Die Bibliothek von Alexandria brennt nicht
Vielleicht verschwand das Wissen der antiken Welt nicht durch ein großes Feuer, sondern infolge der Gleichgültigkeit der Menschen — eine Warnung an uns Heutige.
Gab es ihn überhaupt, den großen Brand der Bibliothek von Alexandria? Oder ist dies nur einer der vielen Mythen, die sich um die antike Welt ranken? Seit Jahrhunderten wird darüber spekuliert, welcher Art das Wissen war, das vermeintlich verloren ging, und welches der Grund für die Bildungskatastrophe war. Der Autor kann diese Fragen nicht vollständig beantworten, zieht aber eine bestechende Parallele zur Jetztzeit: Bildungsverfall, Gleichgültigkeit gegenüber dem Wissen und den Errungenschaften unserer Vorfahren, die achselzuckende Preisgabe dessen, was einmal als unschätzbar wertvoll galt ... In Zeiten, in denen die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen in den Konsum unzähliger „Shorts“, „Reels“ und „Tweets“ fließt und sich kaum jemand mehr ernsthaft dem Studium längerer, tiefgründiger Werke widmet, ist es fast egal, ob eine Bibliothek noch existiert oder ob sie in Flammen aufgegangen ist.
Sie kennen die Bibliothek von Alexandria, oder? Sie wissen schon — das berühmte Archiv, in dem die gesamte Weisheit und das Wissen der antiken Welt gesammelt waren. Und Sie wissen auch, wie die Bibliothek zerstört wurde, richtig? Sie wurde in Brand gesetzt, und all diese Schriftrollen gingen in Rauch auf …
… oder etwa doch nicht? Wie so viele berühmte Geschichten aus der Antike ist höchstwahrscheinlich auch diese nicht wahr. Wie ging die Bibliothek also tatsächlich verloren? Und, noch wichtiger: Was sagt uns das heute, im 21. Jahrhundert, während wir geradewegs auf den Abgrund einer „postliteralen“ Gesellschaft zusteuern?
Der Leuchtturm von Alexandria — errichtet während der Herrschaft von Ptolemaios II. im 3. Jahrhundert v. Chr. — wurde zwar als eines der Sieben Weltwunder der Antike unsterblich gemacht. Doch Kenner der Esoterik wissen, dass das eigentliche Wunder der Herrschaft Ptolemaios‘ II. die Bibliothek war.
Ersonnen von Demetrios von Phaleron, geplant von Ptolemaios I. und errichtet von Ptolemaios II. war die Bibliothek von Alexandria die bemerkenswerteste, eindrucksvollste und tragischste Bibliothek der Geschichte.
Vertrieb sich Zenodotos von Ephesos dort in irgendeinem Winkel oder einer stillen Nische dieses wunderbaren Bauwerks die Zeit, indem er die Originalhandschriften Homers studierte? Berechnete Eratosthenes von Kyrene in den Schatten dieser ehrwürdigen Hallen den Erdumfang? Schärfte Aristarchos von Samothrake die Klinge seines gewaltigen Intellekts, indem er die ersten poetischen Verse sezierend analysierte, während Heron von Alexandria ihn mit dem höllischen Rattern der ersten Dampfmaschine der Welt ablenkte — und damit zweifellos die erste Runde im nie endenden Kampf zwischen den Hütern der Bibliotheksruhe und den Schwatzhaften einläutete?
Vielleicht!
Welche Schriftrollen befanden sich eigentlich in diesen Regalen? Welche verborgenen Schätze esoterischen Wissens, welche wundersamen Erzählungen aus der antiken Welt mochten wohl in ihren Archiven lagern — sorgfältig erfasst und gewissenhaft abgeschrieben von den Schriftrollen all jener Schiffe, die im Hafen von Alexandria anlegten?
Die wahre Geschichte der vorsintflutlichen Welt? Die Berichte über die Nephilim und andere seltene Überlieferungen, die längst vergessen wurden — oder systematisch aus den Geschichtsaufzeichnungen getilgt worden sind?
