# Der vorbereitete Krieg

In seiner neuen Textsammlung vereint Wolfgang Effenberger geopolitische Weitsicht mit historischem Rückblick.

von 
   * Felix  Feistel

Kriege scheinen oft über die Menschen zu kommen wie eine Naturgewalt, der gegenüber man sich machtlos wähnt. Dass dem nicht so ist, sondern Kriege planvoll vorbereitet und ausgelöst werden, macht Wolfgang Effenberger in seinem neuen Buch „Vom Krieg zu Weltordnung — Reden und Essays zu Krieg, Frieden und Geopolitik 2009 — 2026“ deutlich. In einer umfassenden Zusammenschau der Vergangenheit, die bis in das 19.&nbsp;Jahrhundert zurückreicht, stellt er dabei lange Entwicklungslinien dar, die — beabsichtigt — in die sich bereits ankündigende Katastrophe führen.

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Wolfang Effenberger hat mit seinen mittlerweile 80&nbsp;Lebensjahren beinahe die gesamte Nachkriegsgeschichte Deutschlands und Europas bewusst miterlebt. Als Berufssoldat erhielt er einen tieferen Einblick in militärische Planungen der USA und der Bundesrepublik und war teilweise in die Vorbereitungen auf einen großen Konflikt mit der Sowjetunion involviert. Vor diesem Hintergrund hat er sich ein umfassendes Wissen und Verständnis westlicher Geostrategie angeeignet, das in seiner neuen Textsammlung „Vom Krieg zur Weltordnung — Reden und Essays zu Krieg, Frieden und Geopolitik 2009 — 2026“ durch ausgewählte Texte den Kontext der heutigen Weltlage beleuchtet.

Die Texte sind dabei thematisch sortiert, nicht chronologisch. Der Autor beginnt mit einer Bestandsaufnahme der Gegenwart. Hier spielt der Konflikt mit Russland in der Ukraine eine dominante Rolle; vom Krieg gegen den Iran war bei Textschluss wohl noch keine Rede. Umfassend geht er auf das Alaska-Treffen und das von den USA vorgelegte Friedensabkommen ein und beleuchtet anhand der Reaktionen und Entwicklungen die Interessen der relevanten Mächte. 

>So wird deutlich, dass Kriege nicht vom Himmel fallen und auch nicht von den Launen einzelner Politiker abhängig sind. Stattdessen werden sie von langer Hand geplant und vorbereitet. 

Am Beispiel der USA macht er deutlich, dass große Staaten langfristige Planungen und Ziele verfolgen, um Macht und Einfluss in der Welt zu sichern und Konkurrenten auszuschalten. Dies, so wird klar, ist auch in den heutigen Konfliktlagen der Fall. Dabei beleuchtet Effenberger die langfristigen Militärstrategien des US-Militärs.

Ein Beispiel, an dem der westliche Wille zum Krieg und dessen gezielte Herbeiführung besonders deutlich wird, ist der Krieg gegen Serbien, der von der NATO zur Zerschlagung von Restjugoslawien geführt wurde. Trotz gegenteiliger Bekundungen wurde alles darangesetzt, den Balkanstaat in diesen Krieg zu verwickeln. Hier wird deutlich: Krieg ist kein Zufall sondern oft das erwünschte Ergebnis gezielter Kampagnen. 

Neben dem Militär gibt es noch andere Einflussgruppen, die weltpolitische Eskalationen vorbereiten. Dabei wird die Gruppe der Bilderberger näher beleuchtet — ein Zirkel aus hochrangigen Politikern, Industrie- und Finanzvertretern, die sich alljährlich treffen. Aus diesem Zirkel gehen bedeutende Politiker hervor, etwa Angela Merkel, die kurz vor ihrer ersten Wahl zur Kanzlerin auf einem solchen Treffen zugegen war. Auch Ursula von der Leyen und andere EU-Größen wurden mutmaßlich auf diesen Treffen für ihre zukünftige Rolle gekürt. Effenberger vermutet daher nicht ohne Grund einen großen Einfluss dieses Zirkels auf die Geschehnisse der Welt.

