Der Mensch und seine Bedeutungen
Wir sind hilflos in ein Leben geworfen, das wir nicht verstehen — dennoch versuchen wir es.
Was auf der Welt hat eigentlich Bedeutung? Bei der Beantwortung dieser Frage stößt der Mensch naturgemäß an Grenzen, denn wer sagen will, was Bedeutung hat, muss sich an bereits als bedeutungsvoll gesetzten Instanzen orientieren. Nur, warum sind diese wiederum von Bedeutung? Selbst wenn wir so nicht zu einer Beantwortung der Frage gelangen, führt sie uns dennoch an den Punkt, an dem wir realisieren: Es gibt uns, und wir suchen; nach Sinn, Mustern und nach etwas, das bleibt. Auch wenn uns die Welt, in die wir geworfen sind, wie ein verwirrendes Chaos vorkommen mag, verbindet uns diese Suche mit allen anderen Menschen, mit unseren nächsten Bezugspersonen ebenso wie mit Fremden und sogar mir unseren Vorfahren.
Verortung I
Geboren zu werden heißt, einzutreten in den Strudel der verfließenden Zeit, die wir als kontinuierlichen Wandel erfahren. Tag und Nacht geben den Mikro-Rhythmus vor, der den Wechsel der Jahreszeiten teilt, wenigstens in unseren Breiten, die größeren Spannen in wiederkehrende Zyklen. Wachen und Schlafen, Hell und Dunkel, Kälte und Wärme sind die Grundbedingungen, unter denen wir unsere Lebendigkeit erfahren; der Fortpflanzungstrieb garantiert ihre Dauer.
Leben ist demnach kein Tätigkeitswort wie jedes andere, denn es wohnt ihm der Imperativ inne, Sorge für seine Kontinuität zu tragen. Zwar wissen wir um den Tod und können das Nichts theoretisch sogar denken, sind aber nicht in der Lage, es mit Inhalt füllen. Wir können beschreiben, wie es sich anfühlt, lebendig zu sein, aber nicht, wie es ist, nicht zu sein. Die Negation seiner selbst ist dem Bewusstsein lediglich als Gedanke zugänglich, und alle menschlichen Kulturleistungen können, unter dieser Perspektive betrachtet, als Versuche begriffen werden, die Furcht vor dem Nichtsein zu bannen. Aus dem energetischen Potenzial dieser existenziellen Zumutung entspringt auf allen Entwicklungsstufen die spirituelle, religiöse, künstlerische und philosophische Suche des Menschen nach Verortung.
Offene Fragen
Unsere postnatale Hilflosigkeit, das überlebensnotwendige Angewiesensein auf Zuwendung und Pflege, unterscheidet uns von anderen Säugetieren insofern, als das menschliche Bewusstsein — in den modernen Neurowissenschaften das „hard problem“ genannt — unweigerlich Fragen aufwirft, die über unsere Leiblichkeit hinausweisen.
Bei Kindern in ihrem dritten Lebensjahr können wir beobachten, wie mächtig der Wunsch ist, die Welt und sich selbst in ihr zu begreifen. Jede Frage scheint nur Anlass zu einer neuen Frage zu sein; dabei kann es geschehen, dass dem Erwachsenen am Ende keine bessere Antwort mehr einfällt als „Das ist nun einmal so“.
Aber ist es wirklich nur so, wie es nun einmal ist, oder könnte nicht alles auch ganz anders sein? Und geht es dem Kind vielleicht weniger um eine abschließende Antwort auf seine Fragen als vielmehr darum, in Verbindung mit denjenigen Menschen zu treten, die für sein leibliches Wohlergehen sorgen und von denen es deshalb selbstverständlich auch geistigen Beistand erwartet?
In jeder Kindheit wiederholt sich strukturell das, wofür Heidegger, unter Rückgriff auf den biologischen Vorgang des Gebärens, den Begriff der „Geworfenheit“ geprägt hat. Allein, in Zusammenhänge gestellt, die er nicht zu durchschauen vermag, wird der Mensch seiner Existenz als einer Tatsache inne, die seine geistigen und seelischen Kräfte gleichermaßen herausfordert. Um aus der Passivität herauszutreten, beginnt er, sich selbst und seine Geschicke zu deuten.
Nicht wissen zu können, aber dazu bestimmt zu sein, wissen zu müssen ÷ so können wir die aporetischen Rahmenbedingungen des Menschseins vorläufig fassen.
