Die kubanische Ernüchterung
Das Freiheitsversprechen von Castros Revolution wurde nicht eingelöst — was hilft, ist die Rückbesinnung auf die Heimat, die wir im Herzen tragen.
Kein System ist gut: Der Kapitalismus lässt dich glauben, dass du frei bist, obwohl du in Wirklichkeit ein Sklave des Systems bist, der sich für frei hält. Kommunistische Diktaturen nehmen dir die Freiheit auf offensichtlichere Weise. Kuba wurde lange besonders in der Linken als Sehnsuchtsland gehandelt und maßlos idealisiert. Fidel Castro und Che Guevara waren Ikonen der Popkultur. Doch wer das Land kannte, beklagte sich schon lange über materielle Knappheit und politische Unterdrückung. Nach dem Tod Castros nahmen Ungleichheit und Misswirtschaft noch weiter zu. Die Autorin spricht dem Westen das Recht ab, den Karibikstaat belehren zu wollen. Doch die Missstände sind teilweise so schlimm, das es heute nicht selten mit starkem emotionalem Schmerz verbunden ist, Kubanerin oder Kubaner zu sein. Die Blütenträume von einer gerechteren Welt sind wie Seifenblasen zerplatz. Weder eine Intervention der USA noch „Weiterwursteln“ wie bisher sind Erfolg versprechende Optionen. Aus der Liebe, die die Bewohner der Insel für ihre Heimat im Herzen tragen, kann jedoch Hoffnung für die Zukunft erwachsen.
„Mama, die Freiheit wirst du immer in deinem Herzen tragen.
Sie können dich korrumpieren, du kannst vergessen.
Aber sie ist immer da.“
„Inconsciente colectivo“, kubanischer Rocksong von Charly García
Die Idealisierung des kubanischen Systems durch Ausländer
Ich habe mit vielen Ausländern zu tun gehabt, die das kubanische System romantisieren und mir sagen, dass ich „keine Ahnung habe, wovon ich rede“ oder dass ich „an Propaganda glaube“. Ich bin absolut gegen jede Art von Einmischungspolitik und dagegen, dass die Vereinigten Staaten und andere westliche Mächte sich das Recht anmaßen, die Welt zu beherrschen. Aus meiner Sicht sind jedoch die gegen die kubanische Regierung verhängten Sanktionen nicht für unsere Probleme verantwortlich, zumindest nicht allein.
Die kubanische Führung hat Geschäfte, sogar in Miami, baut Luxushotels, erhält Euro und Dollar von internationalen Organisationen, ganz zu schweigen davon, dass alle Einnahmen direkt an sie gehen, da sie alle Unternehmen in ihrer Hand haben und kaum in die Bevölkerung investieren.
Es ist schrecklich, aber die Situation ist so verzweifelt, dass viele Kubaner glauben, eine Intervention wäre die „am wenigsten schlechte“ Option.
Obwohl ich weiß, dass die Sanktionen einen Einfluss haben, glaube ich, dass wir ohne sie genauso weiterleben würden.
Die Blockade ist intern: Seit Kurzem gibt es eine Öffnung für den privaten Markt. Aber auch dieser ist stark eingeschränkt, wird verfolgt und überwacht, ganz zu schweigen von den überhöhten Steuern oder den Geldstrafen, die von den Steuerprüfern verhängt werden können. Zum Beispiel: Wenn in dem kleinen Laden meiner Eltern im Eingangsbereich meines Hauses ein Produkt kein Preisschild hat, den von der Regierung festgelegten Höchstpreis überschreitet oder einfach kein Schild mit den Öffnungszeiten vorhanden ist, kann die Geldstrafe zwischen 5.000 und 16.000 Pesos (etwa 180 bis 580 Euro) betragen — letztendlich ist das eine Methode der wirtschaftlichen Unterdrückung. Ganz zu schweigen von Zensur, Kündigungen, gesellschaftlichem Ausschluss und so weiter.
Ideal wäre es, wenn sie verschwinden und uns das Land überlassen würden, damit wir nach und nach einen Wandel vollziehen könnten. Aber Kuba hat keine starke Opposition. Im Gegenteil, unter den Aktivisten gibt es Spaltungen, weil einige rechtsextrem und andere eher links sind. Letztendlich konzentrieren sie sich mehr darauf, die anderen zu diskreditieren, als sich zu vereinen, um ein freies Kuba zu erreichen.
