Die entwurzelte Generation

Eine Jugend wächst heran, der die Freiheit fremd und das Denken zu anstrengend geworden ist und der man das Fühlen abtrainiert hat.

„Die jungen Leute heutzutage ...“, hörte und hört man des Öfteren die Älteren lamentieren. Das Unverständnis über die nachfolgende Generation galt in der Vergangenheit ihrem rebellischen Unwesen. Seit einiger Zeit — so scheint es — hat sich der Generationenkonflikt in sein Gegenteil verkehrt. Weniger wird das Rebellentum der Jugend beklagt oder kritisiert als ihre Neigung zum Konformismus sowie der unkritischen Anpassung an all die Agenden, die multimedial durchgepeitscht werden. Sei es das Gendern hier, der Klimaschutz dort oder aktuell die totale Durchimpfung der Bevölkerung. Wie ein ungeschützter Rechner lässt sich das Betriebssystem der Jugend mit jedem beliebigen Programm bespielen. Was sind die tragenden Säulen dieser Entwicklung?

Keine Ode an die Jugend!

Wie aus diesen einleitenden Absätzen schon abzusehen, zielt der nachfolgende Beitrag nicht darauf ab, die Jugend zu idealisieren. Im Gegenteil wird kaum ein gutes Haar an ihr gelassen, wenn auch nicht die ganze Jugend über einen Kamm geschert werden soll. Die Ausnahme bestätigt bekanntermaßen die Regel. Zugleich ist es wichtig zu betonen, dass dies keiner Schuldzuweisung gleichkommen soll. Diese Jugend kann — wie auch so ziemlich jede andere Jugend vor ihr — nichts dafür, was mit ihr „angestellt“ wird. Immerzu wirk(t)en transgenerationale Mechanismen; die Geisteshaltung und Handlungen der einen Generation beeinflusst wiederum die Geisteshaltung und Handlung der nächsten. Im Grunde eine Binsenweisheit.

Insofern sollte dieser Text mit all seinen scharfen Tönen verstanden werden als der Versuch einer Zustandsbeschreibung der heutigen Jugend. Freilich wird dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Zu umfassend ist dieses Themenfeld.

Für einen Beitrag über die Jugend ist es hilfreich, wenn nicht sogar unabdingbar, kurz vier bis fünf Sätze über die eigene Person zu verlieren. Schließlich macht es doch einen Unterschied, ob Textzeilen über die Jugend von jemandem stammen, der schon im Ruhestand ist oder sich in seiner sogenannten Midlife Crisis befindet, aus der Sicht eines Mittzwanzigers, der die wilden Jahre reflektiert oder von einem Teenager, der sich und seine Gleichaltrigen selbstkritisch unter die Lupe nimmt.

Nun, mit meinen 28 Jahren befinde ich mich gewissermaßen in der Schwebe zwischen vergangener Jugend und der Dreißigerjahre-Eintrittspforte zum endgültigen Erwachsenwerden. Durch den Besuch nicht sonderlich konventioneller Schulformen sowie den Gang über den zweiten Bildungsweg waren meine Jugend und die jungen Jahre der Zwanziger sicherlich nicht repräsentativ, aber ermöglichten mir vielleicht gerade deswegen eine gewisse Vogelperspektive. Auch weil ich über die verschiedensten Lebensstationen Einblicke in die unterschiedlichsten Milieus erhielt. Durch meine Wohnsituationen in WGs habe ich bis heute trotz eines gewissen Altersunterschieds immer noch viel Kontakt zur Generation Z, den sogenannten Millennials. Kurzum — wenn ich über diese Generation schreibe, maße ich mir an, in etwa zu wissen, worüber ich schreibe. Einfach aus persönlicher Erfahrung heraus. Aber nun lang genug der Vorrede!

Die verlorene Generation

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Hermann Hesse hat den IKEA-Slogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ nicht mehr erlebt. Andernfalls hätte er wohl geschrieben: „In jedem Anfang lebt ein Zauber“. Ja, ein Zauber wohnt dem Anfang inne. Die Jugend ist gewissermaßen der Anfang schlechthin. Der Anfang des Erlebens. Der erste Kuss, die erste Jugendsünde, das erste Bier, der erste Joint, der erste Urlaub ohne Eltern, das „erste Mal“. Doch wenn diesen Anfängen der Zauber innewohnt, kann er durch dieses Wohnhaftsein ebenso in Quarantäne gestellt werden. So lange, dass er sein magisches Etwas auch nicht mehr entfalten kann.

Die Millenials erleben eine Jugend, in welcher sich der Anfang wie ein Ende anfühlt und entsprechend auch keinen Zauber hervorrufen kann.