Sinngestalten
Auf allen bekannten Entwicklungsstufen haben unsere Vorfahren ihre Angst vor dem Unbekannten dadurch zu bannen versucht, dass sie über Sinn und Bedeutung ihres Lebens nachdachten und die Ergebnisse in äußere Formen gossen. Lange vor den ersten Theorieentwürfen haben Menschen überall auf der Erde Kunstwerke geschaffen, die uns noch heute unmittelbar berühren.
Zu den ältesten ihrer Art gehört der sogenannte Löwenmensch, eine ungefähr 30 Zentimeter große, cirka 40.000 Jahre alte Figur aus Mammut-Elfenbein, die einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen darstellt und die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf der Schwäbischen Alb gefunden wurde. Zusammengesetzt aus unzähligen Splittern, enthüllte sich den Archäologen erst nach und nach das hybride Wesen der kunstvoll geschnitzten Figur: Mensch und Tier — die jeweils eigenen Kräfte in einem einzigen Körper bündelnd. Im Angesicht epochaler Krisen erscheint die Doppelnatur des Löwenmenschen als zeitlose Utopie der Versöhnung von Mensch und Tier.
Aus demselben Zeitraum, dem Jungpaläolithikum, stammen auch die berühmten Tierdarstellungen in den Höhlen von Lascaux und Chauvet in Südfrankreich, deren überragende künstlerische Qualität und geistige Tiefendimension den Blick auf die vermeintlich primitiven „Steinzeitmenschen“ in den letzten Jahrzehnten radikal verändert haben.
In geduldiger Forschungsarbeit haben Archäologen, Kunsthistoriker und Archäotechniker überzeugend nachgewiesen, dass es sich bei den Höhlenmalereien keineswegs um beiläufige Kritzeleien handelt, sondern um planvoll ausgeführte Kunstwerke. Die Menschen, die diese Malereien erdacht und ausgeführt haben, waren sensible Künstler und spirituell Suchende zugleich.
Tatsächlich berichten Archäologen davon, dass ihnen beim ersten Anblick der riesigen Tierleiber spontan die Tränen gekommen seien.
In der frühen Bronzezeit und mit zunehmender Sesshaftigkeit begann der Homo sapiens — nicht zuletzt, um durch systematische Wetterbeobachtungen seine landwirtschaftlichen Erträge zu steigern —, sich den Himmelsphänomenen zuzuwenden. Ein eindrucksvolles Zeugnis sowohl seines Wissenshorizonts als auch seiner handwerklichen Fähigkeiten ist die Himmelsscheibe von Nebra, eine kreisförmige Bronzeplatte von cirka 32 Zentimetern Durchmesser, die astronomische Phänomene und religiöse Symbole zeigt und mit einem Alter von rund 4.000 Jahren als die älteste Himmelsdarstellung überhaupt gilt. Über ihre konkrete Funktion kann wiederum nur gemutmaßt werden. Die Anordnung der Gestirne zeugen von einem wachen Forschergeist; zugleich könnte die Scheibe Träger religiöser Botschaften gewesen sein.
Beide Dimensionen dürften auch bei der Konstruktion jener Monumentalbauten eine Rolle gespielt haben, die ungefähr im selben Zeitraum an unterschiedlichen Orten auf der Welt entstanden und deren besondere astronomische Ausrichtung darauf schließen lässt, dass sie als Ritualplätze angelegt wurden. Zu den bekanntesten dieser Orte zählen Göbekli Tepe in Anatolien und Stonehenge im Süden von England. Auch wenn über den konkreten Nutzen dieser und vergleichbarer Bauten keine sicheren Aussagen getroffen werden können, legen der enorme Aufwand und die technische Expertise eine besondere, nicht alltägliche Bewandtnis nahe.
Zu welchen kultischen Handlungen die Menschen hier zusammenkamen, verraten uns die Steine nicht. Was auf dieser Kulturstufe zählt, ist die Tatsache selbst, dass Menschen, unter Aufbietung aller ihrer körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte, besondere Orte schufen, die gleichermaßen ihre astronomischen Kenntnisse und die Ehrerbietung vor den natürlichen Grenzen ihrer und unserer Erkenntnisfähigkeit repräsentieren.