Wir wissen von den verlorenen Dramen des Sophokles, des Aischylos und des Euripides.
Doch was ist mit all jenen Werken über Literatur, Astronomie, Medizin oder Philosophie, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie verloren haben? Enthielten die verborgenen Bereiche der Bibliothek Werke über Magie, Zaubersprüche und uraltes, geheimnisvolles Wissen über Götter, göttliche Kräfte und die Nullpunktenergie? Erzählten uns diese Schriftrollen vom Bau der Pyramiden? Von Göbekli Tepe? Von den Seevölkern? Von der Sintflut?
Vielleicht!
Wie viele Schriftrollen gingen überhaupt verloren? 40.000? 400.000? 700.000?
Vielleicht?
Natürlich kennen wir weder die Einzelheiten der Bibliothek noch die Geheimnisse ihrer Regale. Genau deshalb lässt sie uns nicht los. Auf die unbeschriebene Leinwand dieses mythischen Wissensspeichers können wir alles projizieren, was wir wollen.
Die Bibliothek ist nicht jenes Gebäude, das einst zu einer bestimmten Zeit dort in Alexandria stand; sie existiert hier — in unserer Vorstellung. Bevölkert von unseren Träumen und Albträumen, trägt sie unsere Hoffnungen und spiegelt unsere Ängste wider.
Doch was ist mit ihrem Schicksal? Was sollen wir von dem gewaltigen Brand halten, der dieses mühsam zusammengetragene Wissen in Rauchsäulen aufsteigen ließ — zurück zum Himmel, aus dem alles Wissen letztlich stammt?
Auch hier begegnen wir eher Projektionen und Fantasie als Beweisen und historischen Tatsachen. Tatsächlich stellt sich heraus, dass die verschiedenen Gerüchte über den Tod der Bibliothek maßlos übertrieben wurden.
Julius Caesar soll die Bibliothek während der Belagerung Alexandrias im Jahr 48 v. Chr. in Brand gesetzt haben? Ja, seine Soldaten scheinen einige Schiffe im Hafen der Stadt angezündet zu haben. Und ja, das Feuer scheint auf einen Teil der Stadt übergegriffen zu haben. Möglicherweise wurde dabei eines der Lagerhäuser der Bibliothek zerstört — die Bibliothek selbst jedoch nicht.
Wie ließe sich sonst Strabons Bericht über seinen Besuch der Bibliothek erklären — rund drei Jahrzehnte nachdem sie angeblich zerstört worden war? Oder wie wäre die schier unfassbare Schaffenskraft des Didymos Chalkenteros zu erklären — des produktivsten Schriftstellers der Antike, dem rund 4.000 Bücher zugeschrieben werden und der den Beinamen Biblioláthēs („der seine eigenen Bücher vergaß“) trug, weil selbst er sich nicht mehr an alle seine Werke erinnern konnte —, wenn dieser Alexandriner des 1. Jahrhunderts keinen Zugang zu den Beständen der Bibliothek gehabt hätte?
Vielleicht war also doch Theodosius I. der Schuldige. Möglicherweise war es dieser christliche römische Kaiser, der mit seiner Anordnung, alle heidnischen Tempel zu schließen, indirekt die Zerstörung des Serapeions verursachte — eines zur Bibliothek gehörenden Gebäudes, das dem Gott Serapis geweiht war. Doch diese Darstellung geht vor allem auf Edward Gibbon zurück, dessen historisches Anliegen offenbar darin bestand, die Christen für alles verantwortlich zu machen. Heute nehmen nur noch wenige Historiker diese Erklärung für den Untergang der Bibliothek ernst.