Wir wissen nicht, in welchem Umfang, aber heute gibt es hier Grundstücke, Hotels und Unternehmen, die ausländischen Investoren gehören. Selbst KMU und Ladenketten, die scheinbar „staatlich“ sind, gehören in Wirklichkeit Ausländern, die Verbindungen zur Diktatur haben. Wir sind also bereits an einem Punkt angelangt, an dem uns nicht einmal mehr das Land gehört.
Mein Fazit: Beide Systeme können oder müssen kritisiert werden.
Donald Trump hat eine weitere Anordnung erlassen, um zu verhindern, dass Öl nach Kuba gelangt, und es macht keinen Sinn, das Volk zu ersticken, zumal ich nicht glaube, dass die Diktatur nachgeben wird. Das hat sie seit 70 Jahren nicht getan.
Die Regierungen der Vereinigten Staaten haben immer gesagt, dass sie Druck auf die Regierung ausüben wollten, um einen internen Aufstand zu erreichen und dort das Volk zu unterstützen, und am 11. Juli 2021 haben sie uns allein gelassen. Fünf Jahre später sind wir erschöpfter, und die Menschen wissen, dass Protestieren nichts lösen wird, vor allem weil, wenn jemand seine Stimme erhebt, die Menschen um ihn herum ihn nicht schützen.
Letztendlich führt das Leben unter diesen Bedingungen dazu, dass die Menschen radikal werden und glauben, die einzige Möglichkeit, die Diktatur zu beseitigen, bestehe darin, die extreme Rechte zu wählen. Alles, was auch nur im Entferntesten nach links riecht, erscheint ihnen falsch.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sanktionen nicht für alle unsere Probleme verantwortlich sind und dass zumindest ich keine Interventionen befürworte oder unterstütze, auch wenn es leider manchmal so aussieht, als hätten wir keine andere Lösung.
Meine Texte entspringen nicht Ressentiments, sondern Schmerz.
Kein System ist gerecht oder gut. Kommunistische Diktaturen greifen die Freiheit an, und der Kapitalismus lässt dich glauben, dass du frei bist, obwohl du in Wirklichkeit ein Sklave des Systems bist, der sich für frei hält.
Aber zumindest kann man in einem besser leben als in einem anderen.
Die Ambitionen der meisten Kubaner beschränken sich darauf, gut zu essen, ein Zuhause zu haben und dass sich die Früchte ihrer Arbeit in würdigen Lebensbedingungen für sie und ihre Familie widerspiegeln und sie über ihr Leben selbst entscheiden können.
Die Lebensrealität einer jungen kubanischen Frau
Als ich ein Kind war, hatte das Dach meines Hauses einige Löcher, durch die bei Regen das ganze Wasser hereinkam. Mein Bruder und ich suchten Schutz unter einem Sonnenschirm, während meine Mutter, eine mit Auszeichnung graduierte Ökonomin, Plastikfolien über die Matratzen und Elektrogeräte legte, damit sie nicht beschädigt würden.
Mein Vater, ein Bauingenieur — für mich der beste Bauingenieur der Welt —, war 12.000 Kilometer entfernt in Südafrika. Er ging für drei Jahre dorthin, um uns ein Dach über dem Kopf zu geben. Er hatte es gut, ja. Er erlebte die Fußballweltmeisterschaft und aß exotisches Fleisch. Aber er weinte, wenn er mit uns sprach. Ich war noch nicht einmal sieben Jahre alt, mein Bruder war zwei.
Das Leben verlief damals sehr statisch. Wir hatten die Jahre der Energierevolution von 2006 hinter uns, eine Strategie der Regierung, die nach ihren Angaben die Stromausfälle für immer beseitigen sollte. Alles war ruhig. So ruhig, wie ein Land sein kann, das unter einer Diktatur lebt und sich dessen nicht einmal bewusst ist.
Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, dass, wer die Regierung nicht liebte, auch Kuba nicht liebte. Als wäre die Insel am 1. Januar 1959 aus dem Meer aufgetaucht, als die Rebellenarmee und Fidel Castro ihren Sieg verkündeten.
Ebenfalls im Jahr 2006 erkrankte Fidel. Und ich hörte auf zu essen. Meine Mutter möchte sich daran nicht erinnern, aber ich erinnere mich an die Tränen, die mir in die Augen schossen und mich daran hinderten, fernzusehen.