Der erste Kuss? Geht das überhaupt mit FFP2-Schnabelmaske? Die erste Jugendsünde? Wie soll die aussehen? Wir halten uns doch alle an die Regeln! Das erste Bier, der erste Joint? Geschenkt! Der erste Urlaub! Nur in Nichtrisikogebieten, und auch nur dort, wo man ohne „Flugscham“ hinkommt.

Über alldem hängt das Damoklesschwert multipler Krisen — Klima, Pandemien, unüberwundenes Patriarchat und so weiter. Insgesamt erscheint die Welt als ein sehr bedrohlicher und zugleich bedrohter Ort. Kein Ort, an dem sich leichtfüßig und unbeschwert leben lässt. Ein Ort, an dem der Ernst des Lebens und die Beschwerlichkeit, die Last der Welt quasi mit der Muttermilch aufgesogen werden.

Raymond Unger beschrieb in seinem äußerst lesenswerten Buch „Vom Verlust der Freiheit“ einen Doppelhebel-Mechanismus. Wäre der junge Mensch ein Baum, so ließe sich das, was derzeit geschieht, treffend wie folgt beschreiben: Die Baumkronen werden durch den Sturm multipler Krisen hin- und hergerissen, und gleichzeitig wird der Baum entwurzelt, indem durch Identitätspolitik all die orientierunggebenden Selbstverständlichkeiten erodiert werden (1). Galten früher die Familie noch als fester Ankerpunkt und die Zugehörigkeit zu einem der zwei Geschlechter als gesichert, ist der Boden vormaliger Selbstverständlichkeiten vollkommen aufgelockert. Mangelnde Erdung bei gleichzeitig heraufbeschworenen Krisenstürmen schafft den entwurzelten Menschen der heutigen Jugend: Von elitären Ideologietreibern beliebig rumschubs- und umprogrammierbar.

Doch was sind die tragenden Säulen dieser Entwicklung? Nachfolgend sollen sie skizziert werden.

Geistige Brunnenvergiftung

Bekanntermaßen formt der Geist die Materie. Wenn der Geist allerdings von klein an vergiftet wird, kann sich nur noch Schund manifestieren. Und der Geist der jungen Menschen wird in einer Weise vergiftet, die historisch ihresgleichen sucht. Ein solcher Geist kann kein Morgen mehr schaffen, in welchem es sich zu leben lohnt. Sehen wir uns die Bestandteile dieser Vergiftung im Einzelnen an:

Sprache

George Orwell beschrieb bereits in „1984“, wie in totalitären Systemen die Reduktion der Sprache dazu genutzt wird, um den Horizont des Denkens einzuschränken. Wie sollen Dinge in der Tiefe durchdacht werden, wenn die Begriffe fehlen, um das Wahrgenommene greifbar zu machen? Ist das Sprachvermögen unzulänglich und mangelhaft ausgeprägt, fehlt das Werkzeug, um sich die Welt zu erschließen. Es fehlt dann aber auch an der notwendigen Immunität des Geistes, um Manipulationen abzuwehren. Sprache konstituiert Realität, und wenn ebendiese Sprache limitiert, eingezäunt und durchlöchert wird, bleibt die Realität — oder das, was man davon wahrnimmt — ebenso beschränkt.

Wie es um die Sprache der jungen Menschen bestellt ist? Letztes Jahr las mir ein befreundeter Schauspieler einen Brief von Sophie Scholl vor. Der Brief beeindruckte mich. Nicht nur inhaltlich, sondern auch der Form wegen. Ihre Wortwahl, Formulierungsweise, kurzum die ganze Sprache war facettenreich, komplex und von einem gewissen Etwas, das man als schön bezeichnen kann. Dabei war Sophie Scholl nicht in erster Linie dafür bekannt, ein lyrisches Genie zu sein. Mehr war es zu der damaligen Zeit normal, dass man die Sprache nicht nur zu nutzen, sondern in ihrer Tiefe auszuschöpfen wusste. Dieser Eindruck bestätigte sich mir, als ich in alten Briefen meiner Vorfahren stöberte. Früher, so scheint es mir, hat man wohl die — deutsche — Sprache noch viel mehr in all ihren Möglichkeiten genutzt, als das heute der Fall ist.

