Die Aliens sind wir
Zum Start von Steven Spielbergs Film „Disclosure Day“ wird klar: Außerirdische in Filmen sind immer eine Frucht des Zeitgeists, der herrschte, während sie gedreht wurden.
In Film und Fernsehen sind Außerirdische heute so präsent wie einst Indianer und Cowboys. Das „ganz Andere“ fasziniert Menschen als potenzielle Bedrohung wie als Verheißung einer alternativen, vielleicht schöneren Realität. Nicht zuletzt bieten fremde Welten eine schier unerschöpfliche Spielwiese der Kreativität. Der modernen Computer-Tricktechnik ist es zu verdanken, dass die Zauberwesen in „E.T.“, „Alien“ oder „Avatar“ wie lebendig aussehen. Neben der technischen Machbarkeit bestimmt aber noch ein Faktor das Gesicht der „Fremden“: der jeweilige Zeitgeist mit seinen spezifischen Ängsten und Wunschprojektionen. Steven Spielbergs „Disclosure Day“ ist das vorerst letzte Kapitel in der filmischen Rezeptionsgeschichte dieses dankbaren Themas. Das Besonderes dabei: Der Großregisseur spielt geschickt mit der Frage, ob die Theorien über Alien-Präsenz auf der Erde seit Ende des Zweiten Weltkriegs wahr sein könnten. Angeheizt werden derartige Spekulationen auch durch die Ankündigungen Donald Trumps, demnächst Ufo-Akten freizugeben. Bevor „die Wahrheit“ jedoch unzweifelhaft klar ist, bliebt Raum für ausufernde Spekulationen. Ein Trip in die Vergangenheit der Zukunft.
„Es gibt kein Amerika mehr“, klagte der französische Chansonnier Jacques Brel in einem Lied. „Il n’y a plus d’Amérique“. Gemeint war: Es gibt nichts mehr zu entdecken, keine weißen Flecken auf der Landkarte. Auf neues Terrain vorstoßen und plötzlich einem unerforschten Menschenstamm begegnen: mit eigentümlicher Kleidung und Gesichtsbemalung, fremdartigen Riten. Annährung und Freundschaft erleben — oder Lebensgefahr. Für die Entdecker früherer Zeiten waren solche Erfahrungen noch möglich. Aber auch der absolute Alptraum war denkbar: Unversehens von solchen „Fremden“ überrannt zu werden, etwa von einem Mongolensturm wie im Mittelasien des 13. Jahrhunderts. Von Wesen, die nichts anderes im Sinn haben, als uns zu töten, zu versklaven, die uns lieb gewordene Welt zu zerstören. Würden wir heute kriegerisch besetzt, es wäre nicht dasselbe. Wir hätten die Feinde zuvor dutzende Male im Fernsehen und auf Internetvideos gesehen.
Im Sinne dieser Konfrontation mit dem Unbekannten gibt es heute in der Tat „kein „Amerika mehr“ und auch keine Mongolenstürme. Man kann darüber erleichtert sein oder, wie Brel, in Melancholie verfallen. Denn die verplante, übererforschte Welt hat heute einen großen Teil ihres Zaubers verloren. Dorian Gray in Oscar Wildes gleichnamigem Roman beschreibt ein „wildes Verlangen, unsere Lider möchten sich eines Morgens einer neuen Welt öffnen“. Diese Sehnsucht stillen Fantasy- und Science Fiction-Geschichten, vor allem solche über Außerirdische. Die alten Prägemuster zeigen sich aber auch in neuen Sci-Fi-Filmen noch sehr deutlich. „Avatar“ von James Cameron ist eine technisch aufgemotzte Indianergeschichte. Thema ist die Mission einer technisch überlegenen Spezies unter Wilden – „Pocahontas“-Love-Story inbegriffen. „Krieg der Welten“ von Steven Spielberg ist eine Mongolensturmgeschichte. Das Grauen kommt plötzlich und unverschuldet.
