Die friedliche Revolution

Zahlreiche negative Faktoren ballen sich zu einer ernsthaften Gefahr für das Überleben zusammen — Zeit, das Problem an der Wurzel zu packen. Exklusivabdruck aus „Die Strategie der friedlichen Umwälzung“.

Ein Problem kann die Menschheit vielleicht noch lösen — also zum Beispiel die zunehmende Militarisierung, den Abbau der Bürgerrechte, den Amoklauf unseres Finanzsystems oder die Zerstörung unseres Ökosystems. Kommen aber mehrere solcher Faktoren zusammen, können sie sich zu einem nicht mehr bewältigbaren Problemberg auftürmen. Alle destruktiven Faktoren wirken dann zusammen und verstärken sich gegenseitig. Es gibt nur eine Lösung: das System abzuschaffen, das all diesen Verwerfungen produziert.

In unserer Welt des Überflusses ist der Mangel zur alles dominierenden Ideologie geworden, die drauf und dran ist, den Überfluss ein für alle Mal zu zerstören. Ein vom Menschen erfundenes System mit monetärem Kern ist im Begriff, das Überleben — den kategorischen Imperativ der Evolution — zu verunmöglichen. Sogar Wissenschaftler verbreiten endzeitliche Stimmung. In der Tat: Der Krieg gegen die Natur und den Menschen und seine Gemeinschaften findet an vielen Fronten statt und fast überall gibt es bedenkliche Rückschritte, die einzeln bedrohlich, in ihrem Zusammenwirken aber verheerend sind. Wir haben es hier mit einem Vorgang einzigartiger Dimensionen zu tun. Monsterwellen bauen sich aus zwei großen Wellen zu einer Höhe von bis zu 35 Metern auf, die jedes Schiff versenken können. Die zivilisatorische Monsterwelle, die vor unseren Augen entsteht, nährt sich aus einer ganzen Reihe solcher Riesenwellen:

Die Welt befindet sich auf einem gefährlichen Weg der Militarisierung. Angeführt von den USA — „die kriegerischste Nation der Weltgeschichte“ (Jimmy Carter) — und der NATO, wird kräftig aufgerüstet. Dabei werden nicht nur riesige Mittel sinnlos verschwendet. Es wächst auch die Wahrscheinlichkeit von Missbrauch, Missverständnissen und kleinen Zusammenstößen mit großen Folgen. Die Idee des vorbeugenden Krieges — um einen Krieg zu verhindern? — und des atomaren Erstschlags hat immer mehr Anhänger unter Strategen. Ein Weltkrieg ist nicht ausgeschlossen. Unterhalb der Stufe eines heißen Krieges werden in vielen Konflikten Sanktionen eingesetzt, mit ähnlich zerstörerischen Folgen für die Zivilbevölkerung.

Das Völkerrecht ist in einem Prozess der faktischen Auflösung. Im eminent wichtigen ökonomischen Bereich ist es durch die WHO längst erfolgreich privatisiert, das heißt Schiedsgerichten unterworfen worden. Das Gewaltverbot gemäß Artikel 2 der UNO-Charta und der Grundsatz der Nichteinmischung werden systematisch und ohne Konsequenzen verletzt, wie die Beispiele von Syrien, Libyen, Venezuela und vieler anderer Fälle zeigen. Kaum ein Politiker und kaum eine Regierung wehrt sich dagegen. Mit Donald Trump ist auch die einseitige Kündigung von internationalen Verträgen wieder salonfähig geworden.

Die Massenmedien sind zu Lautsprechern der Eliten und ihrer Regierungen verkommen. Anstatt die wirklichen Missstände aufzudecken und die Mächte als vierte Gewalt zu kontrollieren, vernebeln sie das Publikum mit Oberflächlichkeiten, Halbwahrheiten, Propaganda und, wenn es sein muss, mit echtem Fake.

Gleichzeitig wird das Recht auf freie Meinungsäußerung immer weiter durch Kampagnen zur Bekämpfung von Fake News und Hasssprache eingeschränkt.

Im Hintergrund des Weltgeschehens wirken Geheimdienste mit Millionen von Mitarbeitern, die alle „an irgendwas dran sind“, das möglichst niemand wissen soll — offenbar, weil es nicht besonders legal ist. Gemäß einem Bericht der Washington Post von 2010 waren schon damals 1.271 US-Regierungsorganisationen und 1.931 Privatfirmen an 10.000 Standorten mit Terrorismusbekämpfung, interner Sicherheit und Nachrichtendienst beschäftigt; 854.000 Personen verfügten über „top-security clearance“, allein in den USA (1). Es wimmelt von dunklen Gestalten in schwarzen Mänteln, einfach in politisch korrekter Verkleidung.

