Der vergessene Georg
Das Wohl des von einer Leihmutter ausgetragenen Sohns von Jens Spahn wird in den meisten politischen und moralischen Debatten zum Thema nicht berücksichtigt.
Jens Spahn ist Vater geworden. Sein Sohn heißt Georg und ist erst wenige Tage alt. Seit seiner Geburt wird heftig diskutiert. Die einen gratulieren, die anderen werfen Jens Spahn Doppelmoral vor, weil seine Partei — die CDU — am Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland festhält, während er selbst Vater eines Kindes geworden ist, das durch eine Leihmutter zur Welt kam. Die Autorin interessiert sich für diese politische Debatte, die vor ein paar Tagen zum Rücktritt von Jens Spahn geführt hat, allerdings nur am Rande. Sie beschäftigt Georg. Denn am Ende ist er der einzige Mensch in dieser Geschichte, der nichts entscheiden konnte.
Während Erwachsene darüber streiten, ob Leihmutterschaft erlaubt oder verboten sein sollte, stellt kaum jemand die Frage, was diese Art der Entstehung für das Kind selbst bedeutet.
Dabei geht es mir nicht nur um Georg.
Weltweit kommen jedes Jahr Tausende Kinder durch Leihmutterschaft zur Welt. Sie alle verbindet eine Erfahrung: Ihr Leben begann anders als das der meisten Menschen. Dennoch kreisen fast alle Debatten um die Wünsche der Erwachsenen: Wer ein Kind bekommen darf. Welche Möglichkeiten die Reproduktionsmedizin bietet. Welche Rechte Eltern haben.
Eine andere Frage wird dagegen erstaunlich selten gestellt:
Was braucht eigentlich das Kind?
Jens Spahn hat in einem Interview mit Paul Ronzheimer offen darüber gesprochen, wie Georg entstanden ist. Eine Frau stellte ihre Eizelle zur Verfügung. Sie ist Georgs leibliche Mutter und hat ihm die Hälfte seines genetischen Erbes mitgegeben.
Diese Eizelle wurde künstlich mit dem Samen seines Mannes befruchtet und anschließend einer anderen Frau eingesetzt. Sie trug Georg neun Monate lang in ihrem Körper und brachte ihn zur Welt.
Ohne diese beiden Frauen gäbe es Georg nicht. Die eine hat ihm seine Gene mitgegeben. Die andere war die Umgebung, in der sich sein Leben entwickelte.
Wir wissen heute, dass Gene weit mehr beeinflussen als Augenfarbe oder Körpergröße. Sie zeigen sich in Begabungen, Temperament, bestimmten Fähigkeiten und manchmal sogar in kleinen Gesten oder einem ganz bestimmten Blick.
Ich selbst sah als kleines Mädchen meiner Mutter zum Verwechseln ähnlich. Wenn meine Großmutter mit mir durch das Dorf ging, in dem meine Mutter aufgewachsen ist, hörte sie oft den Satz: „Da kommt die kleine Lotte.“ Meine Mutter hieß Lieselotte und wurde im Dorf nur Lotte genannt.
Heute bin ich Großmutter von Zwillingen. Der eine ähnelt seinem Vater sehr, der andere meiner Tochter. Nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrer Art zu lachen, sich zu bewegen oder mit anderen Menschen in Beziehung zu gehen. Solche Erfahrungen kennen wir alle.
Doch Identität entsteht nicht nur durch Gene.
Während Georg im Körper der Frau heranwuchs, die ihn austrug, entstand zwischen beiden die erste Bindung seines Lebens. Er hörte ihren Herzschlag. Er hörte ihre Stimme. Er spürte ihre Gefühle. Er nahm ihre Bewegungen wahr. Er entwickelte sich in ihrem Körper und war vollständig auf sie angewiesen.
Wir Menschen kommen nicht bindungslos zur Welt. Um überleben zu können, müssen wir uns binden. Mit Georgs Geburt endete diese Bindung. Von einem Augenblick auf den anderen verlor er den Menschen, der seine menschliche Entwicklung überhaupt erst möglich machte.
Viele werden jetzt sagen: Das weiß ein Neugeborenes doch gar nicht.