Die Anfänge: „Reise zum Mond“
Von den Anfängen des Science Fiction-Films erzählte unlängst ein modernes Werk: „Hugo Cabret“ von Martin Scorsese. Darin tritt die Regielegende Georges Méliès (1861-1938) auf, ein Kino-Visionär voll kindlicher Spielfreude. Berühmt ist das Bild einer Rakete, die den Mann im Mond direkt ins Auge trifft. „Die Reise zum Mond“ (1902) gilt als erster Science Fiction-Film der Geschichte. Darin treten auch erstmals Außerirdische auf, die Seleniten (Mondmenschen). Der Film basiert auf Elementen des Romans „Die ersten Menschen auf dem Mond“ von H.C. Wells aus dem Jahr 1901 sowie „Von der Erde zum Mond“ von Jules Verne von 1865. Literarische Vorbilder haben den Science Fiction-Film seither immer wieder inspiriert, zumal der Fantasie des Schreibers nicht so enge tricktechnische Grenzen gesetzt sind wie den Alien-Filmen älteren Datums. Interessant ist, dass ältere Sci-Fi-Visionen kaum über den Mond und die innere Erde hinausreichten, die der restlos erforschten Welt als neues „Amerika“ dienten.
Ein berühmter früher Science Fiction-Film ist auch Ed Woods „Plan 9 aus dem Weltall“ (1959), in dem der Zuschauer mit einer wirren Freakshow aus Aliens und Untoten konfrontiert wird. Wood gilt als „schlechtester Regisseur aller Zeiten“, was vor allem den selbst für damalige Verhältnisse miesen Tricks geschuldet war. So entflammte der Regisseur Papier-Ufos mit dem Streichholz und ließ sie an Angeln befestigt durch das Bild schweben.
Die Außerirdischen waren geschminkte Menschen. Aber die ernst gemeinte Science Fiction-Kunst von heute ist immer die Lachnummer von morgen.
Ed Woods holprige Dialoge und Pappmaché-Kulissen wurden später in der Serie „Star Trek Voyager“ als Holodeck-Simulation „Captain Proton“ veralbert.
Kalter Krieg im Weltall
1966 wurde das Bild des Außerirdischen von zwei Bahn brechenden Fernsehserien revolutioniert, die unabhängig voneinander entstanden. Die deutsche Produktion „Raumpatrouille“ irritierte damals mit dilettantischen Raumschiffarmaturen und skurrilen „Zukunftstänzen“. Die Außerirdischen, die „Frogs“, waren allerdings erstaunlich innovativ gestaltet: langgezogene Humanoide von flirrender, „durchsichtiger“ Gestalt. Es war, als habe man „Feinstofflichkeit“ andeuten wollen. Die Geschichte des aufsässigen Commander McLane war vom antiautoritären Geist der Prä-68er-Zeit inspiriert; die strikte Trennung zwischen Freund und Feind allerdings eher vom Kalten Krieg. „Patrouille“ war ein deutlich militärischer Begriff: „Unser Land“ musste gegen „die da draußen“ verteidigt werden. Die „untermenschlichen“ Aliens durften, ja mussten nach Bedarf abgeschossen werden.
Subtiler ging eine US-amerikanische Serie vor: „Star Trek“, ein visionäres Konzept von Gene Roddenberry, beginnend mit den „Kirk/Spock-Folgen, die in Deutschland als „Raumschiff Enterprise“ liefen. Der titelstiftende Begriff „Trek“ verweist nicht auf Grenzsicherung, sondern auf den mutigen Aufbruch in absolutes Neuland. Der Nationalmythos der Amerikaner, der Siedlertreck gen Westen, wird hier in die unendlichen Weiten des Weltraums projiziert. Der Auftrag der Forscher ist friedlich, es gilt das Gebot der Nichteinmischung. Im Nachhinein erkennt man auch, wie revolutionär es war, einen Alien von Anfang an zum Teil der Mannschaft zu machen: den Vulkanier Spock. „Böse Russen“ gab es allerdings auch: die Klingonen, pöbelnde Barbaren.