Die Bürgerrechte werden laufend eingeschränkt, die Kompetenzen der Polizei erweitert. Nach einem Papier des FBI vom 30. Mai dieses Jahres werden auch Menschen als inländische Terrorgefahr klassifiziert, die „versuchen, Ereignisse oder Umstände als Ergebnis einer Gruppe von Akteuren zu erklären, die im Geheimen zum eigenen Vorteil und zum Nachteil anderer zusammenarbeiten“ oder die Begründungen bevorzugen, „die gewöhnlich im Widerspruch zu offiziellen oder vorherrschenden Erklärungen stehen“ (2).

Mit anderen Worten: Die staatliche Macht ist bereits so instabil, dass abweichende Meinungen gefährlich sind und wie eine Terrorgefahr behandelt werden. Oder in der Sprache der Eliten: Verschwörungstheoretiker sind Terroristen.

Die Bevölkerung wird einer lückenlosen digitalen Kontrolle unterzogen. Die Daten dienen der Beeinflussung, der Erkennung von Netzwerken und der Behinderung des freien Informationsaustausches. Die letzten Löcher im Netz zu schließen, ist ein Frage weniger Jahre.

Während für die Bürger als Objekte der Überwachung totale Transparenz gilt, erscheinen die Subjekte als undurchsichtige, faktisch unangreifbare öffentlich-private Partnerschaft. Selbst unerhörte Enthüllungen wie die von Edward Snowden führen zu keinen zählbaren Reformen. Pech: Er übergab seine Daten an die Zeitung Guardian und das von dem Multimilliardär Pierre Omidyar (eBay) finanzierte Portal Intercept, die den größten Teil der Daten versenkten.

Das Finanzuniversum hat sich faktisch von der Realwirtschaft gelöst und seine Regeln laufend gelockert. Die Finanzkrise wurde nicht nur mit einer Verlagerung der Risiken auf den Steuerzahler „gelöst“, sondern auch mit einer exorbitanten Vergrößerung des Schuldenbergs, der jederzeit aus nichtigem Anlass zusammenbrechen kann. Je mehr Geld die Zentralbanken zur Rettung der Börsenkurse in die Märkte pumpen, desto schärfer wird der Anlagenotstand und desto größer das Risiko, das die Anleger eingehen.

Das Geldsystem, das die Wirtschaft zu exponentiellem Wachstum zwingt, hat auch zu einer exponentiellen Umweltzerstörung geführt. Gemäß dem Bericht des Weltbiodiversitätsrates vom Mai 2019 sind eine Million von geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit vom Aussterben bedroht — einmalig in der Geschichte der Menschheit. Die Aussterberate nimmt weiter zu und liegt gegenwärtig bei rund 100 Arten täglich.

Die Umverteilung von den Arbeitenden zu den Vermögenden, darunter vor allem das oberste Promille, geht mit zunehmender Schärfe voran. Der Anteil der Multis am globalen BIP steigt und liegt aktuell bei einem Drittel der Produktion, der Hälfte der Exporte, aber nur einem Viertel der Arbeitsplätze (3). Nach einer Studie der OECD sind 46 Prozent der Jobs in den Industrieländen in Gefahr, von der Roboterisierung verdrängt zu werden, vor allem in ärmeren Ländern (4). Wir befinden uns in einer Entwicklung, an deren Endpunkt ein Mensch eine alles produzierende Maschine besitzt, von der alle abhängig sind. Natürlich wird diese Entwicklung vorher unterbrochen werden, aber wie? Und durch wen?

Wie das Geld, ist auch die Macht auf der Erde einem stetigen Konzentrationsprozess unterworfen. Das demokratische Prinzip — „Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk“ (Lincoln) — wird zunehmend aufgeweicht durch den Einfluss der Lobbys und der Experten und durch Verlagerung der Entscheidungszentren in multinationale Strukturen. Die Lobbys sind im Durchschnitt mehr als doppelt so erfolgreich, ihren Standpunkt durchzubringen wie die Wähler. Diese fühlen sich in der Folge betrogen und wenden sich radikaleren Parteien zu.

Die psychische Gesundheit der Weltbevölkerung zerfällt. Stress und Depression sind Volkskrankheiten geworden und nehmen weiter zu. Negative Gefühle — Sorgen, Traurigkeit und Wut — sind weltweit gestiegen, von 2010 bis 2018 um 27 Prozent, sagt der jüngste Weltglücksbericht der UNO.

Während die Glückskurve der US-Erwachsenen seit 1973 stetig fällt, ist dies bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit 2012, seit die meisten von ihnen ein Smartphone besitzen, nun auch der Fall, wie die Autoren des Berichts unterstreichen. Die UNO warnt denn auch vor einer „digitalen Sucht“.

