Die gelebte Alternative
Im Manova-Gespräch beschreibt Michel Jacobi seine Erkenntnisse als Aussteiger in der Westukraine und reagiert auf Kommentare und Fragen von Zuschauern auf das erste Video zu seinem Weg aus dem System — vor allem zur Finanzierung. Teil 2.
Vor 18 Jahren wanderte Michel Jacobi nach Abschluss des Forstwissenschaftsstudiums im Alter von 26 Jahren in die Westukraine aus. Dort begann für ihn ein Leben voller Herausforderungen und Schwierigkeiten, die dazu führten, dass er heute mit seiner Frau und ihren gemeinsamen Kindern sowie mit großen und kleinen Nutztieren abgeschieden in den Karpaten lebt. Er bewahrte die ukrainischen Wasserbüffel vorübergehend vor dem Aussterben und erlangte wichtige Erkenntnisse für sein Leben und unsere Gesellschaft. In einem zweiten Gespräch mit Elisa Gratias reagiert er auf Kommentare und Fragen zum ersten Interview und führt seine Erkenntnisse zum Preis der Freiheit und zur Finanzierung seines Ausstiegs aus. Dabei geht es für ihn buchstäblich um Leben und Tod, denn das moderne Leben in deutschen Großstädten zeugt von der allumfassenden Normopathie der sogenannten Zivilisation. Die Menschen sind nicht lebendig — und viele merken es nicht einmal. Für Michel Jacobi ist es unsere Pflicht, aus diesem nekrophilen System auszusteigen, denn es macht nicht nur niemanden glücklich, sondern zerstört unser aller Lebensgrundlagen. Für ihn ist klar: „Ich lebe lieber in einer Höhle als in Deutschland.“
Viele Menschen spüren tief in sich, dass das System, in dem wir leben, nicht mehr tragfähig ist. Matthias Desmet beschreibt sehr gut, wie Angst, Isolation und Sinnverlust uns in eine Art Massenhypnose versetzen, in die sogenannte Megamaschine. Diese Maschine hält uns in Abhängigkeit, weil wir nicht mehr selbst für unsere Grundbedürfnisse sorgen können.
Warum sollte man aussteigen? Weil diese Abhängigkeit uns unserer Freiheit beraubt. Solange wir unser Essen, unsere Energie und unsere Sicherheit von diesem System kaufen müssen, sind wir erpressbar. Echte Freiheit beginnt dort, wo wir wieder Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen.
In den Transkarpaten ist das noch möglich. Das Land ist günstig, die Böden sind fruchtbar und die Gesetze noch nicht so streng wie im Westen. Man kann mit sehr wenig Geld ein einfaches, aber gutes Leben aufbauen, durch Selbstversorgung, kleine Tierhaltung und ein bisschen lokalen Verkauf oder Agrotourismus.
Wenn man die Gedanken von Paul Kingsnorth, John Zerzan und Claudia von Werlhof zusammenbringt, entsteht eine interessante Synthese. Statt komplett in die Steinzeit zurückzugehen, können wir eine alte europäische Lebensform wiederbeleben: eine symbiotische Hirten- und Gärtnerkultur. Eine Lebensweise, die Tiere nicht ausbeutet, sondern mit ihnen zusammenlebt, die Waldgärten und naturnahe Kreisläufe schafft. Kein reiner Primitivismus, sondern ein respektvolles Miteinander mit der Natur — so wie es unsere Vorfahren in Europa über lange Zeit getan haben.
Das ist kein Rückschritt. Das ist die Rückkehr zu einer intelligenteren, würdevolleren Art zu leben.
Von der Illusion der Freiheit
Ein Mensch, der sich nicht frei fühlt, wird früher oder später krank, nicht nur im Körper, sondern vor allem in der Seele. Das Gefühl, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gehört zu den tiefsten Bedürfnissen des Menschen. Ohne dieses Gefühl verliert das Dasein seinen Sinn.
Doch echte Freiheit ist wesentlich schwerer zu erreichen, als die meisten glauben. Denn der Mensch ist kein freies Wesen, das gelegentlich beeinflusst wird, er ist ein Spiegel seiner Umwelt. Seine Gedanken, Werte und sogar seine Wünsche sind größtenteils das Produkt dessen, womit er sich täglich umgibt.
Die einzige echte Freiheit, die uns bleibt, besteht darin, bewusst zu entscheiden, von welchen Einflüssen wir uns formen lassen wollen.
Es gibt drei mögliche Wege:
*Der erste und häufigste Weg ist der Versuch, innerhalb des bestehenden Systems etwas freier zu werden. Er führt fast immer in die Enttäuschung. Wer nur den Freundeskreis leicht optimiert, bleibt dennoch im selben morphogenetischen Feld gefangen und wird weiterhin von der Masse geprägt.
* Der zweite Weg ist der radikale Bruch: das Verlassen der modernen Zivilisation und das Eintauchen in eine andere Kultur oder in indigene Lebensformen. Nur hier kann der Mensch sich wirklich neu programmieren, weil er sich einem völlig anderen Feld aussetzt.
* Der dritte Weg wäre die bewusste Schaffung eines eigenen kleinen Stammes außerhalb der bestehenden Ordnung — ein Weg, der selten gelingt, aber möglich ist.
Wer sich ernsthaft lösen will, muss bereit sein, vieles abzuschaffen: ständige Erreichbarkeit, überflüssigen Konsum, die Sucht nach Information und Unterhaltung, den Glauben an Karriere und gesellschaftlichen Aufstieg. Er muss auf einen großen Teil des Komforts verzichten, den die Megamaschine uns bietet.
Hier treffen sich die Gedanken von Günther Anders und Lewis Mumford. Die Technik ist längst keine neutrale Sache mehr, sie hat sich zur Megamaschine entwickelt, die den Menschen selbst zum bloßen Funktionsteil macht. Der Mammon, die Herrschaft des Geldes, ist dabei der Treibstoff dieser Maschine. Wer sich ihr entziehen will, muss nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich aussteigen.
Echte indigene Freiheit findet man heute nur noch an sehr wenigen Orten dieser Erde, meist dort, wo die Megamaschine noch nicht vollständig gesiegt hat. Doch auch diese Orte werden immer weniger.
Die bittere Wahrheit lautet: Wer in dieser Zivilisation bleiben will, kann nur verschiedene Grade der Unfreiheit wählen. Wer jedoch bereit ist, wirklich vieles loszulassen, dem steht noch eine andere Möglichkeit offen: die Möglichkeit, wenigstens annähernd wieder Mensch zu werden.