Die Sprache heute — wo soll man da anfangen? Vielleicht dort, wo Sprache durch ihre Nutzung gedeiht: beim Lesen. Das ist etwas, was der jetzigen Generation völlig abhanden zu kommen scheint. Twitter-Meldungen sind auf Zeichen im dreistelligen Bereich beschränkt. Memes umfassen ebenso nicht mehr als diese Zeichen. Längere Texte lesen ist nichts mehr, was die jetzige Generation in einer Weise betreibt, wie das früher der Fall war. Das muss so sein, denn andernfalls würde diese Generation nicht so reden und handeln, wie sie es tut. In diesem hektischen Treiben, der permanenten Ablenkung scheint es keinen Platz mehr zu geben für stundenlange Buchlektüren. Entsprechend verkommt das Sprachvermögen einer ganzen Generation.

Hinzu kommen zwei entscheidende Toxine, die die Sprache enorm vergiften. Das ist zum einen die sprachliche Pandemie der Anglizismen und zum andern das leidige Gendern.

Anglizismen oder einfach nur „random“ — Verzeihung (!) —, willkürlich platzierte englische Wörter, verpesten die Sprache. Beispiele gefällig?
„Du würdest es appreciaten, wenn das unter uns bleibt“ (deutsch: Du würdest es begrüßen, wenn das unter uns bleibt?)
No offence, aber mir hat das gar nicht gefallen“ (deutsch: Nichts für ungut, aber mir hat das gar nicht gefallen).
„Maria ghostet mich schon seit zwei Wochen“(deutsch: Maria ignoriert mich schon seit zwei Wochen).

Das vollkommen deplatzierte Einsetzen englischer Wörter entbehrt jeder Sinnhaftigkeit und verunstaltet die Sprache!

Wäre das nicht schon schlimm genug, hält in dieser überakademisierten Generation Gender-Gaga ungehindert Einzug.

Der Gender-Todesstern verschandelt mittlerweile zahlreiche Werke und lenkt die Aufmerksamkeit vom Inhalt auf eine vollkommen ad absurdum geführte Gleichberechtigungsdebatte.

Der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wird dabei kein Dienst erwiesen. Stattdessen wird die Sprache mit den oben beschriebenen Folgen eingeschränkt und verunstaltet.

Man könnte diesen Punkt noch seitenweise ausgestalten. Unerwähnt blieben hier die ganzen Kürzel wie „YOLO“, „lol“, „wtf“ oder der zunehmende Einzug von Emojis, die als unscharf-repräsentatives Symbol die präzise Beschreibung von Gemütszuständen ersetzen.

Kurzum: Die Sprache wird frisiert und hinterlässt eine zunehmend sprachlose Jugend, der die Worte fehlen. Und dort, wo vormals so etwas wie ein Denkprozess stattgefunden hat, herrschen heute blinder Aktionismus, Infantilisierung und Hysterie. Der Niedergang der Sprache spiegelt sich mittlerweile in der Popkultur wider. Bereits 2013 konnte man ahnen, wohin die Reise geht, als die Poetry-Slammerin Julia Engelmann mit ihren nun nicht sonderlich geistreichen Beiträgen gefeiert wurde, als sei Goethe höchstselbst zurückgekehrt. Sieben Jahre später reicht es aus, in einem „Rap-Song“ einfach nur „lelele“ und „nanana“ in das Mikrofon zu sabbeln, um damit einen Hit zu landen ...

Quellen

Rezo! Mit diesem Namen wäre zu diesem Punkt eigentlich schon alles gesagt. Aber man kann sich schließlich nur schwer im vorangegangenen Punkt über Sprachreduktion beschweren und anschließend die Erläuterung einer Sache bei einem einzigen Wort bewenden lassen. Also sehen wir uns genauer an, was es auf sich hat mit dem Thema Quellen, aus denen die Generation Z ihr Wissen und ihre Weltanschauung bezieht:

Funk! Wieder ein Wort, mit dem eigentlich schon alles gesagt wäre. So ziemlich alle YouTube-Formate, die die Jugend in Deutschland adressieren, laufen bei dieser Sammelstelle zusammen. Funk gehört den öffentlich-rechtlichen Rundfunkmedien an und ist somit der auf Social Media verlängerte Arm der zwangsgebührenfinanzierten Herrschaftsmedien.

Will im Konkreten heißen, dass die Millennials, die sich nahezu alle auf YouTube, Instagram und TikTok bewegen, an diesen Formaten nahezu gar nicht vorbeikommen und sich deren Beeinflussung nahezu nicht entziehen können.

Hinzu kommt, dass aggressive Zensur seit geraumer Zeit nicht mehr den Stempel „Made in China“ trägt, sondern in Europa mittlerweile einen festen Platz im Mediensystem hat. Was nicht der Herrschaftsmeinung entspricht, wird von den gängigen Plattformen ruckzuck gelöscht oder zumindest geshadowbanned. Sorry, dafür gibt es keinen deutschen Begriff.