Woher wollen wir das eigentlich wissen?
Seit mehr als zwanzig Jahren begleite ich als Traumatherapeutin Menschen, die frühe Bindungsverletzungen erlebt haben. Bis heute war kein Mensch, der durch eine Leihmutterschaft geboren wurde, in meiner Praxis.
Sehr wohl aber Menschen, die adoptiert wurden oder durch eine Samenspende entstanden sind. Sie kamen nicht wegen ihrer Adoption. Sie kamen nicht wegen der Samenspende.
Sie kamen, weil Beziehungen immer wieder scheiterten. Weil sie unter Verlustängsten litten. Weil sie Nähe suchten und gleichzeitig Angst vor ihr hatten. Weil sie sich ein Leben lang anpassten und trotzdem nie wirklich das Gefühl entwickelten, dazuzugehören. Erst im Verlauf der therapeutischen Arbeit wurde deutlich, wie tief ihre frühe Geschichte bis in ihr heutiges Leben hineinwirkte.
Nicht jeder adoptierte Mensch entwickelt dieselben Schwierigkeiten. Dabei spielen auch die Umstände einer Adoption eine wichtige Rolle. Dennoch hat jedes adoptierte Kind mit der Trennung von seiner ersten Bindungsperson ein Bindungstrauma erlitten.
Es kann durchaus sein, dass nicht jedes Kind, das durch eine Leihmutterschaft geboren wurde, später bewusst unter dieser frühen Erfahrung leidet. Darüber weiß ich als Traumatherapeutin noch zu wenig.
Was ich jedoch aus meiner fachlichen Sicht sagen kann, ist: Auch dieses Kind hat mit der Trennung von seiner ersten Bindungsperson ein Bindungstrauma erlitten.
Warum komme ich zu dieser Einschätzung? Weil mich im Laufe meiner therapeutischen Arbeit immer wieder eine grundlegende Frage beschäftigt hat:
Wann beginnt eigentlich unsere Psyche?
Die heutige Medizin beschreibt den frühen Embryo häufig als einen Zellverband, der sich immer weiter teilt. Gefühle oder Wahrnehmungen werden meist erst sehr viel später angenommen.
Meine therapeutischen Erfahrungen führen mich zu einer anderen Sichtweise. Immer wieder zeigte sich, dass die innere Geschichte eines Menschen nicht erst mit der Geburt beginnt. Sie beginnt in dem Moment, in dem Ei- und Samenzelle miteinander verschmelzen und neues menschliches Leben entsteht. Von diesem Moment an entwickelt sich nicht nur ein Körper. Es entwickelt sich ein fühlendes Wesen. Und jedes fühlende Wesen braucht Bindung.
Die erste Bindung entsteht nicht nach der Geburt. Sie entsteht zu der Frau, in deren Körper wir heranwachsen. Welchen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes hat es, wenn diese erste Bindung unmittelbar nach der Geburt endet? Diese Frage können letztlich nur die Betroffenen selbst beantworten.
Gerade deshalb sollten sich alle Beteiligten diese Frage stellen, bevor sie sich für eine Leihmutterschaft entscheiden.
Die zukünftigen Eltern sollten bereit sein, den Blick für einen Moment von ihrem eigenen Kinderwunsch zu lösen und die Perspektive des kleinen Menschen einzunehmen, der keine Möglichkeit hat, dieser Entscheidung zuzustimmen oder sie abzulehnen.
Mutterwerden und Muttersein bildeten über Jahrtausende eine untrennbare Einheit.
Heute werden sie in einzelne Funktionen aufgeteilt. Die genetische Mutter. Die Frau, die das Kind austrägt. Die Menschen, bei denen das Kind aufwächst. Mutterschaft besteht plötzlich aus verschiedenen Teilaspekten.
Die eine wird zur Eizellspenderin. Die andere zur Leihmutter oder, wie es inzwischen oft heißt, zur Bauchmutter. Allein diese Begriffe zeigen, wie selbstverständlich wir begonnen haben, etwas aufzuteilen, das über Jahrtausende untrennbar zusammengehörte.