Die Angst nimmt zu, einerseits aus Mangel an Vertrauen in die Zukunft, andererseits weil sie geschürt wird, um aus ihr politisches Kapital zu schlagen, kurz und eindrücklich zusammengefasst von Rainer Mausfeld in „Angst und Macht“ (Westend Verlag, 2019). „Wer regiert, hat nur die Möglichkeit, Angst zu erzeugen oder Angst zu erleiden.“ Die Politik in vielen westlichen Ländern wird zunehmend von intoleranten Minderheiten und reichen Lobbys dominiert. Die Polarisierung hat die Debatte auf den Austausch von Schlagworten reduziert. Solange Aussicht darauf besteht, den Gegner zu besiegen, wird ein Konsens gar nicht angestrebt. Politik ist nicht mehr Ausgleich, sondern Durchsetzung von Interessen.

Die Familie als erstes Glied der Sozialisation wird zunehmend eliminiert. Während wir die Folgen eines zerrütteten Elternhauses kennen, werden wir die Konsequenzen eines fehlenden Elternhauses erst noch erfahren. Sicherheit, Geborgenheit und bedingungslose Liebe werden für immer mehr Menschen emotionale Fremdwörter bleiben und sie in den Individualismus treiben. Wie jede totalitäre Ideologie zerreißt auch der Neoliberalismus die familiären Bindungen und macht sie sich zunutze.

Anstatt Wissen an sich produziert die akademische Welt, gefördert durch Sponsoring, zunehmend Herrschaftswissen. Die Anzahl, nicht die Qualität der Publikationen entscheidet über die Karriere. Die Statistik und damit die Wahrscheinlichkeit ersetzt zunehmend gesichertes Wissen. Zudem leidet die Wissenschaft an einem gravierenden Wahrnehmungsproblem, von Nassim Nicholas Taleb treffend umschrieben: „In der akademischen Welt gibt es keinen Unterschied zwischen der akademischen und der wirklichen Welt, in der wirklichen Welt hingegen schon“ (5). Von ihr ist wenig Erkenntnis über den wahren Zustand der Erde zu erwarten.

Alle wirklich notwendigen Reformen werden verwässert, verzögert, verhindert oder ins Gegenteil verkehrt: Reformen für gerechte Steuergesetzgebung, für wirksamen Schutz der Umwelt vor Vergiftung, Verstrahlung, Übernutzung oder Erwärmung, für ein gerechtes Geldsystem und, und, und. Viele Reformen, obwohl langfristig effizient, kosten anfangs mehr und bedeuten für die Länder, die sie zuerst einführen, einen Wettbewerbsnachteil. Andere Reformen werden verhindert, weil sie an kritischer Stelle in die Verteilung von Macht und Ressourcen eingreifen.

Der Mensch ist mit der künstlichen Intelligenz daran, sein Schicksal in die Hände einer Maschine zu legen, die er nicht mehr versteht und daher auch nicht mehr kontrollieren kann. Dem Sachzwang des ewigen Wachstums wird er mit den Sachzwängen der Algorithmen nicht mehr begegnen können. Ich denke nicht, also bin ich nicht.

Die Liste könnte bis zur Hoffnungslosigkeit weitergeführt werden. Was sie zeigen soll: Wir befinden uns an einem einzigartigen Punkt in der Geschichte, in dem gleichzeitig die Gefahr ins Endzeitliche wächst, die Bewusstseinskräfte aber durch Ängste, Ablenkung, Stress und Desorientierung soweit sinken, dass wir als Kollektiv die Gefahr weder erkennen noch ihr angemessen begegnen können.

Unter der Herrschaft des Geldes ist die vom Menschen geschaffene Welt zu einer absurden, selbstmörderischen Maschine geworden, zu deren Krach wir zu tanzen versuchen. Aber wir zucken und zappeln als ausgestoßene Individuen auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Um diesem unseligen Tanz mit einem unbekannten Teufel ein Ende zu setzen, reicht es nicht, das Orchester ein bisschen umzustellen und die „Musik“ leiser zu machen.

„Wirkliche Demokratie kann nur durchgesetzt werden, wenn das gesamte, radikal antidemokratische System des Konzernkapitalismus vollständig abgeschafft ist“, stellt Noam Chomsky fest. Das kann nur eines heißen: Umwälzung. Doch das macht zunächst mehr Angst, als auf dem bisherigen Weg weiterzugehen.




Quellen und Anmerkungen:

(1) https://en.wikipedia.org/wiki/United_States_Intelligence_Community
(2) https://news.yahoo.com/fbi-documents-conspiracy-theories-terrorism-160000507.html
(3) OECD: „Multinational enterprises in the global economy“, May 2018, www.oecd.org/industry/ind/MNEs-in-the-global-economy-policy-note.pdf
(4) https://www.oecd-ilibrary.org/employment/automation-skills-use-andtraining_2e2f4eea-en
(5) Nassib Nicholas Taleb: Das Risiko und sein Preis. Penguin, 2018. S. 18