Der neue Narzissmus

Die Selbstüberschätzung und der moralische Furor der deutschen Politik in der Ukraine-Frage haben historische Vorbilder, die uns nachdenklich machen sollten.

Wer aus dem Ersten Weltkrieg nicht zu lernen bereit ist, riskiert einen Dritten. Die deutsche Politik des 20. Jahrhunderts war häufig geprägt von mangelnder Einsicht in die eigenen Grenzen und Möglichkeiten — mit fatalen Folgen. Die klare Wahrnehmung der Fakten und der Interessen anderer Staaten wurde und wird häufig ersetzt durch moralische Selbstverliebtheit. Leider ist das ein Fehler, den Kriegstreiber wie Friedensbewegung gleichermaßen begehen.

Unter den Faktoren, deren Wirken in den Ersten Weltkrieg mündete, lagen nicht wenige in der Verantwortung des Deutschen Reiches. Zwei davon, die wilhelminische Flottenrüstung und der Blankoscheck an Österreich-Ungarn, haben aktuelle Pendants. Die erstere verschlang wertvolle Ressourcen — mit der Sektsteuer allein war das nicht zu stemmen —, erwies sich militärisch als sinnlos und wurde auf dem gegenüberliegenden Ufer der Nordsee als ernste Gefahr wahrgenommen.

Ein Übriges tat die Besetzung von Belgien gleich zu Beginn des Krieges. Diesen durch sein Vorgehen gegen Serbien gefahrlos in Gang setzen zu können, glaubte Österreich-Ungarn nach dem Blankoscheck aus Berlin.

Sebastian Haffners Beobachtung „eine(r) wiederkehrende(n) Neigung deutschen außenpolitischen Denkens, den Augenblick beginnender oder auch nur bevorstehender Stärke zu überschätzen und zu glauben, es werde immer geradeaus weitergehen“, passt auf die Russlandpolitik des Westens während der letzten drei Jahrzehnte. Haffner fügte hinzu:

„Nie bedenken sie, es könne auch einen Umschlag geben, wenn das zunächst nur Drohende Wirklichkeit würde: Vorbeugende Konzilianz könne dann in Feindschaft umschlagen.“

Nachdem Köpfe der US-Elite wie George F. Kennan und Henry Kissinger von Beginn an vor der NATO-Osterweiterung gewarnt hatten, wirkte die Installation von Akteuren, die als enthemmte Nationalisten zu bezeichnen keine Übertreibung darstellt, in der multinationalen Ukraine so, als ob man dieses Umschlagen eher ersehnt, als dass man nur seine Möglichkeit ignoriert hätte. Dass diese Akteure von Beginn an so agierten, als ob sie eine Blankovollmacht besäßen, verstärkt diesen Verdacht.

Den Hunderttausenden, die jetzt für Frieden demonstrieren, muss man sagen, dass sie viele Jahre zu spät dran sind. Vor allem gilt es einzusehen, dass Friede durch Recht allein nicht zu schaffen ist, durch Moral noch viel weniger. Dies zu betonen ist umso wichtiger, als die westlichen Gesellschaften zusehends einen moralischen Narzissmus pflegen, der auch vor massiver Selbstschädigung nicht haltmacht.

Das deutete sich in Sprachregulierungen an, die keine Rücksicht auf Redefluss und Verständlichkeit nehmen, ging weiter mit zwanghaftem Maskentragen, sozialer Isolation und einer Impfung, die ebenso schädlich wie wirkungslos ist, und findet mit Sanktionen einen Höhepunkt, für die das nicht minder gilt. Bleibt die Hoffnung, dass dem kein weiterer in Form einer aktiven Kriegsbeteiligung hinzugefügt wird.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Der neue Narzissmus“ bei Kein Zustand.