Der Tyrann ist gestürzt

Nach dem Angriff der USA auf Venezuela betonen europäische Politiker immer wieder, wie „komplex“ die Lage doch sei, und drücken sich damit davor, zuzugeben, was wirklich passiert.

Nach nun fast vier Jahren russisch-ukrainischen Krieges ist bestimmt so mancher geschichtsvergessene Zeitgenosse davon ausgegangen, ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg sei etwas, wogegen sich die EU und ihre Vertreter grundsätzlich vehement stellen. Die US-amerikanische Bombardierung Venezuelas und die Entführung von Nicolás Maduro machen deutlich, wie selektiv diese moralische Erhabenheit an den Tag gelegt wird. Wenn in deutschen Leitmedien zu lesen ist, die Situation sei äußerst komplex, ist das im Grunde nichts anderes als eine zurückhaltende Solidaritätsbekundung dem amerikanischen Präsidenten gegenüber, der hier ohne Skrupel seine kolonialen Ansprüche durchsetzt.

Man könnte verdientermaßen davon ausgehen, dass es sich dabei um den gegenwärtigen US-Präsidenten Donald Trump handelt, der seit Monaten zwischen Golfclub, Drohungen, Kriegen, Dinner und Wahnsinn hin- und herpendelt.

Um diesen Tyrannen geht es aber nicht.

Es geht um den Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro. US-Militärs haben am 3. Januar 2025 das Land angegriffen und dabei auch Maduro und seine Ehefrau entführt.

Nichts davon kam unerwartet. Zum Zuschauen und Nichtstun war genug Zeit. Vieles wurde propagandistisch und politisch generalstabsmäßig vorbereitet. Dazu gehört auch folgende Meldung von Donald Trump vom 17. Dezember 2025 auf „Truth Social“:

„Venezuela ist vollständig von der größten Armada umzingelt, die jemals in der Geschichte Südamerikas zusammengestellt wurde. Sie wird nur noch größer werden, und der Schock für sie wird sein wie nichts, was sie je zuvor gesehen haben — bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie den Vereinigten Staaten von Amerika all das Öl, Land und andere Vermögenswerte zurückgeben, die sie uns zuvor gestohlen haben. (…)

Das illegitime Maduro-Regime nutzt Öl aus diesen gestohlenen Ölfeldern, um sich selbst, Drogen-Terrorismus, Menschenhandel, Mord und Entführungen zu finanzieren. Wegen des Diebstahls unserer Vermögenswerte und aus vielen anderen Gründen, einschließlich Terrorismus, Drogenschmuggel und Menschenhandel, ist das venezolanische Regime als AUSLÄNDISCHE TERRORORGANISATION eingestuft worden.

Amerika wird es nicht zulassen, dass Kriminelle, Terroristen oder andere Länder unsere Nation ausrauben, bedrohen oder schädigen, und wird ebenso wenig zulassen, dass ein feindliches Regime unser Öl, unser Land oder andere Vermögenswerte an sich nimmt — all dies muss den Vereinigten Staaten SOFORT zurückgegeben werden. Danke für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit!“

Man hätte erwarten können, dass es jemanden in der Trump-Administration gibt, der dem Präsidenten erklärt, dass der Versuch, für den Kolonialismus und Imperialismus die Kolonisierten verantwortlich zu machen, nicht sonderlich klug ist.

Nun folgt dem psychotischen Weltbild ein Krieg gegen Venezuela.

Das nennt man bei anderen Gelegenheiten einen klassischen Angriffskrieg, in Verbindung mit Entführungen. In diesem Fall ist es bemerkenswert ruhig in der „Koalition der Willigen“.

Worum es bei diesem Angriffskrieg geht, machte US-Präsident Donald Trump gar keinen Hehl:

„Wir werden uns jetzt um das Land kümmern, bis wir einen sicheren, geordneten und umsichtigen Übergang gewährleisten können“, sagte er auf einer Pressekonferenz am 3. Januar 2026.