Die Analyse der Gegenwart kommt natürlich nicht ohne ein Verständnis der Vergangenheit aus, und genau dieses vermittelt Effenberger, wobei er bis zum Ersten Weltkrieg zurückgeht. Er entwirft ein Bild historischer Kontinuität, die getrieben wird von den geostrategischen Langzeitstrategien zunächst Großbritanniens und später der USA. Doch auch hier spielen Interessen einflussreicher Persönlichkeiten und ihrer Institutionen eine große Rolle. Effenberger zeigt detailliert die Verflechtungen oligarchischer Einzelpersonen und Netzwerke von den USA über Großbritannien bis Deutschland auf. Hier spielen Namen wie die der Gebrüder Dulles ebenso eine Rolle wie die Bankiersfamilie Warburg, die bereits während des Ersten Weltkriegs sowohl im Deutschen Reich als auch in den USA aktiv war und dort eine wichtige Rolle bei der Gründung der Federal Reserve gebildet hat, jenes Zentralbankenkartells, dessen Interessen sich die Politik unterworfen hat.

Aber auch ein militärisch-industrieller Komplex agierte grenzübergreifend und prägte wesentlich die Zeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts über beide Weltkriege hinweg, und das in allen an den Kriegen beteiligten Staaten. Diese Akteure legten die Grundlage für unsere heutige Auffassung von Geschichte, angefangen mit der fragwürdigen alleinigen Kriegsschuld Deutschlands über die ebenfalls fragwürdige Erzählung vom Aufstieg Hitlers und den Beginn des Zweiten Weltkriegs bis hin zur Gründung der Vereinten Nationen (UN).

Der Erste Weltkrieg wirkt sich noch heute in Europa aus, das Effenberger zufolge kurz vor der Vernichtung steht. Ein weiterer großer Konflikt ist bereits in Arbeit und soll Europa in ein Schlachtfeld verwandeln. Er zieht dabei eine Parallele zum Ersten Weltkrieg und zeigt, wie auch heute die meisten Menschen keine Angst vor einem kommenden Krieg zu haben scheinen, obwohl er sich doch so deutlich ankündigt. Dies ist auch vor über einhundert Jahren bereits der Fall gewesen; ebenso, wie der Erste Weltkrieg von langer Hand geplant wurde, wird auch der kommende große Konflikt bereits seit geraumer Zeit forciert. Dabei soll, so zeichnet es sich ab, wieder einmal Europa das Schlachtfeld sein. Die Eskalation wird von hochrangigen Militärs ebenso vorangetrieben wie von der Rüstungslobby. Diese eskalieren den Kurs gegen Russland immer weiter, sodass das Potenzial einer nuklearen Auslöschung mit jedem weiteren Schritt wächst. Mindestens einmal stand die Welt in den vergangenen Jahren kurz vor dieser nuklearen Vernichtung, ohne dass es die breite Masse überhaupt nur mitbekommen hätte. Die Zerstörung zumindest von Europa wird von den planenden Kräften dabei billigend in Kauf genommen.

Daneben werden bereits die Kriege der Zukunft vorbereitet. Hier geht es nicht mehr nur um einzelne Konfliktfelder, sondern es wird der Omniwar vorbereitet und in einer Art ewiger Kriegsführung gegen alles und jeden und unter Einbeziehung von allem geführt. Schlachtfeld ist dann nicht mehr nur ein tatsächlicher Krieg, sondern es sind auch die Körper der Menschen, ebenso wie ihr Geist, die Stratosphäre und das Weltall.

>Letztlich geht es um eine permanente Kriegssituation mit der Gesellschaft als Schlachtfeld. Diese zielt darauf ab, die Menschen in eine digital-biologische Sphäre einzugliedern, um sie vollkommen kontrollier- und steuerbar zu machen. 