Aliens im Wandel der Tricktechnik
Die Star-Trek-Serien zeigen deutlich: Wie Außerirdische im Film dargestellt wurden, ist zum großen Teil auch eine Frage des Budgets und des tricktechnischen Fortschritts. Der typische Star-Trek-Alien ist ein Mensch mit aufgeklebten Stirn- und Nasenwülsten. Mental repräsentierten Vulkanier und Klingonen zwei ins Karikaturhafte gesteigerte Varianten des Menschlichen: Auf der einen Seite der kühle Logiker mit abtrainierter Emotionalität; auf der anderen Seite der bis zur Lächerlichkeit emotional erregbare „Steinzeitmensch“. Überlegen erscheint da natürlich der „mittlere Weg“, repräsentiert durch den vernünftigen, jedoch auch emotional offenen Captain Kirk. In „Raumschiff Voyager“, der tricktechnisch fortgeschrittenen Serie der 1990er, trat dann die CGI-animierte „Spezies 8472“ auf, ein reptilienartiger Vierbeiner, der multidimensional reisen und unvermittelt aus dem „Subraum“ auftauchen konnte.
In „Star Trek – The Next Generation“ tauchte erstmals die Wesensgruppe der „Borg“ auf: Cyborgs (Roboter-Menschen), die ein Kollektivbewusstsein teilten und darauf erpicht waren, jede Spezies zu „assimilieren“. Die menschliche Seele selbst schien so nicht mehr sicher vor den Angreifern.
Mittels eines gewaltsamen „Anschlusses“ an die Megamaschine konnte jeder „Gute“ dazu gebracht werden, sein „Bösewerden“ im Nachhinein gutzuheißen und sich aktiv an der Assimilation bisher freier Wesen zu beteiligen. Dies kann durchaus als Faschismus-Parabel verstanden werden.
Die Tradition solcher Geschichten ist jedoch älter als die Borg. 1951 erschien Robert A. Heinleins Roman „The Puppet Masters“, in dem Aliens in die Köpfe der Menschen eindrangen, um sie zu steuern. 1956 folgte der Film „Die Dämonischen“ (Invasion of the Body Snatchers) nach einem Buch von Jack Finney — mit einer ähnlichen Thematik. Diese Handlungsstruktur war sicher der Kommunismus-Hysterie der McCarthey-Ära geschuldet. Allgemeiner: der Furcht vor „Unterwanderung“ während des Kalten Kriegs. Die Aliens in Menschenkörpern waren Feinde im Sold „der Russen“.
Liebe Außerirdische: „Peace!“
Man erinnere sich: Schon 1938 hatte Orson Welles mit seinem Radio-Hörspiel „Krieg der Welten“ nach einem Roman von H.C. Wells eine Massenpanik ausgelöst. Die Hörer nahmen die Fiktion für bare Münze. Seit den 1950ern hatte die Bedrohung eine neue Dimension angenommen: Mit der Atombombe war erstmals die Zerstörung der gesamten irdischen Zivilisation denkbar. Diese Tatsache floss ebenso in die Handlung von Science Fiction-Filmen ein wie die Mondlandung 1969. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte der Mond seine Exotik verloren, hatte aufgehört „Amerika“ zu sein. Da musste dann schon der Mars, der Delta-Quadrant oder eine ferne Galaxie her.
Aber das (kalte) Kriegsgetöse wurde obsolet, und eine neue Generation sehnte sich nach „Peace, love and understanding“. Herrlich zeitgeistkonform ist etwa der Jane Fonda-Film „Barbarella“ (1968). Die dralle Heldin und alle Aliens, denen sie auf ihrem Trip durch die Galaxie begegnet, sind nur an einem interessiert: Sex, speziell: der „Freien Liebe“. Kosmische Hippies im Glitzerkostüm tummelten sich.
Mit der Welle (angeblicher) Ufo-Sichtungen der neueren Zeit (1950er und 1960er-Jahre) entstand dann auch ein neuer Typus des Alien-Films. Ufo-Gläubige schlossen sich zu sektenartigen Gemeinschaften zusammen, die an die Ankömmlinge aus dem All Heilserwartungen knüpften. Steven Spielbergs Geniestreich „Unbekannte Begegnung der Dritten Art“ (1977) ist der Klassiker unter den Filmen mit „guten Außerirdischen“. Nachdem sich rätselhafte Zeichen mehren, pilgern „Berufene“ zu einem Berg, auf dessen Gipfel sich die Ufo-Landung als Heilsoffenbarung vollzieht.
