Die Erstürmung der Rathäuser

Alte Karnevalsbräuche drücken eine anarchische Kraft aus, die in einer an Disziplin orientierten Gesellschaft wohltuend wirkt.

Die meisten haben furchbare Angst davor. Deshalb musste die „Gefahr“ eingehegt werden, musste der chaotische Ausbruch dunkler Kräfte gezähmt und christlichen Heiligen unterstellt werden. Die Rede ist vom Karneval — auch Fasnacht oder Fasching genannt. In alten Zeiten zogen da entfesselte und von psychoaktiven Pflanzen berauschte Horden durch die Dörfer und überrannten alle sonst gültigen Grenzen des Anstands. Die Trennung zwischen Mensch und Tier fiel, ebenso die sorgsam gehütete Unterscheidung des Hellen vom Dunklen. Ja, anarchistisch anmutende Bräuche stellten die gesellschaftlichen Hierarchien spielerisch in Frage. In Rollenspielen bedienten Herrschaften ihre Dienstboten, Narren sagten den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht, Rathäuser wurden erstürmt. Die alte Ordnung fiel. Jedenfalls für kurze Zeit. Diese Bräuche erschienen späteren Jahrhunderten so befremdlich, dass die geistliche und weltliche Obrigkeit dergleichen nur in noch in stark kastrierter Form zulassen konnte. Plötzlich durfte man nicht mehr heidnische Götter und Dämonen anrufen, alles wurde unter die Schutzherrschaft christlicher Heiliger gestellt. Heute wirkt selbst die Formen sprengende Kraft des Karnevals reichlich domestiziert. Herren mit Anzug und Narrenkappe rufen auf Kommando „Helau“, wenn ein Orchestertusch dies befiehlt. In Zeiten einer immer bedrückender werdenden, auf Korrektheit und Disziplin gebauten Gesellschaft tun wir aber gut daran, uns auf diese Urkraft zu besinnen, die unseren Vorfahren noch vertraut war.

Am 11.11. ist es wieder soweit; der Beginn von Fasnacht/Karneval wird mit der Erstürmung der Rathäuser durch Narren gefeiert. Eine alte Tradition, heute weithin unverstanden und ihres tieferen Sinnes entkleidet.

Diese Feiern stammen im Kern von unseren keltisch-germanischen Vorfahren und lassen sich bis in die Sonnenkulte der Bronzezeit zurückverfolgen.

Die Menschen haben früh die Sonne als die Quelle allen Lebens auf der Erde erkannt und angebetet. Schließlich hatten sie die dunkle, kalte Winterzeit vor Augen und wussten, wie wichtig Licht und Wärme für Menschen, Tiere und Pflanzen sind.

Sonnenkulte gab es nicht nur im alten Ägypten, sondern zum Beispiel auch im Alten Rom, wo Kaiser Konstantin den Feiertag des „Sol Invictus“, der unbesiegten Sonne, zur Wintersonnenwende ausrief, Vorläufer unseres Weihnachtsfestes. Der Sonntag ist immer noch der erste und höchste unter den Wochentagen, umgeben von den Tagen, die dem Mond (Montag), und den Göttern Freya, Thor (Donnerstag) oder Tzio/Zeus (Dienstag) gewidmet sind.

Der 11. 11. war eine Nacht des Auftakts in das dunkle Halbjahr, aber zugleich orientiert auf das Licht und seine sehnlichst erwartete Wiederkehr.

Ab dem 11.11. zählte man nämlich noch 40 Tage bis zur längsten Nacht und dem kürzesten Tag, mithin zum Wendepunkt der Sonne.

Diese 40 Tage wurden dann durch die christliche Kirche statt zu einer Zeit der Vorbereitung und Vorfreude zu einer Zeit des kargen Fastens einschließlich Feier- und Tanzverbot, vor Weihnachten genauso wie vor Ostern.

Entgegen aller Verbote fanden dennoch überall in Europa in der dunklen Jahreszeit Umzüge statt, bei denen vermummte Gestalten, halb Tier, halb Mensch, das Erscheinen von Göttern und Dämonen in Mysterienspielen darstellten und erfassbar machten. Gleichzeitig wehrte man sich mit Lärm, Gesang und Tanz gegen die bösen Kräfte der Dunkelheit.

Die Feste begannen üblicherweise mit einer Messfeier, das heißt, nach einer Prozession beziehungsweise Wallfahrt fand an einer Wall- und- Grabenanlage die öffentliche Messung des Sonnenstandes statt, um sich im Jahreslauf zu orientieren und den Festtermin zu bestätigen. In einer Kreisanlage, ursprünglich aus simplen Holzstäben, später aus Erdwällen oder gar Steinkreisen, hatte man bestimmte Sonnenstände fixiert. Die berühmteste Anlage ist natürlich Stonehenge, aber trotz aller Verwüstungen haben zum Beispiel die Kultorte an den Externsteinen oder am Glauberg in Hessen überlebt. Auch Kirchengebäude sind nach der Sonne orientiert und markieren oftmals gewisse Sonnenstände des Jahreslaufs.

Der Messfeier schlossen sich üppige Gelage an — jetzt konnte man die gemästeten Gänse schlachten. Sie waren wie das Schwein bewunderte Träger mächtiger Naturkräfte, auch Symbol und Begleiter mancher Götter.

Bei den Gelagen gab es reichlich Bier, gerne angereichert mit bewusstseinserweiterndem Bilsenkraut. Andernorts wurde der erste Wein ausgeschenkt, oder man gönnte sich einige „Glückspilze“.

In diesem Zustand versuchte man einen Blick in die Zukunft zu erhaschen und den Göttern näher zu sein. Deshalb waren die Feiernden auch nicht mehr zu bändigen, die Herrschenden mussten Übergriffe, Hohn und Spott ertragen. Daraus entwickelte sich das Konzept von Karneval/Fasnacht.

Bei den Saturnalien, den römischen Feiern zu Wintersonnenwende und Neujahr, gab es ebenfalls die Umkehr der gewohnten Ordnung: Einmal im Jahr mussten die Herren die Diener bedienen.

Ähnliches wird aus mittelalterlichen Klosterschulen und Abteien berichtet, wo die Knaben meist in den Rauhnächten einen Kinder-Bischof oder Kinder-Abt wählten, der dann das Regiment übernahm.

Später fiel die Rolle dem Narren zu, der den Herrschenden die Leviten lesen durfte und der dem Lügengespinst demütigender Ja-Sagerei mit frecher Ausrufung der unbequemen Wahrheiten begegnete. Der Narr steht für Umsturz, für Kontrollverlust, während die Obrigkeit einmal im Jahr den Spiegel vorgehalten bekommt.

Deshalb ist die Erstürmung der Rathäuser am 11. 11. althergebrachtes Recht; heute natürlich jeder rebellischen Anwandlung entkleidet und in die geordneten Bahnen des Vereinswesens gelenkt.

Dennoch: All unseren Feiern, die ab dem 11.11. starten, liegt eine wilde Urkraft zugrunde. Auch wenn ihr Ursprung durch christliche Heilige verschleiert und als Umzüge für einen sagenhaften Martin, Nikolaus, Stefan oder Andreas verstanden werden sollten, lag die Nähe zu Feiern der Sonne, der Natur und ihrer göttlichen Kräfte nur allzu klar auf der Hand.

Der Kontrollwahn der Herrschenden läuft ins Leere, wenn die Menschen singen, lachen, tanzen. Wer das Leben genießt, ist für diese Momente ganz frei.



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Quellen und Anmerkungen:

Renate Reuther: Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind, Engelsdorfer Verlag)