Des Glaubens liebstes Kind

Wunder können geschehen. Nicht nur bei der Deutschen Bahn und nicht nur durch die Heilige Maria. Wer das naiv nennt, hat den Ernst der Lage nicht begriffen.

Dystopische Erzählungen haben derzeit Hochkonjunktur. Das nervt. Kein Kopf muss aber deshalb im Sand stecken bleiben. Denn es gibt ja Wunder, von der keine Geringere als Katja Ebstein behauptete, sie geschähen „immer wieder“. Die katholische Kirche könnte das bestätigen. Psychologen sprechen von einer „menschlichen Ursehnsucht nach dem Übersinnlichen und Unerklärlichen“. Vor allem in Zeiten der Polykrise verwundert das nicht. Wenn alles viel zu viel wird, schreien nun mal alle danach, davon erlöst zu werden. Und weil man bisweilen keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll, wäre es ziemlich praktisch, wenn das übernatürlich gelöst würde. Manchmal scheint das sogar der einzige Ausweg — „Da hilft nur noch ein Wunder“, heißt es in einem gängigen Sprichwort.

Man stelle sich eine österreichische Marktgemeinde vor, die sowas von bankrott ist, dass es nicht bankrotter geht. Also muss eine Idee her, um Geld in die leeren Kassen zu spülen. Wie wäre es da beispielsweise mit einem Wunder? Leider ist keines da. Macht aber nichts. Denn: Das kann man arrangieren. Gesagt, getan. Fortan erscheint in der österreichischen Marktgemeinde die Gottesmutter Maria. Natürlich ist das nur gelogen und vom Bürgermeister und seinem besten Kumpel inszeniert, aber Touristen und Pilger ahnen davon nichts und kommen zuhauf — und damit auch die „Marie“, wie man zu Geld umgangssprachlich sagt. Zig Busse rollen an, das Fernsehen berichtet. Es gibt plötzlich einen florierenden Maria-Shop, Weihwasser in allen Duftnoten und im Dorf-Gasthaus Marienerscheinungs-Menüs.

So erzählt es Regisseur und Drehbuchautor David Schalko in der achtteiligen TV-Serie Braunschlag, die 2011 veröffentlicht wurde und nicht nur in Österreich zum Kult avancierte. Und natürlich hat er recht: Wunder lassen sich immer gut vermarkten. Da mag die Welt noch so aufgeklärt sein, da mag Immanuel Kant noch so laut sein „Sapere aude“ hinüberrufen, der Glaube an Wunder ist dem Menschen nicht auszutreiben. Eine anthropologische Konstante. Psychologen sprechen von einer „menschlichen Ursehnsucht nach dem Übersinnlichen und Unerklärlichen“. Vor allem in Zeiten der Polykrise verwundert das nicht. Wenn alles viel zu viel wird, schreien nun mal alle danach, davon erlöst zu werden. Und weil man bisweilen keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll, wäre es ziemlich praktisch, wenn das übernatürlich gelöst würde. Manchmal scheint das sogar der einzige Ausweg — „Da hilft nur noch ein Wunder“, heißt es in einem gängigen Sprichwort.

Allein: Ist der Glaube an Wunder nicht naiv?

Der schottische Philosoph David Hume wies darauf hin, dass vor allem bei ungebildeten und barbarischen Völkern Wundergeschichten erzählt würden. Handelt es sich daher um Phänomene, die auf die Leichtgläubigkeit ihrer Betrachter angewiesen sind und also nur dann auftreten, wenn Skeptiker fehlen?

Droht jedem Wunder letztlich die wissenschaftliche Entzauberung? Oder beweist ihre „Existenz“ vielmehr, dass die Wissenschaft eben nicht immer das letzte Wort hat? Denn: Ist es nicht menschliche Hybris, zu glauben, alles logisch zu durchdringen und erklären zu können? Und liegt nicht gerade im Glauben an Wunder eine notwendige Kraft, um gut durch schwere Zeiten zu kommen? Dort, wo dystopische Erzählungen, und davon hat es mehr als genug, uns zu Boden ringen wollen, verschaffen uns Wunder, selbst die kleinsten, eine aufrechte Haltung und bewahren unseren Kopf davor, sich in den Sand vergraben zu müssen.