Das bedeutet im Klartext, dass diese Generation sich im Bann einer strikten Vorauswahl von Informationen und Einflüssen befindet und an Inhalte außerhalb der Herrschaftsmeinung nahezu nicht mehr herankommt.

Kombiniert mit der Reduktion des Denkvermögens durch Verflachung der Sprache, gibt es nahezu kein Entrinnen mehr aus dem dünnen Korridor eindimensionaler Sichtweisen.

Wir haben den Punkt mit Rezo begonnen, so bringen wir ihn auch mit Rezo zu Ende. Genau genommen mit einem Zitat von ihm: „Es gibt nur eine legitime Meinung!“

Hedonismus und Eskapismus — oder auch das Nicht-mehr-in-der-Welt-sein

Ist diese Generation noch auf der Welt? Die Frage mag zunächst dämlich erscheinen. Schließlich kann man doch auf die jungen Menschen deuten, die leibhaftig vor einem stehen, und sagen: „Sieh doch! Da stehen sie doch! Sie sind natürlich auf der Welt.“ Ja, das physische Dasein ist unumstritten. Doch wie sieht es mit der geistigen und emotionalen Anwesenheit aus? Sind junge Menschen auf dieser Ebene überhaupt noch anwesend?

Wie häufig fällt am Tag wie in der Nacht das kalte blaue Licht digitaler Endgeräte auf das Gesicht der jungen Menschen? Das Stichwort lautet Digitalisierung. Sie dringt immer unaufhaltsamer in das Leben nicht nur junger Menschen. Das Durchdigitalisieren in der Schule leistet dieser unheilvollen Entwicklung Vorschub. Schließlich wird den Kindern und Jugendlichen, durch den Schulzwang bedingt, die Digitalisierung aufgedrängt. Die Baumsorten werden nun an Tablets „gelernt“, anstatt sie durch eigene Begegnungen im Wald zu erfahren, will heißen durch echtes Ertasten, echtes Erfühlen.

Wie viele junge Menschen wachsen denn wirklich noch mit der Erfahrung auf, die Welt mehrere Wochen oder gar Monate am Stück in ihrer analogen Nacktheit kennenzulernen? Also direkt, unmittelbar, ohne dazwischengeschaltetes Medium? Oder so, dass die Landschaft als Fotokulisse für den nächsten Insta-Shoot missbraucht wird? Die Generation Z ist die erste Generation, die damit aufwächst, als eigentliches Subjekt zu einem aus Daten bestehenden Objekt degradiert zu werden. Und das halten die meisten auch noch für natürlich.

Hier soll nicht noch einmal die ganze Problematik aufgerollt werden, welche Übel die Digitalisierung für junge Menschen mit sich bringt. Forscher wie Manfred Spitzer haben hierzu schon hervorragende und wegweisende Arbeit geleistet, indem sie zeigten, dass die Digitalisierung die wahre Pest unserer Zeit ist! Nicht weil sie per se schlecht ist, sondern weil sie sich in das Zentrum des Menschseins stellt, statt in unsichtbarer und hilfreicher Weise das Leben von uns Menschen zu ummanteln. Digitale Endgeräte rauben, landen sie zu früh in Kinder- und Jugendhänden, den Heranwachsenden ihre körperlichen Fähigkeiten — Motorik, Sehkraft —, zerstören ihren Charakter durch Abstumpfung und den damit verbundenen Schwund an Empathie und sind zugleich toxisch für die Geisteskraft. Alles bei Manfred Spitzer oder auch bei Alexander Unzicker nachlesbar (2).

Die neue Generation versinkt immer tiefer in die Parallelwelten aus Social Media, YouTube und anderen digitalen Räumen. Erwiesenermaßen üben digitale Räume innerhalb digitaler Screens eine Dominanz gegenüber den analogen, realen Gegebenheiten aus, und zwar insofern, als sie die Aufmerksamkeit der im physischen Raum befindlichen Personen in ihren Bann ziehen und die analoge Umgebung in deren Wahrnehmung aufzulösen beginnen (3). Die Bodenhaftung, die Erdung mit der realen Welt kommt sukzessive abhanden. Der Grad des geistig-emotionalen In-der-Welt-seins schwindet dahin. Mit fatalen Folgen.

Diese Entwicklung ist nach außen hin in vielfacher Weise sichtbar. Es ist nicht nur das andauernd in den Händen befindliche Smartphone und das daraus geborene Symbolbild des „Smobies“, welches sinnbildlich für dieses Übel steht. Man schaue einfach, wie viele der Jugendlichen mit den kabellosen AirPods in der Ohrmuschel herumlaufen. Raustun ist eher schlecht, sie könnten ja verloren gehen. Bedeutet im Klartext, dass viele der jungen Menschen mehrere Stunden am Tag mit strahlenden Dingern im Ohr herumlaufen respektive andauernd vernetzt sind.

