# Die Chronologie des Exodus

Was die kubanische Revolution zu verteidigen versprach — ein souveränes und starkes Kuba — bröckelt langsam, denn die eigene Bevölkerung wandert ab.

von 
   * Anyi Romera

Nach 1959 betrachtete die kubanische Revolutionsregierung die Auswanderung nicht mehr nur als Abwanderung von Menschen, sondern als politische Bedrohung. Wer weggehen wollte, galt als „Verräter“ oder „Made“ — auf Spanisch „gusano“ —, wie man sie abfällig nannte. Aus Sicht des Regimes würde eine Erlaubnis, die Menschen frei ausreisen zu lassen, bedeuten, dass sie anerkennen müssten, wie unvollkommen ihr System ist und dass nicht alle bleiben wollen. Das widersprach seiner Darstellung, dass die Revolution dem gesamten Volk zugutekomme. Zudem herrschte in Kuba in den 1960er- bis 1980er-Jahren eine erhebliche Sicherheitsparanoia. Die Nähe zu den Vereinigten Staaten, das Embargo, die Invasionsversuche in der Schweinebucht — all dies schürte das Gefühl, eine belagerte Festung zu sein. Das Regime argumentierte, eine freie Ausreise seiner Bürger würde bedeuten, ihnen zu gestatten, Informationen, berufliche Fähigkeiten und Ressourcen mitzunehmen, die das Land benötigte.

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In der Praxis benötigten Kubaner bis 2008 Ausreisegenehmigungen, die fast unmöglich zu bekommen waren. Um die Insel zu verlassen, war eine staatliche Genehmigung erforderlich. Wer versuchte, illegal auszureisen, wurde verfolgt und bestraft. Dadurch entstand ein System, in dem die geografische Mobilität ein Privileg der Angehörigen des Staatsapparates war und kein Recht aller Kubaner.

>Als Raúl Castro 2008 offiziell die Macht übernahm — obwohl er de facto bereits seit 2006 regierte —, führte er schrittweise Veränderungen ein. Im Oktober 2010 wurden viele der früheren Beschränkungen aufgehoben. 

Die Bewegung begann jedoch bereits 2008 mit einigen ersten Öffnungsmaßnahmen. Raúl war zwar ebenfalls ein Revolutionär, schien jedoch zu erkennen, dass es wirtschaftlich und sozial unhaltbar war, die Bevölkerung in Gefangenschaft zu halten.

## Eine Spezies auf Wanderschaft

In den 1960ern verließen sehr viele die Insel, denn sie hatten Angst. Vielleicht war ihre größte Angst, ihren Besitz zu verlieren. Sie verkauften oder verschenkten ihre Sachen und zogen weiter. Manchen wurde alles weggenommen. Es kamen Beamte zu dir nach Hause und zählten auf, was du hattest. Sie zählten die Zimmer, das Besteck und sogar die Bettwäsche.

Die Flughäfen waren überfüllt. Viele bezahlten ihre Reise nach Florida mit Kleidung. Sie umarmten sich in der Hoffnung, sich bald wiederzusehen. Mit dem Flugzeug fliegt nicht jeder, der möchte, sondern nur der, der es sich leisten kann. Für andere ist die Fahrt über das Meer einfacher. Seitdem war das Meer eine Möglichkeit.

>Nach der Kubakrise im Oktober 1962 wurden die Flüge zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten eingestellt, und die Kubaner begannen, sich in Booten aus den unterschiedlichsten Materialien auf den Weg zu machen. 

Es versuchten so viele Kubaner, auf dem Seeweg zu fliehen, dass im September 1965 Schiffen aus den Vereinigten Staaten gestattet wurde, an der Küste von Camarioca in Matanzas anzulegen, um in Kuba gebliebene Angehörige abzuholen. Auf diesem Weg sind mehr als 5.000 Kubaner ausgewandert. Aufgrund der Gefahr, die durch den ständigen Schiffsverkehr im Hafen von Matanzas entstand, wurden sogenannte „Freiheitsflüge“ genehmigt, die zweimal täglich an fünf Tagen in der Woche stattfanden. 

Das war die Situation von 1965 bis 1973. Ab 1966 und nach dem „Cuban Adjustment Act“ nahm der Migrationsstrom zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba zu. Menschen aus allen sozialen Schichten begannen, ins Exil zu gehen. Bis dahin reisten nur Angehörige der Oberschicht und der oberen Mittelschicht aus. Der Migrationsprozess wurde noch stärker politisiert. Es hieß: Diejenigen, die gingen, zögen zum Feind. Wer zurückblieb, war auf sich allein gestellt. 

In den letzten 20 Jahren sind fast eine Million Kubaner ausgewandert. Und so kam es, dass das, was wie eine Laune der Bourgeoisie aussah, in den 1980er Jahren erneut explodierte. Am 1.&nbsp;April&nbsp;1980 durchbrach ein mit Kubanern vollbesetzter Bus die Absperrung der peruanischen Botschaft in Havanna, weil die Insassen dort Asyl beantragen wollten, um die Insel verlassen zu können. Die Botschaft weigerte sich, die Kubaner aus dem diplomatischen Gebäude zu entfernen, und am 4.&nbsp;April, nach dem Tod des kubanischen Wachmanns Pedro Ortiz, beschloss die Revolutionsregierung, den militärischen Schutz des Gebäudes aufzuheben. 

