Die große Herausforderung

Wenn wir die Krise als Chance ergreifen, werden wahre Wunder möglich.

Die derzeitige durch die Corona-Pandemie verursachte Krise birgt neben den negativen Aspekten große Chancen auf eine positiven Veränderung. Durch die vollständig oder teilweise kollabierenden Strukturen des Systems sind diese deutlicher wahrnehmbar. So wird ein Bewusstseinswandel möglich.

Der Begriff Krise stammt aus dem Altgriechischen und wird laut Wikipedia als ein Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Konfliktentwicklung in einem natürlichen oder sozialen System, dem eine massive und problematische Funktionsstörung über einen gewissen Zeitraum vorausging, bezeichnet. Das Wort ging hervor aus dem Verb „krinein“, welches „trennen“ und „(unter-)scheiden“ bedeutet.

Wir sind durch die Krise also aufgefordert, zu trennen oder zu unterscheiden. In einer gefährlichen Konfliktentwicklung kann eine Strategie für die Zukunft entworfen werden, um Gefahren zu vermeiden und gemachte Fehler zu korrigieren.

Wir sind somit aufgefordert, die Vergangenheit zu bewerten, die uns in diese Situation geführt hat. Wir haben hier — durch die Dringlichkeit der aktuellen Lage — die Möglichkeit auf Vergangenes eine Antwort zu formulieren. Wir können das Sinnvolle vom Unnützen trennen, das Schädliche weglassen oder bekämpfen.

Die Krise zeigt uns an, dass etwas nicht rund läuft. Wir haben oft erst in der Krise die Möglichkeit die „massive und problematische Funktionsstörung, die einen gewissen Zeitraum vorausging“, wahrzunehmen. In der Psychotherapie spricht man beispielsweise vom Leidensdruck, der sich bis zur Unerträglichkeit steigert, damit der Betroffene bereit für eine Therapie ist. Diese Situation des „Es kann so nicht weitergehen!“ ist der Krise wesentlich. Eine Krise ist demnach eine Aufmerksamkeitsverschiebung, die eine Entwicklung, die vorher unsichtbar war, durch die Dringlichkeit der Situation sichtbar werden lässt.

In unseren zunehmend komplexer organisierten Strukturen wird es immer schwieriger — selbst für die sogenannten Experten — einen Überblick darüber zu erlangen, was für uns sinnvoll ist und was nicht. Die Anzahl der Krisen erhöht sich: Ölkrise, Finanzkrise, Klimakrise, Krise des politischen Diskurses, persönliche Sinnkrisen, ökologische Krise, demografische Krise, ideologische Krise, Kulturkrise. In fast allen Aspekten unseres Zusammenlebens erleben wir derzeit Situationen, die sich als Krisen wahrnehmen lassen.

Wir scheinen als Menschheit insgesamt in einer Krise zu sein, die sich aus mannigfaltigen Krisensituationen zusammenzusetzen scheint.

Entscheidend für die positive Bewältigung einer Krise sind die Entscheidungen, die für die Zukunft getroffen werden, ob die Strategie oder Vorgehensweise sinnvoller oder weniger destruktiv als vor dem Wendepunkt sein wird, wie also destruktives Handeln vom sinnvollen Handeln (ab-)getrennt wird. Gelingt dies nicht, wird sich die Krise wiederholen. Sehr gut zu beobachten wird dies wahrscheinlich bei der sogenannten Bankenkrise sein. Die zur Krise geführten strukturellen Funktionsstörungen wurden nicht beseitigt, sondern eher noch verstärkt.

Die von mir durchlebten Krisensituationen haben mich oft — nämlich dann, wenn ich diese Wahrnehmungsverschiebungen positiv für mich nutzen konnte — gestärkt aus dieser Situation hervorgehen lassen. Daher bedeutet für mich der Begriff Krise mehr Chance als eine belastende Situation.

In Bezug auf politische und gesellschaftliche Zusammenhänge habe ich anderen Menschen gegenüber oft den starken Wunsch nach einer Krise geäußert. Diese Äußerungen stießen meistens auf Unverständnis oder Ablehnung. Ich habe dann meist geäußert, dass mir beispielsweise eine Bankenkrise lieber wäre als eine Ökokrise. Auch das wollten meine Gesprächspartner oft nicht hören.

Die Bewahrung des Status quo ist — neurophysiologisch betrachtet — ein in uns Menschen neuronal angelegtes Programm zur Lebenserhaltung.

