Die große Wäsche

Der Manipulation kann nur entgegenwirken, wer die Techniken kennt und zu Selbsterkenntnis bereit ist.

Die Gedanken sind nicht frei. Gedacht wird, was in die großen Medien kommt und über die Fernsehbildschirme flimmert. Wie Puppen scheinen sich heute viele Menschen durch ihr Leben zu bewegen, an Fäden hängend und auf vorgefertigten Wegen. Dennoch würde wohl kaum jemand von sich sagen, dass er gerade manipuliert wird. Wir erkennen es hinterher — dann, wenn es oft zu spät ist. Ein bereits 2013 veröffentlichtes monumentales Werk zweier Italiener dokumentiert die Geschichte der Manipulation im Laufe der Jahrhunderte und fordert zu Achtsamkeit und Selbstkritik auf.

In ihrem Werk Neuro-Esclaves beschreiben die Psychologen Marco Della Luna und Paolo Cioni die Mechanismen der Konditionierung im Laufe der Geschichte — von religiöser Indoktrination über Marketing und Werbung bis hin zu elektromagnetischer Kontrolle und politischer Propaganda. Sie integrieren die psychologische Perspektive in eine neurophysiologische und soziologische Betrachtung und untersuchen die Wirkungsweise dieser Verfahren, um Möglichkeiten zu finden, ihnen entgegenzuwirken (1).

In modernen Gesellschaften werden Menschen weniger durch offene Gewalt als vielmehr durch psychologische Einflussnahme, wirtschaftliche Abhängigkeiten und Informationssteuerung geprägt. Kein Gebiet des öffentlichen Lebens ist frei von dem Versuch, mehr oder weniger gezielt Einfluss zu nehmen — und kein Mensch davor gefeit, sich manipulieren zu lassen. Auch diejenigen nicht, die meinen, sie seien unmanipulierbar.

Wir alle lassen uns mehr oder weniger stark beeinflussen. Medien bestimmen durch Agenda-Setting, Framing, Wiederholung, Angsterzeugung und Meinungsbildung mit, worüber wir nachdenken sollen. Werbung nutzt Konditionierung, Wiederholung, emotionale Bilder, Belohnungsmechanismen und Stressreaktionen. Die Politik arbeitet mit Angst, Hoffnung, Feindbildern, Identität und der Vereinfachung komplexer Probleme, um Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen.

Hexenküche

Durch Auswendiglernen, Autoritätsdenken und Leistungsdruck werden wir in Schulen und Universitäten nicht selten darauf ausgerichtet, uns an bestehende Strukturen anzupassen und bestimmte Leistungs- und Verhaltensnormen zu erfüllen.

Im Erwerbsleben können Schulden zu einem Mittel gesellschaftlicher Kontrolle werden, während digitale Überwachung die Möglichkeiten individueller Selbstbestimmung weiter einschränkt.

Nicht nur außerhalb des Körpers wird Einfluss genommen. Körper werden durch künstliche Gelenke und Organe, Neuroprothesen und implantierte Sensoren technisch erweitert. Medikamente und Hormone wirken auf Stimmungen, Verhalten, Stoffwechsel und hormonelle Prozesse. Auch bei der Geburtenkontrolle wird in natürliche Reproduktionsprozesse eingegriffen. Bei der künstlichen Befruchtung wird entschieden, welche Embryonen zur Schwangerschaft verwendet werden und welche nicht. Langfristig kann die Auswahl bestimmter genetischer Merkmale die Häufigkeit bestimmter Eigenschaften in Populationen beeinflussen.

Was vor wenigen Jahrzehnten noch wie Science-Fiction klang, ist in Teilen längst Realität. Mit CRISPR-Verfahren können DNA-Sequenzen gezielt verändert und bestimmte Gen-Funktionen beeinflusst oder ausgeschaltet werden. Somatische Gen-Editierung, also Veränderungen in Körperzellen, die nicht an die Nachkommen weitergegeben werden, wird bereits medizinisch eingesetzt.

What gets measured, gets done

Mit Technologien wie der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), der tiefen Hirnstimulation (DBS), Neuroimplantaten und Brain-Computer-Interfaces können neuronale Aktivität und bestimmte kognitive oder verhaltensbezogene Prozesse gezielt beeinflusst werden. Bei der Deep Brain Stimulation (DBS) werden Elektroden chirurgisch in bestimmte Hirnregionen eingesetzt, um neuronale Netzwerke über längere Zeit zu stimulieren. Implantierte Elektroden und elektrische Stimulation können Lern- und Gedächtnisprozesse beeinflussen (2).