Oder die Smartwatches, die immer mehr Handgelenke zieren. Als Begründung geben manche an, sie trügen diese, damit ihnen die darauf installierte App berichtet, ob sie am Tag schon genügend Schritte getan hätten. Insofern könnte man auch davon sprechen, dass sowohl das geistig-emotionale als auch das physische In-der-Welt-sein im Dahinschwinden befindlich ist. Um Gewissheit darüber zu erlangen, ob man sich am Tag ausreichend bewegt hat, vertrauen viele also mehr den Daten ihrer Uhr statt ihrem eigenen Körpergefühl. Die sogenannten Wearables werden einerseits zum Ersatz für das eigene Körpergefühl, und darüber hinaus ebnen sie optisch den Weg in Richtung der Verschmelzung von Mensch und Maschine – Kerntraum der transhumanistischen Avantgarde.

Wäre die Digitalisierung an sich nicht schon ein Riesenübel, so wird die Entwurzelung der jungen Menschen zusätzlich seit rund 1,5 Jahren durch einen weiteren Faktor erheblich vorangetrieben. Man ahnt es schon: das leidige C-Thema.

Masken umhüllen das Gesicht junger Menschen, trennen sie von ihrer Umwelt ab. Wer kennt überhaupt noch den Geruch des Luftzugs in U-Bahnhöfen, den Duft der Frühlingsluft?

Auch hierzu existiert bereits eine Vielzahl guter Literatur. Genannt seien hier der Bildungsphilosoph und Anthropologe Matthias Burchardt und der mittlerweile aus Deutschland vertriebene Immunologe Stefan Hockertz. Beide schrieben hierzu bereits sehr lesenswerte Beiträge und Bücher (4).

Was bedeute all dies in Bezug auf Zeit? Die Entfremdung, das Nicht-mehr-in-der-Welt-Sein ist nicht nur rein räumlich zu verstehen, also dass die Digital-Natives einen gewichtigen Teil ihrer Zeit in digitalen statt in analogen Räumen verbringen. Es hat auch Auswirkungen auf das Zeitliche. Das soll zugleich erläutert werden, als Erinnerung ein Zitat George Orwells aus „1984“ vorangestellt:

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Das derzeitige Leben junger Menschen ist für einen Großteil durch permanente Ablenkung gekennzeichnet. Handy- beziehungsweise Onlinesucht ist ein Massenphänomen. Das ist allerdings weit mehr als eine Art Drogenproblem, welches man durch Entzugstherapien beseitigen könnte. Der Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer beschreibt in seinem Buch „Selbststeuerung: Die Wiederentdeckung des freien Willens“ die für das Lebensglück und den Lebenserfolg unabdingbare Fähigkeit, die eigenen Triebe zu steuern, um größere, weiter in der Zukunft liegende Ziele zu erreichen.

Zu abstrakt? Ein konkretes Beispiel, welches Bauer in dem Buch aufführt: Manche kennen vielleicht das vom Psychologen Walter Mischel in den 1960er-Jahren mit Kindern durchgeführte „Marshmallow-Experiment“. Kindern wird ein Teller mit einem Marshmallow vorgesetzt. Anschließend wird ihnen in Aussicht gestellt, dass sie zur Belohnung zwei Marshmallows bekommen, wenn sie eine Zeit lang der Versuchung widerstehen können, das Marshmallow sofort zu verputzen. Konkret sollte dabei ermittelt werden, ob Kinder dazu in der Lage sind, Versuchungen zu widerstehen, die eine kurzfristige Befriedigung mit sich bringen würden, um längerfristig mit einer größeren Befriedigung belohnt zu werden. Kann das Kind also unmittelbare Genüsse zum Zweck eines längerfristigen Ziels zurückstellen?

Aus Langzeitbeobachtungen ging hervor, dass die Kinder, die der kurzfristigen Versuchung widerstehen konnten, später mehr Erfolge in ihrem Leben einfuhren, glücklicher und sozial gefestigter waren. Hingegen erging es später den Kindern, die der kurzzeitig befriedigenden Versuchung nicht widerstehen konnten, genau umgekehrt.