Sie sind in uns
Tim Burtons „Mars Attacs“ (1996) karikiert genau diese „Gutmenschenhaltung“, zielt vor allem auf die ausländerfreundliche Political Correctness der 68er-Generation. Die Aliens mit übergroßen Gehirnen werden von einem gutwilligen Empfangskomitee begrüßt. Sie haben aber nur eins im Sinn: alle Menschen niederzumetzeln und auszurotten. Spätestens da war die Zeit verständnisvoller „Ostpolitik“ gegenüber den Fremden aus dem All vorüber.
Schon „Alien“ von Ridley Scott(1979) hatte außerirdisches Leben deutlich ungnädiger dargestellt. Das Werk markiert den Versuch der Regisseure von Science-Fiction-Filmen, dessen Fixierung auf humanoide Formen zu überwinden. Das Wesen ist tierartig, gnadenlos, inkompatibel mit der Menschenwelt. Die Sozialstruktur der Wesen ist insektenartig in Königin und Arbeiter gegliedert. Auch die Praxis, Opfer in einen Fadenkokon einzuspinnen, ist insektoid. Diese Aliens sind die Verkörperung von Urängsten. Das Fremde könnte sich im eigenen Körper einnisten und unvermittelt hervorbrechen — ein Parasit, für den der Mensch nichts ist als ein „Wirtskörper“.
Im Wesentlichen tragen die Filme seit den späten 1970er-Jahren das Gepräge der Post-68er-Restauration. Friedfertigkeit und Antimilitarismus des „New Hollywood“ wurde als Sozialromantik von gestern ad acta gelegt. Die Gier nach klingelnden Kinokassen verlangte ohnehin eher nach Zoff.
„Independence Day“ (1998) ist ein vaterländisches Epos in der Manier von Kriegs-Propagandafilmen. Der US-Präsident hielt darin eine flammende Rede:
„Sollten wir diesen Tag überstehen, wird der 4. Juli nicht mehr länger nur ein amerikanischer Feiertag sein. Sondern der Tag, an dem die Welt mit einer Stimme erklärt: Wir werden nicht schweigend in der Nacht untergehen. Heute feiern wir gemeinsam unseren Independence Day!“
Amerikanische „Global Leadership“ in Reinform, inszeniert von dem Deutschen Roland Emmerich.
„Außerirdische raus!“
Auch „Krieg der Welten“ von Steven Spielberg (2005) ist eine versteckt ausländerfeindliche Parabel. Dies zeigt vor allem der pathetische Off-Kommentar, eingeblendet, nachdem die Invasoren von irdischen Bakterien getötet worden waren:
*„Von jenem Augenblick an, da die Eindringlinge auf der Erde anlangten, unsere Luft atmeten, aßen und tranken, waren sie dem Tod geweiht. Durch zahllose Todesopfer hatte der Mensch sich seine Immunität erkauft, sein Recht weiterzuleben. Und allen Herausforderungen zum Trotz gehört dieses Recht uns.“ *
Vereinfacht: Jedes Land gehört denen, die schon immer da waren. Die anderen bleiben besser draußen. Solche Alien-Filme waren Begleitmusik der neokonservativen Restauration, aber auch einer postideologischen, nur dem Kommerz verpflichteten Spaßkultur.
„Vertraue niemandem“ – schon gar nicht der Regierung!
Subtiler — und auch relevanter mit Blick auf den neuen Film „Disclosure Day“ – war Chris Carters ambitionierte Serie „Akte X“, die in den 1990-Jahren startete. Sie machte einer breiteren Masse von Fernsehzuschauern einige bisher einer skurrilen Minderheit vorbehaltene Verschwörungstheorien und Ufo-Theorien zugänglich. „Vertraue niemandem!“, das Kult gewordene Pop-Mantra der Serie, war laut Chris Carter nichts anderes als ein Aufschrei der verletzten Kollektivseele, denn jeder, so Carter, möchte doch irgendjemandem vertrauen können. Doch wem können wir noch vertrauen? Früher bezogen sich Verschwörungstheorien in Filmen stets auf Feinde von außen — Spione im Dienst des kommunistischen Klassenfeindes oder schlicht größenwahnsinnige Kriminelle.
In den 1990ern hatte sich das Bild gewandelt. Der Staat selbst wurde zum Gegner, zur Bedrohung für den Einzelnen in seinem Bedürfnis nach Freiraum und unverletzter Integrität. Man traute „seinen“ Politikern, Geheimdienstlern und Wirtschaftsführern buchstäblich alles zu.