Da bei uns „zivilisierten Menschen“ das Leben oft gar nicht konkret bedroht ist, läuft dieses Programm oft ins Leere und verursacht Depressionen, Neurosen, bis hin zu Psychosen. Jeder Mensch, der positive Erfahrungen mit Psychotherapie oder Ähnlichem gemacht hat, weiß, dass wir auch noch ganz andere Programme in uns tragen, die durch gewisse Praktiken aktiviert werden können. Wie kann ein solches „Wissen“ auf gesellschaftliche Strukturen übertragen werden? Muss der Leidensdruck der Gesellschaft bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden, damit andere Programme — als Status-quo-Erhaltung — abgerufen werden können?

Ich habe unter anderem versucht, bei den Philosophen Antworten auf diese Fragen zu finden. Theoretisch scheinen wir da aber nicht weiter zu kommen, obwohl sich viele sehr gebildete, geistreiche und kritische Menschen mit solchen Themen befasst haben. Ein umfangreiches Wissen der Psychologie und Psychotherapie ersetzt eben nicht die Erfahrungen eines unerträglichen Leidensdrucks mit anschließender Psychotherapie. Dieses Wissen kann nicht erlernt oder vermittelt, sondern muss erfühlt, erlebt werden. Da setzt mein Wunsch nach einer gesellschaftlichen Krise an.

Die derzeitige, durch das Coronavirus ausgelösten, Krisensituationen bieten aus meiner Perspektive derartige Chancen. Ich hoffe auf eine Krise, die als Aufmerksamkeitsverschiebung wie eine Lupe wirkt und uns zeigt, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich glaube, dass der gesellschaftliche Leidensdruck sich in den nächsten Wochen oder Monaten derart steigern wird, dass viele der Fehlentwicklungen unserer Organisation deutlich sichtbar werden, was entweder zu einer gesundenden Therapie oder zu weiteren Verdrängungen, Depressionen, Neurosen und Psychosen des Gesellschaftlichen führen wird. Es liegt jetzt an uns, ob wir diese Krise als Chance für eine wirkliche Kehrtwende begreifen.

Der Leidensdruck der Gesellschaft wird sich steigern durch die Offenbarung der Strukturen, die uns bis hierhin gebracht haben.

Diese Strukturen, die für die meisten Menschen bisher verborgen waren, werden durch die gigantische Wahrnehmungsverschiebung in der Krise plötzlich sichtbar. Die Menschen werden — das ist meine Hoffnung — ganz anschaulich wahrnehmen können, dass ein weltweit agierendes System der Konkurrenz vor die Wand fährt.

Die rücksichtslose Ausbeutung der Natur, die weltweite rationalistische Gleichmacherei, die zunehmende Vereinsamung und somit Verelendung vieler Menschen, die Ignoranz gegenüber dem Menschen Wesentlichem, die Missachtung jeglichem Gerechtigkeitsempfindens, die sich schon seit langen im Vormarsch befindlichen totalitären Strukturen der sogenannten freiheitlichen Demokratien, die Fragilität eines spekulativen Finanzkapitals, die gezielte Vergiftung durch Drogen, pharmazeutische Produkte und durch Massentierhaltung und Monokultur hergestellten Lebensmittel, die im vorauseilendem Gehorsam perfide manipulierenden Medienakteure, die Propagierung einer Lebensweise des immer Mehr mit immer weniger wahrhaftigen Werten, die weltweite komplexe Vernetzung der menschlichen Produktion, die unter dem Label Globalisierung getarnte Versklavung der Weltbevölkerung zugunsten einiger weniger Psychopaten. All das wird jetzt zumindest deutlicher erkennbar.

Das birgt riesige Chancen für einen Bewusstseinswandel hin zu einer Welt des Miteinanders der Menschen und der übrigen Wesen und was da sonst noch so ist.

Es wird demnächst wahrscheinlich für viele von uns unbequemer. Aber eine Therapie ist nun mal kein Zuckerschlecken. Ist aber viel gesünder! Ich hoffe, dass diese Krise uns hin zu einer Therapie führt, die ein Leben ohne die Zumutungen der globalen Diktatur des Finanzkapitals ermöglicht. Ein Leben mit und nicht gegen die Natur. Ein Leben, in dem wir miteinander kooperieren statt gegeneinander in Konkurrenz zu gehen. Ein Leben, das vielfältig statt eintönig ist. Ein Leben mit Musik, Kunst, Wissenschaft und Lehre von allen für alle.

Wenn wir die Krise als Chance ergreifen, werden wahre Wunder möglich!


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