Nach Bauer ist diese Fähigkeit nicht angeboren, sondern wird in den ersten zwanzig Lebensjahren erlernt – oder auch nicht. Der Forscher sieht vor diesem Hintergrund eine enorme Gefahr durch Konsumgüter und nennt hierbei im Konkreten das Smartphone (5). Der neue beste Freund des Menschen verspricht immerzu unmittelbare Bedürfnisbefriedung. Ein neuer Insta-Like dort, eine neue Mail hier. Was dabei in weite Ferne gerät, sind längerfristige Ziele. Zugleich kommt die Fähigkeit abhanden, sich auf den Hintern zu setzen und über einen längeren Zeitraum mit Konzentration und Fokus an ein und derselben Sache zu arbeiten. Ganz zu schweigen von der musischen Kreativität, die in so einem Zustand nicht aufkommen kann.

Spannen wir diese Dynamik nun etwas weiter.

Was bedeutet das für die Zukunft einer Generation, wenn diese bedingt durch die allgegenwärtige Smartphone-Nutzung und die Omnipräsenz des Digitalen vollkommen außerstande ist, längerfristige Ziele ins Auge zu fassen oder überhaupt noch Pläne zu schmieden, die über die nächsten 24 Stunden hinausgehen?

Wie soll mit dieser kollektiven Geisteshaltung ein Land oder eine Stadt als lebenswerter Ort aufrechterhalten bleiben? Wie soll die Infrastruktur aufrechterhalten werden, wenn niemand mehr den Verfall von Verkehrswegen, Strom-, Gas- und Wasserversorgung auf dem Schirm hat? Aus einer digital so abgerichteten Generation erwachsen kaum noch Ingenieure, Techniker, Architekten, Landwirte, ja schlicht Leute, die anpacken und langfristig planen können. Eine Influencer-Karriere bestellt keinen Acker! Eine völlige Deindustrialisierung wäre die langfristige Folge.

Das ziellose Umhertreiben in der Gegenwart — und gemeint ist damit nicht das fokussierte Dasein im Jetzt nach Eckhart Tolle (!) — hat irgendwann auch den Verlust des Gespürs für die Vergangenheit zur Folge. Eine Generation, die auf 24 Stunden verfügbare Insta-Stories konditioniert ist, kann nur schwerlich begreifen, was sich vor 24 Jahren ereignet hat. Ein Prozess des „Ahistorisierens“ nimmt an Fahrt auf. Das zeigt sich bereits auf einer Ebene im radikalen Umbenennen von Straßennamen, weil die Namensgeber mittlerweile untragbar seien. Wenn dann noch historische Persönlichkeiten mit Witzfiguren der Gegenwart verglichen oder gleichgesetzt werden, verblassen auch historische Vorbilder oder werden hinsichtlich ihres Wirkens völlig verzerrt. Als Beispiel dient etwa das krampfhafte und aberwitzige Bemühen, Rezo als den neuen Rudi Dutschke auszuweisen.

Es wächst eine Generation heran, die sich blind über den Zeitstrahl bewegt. Der Rückspiegel in die Vergangenheit ist beschlagen, die Gegenwart vor der Windschutzscheibe vernebelt und das Navi in Zukunft ohne geistiges GPS.

Was bleibt? Was hinterlässt eine solche Generation? Welche die Zeit überdauernden Relikte verbleiben? Stichwort Kunst und Kultur. Also die Kunst und die Kultur, die für ihre Schaffung die oben genannten musische Kreativität benötigen, an der es so mangelt.

„Alles kann, nichts muss.“ — Woker Schlafwandel zwischen Hypermoralismus und dem Scheitern an den eigenen Maßstäben

Ob Feminismus, Antirassismus, Corona und natürlich Klima — weite Teile der Jugend wähnen sich selbst so, als hätten sie auf den jeweiligen Themenfeldern die höchste Moral gepachtet. Das Engagement für das wie auch immer geartete Bessere firmiert unter der Bezeichnung „woke sein“. Kein Lebensbereich bleibt verschont und wird von dem moralisierenden Auge der Jugend kritisch beäugt. Die Schuldigen für die mannigfaltigen Miseren der Jetztzeit sind dann auch immer sehr schnell gefunden: Im Themenfeld des Feminismus, der „Gender-Unequality“, des Sexismus und Rassismus müssen die „alten weißen Männer“ als Feindbild herhalten. Bei Corona sind es natürlich die ganzen „röööchten, verschwurbelten Nazi-Querdenker-Impfgegner“ und beim Klima alle Menschen über 30, die die Welt an den Abgrund geführt hätten. Ganz so, als hätten es die jungen „Klimaaktivisten“ anders gehalten, wenn sie nur früher auf die Welt gekommen wären.