Etwas besonders machen
Leben ist, auf allen seinen Stufen und in allen seinen Erscheinungsformen, das Gegenteil von Stillstand. Das ist keine Theorie, sondern die unmittelbare Erfahrung aller lebendiger Wesen — unabhängig vom Grad ihrer Bewusstheit. Indem der Mensch seine Fragen zu verobjektivieren beginnt, öffnen sich ungeahnte Bedeutungsfelder, die ihn dazu motivieren seine Forschungen voranzutreiben. Indem er sein natürliches Umfeld mit eigenen Zeichen versieht, tritt er in einen gleichberechtigten Dialog.
Uralte Symbole
Der Kreis als Garant einer prästabilierten Ordnung, die Verlässlichkeit signalisiert; die Spirale als Sinnbild primordialer Dynamiken, die einen Wirbel erzeugen, in dem der Mensch sich behaupten muss, um nicht von ihm fortgerissen zu werden. Geschüttelt von antagonistischen Kräften im Innen und Außen soll er sein Leben meistern. Der Anspruch ist enorm und stellt, angesichts des kollektiven Bewusstseinsstands der Menschheit auf allen uns bekannten Stufen, einschließlich der gegenwärtigen, eine existenzielle und intellektuelle Überforderung dar, die mit dem wesentlichen Bedürfnis nach Halt und Orientierung in den labyrinthischen Wirklichkeitsräumen jeder historischen Gegenwart, kollidiert. Wer mehr vom Leben will, als sich von ihm leben zu lassen, dem bleibt, gestern wie heute, nichts anderes übrig, als Strategien zu entwickeln, um die widersprüchlichen Lebensenergien auszugleichen.
Im Ringen um Selbst- und Welterkenntnis spielt die Kunst eine zentrale Rolle.
In ihrem Buch „Homo Aestheticus: Where Art Comes From and Why“ fragt die amerikanische Kulturanthropologin Ellen Dissanayake nach den wahrscheinlichen Funktionszusammenhängen früher Artefakte und weist aufgrund neuerer Datierungen nach, dass die praktischen und die künstlerischen Erfindungen des Menschen sich in kontinuierlichem Austausch gegenseitig befruchteten. Technische Neuerungen ermöglichten der Kunst, ihre Formensprache zu verfeinern und dadurch Impulse zu setzen, welche ihrerseits den Wissensdrang unserer Vorfahren befeuerten.
Die Intuition, bestimmte Orte oder Zeitspannen aus dem Kontinuum des Gewöhnlichen herauszusprengen, zu verwandeln und ihnen dadurch eine neue Qualität zu verleihen, lassen sich für alle bekannten Epochen der Menschheitsgeschichte nachweisen. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist, nach den Worten der Autorin, der Wunsch — oder die innere Notwendigkeit — Dinge besonders zu machen. Indem der Mensch Bedeutung schafft, emanzipiert er sich aus seiner Geschöpflichkeit und wird zum Mitgestalter seiner inneren und äußeren Lebenswelt. Evolutionspsychologisch entspricht sein Autonomiestreben derjenigen Phase, in der das Kind entdeckt, dass es seiner Umgebung nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern sie durch seine Willensäußerungen und seine schöpferische Fantasie verwandeln kann.
Verortung II
Es ist eine Alltagserfahrung, dass der Wert der Dinge, mit denen wir leben, wesentlich auf ihrer Bedeutsamkeit beruht: kein noch so unscheinbarer Gegenstand, der nicht durch seine persönliche Geschichte zu etwas Besonderem werden könnte. Gerade weil Bedeutung unsichtbar ist, wohnt ihr die Kraft inne, Geist und Materie miteinander zu verbinden, was zu subjektiven geistigen Grenzerweiterungen führen kann.
Zu allen Zeiten haben religiöse Bewegungen diese Ahnung benutzt, um daraus ein gemeinschaftliches Bekenntnis abzuleiten. Wo aber Intuitionen kodifiziert und zu einem Glaubensinhalt erklärt werden, ist deren Instrumentalisierung bereits vorprogrammiert. Die lebendige Erfahrung tieferer Schichten der Wirklichkeit ist nicht verifizierbar und kann in Kunstwerken, denen die Kraft innewohnt, die materielle Welt geistig zu durchdringen, jeweils nur angedeutet werden. Als zeitlose Orte der Selbstvergewisserung stehen sie für Fragen, die in jeder Generation neu gestellt werden müssen, deren Horizont ihre möglichen Antworten jedoch immer um ein Weniges übersteigt.
An dieser schmalen Grenze entlang wandern unsere Fragen immer weiter.