Nicht zufällig entstand das „Akte-X-Lebensgefühl“ nach dem Fall der Mauer und dem scheinbaren Verlust aller „vertrauten Feinde“, deren chronische Schurkenhaftigkeit vorher zu den verlässlichen Konstanten des Lebens gehörte. Politische Verschwörungstheorien der Nach-Wende-Ära waren auch eine Gegenreaktion auf den scheinbar in Erfüllung gegangenen, sich aber immer mehr zum Alptraum wandelnden Traum von der unangefochtenen Weltherrschaft der „Guten“. Die „Mythologie“ der Serie beinhaltete, dass eine Gruppe von Weltverschwörern ein Abkommen mit den Aliens abschloss, das diesen die „Nutzungsrechte“ für Experimente an lebenden Menschen einräumte, mit dem Ziel, „Mensch-Alien-Hybriden“ zu züchten. Das Argument der Dunkelmänner: Da die Aliens ohnehin unbesiegbar sind, versuchen wir durch unser Entgegenkommen Schlimmeres zu verhindern. Die Außerirdischen selbst erschienen dabei in der Regel nur schemenhaft und konnten mit Menschen nicht direkt in einen Dialog treten.
Menschliche Versuchskaninchen
„Disclosure Day“ schließt zum Teil an „Unheimliche Begegnungen der Dritten Art“ an — insofern, als eher gutartige Aliens auftreten, mit denen gar Erlösungshoffnungen verbunden sind. Beide Filme fußen auch auf Berichten, die man zwar nicht vorschnell als „die Wahrheit“ bezeichnen kann, die aber mit Wahrheitsanspruch auftreten. Dazu zählen Ufo-Sichtungen, Theorien über den Absturz eines bemannten Flugkörpers bei Roswell 1947, die Bergung von Ufo-Trümmern sowie nicht-menschlicher Wesen, von denen auch der Kongress-Abgeordnete David Grusch im Jahr 2023 sprach, „Zeugenberichte“ über Entführungen und wissenschaftliche Untersuchungen von Menschenkörpern durch Aliens, wie sie etwa John E. Mack in seinem Bestseller „Entführt von Außerirdischen“ (1994) gesammelt hat.
Übereinstimmend mit solchen Berichten, die auf Wahrheit beruhen könnten oder auch nicht, zeigt „Disclosure Day“ auch überlegene telepathische Fähigkeiten der Aliens, das Vermögen, durch Wände zu gehen und das Erzeugen einer Willenslähmung bei den menschlichen Opfern. Solche Themen bilden den Hintergrund des Films und machen ihn für Menschen spannend, die sich für Themen der „Ufo-Forschung“ interessieren. Der Titel des Films ist schon deshalb von Bedeutung, weil es in den USA tatsächlich ein „Disclosure Movement“ gibt, eine Vereinigung, die sich dafür einsetzt, dass alles, was der US-amerikanische Geheimdienst über die Präsenz von Außerirdischen und ihre möglichen Interaktionen mit Menschen weiß, bedingungslos der Öffentlichkeit mitgeteilt werden sollte. „Die Menschen haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren“, sagte der Whistleblower Daniel Kellner (Josh O’Connor) im Film. Sein Gegenspieler Noah Scanlan (Colin Firth), der Leiter der regierungsnahen Organisation Wardex, meint dagegen: „Die Menschen werden nicht akzeptieren, was wir wissen.“
Das Gefühl schwingt mit, dass an der Filmhandlung viel Wahres sein könnte, wie auch Steven Spielberg selbst in einem Interview zum Film andeutete: „Ich bin heute weitaus geneigter, als ich es zur Zeit von „Unheimliche Begegnungen“ war, zu glauben, dass wir nicht die einzige intelligente Spezies im Universum sind.“
Spielberg spricht vom „außergewöhnlichsten Ereignis der Menschheitsgeschichte, dem wir vielleicht entgegensehen“.