Maßgeblich vorangetrieben wird diese Technokratie vom Militär, das darauf abzielt, durch biologisch-digitale Konvergenz die Kriegsführung zu optimieren. Ziele sind die technologische Integration der Soldaten in die Kommunikationssysteme, die Schaffung von Cyborgs und die biotechnologische Optimierung der Soldaten. Der kognitive Krieg — der Kampf um die Köpfe — wird schon lange geführt und findet auf vielerlei Wegen statt. Primäres Ziel ist dabei nicht mehr allein die Bekämpfung der Propaganda fremder Staaten, sondern die Schaffung eines kognitiven Zustands, der eigene Narrative leichter implementierbar macht.

All das dient der Vorbereitung zukünftiger Kriege ebenso wie der Etablierung einer totalitären, technokratischen Kontrollarchitektur. Der Omniwar verwandelt Staaten und Gesellschaften so in Sphären ewigen und fortgesetzten Krieges, der als solcher überhaupt nicht wahrgenommen wird. Darüber hinaus ist ein großer heißer Krieg in Europa aber jederzeit möglich und wird von einer Reihe interessierter Kreise auch forciert. Er birgt das Potenzial der vollkommenen Vernichtung Europas.

>Das muss aber nicht so kommen, denn es gibt Alternativen zum Krieg, die nur politisch forciert werden müssen. Anders als gerne behauptet ist der Mensch nicht des Menschen Wolf. 

Das Problem ist laut Effenberger, dass internationale Vereinbarungen wie die UN-Charta im Geiste des Krieges verfasst wurden und viele Friedensabkommen bereits die Saat des nächsten Krieges in sich tragen, wie etwa der Vertrag von Versailles belegt. Statt der Logik des Krieges zu folgen, empfiehlt er, sich auf die von Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ niedergelegten Grundsätze zu besinnen, die den Geist der UN-Charta zwar prägen, in der Praxis aber nicht zur Umsetzung kommen. Diese Schrift hält er bis heute für wegweisend für eine kraftvolle, internationale Friedensbewegung.

Auch hält er es für sinnvoll, nicht nur den Status quo zu kritisieren, sondern den Aufbau von Alternativen wie etwa die BRICS (Bündnis der Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika sowie seit 2024 weiterer Staaten) mit in die Betrachtung einzubeziehen. International gibt es mehrere Formate, die sich um eine andere Zukunft als Gegenmodell zu der vom Westen dominierten Gegenwart bemühen. Denn der Westen ist immer weniger in der Lage, die internationalen Geschehnisse zu kontrollieren und für Stabilität und Ordnung zu sorgen — falls das überhaupt jemals sein Interesse war. Vielmehr ist die jüngere Geschichte eine Geschichte des Scheiterns der westlichen Vorherrschaft. Demgegenüber suchen die Staaten anderer Weltregionen nach Alternativen. Es wird deutlich, dass zur Betrachtung von Geopolitik und Geschichte nicht nur die Seite der Macht gehört, sondern auch die derjenigen zu betrachten ist, die dieser Macht unterworfen sind und als Folge ihrer Unterwerfung neue Modelle entwickeln, die langfristig die alten ablösen können.

Effenberger zeichnet in seinem Buch, das im Laufe der Jahre geschriebene Essays und Reden vereint, einen tiefgehenden und gleichzeitig weiten Überblick über die Geschichte; er zeigt auf, wie die Gegenwart zustande kommen konnte und was für die Zukunft geplant ist. Dabei wird ebenso klar, dass die tradierten Erzählungen der Geschichte, die heute zum vermeintlichen Allgemeinwissen gehören, sich bei näherer Betrachtung viel differenzierter darstellen. Wer also die Gegenwart verstehen und die Zukunft vorhersehen will, der kommt ihr mit diesem Buch ein beachtliches Stück näher und erhält zudem eine andere Sicht auf historische Ereignisse.