Auch das offene Bekenntnis zum US-Imperialismus, wer allein in Nord- und Lateinamerika das Sagen hat, ist nicht zu überhören:

„Die amerikanische Dominanz in der westlichen Hemisphäre wird niemals wieder infrage gestellt“, sagte Trump bei der Pressekonferenz auf seinem Anwesen Mar-a-Lago in Florida. Washington habe die im 19. Jahrhundert geprägte Monroe-Doktrin über die US-Vorherrschaft in den Amerikas vernachlässigt, so Trump. (Was wir über den US-Angriff auf Venezuela wissen, tagesschau.de vom 04. Januar 2026)

Wenn man dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz unterstellen darf, dass er kognitiv versteht, was ihm der Empire-Boss vorgetragen hat, ist seine Stellungnahme nur als Beihilfe zu Kriegsverbrechen zu deuten:

„Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex. Dazu nehmen wir uns Zeit. Grundsätzlich müssen im Umgang zwischen Staaten die Prinzipien des Völkerrechts gelten.“

Es dürfe nun keine politische Instabilität entstehen, und ein „geordneter Übergang“ zu einer „durch Wahlen legitimierten Regierung“ müsse gewährleistet werden. (siehe oben)

Aber ja doch, Herr Bundeskanzler. Auch ein Mord ist oft eine sehr komplexe Sache. Was ändert das am Mord? Ein Land anzugreifen, zu bombardieren, den Präsidenten (plus Ehefrau) zu entführen, eine andere, devote Regierung nach Maß zu installieren, das Erdöl Venezuelas an US-Firmen zu verschenken, sollte selbst für das sehr schlichte Gemüt dieses Bundeskanzlers nicht schwer einzuordnen sein: All das ist nicht „komplex“, sondern ein Kriegsverbrechen, eine eklatante Missachtung des Völkerrechts, das er als Fußnote in seinem unterkomplexen Geschwafel erwähnt.

Auch dürfte selbst diesem Bundeskanzler nicht entgangen sein, dass ein „geordneter Übergang“, den er sich wünscht, nichts anderes bedeutet, als einen Putsch zu unterstützen.

Auch auf EU-Ebene ist das Mitmachpotential kaum zu überhören: Während sie Russland für den Krieg in der Ukraine mit Sanktionen, Embargos und Waffenlieferungen an Selenskyjs Kriegskabinett und direkten Kriegsdrohungen überzieht, hat die Stellungnahme zu diesem weiteren US-Krieg die Lautstärke einer Quietscheente:

„EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erinnerte nach den US-Angriffen an das Völkerrecht — verzichtete dabei aber zunächst auch wie EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas auf direkte Kritik. ‚Wir stehen an der Seite der venezolanischen Bevölkerung und unterstützen einen friedlichen und demokratischen Übergang‘, schrieb die deutsche Politikerin auf X.“ (siehe oben)

Dem schließt sich das deutsche Außenministerium mit folgender knallharter Stellungnahme an:

„Wir beobachten die Lage in Venezuela sehr aufmerksam und verfolgen die aktuellen Meldungen mit größter Sorge.“

Die Frankfurter Rundschau (FR) vom 3. Januar 2026 stellt beispielsweise den übernommenen US-Militärmeldungen einen eigenen redaktionellen Beitrag zur Seite, der scheinbar dazu dienen soll, diesen Staatsterrorismus einzuordnen:

„Von Maduro bis Milei: Die lange Liste der Populisten Lateinamerikas.“

Das ist ein deutliches Zeichen an die LeserInnen, wie man das Ganze einzuordnen hat. Kein Wort verliert die FR über diesen staatsterroristischen Akt.

Auch bei der Benennung der eigentlichen Gründe für diese Kriegsverbrechen bevorzugt die FR vage Andeutungen:

„Die USA begründen ihr Handeln mit dem Kampf gegen Drogen. In den vergangenen Monaten griff das US-Militär immer wieder Boote in der Karibik an, die angeblich Drogen in die USA schmuggeln. Allerdings könnte es um ganz andere Gründe gehen – darunter auch Bodenschätze wie Öl, über die Venezuela in großem Maß verfügt.“

Ach nee, liebe FR-Redakteure: „Könnte“ es sein, dass Ihnen vor allem peinlich ist, dass der US-Präsident gar keine Anstrengungen unternimmt, seine imperialen Ziele zu verheimlichen? Würden Sie sich doch so gerne hinter Freedom & Democracy“ verstecken, was Ihnen dieser US-Präsident vermasselt?!

Auch die Süddeutsche Zeitung (SZ) reiht sich devot in diesen Akt des Völkerrechtsbruches ein. Sie taxiert doch tatsächlich ihre Einschätzung des US-Angriffs auf Venezuela als „umstrittenes Vorgehen“ (SZ vom 3. Januar2026) ein. Okay. Dann wäre also auch ein Angriff auf die USA, die Gefangennahme von Donald Trump und seiner Kriegsminister – im schlimmsten, äußersten Fall – ein „umstrittenes Vorgehen“?