Ah! Ich weiß! Es war Umar ibn al-Chattab, der zweite der vier „rechtgeleiteten Kalifen“, der nach der Eroberung Alexandrias durch seine arabische Armee seinem Feldherrn den verhängnisvollen Befehl gegeben haben soll:
„Wenn diese Bücher mit dem Koran übereinstimmen, brauchen wir sie nicht. Widersprechen sie dem Koran, dann vernichtet sie.“
Und so heißt es, der Feldherr habe angeordnet, die Feuer in den öffentlichen Badehäusern der Stadt mit den Büchern der Bibliothek zu befeuern — und diese Bücher hätten die Feuer sechs Monate lang am Brennen gehalten.
Doch auch hier macht die Wirklichkeit dem dramatischen Mythos dieser schrecklichen Tragödie einen Strich durch die Rechnung. Der erste Bericht über Umars angeblich ungeheuerlichen Befehl tauchte erst rund 300 Jahre nach dem Ereignis selbst auf, und selbst dann wurde er lediglich von Bischof Gregor Bar Hebraeus überliefert, dessen Spezialität darin bestand, historische Gräueltaten ohne belastbare Belege den Muslimen anzulasten.
Nein — die Wahrheit über das Schicksal der großen Bibliothek passt so wenig zu unseren phantasmagorischen Vorstellungen von lodernden Flammen und angesengten Schriftrollen, dass unsere Vorstellungskraft sich schlicht weigert, sie zu akzeptieren.
Verstehen Sie? Die Bibliothek von Alexandria ist nicht verbrannt. Sie wurde nicht in einem einzigen gewaltigen Flammenmeer vernichtet. Die Weisheit der Zeitalter wurde nicht in Brand gesetzt, und ihre Asche wurde nicht vom ägyptischen Wind davongetragen.
Nein. Die Bibliothek ging durch Vernachlässigung verloren. Sie musste gar nicht brennen. Der schleichende Verfall und die kalte Gleichgültigkeit vollbrachten, was kein Inferno je hätte vollbringen können.
Es ist tröstlich zu glauben, die Bibliothek sei in Flammen aufgegangen. Wir können uns vorstellen, wie die Schreiber, Gelehrten und Studenten der Antike ihre Gewänder zerrissen, weinten und mit den Zähnen knirschten, während sie zusehen mussten, wie das gesammelte Wissen der Welt in Rauch aufging. Wenigstens hat es sie gekümmert! Wenigstens wussten sie, welchen Wert das hatte, was sie verloren.
Aber die Alternative ... die Alternative ist zu grauenvoll, um sie wirklich zu durchdenken. Kein gemeinsamer Aufschrei der Verzweiflung über den Verlust dieses Wissens, sondern lediglich ein gleichgültiges Achselzucken, während die Bibliothek Staub ansetzt, sich Spinnweben bilden und sie langsam zerfällt.
Wie Sie inzwischen vielleicht bemerkt haben, handelt Geschichte niemals nur von der Geschichte. Sie handelt von uns. Und auch die Geschichte der Bibliothek von Alexandria handelt von uns.
Schließlich wird uns erzählt, wir hätten das Zeitalter des Lesens hinter uns gelassen. Wir seien in eine postliterale Gesellschaft eingetreten. Wir lesen keine Bücher mehr, ringen nicht mehr mit Ideen und setzen uns nicht mehr mit den großen Werken vergangener Epochen auseinander. Stattdessen versinken wir im endlosen Scrollen. Wir lesen Tweets, wischen durch Reels und schauen TikToks. Wir jagen dem immer schwächer werdenden kurzen Dopaminschub hinterher und entfernen uns dabei mehr und mehr von dem, was es bedeutet, Mensch zu sein.
Die moderne Bibliothek von Alexandria verschwindet vor unseren Augen. Doch sie wird nicht von Flammen verschlungen. Sie verfällt langsam, während wir schon zum nächsten Beitrag weiterscrollen.
So endet die Bibliothek.
So endet die Bibliothek.
So endet die Bibliothek.
Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern.
Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „The Library of Alexandria is NOT on Fire“ beim Corbett Report. Er wurde von Silvia Lorenz aus dem Englischen für Manova übersetzt.