# Die Befreiung des Göttlichen

Institutioneller Missbrauch betrifft auch das negative Menschenbild, das die Kirchen seit Jahrtausenden zeichnen. 

von 
   * Kerstin  Chavent

Kirchenaustritte sind in Deutschland auf einem historisch hohen Niveau. Gründe hierfür sind eine fehlende Missbrauchsaufarbeitung, Vertrauensverlust und eine allgemeine Säkularisierung. Die Abkehr vom Institutionellen betrifft die katholische und die evangelische Kirche gleichermaßen. Dennoch bleibt der in zwei Jahrtausenden gefestigte Einfluss der Kirchen im globalen Gefüge groß. Was für ein Gott wurde da geschaffen? Und was haben wir noch mit ihm zu tun? 

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Gott hat es nicht gut bei uns. An Gott glauben vor allem die, die dem Nichts nicht ins Auge sehen mögen. Der Himmel ist leer. Auch die Sterne haben den meisten nicht mehr viel zu sagen. Die Abkehr von der Kirche hat gute Gründe. Viel Gewalt wurde im Namen Gottes ausgeübt. Ab dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurden im alten Rom die Verfolgten zu Verfolgern. 

Alles, was von der römischen Reichskirche abwich, wurde als Häresie verurteilt. Die Schriften der frühchristlichen Gnostiker wurden verworfen und zerstört, und jede Glaubensrichtung, die die absolute Autorität Roms in Frage stellte, wurde verfolgt. Gemeinsam mit den jeweiligen Kaisern und Königen sorgte die Kirche dafür, dass jedes schwarze Schaf entweder in den Stall geführt oder getötet wurde. 

Dem Machtstreben Roms fielen alle zum Opfer, die etwa die Sakramente oder die priesterliche Hierarchie nicht anerkannten und den Reichtum der Kirche Roms ablehnten. 

Bogomilen in Bulgarien, Paulikianer in Armenien, Manichäer in Persien, Waldenser in Italien und in Südamerika, Katharer in Südfrankreich und Norditalien — sie alle waren der Kirche Roms ein Dorn im Auge und wurden verfolgt und vernichtet.

In der ganzen Welt wurde missioniert. Katholisch bedeutet universell. Die Päpste beanspruchten nicht nur die höchste Autorität in Glaubensfragen, sondern ab dem Spätmittelalter auch das Recht, über Könige und Kaiser zu urteilen. Im Namen des Guten wurde nach der Weltherrschaft gegriffen und aus sogenannter Nächstenliebe getötet — ein Motiv, das eine lange Blutspur durch die Geschichte der Menschheit zieht.
## Mogelpackung
Über zwei Jahrhunderte, zwischen 1096 und 1291, schickte Rom Kreuzzüge ins Heilige Land. Sechshundert Jahre dauerte die Zeit der Inquisitionen, die 1231 mit den Kreuzzügen gegen die Katharer begann und 1834 mit der Abschaffung der spanischen Inquisition endete. Nach einem Jahrhundert Christianisierung in Amerika waren etwa 90 Prozent der einheimischen Bevölkerung tot. Millionen fielen der Missionierung in Asien, Afrika und Australien zum Opfer. 

Es war die Kirche Roms, die den Naziverbrechern über die sogenannte Rattenlinie ermöglichte, sich außerhalb Europas ein neues Leben aufzubauen. Kindesmissbrauch und Vergewaltigung werden bis heute von den Autoritäten gedeckelt. So viele Gräuel hat vor allem die Kirche Roms auf dem Gewissen, dass es verwunderlich ist, dass sie überhaupt noch im Namen Gottes predigen darf. 
## Das Kind mit dem Bade
Seit der Saulus zum Paulus wurde, wurden das Göttliche und die Botschaft der Nächstenliebe im Sinne kirchlicher und säkularer Machtinteressen missbraucht. Da, wo Gott draufsteht, ist nicht unbedingt Gott drin. 