Und da sind wir auch schon bei dem springenden Punkt: Aus Sicht der woken Jugend sind alle schuld ... nur sie selber nicht. Einer mit ausgestrecktem Zeigefinger gehaltenen Hand ist es bekanntermaßen zu eigen, dass dabei vier Finger auf einen selbst deuten. So quillt die Doppelmoral zwischen allen Worten und Taten der woken Jugend hervor. Permanent beschuldigen sie andere für Untaten, die so häufig von ihnen selbst begangen werden.

Am deutlichsten zeigt sich dies bei der Klimathematik. Da sprechen manche jungen Menschen tatsächlich von „Flugscham“ und vergessen dabei doch glatt, die Urlaubsfotos vergangener Flugreisen von Instagram zu löschen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich von der gewaltigen Kluft zwischen moralischem Anspruch und gelebter Wirklichkeit mancher Klimaaktivistinnen zu berichten. So lebte ich ein Vierteljahr zusammen mit einer „Fridays for Future“-Sprecherin in einer WG. Auf der Straße gerierte sie sich als Greenpeace, aber im wohngemeinschaftlichen Zusammenleben hatte man das Gefühl, als lebte man mit der Ölindustrie unter einem Dach. Ungewaschenes Geschirr türmte sich zu Bergen, die eigenen Klamotten lagen in den Gemeinschaftsräumen verteilt, und Verantwortungsbewusstsein schien im Kleinen, im unmittelbar Privaten ein Fremdwort zu sein. Auch in meinem Studentenwerksjob arbeitete ich einige Tage mit einem anderen Klimaaktivisten zusammen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus ob seines unfähigen wie auch von jeglichem Verantwortungsgefühl befreiten Handelns.

Da wollen junge Menschen das Welt(!)klima retten und scheitern bei basalen Alltagsaufgaben im unmittelbaren Mikrokosmos. Man möchte das 2-Grad-Ziel erreichen und schafft es nicht, zweimal in der Woche den Küchendienst zu verrichten. Man möchte 2033 bekämpfen und scheitert damit, vor 20:33 das eigene Zimmer aufzuräumen.

Man könnte lachen, wäre es nicht so ernst. Ernst, weil sich hier in dieser Generation ein unheilvolles Gemisch zusammenbraut. Es besteht einerseits aus dem Gefühl, der Mitwelt moralisch haushoch überlegen zu sein. Zum andern wird diese Haltung kontrastiert durch eine enorme Unfähigkeit, für die einfachsten Dinge Verantwortung zu übernehmen oder sich bei den ausgemachten Sünden an die eigene Nase zu fassen. Zugleich wird aus einer hedonistischen Warte die Welt als ein riesiger Selbstbedienungsladen mit All-inclusive-Service betrachtet. Dozenten und Ausbilder berichteten mir in Gesprächen fassungslos, wie sie es mit einer Jugend zu tun hätten, die sich in der Grundannahme wiegt, alles würde ihnen hinterhergetragen werden, als müsste die ganze Welt, alles und jeder, sich ihren Wünschen beugen.

Letztlich ist das Bild einer politisierten Jugend eine Illusion. Wir haben eine von sich selbst entfremdete, instrumentalisierte Jugend, die gegen die ältere Generation aufgestachelt wird.

Die vermeintliche Rebellion schlägt nur rein optisch zu Buche. Man sieht junge Menschen mit Pappschildern und bunten Klamotten und vermeintlich verschiedenen Geschlechtern auf der Straße. Doch gleichen sie einer Truppe von Star-Wars-Stormtroopers, die ein Holi Farbrausch Festival besuchen — auch wenn die Uniformen bunt sind, bleibt die Uniform eine Uniform. Konkret übertragen bedeutet dies, dass die Jugend zwar nach außen hin den Anschein des Rebellentums und der Diversität abgibt, doch auf der ideologisch übergeordneten Ebene uniformiert im Gleichschritt unterwegs ist. Das zeigt sich etwa bei der strikten Einhaltung von Coronaregeln. Und beim Klima wissen wir Rezo sei Dank ja auch: „Zu diesem Thema gibt es nur eine legitime Meinung!“

Kulturrevolution 2.0?

Der Kindheitsforscher Michael Hüter beschrieb in seinem Buch „Kindheit 6.7“ ausführlich, wie in den jeweiligen Epochen der Menschheitsgeschichte die Machthaber ihre Vormacht sicherten. Nämlich indem sie versuchten, Zugriff zu erlangen auf die Kinder, genauer gesagt ihren Geist, um dort die Saat der jeweiligen Ideologie zu pflanzen und diese gegen die Eltern in Stellung zu bringen (6).