Nur wenige Stunden später drangen mehr als 10.000 Kubaner in die peruanische Botschaft ein und beantragten ebenfalls Asyl. Castro kündigte daraufhin an, dass diejenigen, die das Land verlassen wollten, dies über den Hafen von Mariel tun könnten, und dass Exilanten kommen dürften, um ihre Angehörigen abzuholen. Der Hafen von Mariel füllte sich schon bald mit Schiffen, die bis zum Bersten voll waren. Die Regierung entließ zudem Strafgefangene, damit auch sie das Land verlassen konnten. 

In der offiziellen Rhetorik, wie sie Fidel Castro vertrat, wurden diejenigen, die das Land verließen, vehement als „Abschaum“ und „Maden“, als Kriminelle und als Plage bezeichnet. „Wir wollen sie nicht, wir brauchen sie nicht“, sagte der Anführer einer Revolution, die sich als humanistisch bezeichnete.

>Das „aufgebrachte Volk“ und Eier überschwemmten die Straßen bei Protestaktionen und öffentlichen Anprangerungen gegen jeden, der im Verdacht stand, das Land verlassen zu wollen. 

Als sich die Lage wieder normalisiert hatte, galt es fast schon als Vergehen, einen Verwandten zu haben, der ausgewandert war. Die Zurückgebliebenen verloren den Kontakt zu denen, die gegangen waren. 

Aber man glaubte, Kuba könne sich wieder erholen und zu einer soliden Wirtschaft entwickeln. Neun Jahre später hätte niemand damit gerechnet, dass die Berliner Mauer fallen und dies für Kuba die „Sonderperiode in Friedenszeiten“ auslösen würde.

Dann kamen der Hunger, die Tage ohne Strom, Ätznatron zum Waschen, die berühmten „Bettdecken- und Bananenschalen-Steaks“ (1), von denen mein Vater sprach, aber es kamen auch Touristen, um zu sehen, wie dieses „Paradies“ dem Imperialismus standhielt. Der Mythos begann zu bröckeln, je „sonderbarer“ die „Periode“ wurde. 

Die einzige Rettung war die Flucht. In ihrer Verzweiflung bemächtigte sich eine Gruppe von 70 Kubanern des Schleppers „13 de Marzo“, um das Land zu verlassen. Die kubanischen Behörden versenkten den Schlepper, wobei 41 Menschen ums Leben kamen. Zehn von ihnen waren Kinder.

Nachdem eine Reihe illegaler Ausreisen entdeckt worden war, beschloss die Regierung, die Uferpromenade abzusperren, um dies zu verhindern. Am 5. August 1994 brachen die einfachen Leute, die von Stromausfällen, Stromengpässen und Unterernährung geplagt waren, in Wut aus und gingen auf die Straßen von Havanna, um zu demonstrieren. Es war eine regelrechte Schlacht. Es flogen Steine und Stöcke, etwa 100 Menschen wurden verletzt, mehr als 300 wurden festgenommen, verschiedene Geschäfte wurden mit Steinen beworfen und geplündert. 

Und so öffnete sich ein weiteres Ventil. Jedem, der die Insel verlassen wollte, wurde gestattet, sich auf eigene Faust auf den Weg zu machen. 

Diese Zeit ging als Krise der „Balseros“ in die Geschichte ein. Der Begriff leitet sich vom spanischen Wort „balsa“ für „Floß“ ab und ist in etwa mit „Flößer“ zu übersetzen — er bezeichnet jene Kubaner, welche versuchten, die Floridastraße von Kuba aus zu überqueren und die Küsten der Vereinigten Staaten zu erreichen, um dort ein besseres Leben zu suchen. In den folgenden Monaten flohen mehr als 30.000 Kubaner auf Flößen und Schleppern.

In den folgenden Jahren normalisierte und regulierte sich die Migration zunehmend. Die ehemaligen Verräter durften nun ihre Familien mitnehmen. Auch die Flöße fuhren ununterbrochen weiter. Deshalb war es ganz normal, dass man einen nahen oder entfernten Verwandten hatte, der ausgewandert war. Einen, fünf oder zehn.

Noch vor sechs Jahren dachten wir jungen Leute hier an die Zukunft, aber das Leben ändert sich, und zuerst kam COVID-19 und mit ihm der Lockdown. Viele geliebte Menschen sind von uns gegangen. Es kam auch die Anordnung, die die Erstickungsgefahr, in die wir gerieten, nicht milderte. Seitdem: Stromausfälle, neoliberale Maßnahmen, Unterdrückung, Zensur, wirtschaftlicher Druck. Es hat sich nichts verbessert. 