Eine Atmosphäre des Misstrauens
Ansonsten ist „Disclosure Day“ der paranoiden Atmosphäre von „Akte X“ am nächsten. Über weite Strecken erscheint das US-amerikanische Establishment selbst als das größte Problem für Aufklärer. Eine über Jahrzehnte andauernde Vertuschungsaktion soll die Bürger des Landes täuschen. Die „Verschwörer“ schrecken auch nicht vor Mordanschlägen auf Daniel Kellner zurück, der ein Recht der Menschen auf die Wahrheit durchsetzen will. Im Übrigen hat schon der oft als harmloses Familienmärchen dargestellte Spielberg-Klassiker „E.T. — der Außerirdische“ (1982) klar gemacht: Die eigentliche Gefahr geht von Menschen aus. Speziell ist der politisch-militärisch-wissenschaftliche Komplex im Visier des Filmemachers, jene Regierungsagenten, die E.T. nachstellen, um ihn zu „untersuchen“. Die Hygienemaßnahmen, die sie verhängen, erinnern an die Corona-Hysterie 40 Jahr später. Der Vorwurf lautet schon hier: Die herrschenden Kräfte der Menschheit haben sich auf einen zutiefst inhumanen Pfad begeben. Wünschenswerte Charaktereigenschaften sind eher im extraterrestrischen Bereich zu finden. Dieses Schema wird in „Disclosure Day“ wieder aufgegriffen.
Der Film zeichnet das Porträt einer Welt, die aus den Fugen ist — ein Dritter Weltkrieg scheint unmittelbar bevorzustehen. Speziell steht Nordkorea für das „feindliche“ Lager. Die Aliens erscheinen just in diesem Moment auf der Bildfläche. Kommen sie als Retter? Jedenfalls bezeichnet Hugo Wakefield (Colman Domingo), Anführer einer Gruppe von Whistleblowern, in einer Szene die Empathie als den zentralen Wert der Besucher aus dem All. Diese sei die Grundvoraussetzung für die evolutionäre Weiterentwicklung im Universum. Könne eine Planetenspezies Empathie nicht realisieren, so sei sie vom Aussterben als Folge gewaltsamer Selbstvernichtung bedroht. Die Heldin der Geschichte, die Wettermoderatorin Margaret Fairchild (Emily Blut) praktiziert Empathie in einer schon an „übersinnliche Fähigkeiten“ grenzenden Weise. Sie erspürt die Hintergrundgeschichte, die Bedürfnisse und seelischen Wunden jedes Menschen, dem sie begegnet. So schafft sie es auch immer wieder, „Bösewichte“ zur Umkehr zu bewegen, indem sie an deren unschuldiges, positives Kernselbst appelliert.
Unwissend sind Bürger dem Staat am liebsten
Wie schon im Spielberg-Film „Die Verlegerin“ mit Meryl Streep hält der Machtapparat auch in „Disclosure Day“ die Bürger über lange Zeit dumm und unwissend — vermeintlich zu deren Schutz, in Wahrheit um die eigene Machtbasis nicht zu gefährden. Geht es in „Die Verlegerin“ noch um Verbrechen der US-Amerikaner in Vietnam, die durch Manipulation der Presse vertuscht werden sollen, so ist das gefährliche Geheimnis in „Disclosure Day“ die Präsenz von Aliens auf der Erde seit 79 Jahren — verbunden mit furchtbaren Verbrechen des „Sicherheitsapparats“ der USA. Das Kartell des Schweigens — ausgestattet mit überlegenen Machtmitteln — kann im Film eigentlich nur durch die Aliens selbst durchbrochen werden. Und dies nur durch fortgeschrittene Techniken psychischer Manipulation, wenn auch hier im Dienst des „Guten“. Dies ist natürlich ein utopisches Szenario, auf das man sich mit Blick auf die irdische Realität nicht verlassen kann.
„Wie wird die Enthüllung [disclosure] uns verändern?“, fragt Steven Spielberg im Interview. „Ich glaube, zum Besseren. Sie wird uns an unsere Fähigkeit zur Empathie erinnern. Und daran, dass da draußen etwas Größeres ist, als wir selbst es sind. […]
Wäre es nicht wunderbar für die Menschen, zu wissen, dass all das wahr ist?“ Ja, aber Steven Spielberg lässt in seinen Filmen stets Raum für Hoffnung, die Realität nicht unbedingt.