Doch wann genau spricht man eigentlich von einem Wunder? Pragmatisch betrachtet handelt es sich um ein derzeit unvollständiges Wissen über ein — noch — unerklärliches Ereignis. Lapidar gesagt ist es uns also einfach voraus. Seine Auftrittswahrscheinlichkeit ist extrem gering, aber irgendwann eben wahrnehmbar, auch wenn erstmal nicht klar ist, warum. Eher philosophisch betrachtet, sind Wunder eine andere Lesart von der Welt, die uns dazu bringt, das Staunen nicht zu verlernen. Nicht alle wundern sich allerdings über dasselbe. Zudem scheint es, als wären die Ansprüche der meisten Menschen diesbezüglich erheblich gesunken.

Heutzutage ist es schon ein Wunder, wenn Friedrich Merz eine Rede hält, in der er nicht mindestens die halbe Republik beleidigt, oder wenn Donald Trump sich mal nicht wie ein Dreijähriger aufführt, der unbedingt seinen Willen durchsetzen will.

Und wenn die Deutsche Bahn pünktlich ankommt, dann ist das ohnehin das größte Wunder von allen. Gewiss, damit soll lediglich ausgedrückt sein, dass etwas der gewöhnlichen Erfahrung zuwidergelaufen ist. Vorausgesetzt ist demnach ein Wissen darum, was normalerweise passiert oder eben nicht. Somit kann selbst der Partner, der plötzlich den Müll rausbringt, obwohl er das sonst nie tut, zu einem Wunder werden.

Wesentlich interessanter wird es freilich, wenn Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, was schon seit der Antike die Mindestvoraussetzung für ein Wunder ist. „Als Naturgesetz nun bezeichnen wir doch wohl nichts anderes als eine mit genügender Sicherheit festgestellte Regelmäßigkeit im Erscheinungsablauf“, stellte Erwin Schrödinger fest, einer der Begründer der Quantenphysik.

Nun ist es allerdings so, dass auch das mit den Naturgesetzen eine unvollständige Sache ist — es ist davon auszugehen, dass noch längst nicht alle bekannt sind. Unter anderem fehlt eine Theorie, welche die Quantentheorie und die Allgemeine Relativitätstheorie umfassend verbindet. Das wiederum setzt ein verändertes Verständnis von Raum und Zeit voraus.

Hinzu kommt: Die meisten Naturgesetze sind zwar allgemeingültig und deterministisch wie das Gravitations- und das Energieerhaltungsgesetz, aber mit der Quantenphysik und Chaostheorie haben auch indeterminierte und zufällige Komponenten Einzug gehalten. Der Kosmologe John Archibald Wheeler stellte daher fest: „Es gibt kein Gesetz, außer dem, dass es keines gibt.“ Das bedeutet, dass Schwankungen, Abweichungen und Unberechenbarkeiten miteingepreist sind und es also immer schwerer wird, die Kategorie „Wunder“ zu bemühen.

Auch sogenannte medizinische Wunder werden heutzutage meist auf robuste Immunreaktionen, genetische Mutationen oder unerwartete Remissionen zurückgeführt, die der Körper ohne bekannte äußere Hilfe leistet. Heilungsgeschichten kommen übrigens in Wundererzählungen am häufigsten vor.

Bereits in der antiken Literatur berichtete der griechische Philosoph Philostratos, wie der umherziehende Weise Apollonius von Tyana eine tote Frau auferweckte. In unseren Breitengraden sind Wunder dieser Art oft ziemlich katholisch aufgeladen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Jesus höchstselbst vorgemacht hat, wie es geht: Er konnte Lahme und Blinde heilen, verwandelte Wasser in Wein und ernährte 5.000 Menschen von nur fünf Broten und zwei Fischen. Über das Wasser wandeln konnte er auch noch. Und schließlich Verstorbene zum Leben erwecken — und sogar selbst den Tod überwinden. Historisch bewiesen ist davon nichts. Dennoch, es klingt beeindruckend. Wer kann da schon mithalten? „Für Gott ist nichts unmöglich“, heißt es im Lukas-Evangelium.

Anscheinend will auch Maria ganz vorne mitmischen. Während sie zu Lebzeiten nicht gerade als Wunderwirkende bekannt war, hat sie wohl Nachholbedarf und dreht seit einigen Jahrhunderten voll auf. Marienerscheinungen gibt es auf der ganzen Welt, ob auf Ischia, ob in Polen, ob in Südkalifornien.

Auch in Deutschland hat die Heilige Mutter einigen Regionen bereits mehrere Besuche abgestattet. Auffallend: In katholische Gegenden kommt sie überdurchschnittlich häufig. Gerüchten zufolge soll sie zwar auch in Großstädten wie München gewesen sein, aber sonst hält sie sich von Ballungszentren eher fern, sondern taucht in kleineren Gemeinden auf wie unter anderem in Fischbachau, Pocking und Walpertskirchen.