Am 11. Juli 2021 gingen zehntausende Kubaner auf die Straße. Die humanitäre Krise hatte gerade erst begonnen, doch der Mangel an Medikamenten, Lebensmitteln und Strom löste die größten Proteste in der Geschichte Kubas nach Castro aus. Zehntausende Kubaner gingen auf der ganzen Insel auf die Straße. Sie forderten vor allem Freiheit. Das Regime reagierte brutal. Alles, was wir jahrelang in den ausländischen Nachrichten gesehen hatten, spielte sich nun direkt vor unseren Augen ab: Polizeigewalt, ungerechtfertigte Inhaftierungen, Hunderte Verletzte und mindestens ein Toter.

Infolgedessen eröffnete sich ein weiterer Ausweg: Nicaragua. Die Überschreitung der Grenze fand unter dem euphemistischen Vorwand statt, die Vulkane Nicaraguas zu besichtigen.

Es heißt, das sei die größte Auswanderungswelle in der Geschichte Kubas gewesen. Ich glaube, das war sie auch. 

>Man ahnte schon anhand kleiner Details, dass jemand wegziehen würde — Kleidung, die in WhatsApp-Gruppen zum Verkauf angeboten wurde, und dann das Plakat: „Ein Haus mit kompletter Ausstattung zu verkaufen.“ Und dann plötzlich: „Soundso hat seine Nummer geändert — klicke hier, um sie hinzuzufügen.“ 

Es war eine Erleichterung, diese Nachricht zu lesen. Zu wissen, dass sie den Dschungel, den Rio Bravo und die Grenzschutzbeamten besiegt hatten.

Im Jahr 2023 wurde das Ausreisen dank der Maßnahmen des ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden „einfacher“. Nur ein Formular ausfüllen und etwa 90 Tage warten. Tatsächlich dauerte es viel länger, und obwohl einige Menschen direkt in die Vereinigten Staaten gelangen konnten, um sich mit ihren Familien zu vereinen, blieben Zehntausende von uns vor den Toren stehen.

Unter der Regierung von Donald Trump wurden diese legalen Einwanderungswege geschlossen, und die Überwachung an den Grenzen sowie auf den Straßen wurde verschärft. 

Mehr als eine Million Kubaner sind ausgewandert, die meisten von ihnen in die Vereinigten Staaten. Hunderttausende Kubaner sitzen heute in ihren Häusern in den USA fest, um sich vor der US-Einwanderungsbehörde (ICE) zu verstecken. Andere sitzen im Gefängnis und warten auf ihr Urteil oder ihre Abschiebung. In vielen Fällen besteht das einzige Vergehen darin, Migrant, Lateinamerikaner oder Kubaner zu sein. 

> Sie flohen vor einer Diktatur und sind in eine andere geraten.

Ich kann mich als Freundeswaisin bezeichnen. Seit ich denken kann, habe ich gesehen, wie sie mich verlassen haben. Es sind weniger als zehn, die mir in Kuba noch geblieben sind, und auch sie werden weggehen. Ich bleibe anscheinend hier. Nicht, weil ich mutig bin oder an etwas glaube. Ich bleibe, weil ich keine Möglichkeit habe, wegzugehen. Ich habe weder die Mittel, noch das Geld, um Menschenhändler zu bezahlen. 

Und hier sitze ich nun, beobachte, wie sich das Land leert, zähle diejenigen, die gegangen sind, und schreibe über das, was wehtut. Es schmerzt mich sehr, was wir als Bürger dieses Landes, als Generation, durchmachen müssen. Wie einsam wir sind, der Mangel an Schönheit. 

> Kuba hat seine Menschen verloren. Das ist eine demografische Tatsache, keine Floskel. 

Es sind die jungen Menschen im erwerbsfähigen Alter gegangen, die Fachkräfte, diejenigen, die eine Chance hatten, etwas aufzubauen. Es waren Ärzte, Ingenieure und Lehrer, die das Land für seinen Wiederaufbau dringend benötigt. Zurück blieb eine alternde Bevölkerung mit weniger Geburten und weniger Arbeitskräften. Die Universitäten sind leer, es sind keine Studenten da. Krankenhäuser — ohne die besten Ärzte. Felder — ohne junge Landwirte. Was die Revolution zu verteidigen versprach — ein souveränes und starkes Kuba — bröckelt langsam aufgrund des Abwanderns der eigenen Bevölkerung. Und das Regime kann niemandem außer sich selbst die Schuld geben. 

Es sind ihre politischen Maßnahmen, die Millionen dazu getrieben haben, ihr Leben auf See, im Dschungel — überall, nur nicht zu Hause — zu riskieren. Migration ist nicht allein eine Folge von Armut. Sie ist eine Folge von Autoritarismus, Unterdrückung und Perspektivlosigkeit. Kuba verliert seine Menschen und damit auch die Chance, das zu werden, was es hätte sein können.

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**Redaktionelle Anmerkung:** Der Text wurde exklusiv für Manova verfasst, von Elisa Gratias aus dem Spanischen übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova-Korrektoratsteam lektoriert.