Gewisse — zumindest im Ansatz (!) strukturelle — Parallelen lassen sich erkennen zwischen der chinesischen Kulturrevolution und dem, was sich heute zuträgt. Unter Mao Zedong wurde versucht, im Rahmen des „Großen Sprungs“ — klingt fast wie „The Great Reset“ — das gesamte alte gesellschaftliche Normen- und Wertesystem des seit Jahrtausenden konfuzianisch geprägten Chinas aus den Angeln zu heben und eine komplett neue Gesellschaftsstruktur zu errichten. Einige Dutzend Millionen Menschen wurden dabei ermordet — daher ist dieser Vergleich mit Vorsicht zu genießen — und die Jugend gegen Ältere, Andersdenkende und missliebige Intellektuelle aufgehetzt. Indoktrination und sich permanent abwechselnde Politkampagnen waren an der Tagesordnung. Auch wurden familiäre Bündnisse gesprengt und die Kinder bis in die Wurzel entfremdet (7).

Heute sehen wir eine Generation, die gegen die Alten und das Alte aufgehetzt werden. Beobachtbar an Kindern, die ihre im Hühnerstall motorradfahrende Oma als „Umweltsau“ beschimpfen, oder an der Pauschalverurteilung älterer Menschen als „alte weiße Männer“. Das klassische Familienbild gerät in Verruf, sich darauf zu beziehen gilt als konservativ oder fast schon „rechts“. Stattdessen werden bei jungen Menschen Lebensmodelle und Themen aggressiv propagiert, die den klassischen Familienmodellen und Kinderwünschen diametral gegenüberstehen. Stichwort „LGBTIQ“ und die Legalisierung von Abtreibungen. Es findet ein regelrechter Gesinnungskrieg gegen das Altbewährte und unsere Kultur statt. Die weiter oben schon angesprochene Umbenennung von Straßen oder Plätzen und das Abreißen von Statuen „untragbarer Persönlichkeiten“ legen Zeugnis davon ab. Zu nennen wäre auch die Cancel Culture, das Tilgen von „untragbaren“, da „diskriminierenden, sexistischen und rassistischen“ Kulturgütern. In Kanada gab es bereits wieder Bücherverbrennungen (8).

Ausblick

Leider fehlt es an Anhaltspunkten, um zum Ende dieses Beitrages noch ein positives Schlusswort anzubringen. Kinder sind unsere Zukunft. Und angesichts dessen, was derzeit mit Kindern und Jugendlichen gemacht wird, sind die Aussichten leider düster. Millionen Kinder- und Jugendpsychen wurden auf das schlimmste misshandelt, und die Auswüchse dessen werden in einigen Jahren zu Buche schlagen, wenn die heutigen noch jungen Menschen dann die Gesellschaft von morgen gestalten. Freilich kann es irgendwann besser werden, doch es liegt eine weite Durststrecke vor uns.

Und abschließend sei noch einmal daran erinnert, dass das oben Beschriebene keine Schuldzuweisung, sondern mehr eine Beschreibung dessen ist, was über institutionelle und ideologische Wege an einer ganzen Generation verbrochen wird, wozu sie systematisch und auf bösartigste Weise hinkonditioniert wurde und wird.

Ob man nun vom Glauben abgefallen ist oder nicht – zum Ende hin lässt sich nur sagen: „Gott — oder wer auch immer —, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Seriously!“


Quellen und Anmerkungen:

(1) Unger, Raymond: Vom Verlust der Freiheit: Klimakrise, Migrationskrise, Coronakrise, München, 2021, Seite 86.
(2) Spitzer, Manfred: Die Smartphone-Epidemie: Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft, Stuttgart, 2018.
Spitzer, Manfred: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. München, 2015.
Unzicker, Alexander: Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur: Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten, Frankfurt am Main, 2019.
(3) https://www.kunstforum.de/artikel/eine-archaologie-des-computerbildschirms/
(4) Burchardt, Matthias: Versuch über den Homo hygienicus, in: Hannes Hofbauer; Stefan Kraft (Hg.): Lockdown 2020 — Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern. Wien. 2020. Promedia. Seiten 122 folgende.
Hockertz, Stefan W.: Generation Maske: Corona: Angst und Herausforderung, Rottenburg, 2021, Seiten 78 folgende.
(5) Bauer, Joachim: Selbststeuerung: Die Wiederentdeckung des freien Willens, München, 2015, Seiten 42 folgende.
(6) Hüter Michael: Kindheit 6.7: Es ist höchste Zeit, mit unseren Kindern neue Wege zu gehen, Melk an der Donau, 2018, Seiten 118 folgende.
(7) Baron, Stefan; Yin-Baron, Guangyan: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht, Berlin, 2018, Seiten 100 folgende.
(8) https://de.rt.com/international/123962-bucherverbrennung-als-versohnung-skandal-um/