Der Wind des Wandels

Der Besuch einer Demonstration der „Fridays for Future“-Bewegung hat die Fotografin und Friedensaktivistin Anke Westermann tief berührt.

Die Erwachsenen hatten alles versucht, um das zu verhindern: den Leistungsdruck an Schulen so verstärkt, dass Kopf und Zeitplan der Heranwachsenden immer zum Bersten voll war mit Lernstoff. So sollte kein Platz mehr sein für freies Denken und Fühlen, für die wirklich wichtigen Dinge. Und jetzt ist es doch passiert: Junge Menschen rebellieren und gehen Freitags zu tausenden auf die Straße. Für die Umwelt. Für ihre Zukunft. Das hat unsere Autorin tief beeindruckt und sie schrieb einen Brief an Dirk C. Fleck – verdienter Öko-Aktivist und Autor – zum weltweiten Schüler-Streik am Freitag, den 15. März 2019.

Lieber Dirk,

danke dafür, dass ich schon im Voraus Deinen Artikel zur Fridays-For-Future-Bewegung lesen durfte. Darum geht es mir auch jetzt in meiner Antwort.

Heute Vormittag fand nämlich hier in Bonn der zweite Schülerstreik in diesem Jahr statt.

Ich hatte Dir ja erzählt, dass ich vor ein paar Tagen im Sekretariat der Schule meiner Kinder angerufen habe, nachdem meine Tochter mir gesagt hatte: Nein, sie würde diesmal nicht demonstrieren gehen, denn das gäbe einen Verweis und unentschuldigte Fehlstunden auf dem Zeugnis – was mir, by the way, ziemlich egal gewesen wäre.

Die Sekretärin der Schulleitung bestätigte das, auch mit Verweis auf den Runderlass des Schuldezernenten der zuständigen Kölner Bezirksregierung.

„Ich bin nie in der Schulzeit demonstrieren gegangen“, sagte sie. Und: „Wenn es ihnen wirklich wichtig ist, dann sollen sie ihre Freizeit dafür opfern.“

Genau dies ist natürlich auch heute auf der Demo ein mindestens so großes Thema gewesen, wie der Anlass der Veranstaltung, der Aufruf zum Klimaschutz selbst. Dazu schreibe ich Dir ein Zitat von einem der jugendlichen Organisatoren, Noah Rosenbrock:

„Die Leute sagen, wir sollen dafür unsere Freizeit opfern“, sagte er. Und er ist 15!

„Wir opfern extrem viel Freizeit dafür. Gerade in der ganzen Vorbereitung. Gestern war ich noch fünf Stunden unterwegs, um das hier heute mit anderen auf die Beine zu stellen. Und die andere Sache ist wirklich: Es ist ein Klimastreik. Und es ist eben kein Streik, wenn man dafür nicht irgendwo fehlt.
Deswegen ist das Argument meiner Meinung nach sehr schwach. Wir streiken ja hier, damit dann auch über uns und im Zweifelsfalle auch über den Klimaschutz geredet wird. Das ist unser Ziel und ich denke, das haben wir erreicht. Dadurch, dass wir in der Schule fehlen, müssen sich die Schulleiter und auch die Ministerien mit uns beschäftigen. Es ist einfach provokant, wenn wir in der Schule fehlen. Gerade wenn wir sehen, wie viele Leute heute hier sind. Man spürt diesen Druck in den Schulen. Ich glaube, wenn wir sonntags nachmittags hier irgendwo gestreikt hätten, dann hätte kaum Frau Merkel oder der Bundespräsident irgendetwas über uns gesagt. Deswegen provozieren wir, damit über uns diskutiert wird.“

Erstaunliche Reaktionen auf den Streik gibt es tatsächlich auch zuhause von meiner Tochter: „Das Krasseste finde ich, dass die Schule bei allen, die demonstrieren waren, zuhause angerufen hat.“ Diese Maßnahme unserer Schule hat bei ihr beinahe größere Wirkung gezeigt, als die Demonstration selber. Das ist ein Machtspiel mit Angst. Es ist ja schließlich nicht so, dass die Kinder dauerhaft nicht mehr zur Schule gingen, sondern es geht hier um einen Freitag pro Monat, wenn es hochkommt.

Umso erstaunlicher finde ich, dass so viele Kinder heute dabei waren. Trotz des immensen Druckes, dem sie in der Schule durch Angst vor schlechten Noten ausgeliefert sind.

Dass so viele Kinder dabei sind, trotz der Pubertät, die anstrengend ist und so ziemlich alles in der eigenen Erlebniswelt umkrempelt, und trotz der mächtigen Reize überall, wie gutem Aussehen, Spaß und Wirkung, die deutlich präsenter sind, als Klimaschutz und Klimawandel.

Es gibt auch andere Wege, mit dieser Pflichtenkollision zwischen dem Recht auf Demonstrationsfreiheit und der Schulpflicht umzugehen. Einige Schulleitungen in Bonn und Umgebung nämlich haben klargemacht, dass keine unentschuldigten Fehlstunden notiert werden. Manche Schulen haben sogar eine schulische Veranstaltung daraus gemacht und sind im Klassenverband erschienen. Und obwohl sie natürlich auf die Schulpflicht hinweisen, unterstützen sie die Schüler, erteilen sicherlich keine Verweise und vermeiden auch andere Hindernisse, wie zum Beispiel Klausuren auf den Termin zu legen.

Das heißt sie unterstützen die jungen Menschen in ihrem Anliegen, die Alten dazu zu bringen, mehr Verantwortung für den Klimaschutz zu übernehmen.

Wie viele Leute bei diesem fiesen Wetter erscheinen würden, habe ich mich vorher gefragt. Und es waren an die 5.000 Kinder, Jugendliche und einige Erwachsene, die sich versammelt hatten und friedlich und teilweise ziemlich laut durch die gesamte Innenstadt marschiert sind.

Ich mittendrin. Meine Kopfhöhe lag teilweise deutlich über dem Durchschnitt. Bis ans Ende des Demonstrationszuges zu schauen, war mir trotzdem nicht möglich, ohne irgendwo hochzuklettern, denn es war ein buntes Schildermeer, das über unseren Köpfen mitgetragen wurde.

Das finde ich einfach schön, weil es richtig ist!

Es ist richtig, dass das Leben auf diesem Planeten ins Bewusstsein der Kinder rückt. Richtig und – wie Du auch in Deinem Artikel schreibst: überlebenswichtig.

Sei herzlich gegrüßt!
Anke

P.S.: Das Lied „Wind of Change“ klang übrigens aus den Boxen, als der Marsch auf dem Bonner Friedensplatz für Kundgebungen stoppte. Und beim Blick auf so viele junge Menschen, denen es ernst ist, mit dem was sie fordern, lag er spürbar in der Luft, der Wind der Veränderung.

P.P.S.: Runderlass des Ministeriums für Schule und Weiterbildung zur Überwachung der Schulpflicht


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Foto: Anke Westermann

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