Können wir also jetzt schon damit beginnen, eine Liste der Präsidenten aufzustellen, die x, y oder z nicht passen und die demnächst entführt werden sollen?

Wäre es der Ordnung halber (in Deutschland liebt man auch beim Terror Ordnung) nicht sinnvoll, diese Liste öffentlich zu machen (vor allem wegen der Transparenz), um zu verhindern, dass ungeordnet zwei, drei oder noch mehr Staaten denselben Präsidenten kidnappen wollen?

Sackhüpfen über die „Brandmauer“

Um den Sack zuzumachen, sei noch die „Alternative für Deutschland“ (AfD) erwähnt, die so viel mit Opposition zu tun hat wie die US-Regierung mit dem „Kampf gegen die Drogen“.

„Großmächte tun, was Großmächte schon immer getan haben“, erklärt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und AfD-Außenpolitiker Markus Frohnmaier betont substanzlos. Es gelte jetzt, zu „lernen, damit besser umzugehen und darauf zu reagieren“. (welt.de vom 05.Januar 2026). Mit anderen Worten: Es geht nicht um die Einhaltung nationalen und internationalen Rechts, sondern darum, dass Deutschland bei dem, was schon immer so getan wird, ganz vorne dabei ist.

Die AfD folgt dabei linientreu postfaschistischen Strategien: Sie verweist mit großer Freude und Genugtuung darauf, dass die bürgerlichen Parteien längst die alte Ordnung hinter sich gelassen haben, und präsentiert sich als die Partei, die diese „neue Ordnung“ nicht nur beim Namen nennt, sondern auch begrüßt.

Wenn die EU Staatsterrorismus nicht stoppt, sondern daran mitverdienen will

Man spürt auch hier, wie wenig sich die USA-Kriegspolitik von der der EU-Kriegspolitik unterscheidet: Man will zusammen die Regierung in Venezuela wegputschen.

Man hat gemeinsam mit Wirtschaftssanktionen und Handelskrieg das Land destabilisiert. Man hat Millionäre zu Oppositionsfiguren hochstilisiert. Man behauptet zusammen, ohne rot zu werden, dass man einen „friedlichen Übergang“ wünsche, der ganz nach imperialen Vorgaben abzugehen habe.

Auch als Trump noch und nochmals der Welt erklärt, dass das Öl in Venezuela dem US-Empire gehöre und dass man US-Firmen mit der Übernahme der Ölproduktion betraue, regte sich kein Widerstand.

Die EU-Kriegsmacht besteht nur auf eines: Man möchte von der Beute etwas abhaben.

Das psychotische Imperium

Bei „Fox & Friends“ durfte der US-Präsident am selben Tag seinen nächsten psychotischen Schub öffentlich machen: Mit Blick auf die Geiselnahme von Maduro ließ er die Welt in sein Vorbewusstsein blicken:

„Was er mit Drogen gemacht hat, ist schlecht, was er mit vielen anderen Dingen gemacht hat, war schlecht“, sagte Trump. „Wenn man darüber nachdenkt, haben sie alle ihre psychiatrischen Anstalten in unser Land ausgeleert.”
(The Washington Post vom 3. Januar 2026)

Ich nehme an, dass diese „Ausleerung“ letztendlich auch das Oval Office und das Weiße Haus einschließt.

Fast hätte ich es vergessen: Der Satz „Der Tyrann ist gestürzt“ stammt vom US-Vize-Außenminister Christopher Landau.

Von der „Koalition der Willigen“, die auch die deutsche Bundesregierung einschließt, ist gar nichts zu erwarten – außer verdeckter und offener Unterstützung.

Es wird alles darauf ankommen, dass die weltweite Palästina-Solidarität dies aufgreift und in einen globalen Zusammenhang stellt, der die blutige Aufrechterhaltung von Kolonialismus und Weltherrschaftspolitik, sowohl in Gaza/Palästina, als auch gegen Venezuela und den Iran sichtbar macht.

Der Beitrag vom 3. Dezember 2025: Der „Krieg gegen die Drogen“ oder die gedopte Lüge erinnert an die Geschichte Venezuelas, als die großen Ölvorkommen noch den USA-Konzernen „gehörten“ und von diesen für ein Trinkgeld ausgebeutet wurden:

Die gedopte Lüge. Der „Krieg gegen die Drogen“ des US-Kriegsministeriums in Venezuela hat nichts mit Drogen zu tun:

Wolf Wetzel | 7. Januar 2026