Besonders angetan scheint es ihr das saarländische Marpingen zu haben. Erstmals soll die Heilige Maria dort drei Heidelbeeren sammelnden Kindern erschienen sein. Das war 1876. Neun Tage später pilgerten bereits 20.000 Menschen an den damals 1.600-Seelen-Ort. Der preußische Staat, angetrieben vom sogenannten Kulturkampf zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der katholischen Kirche, schickte bald bewaffnete Truppen nach Marpingen. Man befürchtete einen Aufstand. Als die Armeen angriffen, wurden etliche Pilger schwer verletzt, andere verhaftet. Erst über hundert Jahre später, 1983, soll es in Marpingen die nächsten Marienerscheinungen gegeben haben. Zuletzt sei die Muttergottes 1999 aufgetaucht und soll sich drei Seherinnen, die zwischen 25 und 35 Jahre alt waren, 13 Mal gezeigt haben. In ihrer ersten Botschaft soll die Heilige Maria gesagt haben: „Ich will den Triumphzug meines unbefleckten Herzens in Marpingen beginnen.” Und später: „Habt keine Angst, meine Kinder, ich bin bei euch. Ich bin eure Mutter, die euch in den Armen hält. Ich lasse euch nicht im Stich, vor allen Dingen nicht in diesen schwer bedrängten Zeiten.“ Letztlich ihr Hinweis: „Ich möchte keine Sensationen.“

Marpingen, etwa das deutsche Lourdes? Nein, entschieden die meisten Einwohner. Bei einer Befragung im Jahr 1999 lehnten es 83 Prozent ab, die Gemeinde zu einem offiziellen Wallfahrtsziel zu machen. Sechs Jahre lang prüfte eine fünfköpfige Kommission, was an den Erscheinungen in Marpingen dran ist. Die Glaubwürdigkeit der Berichte wurde akribisch untersucht. Schließlich gab Kardinal Reinhard Marx in einem Dekret bekannt, es stehe nicht fest, dass den Ereignissen in Marpingen ein „übernatürlicher Charakter“ zukomme, „schwerwiegende Gründe“ sprächen dagegen. Über das Votum habe es eine Rücksprache mit der vatikanischen Glaubenskongregation und der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz gegeben.

Marpingen ist kein Einzelfall. Das Gros der Marienerscheinungen wird kirchlich gar nicht anerkannt oder schafft es noch nicht einmal, einem Prüfverfahren unterzogen zu werden, das äußerst akribisch und langwierig ist. Mehrere Kommissionen werden eingesetzt, schließlich ein Gremium der vatikanischen Kongregation, bestehend aus Theologen, Juristen, Historikern und Medizinern. Man macht es sich also nicht leicht, Rom braucht Fakten auf dem Tisch. Da kann Maria auch über 40.000 Mal erscheinen, wie angeblich im bosnischen Städtchen Medjugorje, doch das alleine reicht nicht. Von einem Wunder spricht die katholische Kirche erst, wenn es um schnelle und andauernde Genesungen unheilbar Kranker geht. Mehrere Ärzte und Wissenschaftler untersuchen dann den Vorgang, Zeugen werden vernommen, Krankenakten gesichtet. Erst wenn eine wissenschaftliche Erklärung für die Heilung vollständig ausgeschlossen werden kann, darf von einem Wunder die Rede sein.

Wer übrigens nicht darauf warten will, ein Wunder präsentiert oder bestätigt zu bekommen, kann selbst tätig werden. Von Chemiker Luigi Garlaschelli, spezialisiert für die Aufdeckung paranormaler Phänomene, gibt es eine Bastelanleitung für eine weinende Madonna. Man nehme eine hohle Statue aus saugfähigem Material wie Gips oder Ton und befülle sie durch eine winzige Öffnung mit Wasser. Außen wird eine wasserdichte Glasur aufgetragen, die das Austreten der Flüssigkeit verhindert. Kratzt man die Glasur jedoch um die Augen herum auf, treten dort „Tränen“ aus. Für alle, die noch mehr Drama wollen, empfiehlt sich eine rot gefärbte Flüssigkeit — eh voilà, fertig ist die Blut weinende Madonna. Wie gesagt, in diesen stürmischen Zeiten muss man sich eben zu helfen wissen. Wunder bleiben immer möglich. Garantiert auch ohne Bastelanleitung.