der Alterspyramide abbildet. Was diese „Experten“ nicht kundtun: Klassische Alterspyramiden sind charakteristisch für arme, vorkapitalistische Gesellschaften, dort wo hohe Kindersterblichkeit und Ernährungsengpässe vorherrschen. 

In den letzten Jahren — es wurde ja schon angerissen — findet sich unter Anhängern der Neuen Linken, von Frankfurter Schule bis zu den Anarchos, die ziemlich beliebte These, dass der Ukrainekrieg ein kapitalistischer Waffengang sei. Sicher, am Krieg verdienen kapitalistische Unternehmen Milliarden und noch mehr. Und ja, sie beeinflussen Mandatsträger, um das Geschäftsfeld möglichst lange bedienen und sich daran bereichern zu können. Doch schon in vorkapitalistischen Zeiten gab es einen Komplex, der sich gütlich tat am Kriege — ein Blick auf die Aktivitäten der Augsburger Fugger gibt beispielsweise darüber Aufschluss. Selbst der Großkönig Xerxes wurde von persischen Edlen zum Feldzug gegen Athen gedrängt, weil sie sich Profit erhofften. Gab es in Vorzeiten denn keine Kriege? Wahr ist, dass der Kapitalismus kein Deut friedenssicherer ist als alles, was es zuvor gab. Und ja, die Möglichkeiten der Produktion von Waffen und weiterem kriegstauglichen Gerät haben den Krieg sicherlich grausamer und tödlicher werden lassen. Doch den Kapitalismus mal eben nonchalant als ursächlich für die Existenz von Kriegen zu ernennen — das wirft die Frage auf: Warum finden sich vorher nicht viel weniger Kriege in der Geschichte der Menschheit?

## Kapitalismus-Debatte: Folklore für den kleinen Denker

Wer den Kapitalismus zur Voraussetzung des Krieges erklärt, müsste bitte auch erklären können, weshalb die Menschheitsgeschichte vor dem 18. Jahrhundert kaum weniger blutig verlief. Antike Imperien führten Eroberungskriege, mittelalterliche Fürsten stritten um Territorien, Religionen lieferten jahrhundertelang Rechtfertigungen für Massaker. 

>Die Kreuzritter dienten keinem Aktienmarkt, der Dreißigjährige Krieg keinen Hedgefonds — und Dschingis Khan war kein CEO eines aggressiven asiatischen Konzerns mit multinationalen Ambitionen. Menschen fanden schon immer Gründe, einander umzubringen. 

Mal religiös motiviert, mal dynastisch begründet, später auch im Namen von Nationen oder Ideologien. Der Kapitalismus hat diese Motive weder erfunden noch ersetzt. Das entlastet ihn selbstverständlich nicht von seinen eigenen Verwerfungen. Rüstungsunternehmen verdienen an Kriegen, Staaten verfolgen oft die Interessen reicher Kapitalkonzerne und Ressourcen spielen regelmäßig eine Rolle. Die Situation heute aber lapidar mit der Ursächlichkeit durch den Kapitalismus erklären zu wollen, kann einem ausgewogenen Intellekt nun wirklich nicht zugemutet werden.

Diese Form der allzu tumben Kapitalismusdebatte erfüllt weniger eine erkenntnistheoretische als eine psychologische Funktion. Wer schnell den Kapitalismus auf eine solche Weise ins Spiel bringt, hat einen Schuldigen gefunden, bevor die eigentliche Betrachtung beginnt. Die Welt wird angenehm übersichtlich, eine Weltverschwörung lindert die verwirrende Komplexität globaler Realitäten ab und erlaubt Übersichtlichkeit. Außenpolitik, Kultur, Demographie, Psychologie, Religion oder technische Entwicklungen müssen dann gar nicht mehr ernsthaft als Sujet betrachtet werden. Sie werden stattdessen als lästige Symptome behandelt. Das macht den Kapitalismusbegriff zu einer modernen Chiffre. Er soll alles erklären, hat aber letztlich nicht das Zeug zur überzeugenden Darlegung, weil er beliebig und gleichzeitig generalisierend angewandt wird. Die vermeintliche Diagnose nährt sich aus einem gut einstudierten Glaubenssatz, dem es zudem massiv an Trennschärfe mangelt.

>Dennoch bleibt die Kritik am Kapitalismus zweifelsohne notwendig. Jede Wirtschaftsordnung produziert Machtkonzentrationen, Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Interessen, die kontrolliert und zumindest eingehegt werden müssen. Da ist der Kapitalismus nicht weniger anfällig als der Feudalismus und der Merkantilismus — und übrigens auch als der Sozialismus. 

Der Kapitalismus ist weder Teufel noch Erlöser. Er ist eine historische Wirtschaftsordnung mit Stärken, Schwächen und Widersprüchen — und sicherlich auch mit Perversionen, aus denen sich mehr denn je Menschen an den Profiten der Realwirtschaft mästen, ohne einen konkreten Nutzen für die Gesellschaft zu haben. Gleichwohl ist das Phänomen komplexer. Der eigentliche Fehler liegt nicht in der Kapitalismuskritik an sich, sondern in der Sehnsucht nach der Monokausalität. Eine Theorie, die jede Antwort bereits kennt, bevor die Frage gestellt wurde, ist keine Analyse mehr. Der Kapitalismus mag vieles erklären. Wer jedoch glaubt, er erkläre alles, der hat schon längst damit aufgehört, die Welt verstehen zu wollen.