Donald Trump veröffentlichte am 8. Mai 2026 einige „Ufo-Akten“, deren Inhalt jedoch unbefriedigend blieb, da ja die Sichtung merkwürdiger Flugobjekte nicht notwendigerweise auf eine nicht-menschliche Besatzung schließen lässt. In einem Bericht des FBI heißt es zum Beispiel: „Das Objekt hatte die Form einer Kartoffel, mit klar definierten Rändern und schien in einer opalisierenden weiß-cremefarbenen Farbe bemalt zu sein.“ Möglicherweise wurden einige kuriose Details veröffentlicht, die das Phänomen „lustig“ und unseriös erscheinen lassen, während die wirklich wichtigen und ernsten Phänomene weiter unter Verschluss gehalten werden.
In diesem Zusammenhang veröffentlichte Donald Trump auch ein Foto von sich mit einem großen, grauen Alien, der mit Handschellen gefesselt war. Natürlich ist das Bild KI-generiert. Es zeigt aber, welche infantilen Fantasien den US-Präsidenten im Zusammenhang mit möglichen „Begegnungen der Dritten Art“ bewegen. Außerirdische als Gefahr, die jedoch von einem omnipotenten amerikanischen Sicherheitsapparat problemlos überwältigt werden können — dies entspricht dem seifenblasenhaft aufgeblähten Selbstbild des US-Präsidenten.
Aliens – die „Russen“ von heute
Das US-amerikanische Militär hätte auf das einschneidendste Ereignis der Menschheitsgeschichte vermutlich keine andere Antwort als Gewalt wegen Eindringens eines Flugkörpers in den nationalen Flugraum, was mit strenger Hand zu ahnden wäre. Mit sich häufenden Belegen über die Existenz der Extraterrestrischen würden sich auch die Vertuschungsbemühungen der Regierung verstärken, würden Whistleblower verfolgt werden. Die Presse würde zensiert, Menschen mit Kontakterfahrungen würden pathologisiert. Ein anderes Szenario wäre die Kreation einer scheinbaren Alien-Bedrohung mit dem Ziel, militärische Sicherheitsmaßnahmen und die Kontrolle der Bevölkerung zu verstärken. Auch als Ablenkungsmanöver in Anbetracht des fundamentalen Versagens der „Eliten“ wäre ein gemeinsamer „auswärtiger“ Feind willkommen.
Aliens als Nachfolger der „Bösen Russen“ — das wäre als Idee nicht einmal neu, nur könnte man Science-fiction-Ideen heutzutage mit modernen technischen Mitteln leichter als Realität erscheinen lassen.
Welche Entwicklung der Alien-Film künftig auch nehmen wird — eine Voraussage können wir wagen. Ob mit angeklebten Ohren oder mit Motion Capture-Verfahren animiert: gemeint sein werden immer wir Menschen. Jeder Alien wurde von einem Menschen erdacht und ist schon deshalb „anthropomorph“. Manchmal wird behauptet, Visionäre wie Spielberg und Roddenberry hätten grenzwissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Drehbücher mit einfließen lassen oder gar gechannelte Botschaften verarbeitet.
Enthalten Filme also Spuren einer Wahrheit, die „irgendwo da draußen“ ist? Selbst wenn dies so wäre: Kulturschöpfungen sind eingefärbt durch die Persönlichkeiten ihrer Macher und die Zeit, in der sie entstehen. Alles, was von uns erfunden oder erkannt werden kann, ist Teil des menschlichen Potenzials. Letztlich sind Filme und Enthüllungen über Aliens bisher immer ein „Schwimmen in der eigenen Soße gewesen“ — ein Projizieren eigener Wunsch- und Angstfantasien auf erfundene Wesen, ein Aufhängen von Zerrspiegeln, in denen die Menschen am Ende immer nur eines in tausenden Varianten wiederfinden werden: sich selbst. Eigentlich also — sieht man von tricktechnischen Kreationen ab — sind die Aliens wir.
Und wenn sie tatsächlich „kommen“?
Es sei denn, sie „kämen“ tatsächlich. Das wäre dann ein Ereignis, das auf einmal etwas radikal Neues in den Orbit unseres Planeten einschleusen könnte. Was dann passieren würde, kann niemand vorhersehen. Dass die „Fremden“ jedoch, wie im Spielberg-Film, weiser und friedlicher wären als wir, erscheint nicht unwahrscheinlich. Es ist ja nicht so schwer, die Menschheit diesbezüglich zu übertreffen.