Das deutsche Wort Gott soll auf die indogermanische Wurzel gudan zurückgehen: anrufen, beschwören, Opfer darbringen. Demnach ist Gott ursprünglich ein Wesen, an das man sich im Stillen wendet, ein Gegenüber, mit dem der Mensch kommunizieren und in Verbindung treten kann, eine unsichtbare Quelle, von der er hofft, dass sie nie versiegt.

Unabhängig von der religiösen Einstellung wird das Göttliche als höchste oder letztgültige Wirklichkeit verstanden und gilt als Ursprung, Grund oder Ziel der Existenz. In den pantheistischen Religionen ist alles Existierende Ausdruck des Göttlichen. In theistischen Religionen wie Judentum, Christentum oder Islam ist das Göttliche ein persönlicher Gott mit Bewusstsein, Willen und Beziehung zu den Menschen, und in nicht-theistischen Religionen wie manchen buddhistischen oder philosophischen Ansätzen ist das Göttliche eine unpersönliche grundlegende Wirklichkeit oder Wahrheit.

>Philosophisch gesehen kann das Göttliche als das Absolute, das Unendliche oder der letzte Grund des Seins verstanden werden — etwas, das nicht selbst erklärt werden muss, sondern allem anderen zugrunde liegt. 

Es ist das, was Menschen als heilig, transzendent und von höchster Bedeutung erfahren und verehren. Vor allem aber ist es etwas, was den Menschen prinzipiell erhöht. 

Das Christentum in seiner Praxis hat den Menschen vor allem erniedrigt. Die Entstehung der Welt ist an einen Sündenfall gebunden. Eva nahm den Apfel, reichte ihn Adam, und beide wurden aus dem ursprünglichen Paradies vertrieben. Vor allem die Frau bezahlt die Rechnung dafür bis heute. 
## Für immer verloren
Entgegen der Theorie eines aus einem Knall heraus entstandenen Universums, in dem Bewusstsein ein Zufallsprodukt der Materie ist, das mit dem Vergehen des Körperlichen wieder verschwindet, hält sich bei vielen Menschen die Vorstellung eines alleinherrschenden, gleichzeitig autoritären und liebenden Vatergottes. Sie ist Ausdruck der Sehnsucht nach Ordnung, Verlässlichkeit und Sicherheit.

Gott ist eine Macht, an die sich viele wenden, wenn sie in Not sind. Die meisten richten sich an ihn, wenn sie Probleme haben oder zu Weihnachten in eine schöne Stimmung versetzt werden wollen. Unterschwellig jedoch wirkt etwas weiter, das weniger mit Hilfe und Schönheit zu tun hat als mit Schuld und Scham. 

Anders als die katholische Kirche verstand Martin Luther die Erbsünde nicht allein als eine Verfehlung, von der der Mensch durch die Taufe befreit werden kann. Für die evangelisch-lutherische Kirche ist die Erbsünde ein grundlegender Zustand, der jedem Menschen bei der Geburt mit in die Wiege gelegt wird und von der er sich selbst nicht erlösen kann. Rettung erfolgt auch nicht über gute Werke. Allein die Gnade Gottes kann den Menschen vor der ewigen Verdammnis retten. 

Damit legte die protestantische Kirche den Grundstein für ein Menschenbild, wonach wir ein Leben lang Sünder sind und bleiben. Paulus von Tarsus hatte vorgelegt, indem er alle Menschen zu Sündern machte. Augustinus von Hippo arbeitete die Erbsünde systematisch aus, und Martin Luther schließlich verschnürte ein Päckchen, aus dem nur die herauskommen, die Glück haben. Wer Pech hat, muss trotz eines Lebens voller guter Taten die Ewigkeit in der Hölle verbringen. 
## Tief geprägt und nie bereinigt
Wie sollen Menschen, die solchen Unsinn glauben, aufrecht gehen? Wie könnten auf diese Weise freie Gesellschaften entstehen, echte Demokratien, in denen die Menschen gleichberechtigt, eigenverantwortlich und friedlich miteinander leben? Wie sollen wir erwachsen werden, wenn „da oben“ immer noch ein alleinherrschender und strafender Vatergott sitzt?

