Der mündige Konsument

So bleiben wir klar im Kopf trotz Medien-Dauerberieselung.

Im Dezember 2017 hatte der Rubikon seine Leserinnen und Leser eingeladen, selbst publizistisch aktiv zu werden: „Schreiben Sie einfach einen kleinen Essay, eine Glosse, eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht zur Frage: Warum vertrauen Sie den (Leit-)Medien nicht mehr? Warum brauchen wir neue, demokratische Medien in Bürgerhand, Medien ‚von unten‘?“, hieß es in einem entsprechenden Aufruf der Redaktion (1). Fast 100 Leserinnen und Leser sandten der Redaktion hieraufhin eigene Texte und erhielten als Dank für ihren Mut jeweils ein Exemplar von „Lügen die Medien?“ als Weihnachtsgeschenk. Hier veröffentlicht der Rubikon nun die besten Leser-Texte in eigener Rubrik (2).

Über rechtsoffene Verschwörungstheoretiker, linksoffene Rassisten und garnichtoffene Schlafschafe

von Sylvia Gossani

Zu welcher der oben genannten Kategorien gehören Sie? Für mich ist die Sache klar. Ich gehöre zu den klugen Guten und die anderen sind nur zu dumm oder sogar zu böse, um das zu verstehen —Punkt. Die anderen glauben das zwar auch von sich selbst, was nur beweist, wie dumm sie sind. Da ist es egal, zu welcher Meinungsgruppe ich gehöre. Diese Einstellung ist überall verbreitet.

Ich schaue Nachrichten. Ich weiß, wo gerade Krieg ist und dass wir die Guten sind. Kann ja auch nicht anders sein. Ich würde niemandem Gewalt antun. Ansonsten gehe ich zur Arbeit und wenn mein Stundenlohn erheblich über dem Mindestlohn liegt, kann ich mir auch Freizeit leisten. Da lese ich gerne eine Zeitung, eine gute natürlich, die Zeit oder den Spiegel. Doch im Laufe der Jahre muss man tiefgründige Analysen immer häufiger mit der Lupe suchen. Es ist immer eindeutig, wer die Guten und wer die Bösen sind. Spätestens seit der Chefredakteur der Zeit in einer großen Talkshow „Mord im Weißen Haus“ als Lösung des Trump-Problems vorschlug, reicht es mir.

Ich schaue im Internet nach Informationen. Und die finde ich — es gibt alles über alles. Da freue ich mich über die Artenvielfalt in unserer Gesellschaft und den Wert der Meinungsfreiheit? Nicht wirklich, nun muss ich in meinem Alter auch noch eine neue Kompetenz erwerben, die Medienkompetenz. Niemand sagt mir, was richtig ist, sondern ich muss anfangen, selbst zu denken.

Menschen halten das für wahr, was nahtlos in ihr vorhandenes Weltbild passt. Die klassische Informationsblase. Wenn ich jetzt mal aber nur zu 90 Prozent davon überzeugt bin, zu den klugen Guten zu gehören und zu 10 Prozent versuche, in die Perspektive einer anderen Meinung zu wechseln, passiert etwas Neues. Auch die andere Sichtweise ist denkbar. So bekomme ich aber ein Problem: Was ist denn nun die Wahrheit? Diese Unsicherheit muss man ertragen, denn sie ist unvermeidbar. Es ist die Pubertät in der Entwicklung zum mündigen Bürger. Und nach einigen Irrungen und Wirrungen zeigen sich Strukturen in der Meinungslandschaft.

Es geht nicht um Personen, sondern um Fakten. Eine Person kann in einer Sache irren und in der anderen Recht haben. Das trifft doch irgendwie auf jeden zu. Also schaue ich mir die Meinungsaspekte an und deren logische Verknüpfung. Ist sie objektiv? Stimmt sie mit geprüften Informationen überein? Welche Fakten werden vorgebracht? Ist die genannte Quelle seriös? Werden Ängste geschürt? Werden Menschen dämonisiert? Heutzutage braucht man, um AfD zu wählen, kein Rassist zu sein, sondern nur regelmäßiger Spiegel-Leser. Schauen Sie doch mal bei „Google Bilder“ unter dem Stichwort „Spiegel Cover Islam“ nach.

Was meint die Gegenseite? Wo bekomme ich unverfälschte Informationen auch zu diesen Positionen?

Das hört sich aufwändig an, ist es aber nicht unbedingt. Der gesunde Mensch hat ein feines Gefühl dafür, sich bei Unstimmigkeiten unwohl zu fühlen. Eine leise innere Stimme, die häufig ignoriert wird. Dieses Gefühl kann überdeckt werden durch Ängste („Der Irak will Massenvernichtungswaffen gegen uns einsetzen“, George W. Bush), traumatische Trigger („In Jugoslawien gibt es Konzentrationslager“, Joshka Fischer) oder ständige Berieselung durch einseitige Informationen („Gaddafi/Assad/Putin/Name-beliebig-austauschbar ist böse“, alle Mainstream-Medien). Viele Behauptungen haben sich zwar alle als Lügen entpuppt, aber das merkte die Mehrheit nicht mehr, da schon wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt wurde.

Ich informiere mich also auch bei der Gegenseite, nehme sie ernst und entscheide dann, was ich überzeugender finde. Beatrix von Storch oder Sahra Wagenknecht zur sozialen Gerechtigkeit? Putin oder Bush über den Nahen Osten? Sigmar Gabriel oder 300.000 Demonstranten zu CETA?

Die Sicherheit einer objektiven Wahrheit habe ich so zwar immer noch nicht, aber eine valide Meinung, bereit, sie jederzeit wieder erneut auf den Prüfstand zu stellen.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rubikon.news/artikel/gemeinsam-verandern-wir-die-welt
(2) https://www.rubikon.news/kolumnen/leser-aktion