Forscher diskutieren heute über mögliche Neuro-Rechte, geistige Privatsphäre und kognitive Freiheit. Es ist möglich, neuronale Signale mit invasiven und nicht-invasiven Verfahren aufzuzeichnen und bestimmte neuronale Muster mithilfe von Algorithmen zu dekodieren. Brain-Computer-Interfaces können beispielsweise Bewegungsabsichten und sprachbezogene neuronale Aktivität in Computerbefehle oder Sprache übersetzen. Gleichzeitig können Hirnregionen durch verschiedene Verfahren gezielt stimuliert werden.

Ironischerweise braucht man für eine wirksame Beeinflussung von Menschen gar keine direkte Neurostimulation. Die Forschungs- und Entwicklungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums, DARPA, beschäftigt sich unter anderem mit kognitiven Auswirkungen von Mixed-Reality-Systemen. In entsprechenden Forschungsprojekten wurden beispielsweise Verwirrung, Angst, Vertrauensverlust und emotionale Reaktionen als mögliche Effekte untersucht (3).

Personalisierte Medienfeeds, algorithmische Werbung, soziale Medien, persuasive Technologien, virtuelle Realität, personalisierte KI, Überwachung und Feedbacksysteme gestalten die Umwelt, auf die das Gehirn reagiert.

Theoretisch könnte eine KI für jeden Menschen individuell bestimmen, welche Information er sieht, wann er sie sieht, welche Botschaft ihn überzeugt und welche emotionale Reaktion oder welches Verhalten anschließend wahrscheinlich ist.

So stellt sich die Frage, inwiefern der Mensch überhaupt noch über einen freien Willen verfügt. Doch die meisten scheinen sich für diese Frage nicht zu interessieren. Damit riskieren sie, dass — wie in manchen Science-Fiction-Filmen — ihr Bewusstsein beliebig ein- und ausgeschaltet werden könnte, bevor ihre Körper entsorgt werden, weil sie als Ressource nicht mehr dienlich sind.

Hinterm Licht hervorkommen

Für die Autoren von Neuro-Esclaves heißt das Gegenmittel Information. Die Menschen müssen darüber aufgeklärt werden, wie etwa Glaubensvorstellungen entstehen, Emotionen beeinflusst werden können und der Geist regelrecht gekapert werden kann. Überreizung, Ermüdung, Informationsüberflutung und Ablenkung sind Bedingungen, unter denen die eigene Urteilsfähigkeit beeinträchtigt werden kann. Gefühle, Gewohnheiten, soziale Erwartungen und unbewusste Reaktionen können Entscheidungen stark beeinflussen.

Daher ist es wichtig, sich selbst gegenüber so ehrlich wie möglich zu sein, um die eigenen Reaktionsmuster zu erkennen. Um Illusionen zu überwinden, empfehlen die Autoren etwa, aufmerksam die eigenen Ängste und Bedürfnisse zu beobachten, zwischen eigenen und übernommenen Überzeugungen zu unterscheiden und bei starken emotionalen Reaktionen nicht sofort zu handeln.

Nur wer Aufmerksamkeit, Selbstbeobachtung und Informationshygiene gut in sich selbst verankert hat und die eigene körperliche und psychische Stabilität pflegt, erkennt Situationen, in denen jemand beispielsweise über Autoritätsdruck, Gruppenzwang, Schuldgefühle oder eine schrittweise Verschiebung persönlicher Grenzen versucht, psychologische Abhängigkeit zu erzeugen.

Selbsterkenntnis

Da die meisten wirksamen Manipulationen über Aufmerksamkeit, Emotionen, soziale Beziehungen, Sprache, Belohnung und Angst funktionieren, ist Selbsterkenntnis eine wichtige Voraussetzung dafür, sich ihnen zu entziehen. Hierzu gehört es, die eigenen emotionalen Reaktionen zu beobachten, zwischen Beobachtung und Interpretation zu unterscheiden und auch jene Informationen zu prüfen, die man gerne glauben möchte.

Alles, was in Abhängigkeit treibt, kann uns leichter manipulierbar machen. Manipulation wird schwieriger, wenn Menschen über eigene finanzielle Möglichkeiten verfügen, Zugang zu unterschiedlichen Informationsquellen haben, sich eigene Entscheidungsräume bewahren und auch körperlich möglichst selbstständig sind. Denn körperliche Stabilität kann die geistige Autonomie unterstützen.

Ziel ist es nicht, unmanipulierbar zu werden. Auch das wäre eine Illusion. Wir sind Menschen und als soziale Wesen beeinflussbar. Lernen beeinflusst uns, ebenso Musik, Sprache, Begegnungen und Gefühle. Die Beschäftigung mit dem Thema Manipulation hilft, besser erkennen zu können, wann wir beeinflusst werden, um dann selbst zu entscheiden, ob wir diesen Einfluss annehmen oder nicht.