Auch wenn heute die Kirchen modernisiert wurden, so liegen die Lehren der Kirchenväter weiter wie ein Fluch auf der Menschheit, der uns klein, sündig und ohnmächtig hält. Nach wie vor ist der religiöse, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Einfluss der Kirchen in der Welt groß. Weltweit zählt die katholische Kirche etwa 1,4 Milliarden Mitglieder und die protestantische etwa eine Milliarde. 

>Obwohl die Kirche in den meisten Staaten über keine direkte politische Macht mehr verfügt, hat sie Kontakte zu Regierungen, diplomatische Beziehungen zu den meisten Ländern der Welt und nimmt Einfluss durch Stellungnahmen zu ethischen Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe, Migration oder Klimaschutz.

Weltweit gehört die Kirche zu den größten Eigentümern von Immobilien, Kirchen, Schulen, Universitäten, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen, die sie oft mitbetreibt. Das Reichskonkordat, das 1933 zwischen dem NS-Staat und dem Heiligen Stuhl beschlossen wurde und den Einfluss der Kirche auf die Schulen und Universitäten regelte, ist bis heute völkerrechtlich in Kraft.

Über fast zwei Jahrtausende hat die Kirche die Kunst, Musik, Architektur und Philosophie Europas tief geprägt. Besonders in Afrika und Lateinamerika ist sie einer der größten nichtstaatlichen Anbieter von Gesundheitsversorgung und Bildung. Bis heute ist das Christentum eine der größten Religionsgemeinschaften der Welt, ein bedeutender globaler Akteur im Bildungs- und Gesundheitswesen, ein diplomatisch einflussreicher Partner und eine Institution mit erheblichem kulturellem und moralischem Einfluss.
## Den Zugang zur Quelle freilegen
Zweitausend Jahre Geschichte — und jede Menge Schichten, die es abzutragen gilt, um zu einem Gottes- und Menschenbild zu kommen, das uns wieder frei atmen lässt. Hierzu gehört die Erinnerung an die ursprüngliche Lehre Christi und daran, dass es einmal anders war. 

Es hat nicht schon immer einen strafenden, männlichen Alleinherrscher gegeben. Es gab einmal die Verehrung einer Urmutter, die alle ihre Kinder liebt und nährt (1). Die Erzählungen von Schuld und Sünde sind vor allem soziale und moralische Fesseln, erfunden, um die Menschen kleinzuhalten. In den Kosmologien der Urvölker etwa, in den Veden und in den urchristlichen Schriften wurde ein ganz anderes Menschenbild gezeichnet. 

Die Macht war nicht schon immer auf einige wenige verteilt. Der Mensch wurde nicht schon immer als ein niedriges, fehlerhaftes Wesen angesehen. Das Göttliche trachtete nicht danach, sich den Menschen zu unterwerfen, sondern galt als eine uns allen innewohnende Kraft, die uns auf dem Weg unserer Entwicklung begleitete. 

Die Entwicklung stagnierte, als nur noch das Männliche im Himmel und auf Erden herrschte und das Weibliche als sündig und untergeordnet angesehen wurde. Die Welt fiel aus dem Gleichgewicht. So sind wir in den Kinderschuhen steckengeblieben und haben nur unsere Technik weiterentwickelt, nicht aber unsere Weisheit.

## Reifungsprozess
Wenn heute Menschen behaupten, sie können nicht mehr an Gott glauben, weil er Kriege, Gewalt und Unrecht zulässt, dann ist das eine sehr infantile Vorstellung. Was soll das denn für ein Gott sein, der die „Richtigen“ rettet und die „Falschen“ bestraft? Wieviel Reife fehlt denen, die glauben, Gott müsse in Ereignisse eingreifen, die die Menschen erschaffen haben? Wir wollen frei sein und dann, wenn etwas schiefgeht, rufen wir nach Papa, der für uns die Dinge wieder in Ordnung bringen soll. 