Das irritiert mich zutiefst.
Jens Spahn sagte in dem Interview mit Paul Ronzheimer, er wisse, dass niemand ein Recht auf ein Kind habe und sich nicht jeder Kinderwunsch erfüllen könne. Dennoch haben er und sein Mann sich für eine Leihmutterschaft entschieden.
Immer häufiger scheint der Wunsch der Erwachsenen zum Maßstab zu werden. Möglich wird dies nicht zuletzt durch die technischen und medizinischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte — und natürlich auch durch die finanziellen Möglichkeiten. Denn eine Leihmutterschaft ist teuer, sehr teuer.
Doch auch das soll hier nicht mein Thema sein.
Mich interessiert die Perspektive des Kindes.
Fakt ist: Jens Spahn und sein Mann wissen nichts über die ersten Monate, die ihr Sohn im Körper der Frau verbracht hat, die ihn ausgetragen hat. Für sie beginnt die gemeinsame Geschichte mit ihm erst mit seiner Geburt, auch wenn sie zuvor Ultraschallbilder gesehen haben und Kontakt zu der austragenden Frau hatten.
Jeder Vater, der die Schwangerschaft seiner Partnerin bewusst miterlebt hat, weiß, wie intensiv diese Monate sein können. Er erlebt die Freude, die Unsicherheit, die körperlichen Veränderungen und die emotionalen Schwankungen. Er erlebt, wie sich die Beziehung zwischen Mutter und Kind Schritt für Schritt entwickelt.
Genau diese Beziehung endet bei einer Leihmutterschaft mit der Geburt.
Was bedeutet das für das Kind? Was bedeutet es für die Frau, die es neun Monate unter ihrem Herzen getragen hat?
Diese Fragen werden erstaunlich selten gestellt.
Vielleicht deshalb, weil sie den Blick weg von den Wünschen der Erwachsenen und hin zu den Bedürfnissen des Kindes lenken?
Vielleicht wird Georg einmal ein glücklicher Mensch. Ich wünsche es ihm von Herzen. Vielleicht wird er nie unter seiner Geschichte leiden. Vielleicht wird er nie nach den beiden Frauen suchen, ohne die es ihn nicht gäbe.
Vielleicht wird er aber eines Tages Fragen stellen: Wer war meine leibliche Mutter? Wie war die Frau, die mich neun Monate unter ihrem Herzen getragen hat? Wer bin ich, wenn ich nicht weiß, wer meine Mutter ist?
Vielleicht wird es ihm genügen zu wissen, wie er entstanden ist. Vielleicht aber auch nicht.
Denn aus meiner therapeutischen Arbeit weiß ich, dass die Suche nach der eigenen Herkunft weit mehr ist als bloße Neugier. Sie gehört zu unserer Identität.
Zu wissen, woher wir kommen. Wem wir ähnlich sehen. Welche Geschichte unserer eigenen vorausging. Wer uns die ersten Erfahrungen von Nähe, Geborgenheit oder vielleicht auch von Verlust vermittelt hat. All das begleitet viele Menschen ein Leben lang.
Gerade deshalb wünsche ich mir eine gesellschaftliche Debatte, die endlich den Blick des Kindes einnimmt.
Nicht nur den Kinderwunsch von Erwachsenen. Nicht nur medizinische Möglichkeiten. Nicht nur rechtliche Fragen. Sondern die Frage: Was bedeutet all das für das Kind?
Ein Kind ist kein Projekt. Es ist keine Wunscherfüllung. Es ist kein Recht. Es ist ein Mensch.
Und jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Seine Geschichte beginnt nicht erst mit seiner Geburt. Sie beginnt lange davor. Mit seiner Entstehung. Mit seiner ersten Bindung.
Mit den Erfahrungen, die er macht, lange bevor er Worte dafür finden kann.
Vielleicht entscheidet sich genau daran, wie menschlich eine Gesellschaft wirklich ist. Nicht daran, was sie technisch möglich machen kann. Sondern daran, ob sie bereit ist, auch denjenigen eine Stimme zu geben, die noch keine eigene haben.
In diesem Fall einem kleinen Jungen: Georg.