Erwachsene und verantwortungsbewusste Menschen rufen nicht nach dem großen Übervater, wenn es brenzlig wird, sondern nutzen ihr eigenes schöpferisches Potenzial. Sie kennen den Wert der Freiheit. Sie wissen, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet. Und auch, dass sie so frei sind, sich von Gott abwenden zu können. 

Wer das Göttliche aus seinen Fesseln befreit, trägt das Höchste in die Welt, zu dem Menschen fähig sind. Sie haben die Botschaft der Nächstenliebe verstanden: Liebe dich selbst, um deinen Nächsten lieben zu können. Öffne den Kanal zur göttlichen Quelle in dir, zu der fließenden Schöpferkraft, und lass das zu, was dem Mangel vorausging, der die Welt unterjocht: unerschöpfliche Fülle.
## Eine andere Sicht
Der Veden- und Bewusstseinsforscher Armin Risi beschreibt das Göttliche als eine unendliche, bewusste und liebende Urwirklichkeit, die allem Sein zugrunde liegt. In Verbindung mit Elementen aus der Vedanta, dem Bhakti-Yoga, der christlichen Mystik und der eigenen spirituellen Philosophie hat er ein Gottesbild erschaffen, wonach das Göttliche kein unpersönliches Energiefeld ist, sondern über Bewusstsein, Liebe und schöpferischen Willen verfügt. Das Wesen Gottes ist Liebe. Die Seele eines jeden Menschen ist göttlichen Ursprungs, jedoch nicht mit Gott identisch. Die Schöpfung entsteht nicht aus Mangel oder Zufall, sondern aus freiem Ausdruck göttlicher Liebe und Kreativität. 

Nach Risis Weltsicht ist die materielle Welt wie eine Schule des Bewusstseins. Die Bestimmung des Menschen ist es, die göttliche Liebe bewusst zu erkennen und aus freier Entscheidung mit ihr in Einklang zu leben. Das Leben dient der Erkenntnis, der freien Entscheidung und der Rückbesinnung auf den göttlichen Ursprung. Hierbei ist der freie Wille ein zentraler Punkt, denn Liebe setzt Freiheit voraus und kann niemals erzwungen werden. 

Das Göttliche ist zugleich transzendent und persönlich. Die individuellen Seelen sind in freier Liebe mit Gott verbunden und bestehen ewig. Sie haben immer die Möglichkeit, sich vom Göttlichen abzuwenden und entsprechende Erfahrungen zu machen, fallen jedoch nicht aus den Zyklen von Wiedergeburt, Karma und universeller spiritueller Entwicklung heraus. 
## Schöpferwesen
Eine solche Kosmologie hat nicht viel gemein mit dem, was in unseren Institutionen gelehrt wird, ob weltlich oder religiös. Es ist etwas anderes, sich in Hierarchien zu fügen, einem männlichen Oberhaupt zu folgen und sich das eigene Seelenheil durch bestimmte Taten von einer außenstehenden Autorität zu erkaufen oder zu erhoffen, als sich selbst als göttliches Wesen zu verstehen. Nicht, um sich über andere zu erheben, sondern um das Beste aus sich selbst hervorbringen — zum Wohle des Ganzen.

Göttlich bedeutet nicht Gott. Wir sind keine Götter. Wir sind Menschen. Menschen können sich wie Tiere verhalten und ihr Leben auf die biologischen Grundfunktionen reduzieren — oder sie können das höchste Prinzip in sich zum Wirken bringen, das, was sie selbst zu Schöpferwesen macht. 

Sich beugen oder eine Welt gestalten, wie sie dem Höchsten, Schönsten und Edelsten in uns entspricht — das ist die Wahl, die wir haben. Gehorsam oder Verantwortung, überleben oder leben — was wollen wir? Beide Wege sind offen. Sie haben für sich gemein, dass es keinen Retter geben wird. Niemand wird für uns das tun, was wir nur für uns selbst tun können: das Höchste in uns zum Ausdruck bringen.