Fidel war unser Vater, unser Großvater, unser Ein und Alles. Castro, mit C wie Cuba (Anmerkung der Übersetzerin: Auf Spanisch wird Kuba mit C geschrieben). Wie viele Kinder auf der Welt weinen, weil ihr Präsident krank ist? Fragte ich mich später. Die Antwort fand ich, als ich, Anna, den Film von Nikita Mihalkov, sah.
Nur Kinder, die unter einer Doktrin gelebt haben, weinen um ihren Präsidenten. Normale Kinder kennen wahrscheinlich nicht einmal den Namen des Präsidenten ihres Landes.
Ich habe Fidel ein Gedicht geschickt: „Die Sonne und der Mond weinen, weil Fidel krank geworden ist.“ Die Antwort in einem offiziellen Umschlag des Staatsrats lautete, dass der Kommandant sehr beschäftigt sei. Das und eine Postkarte von der Lateinamerikanischen Medizinischen Hochschule.
Ich verstand nicht, warum ein Mann, wenn er gut war, einem Kind nicht auf einen Brief antworten konnte. Und das denke ich auch heute noch. Aber dieser Moment hat mich sehr enttäuscht. Und natürlich hat er Schuldgefühle in mir ausgelöst. Wenn ich Fidel nicht liebte, liebte ich auch Kuba nicht. Denn Fidel war meine Heimat.
Als ich anfing, Geschichte zu studieren und alles zu sehen, was Kuba durchgemacht hat, und alles, was getan wurde, um es zu befreien, verspürte ich Nostalgie. Und Rastlosigkeit. Ich wollte dabei sein, etwas tun. All das Böse, gegen das so hart gekämpft worden war, schlummerte weiterhin, und wir unternahmen nichts.
Nach und nach verstand ich, dass derjenige, der Kuba liebt, seine Regierung ablehnt. Aber es ist nicht einfach, Kuba zu lieben.
Kuba ist eine Liebe, die zerreißt. Ich weiß das. Ich weiß das, weil ich manchmal fühle, dass Kuba mich umbringen wird.
Die meisten Kubaner lieben ihr Land. Sie lieben die Warmherzigkeit der Menschen, ihre Sorglosigkeit, mit der sie einmal lebten, das angenehme Klima und die Erinnerungen.
Ich liebe Kuba auf eine andere Art und Weise, fast schon instinktiv, so sehr, dass ich es manchmal gar nicht aussprechen möchte. Kuba zu lieben bedeutet, das Nichts zu lieben, jemanden zu lieben, der deine Liebe nicht erwidert, dich schlägt, dich anspuckt und mit jemandem davonläuft, der ihn schlecht behandelt.
Und trotzdem halte ich an ihm fest. Trotz allem, was es mir genommen hat.
Ich wuchs mit dem Wunsch auf, wegzugehen, und gab mir selbst die Schuld dafür, weil ich glaubte, dass ich die Insel nicht genug liebte, wenn ich sie verlassen wollte. Ich dachte, meine Liebe zu Kuba sei keine gute Liebe. Und ja, es gab eine Zeit, in der ich dachte, ich würde für immer hier leben. Aber dann kam die Pandemie, die Krisen in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Wasser, die inzwischen verurteilten korrupten Minister, die Abwanderung, der Zusammenbruch des nationalen Stromnetzes.
Vor ein paar Tagen, während eines Stromausfalls, stellte ich mir vor, ich wäre schon draußen. Und es fühlte sich nicht gut an. Ich hatte das Gefühl, mir würde das Herz brechen.
Das ist das Besondere an Kuba: Wenn du dort bist, bringt es dich um. Wenn du weggehst, stirbst du. Trotzdem möchte ich gehen. Es ist nun 20 Jahre her, seit ich angefangen habe, mir Fragen zu stellen, und ich verstehe nicht, warum ich von hier wegziehen muss, um leben zu können.
Ich romantisiere das Auswandern, verbinde es mit Liedern. Ich bekräftige vor mir selbst, dass Auswandern menschlich ist. Wir ziehen weg von dort, wo wir uns nicht weiterentwickeln können. Aber ich verstehe es immer noch nicht und glaube, dass ich es nie verstehen werde.
Eines der schlimmsten Dinge am Leben unter einer totalitären Regierung ist, dass man die Kontrolle über sein Leben verliert.
Sie entscheiden, ob du arbeitest und zu welcher Uhrzeit. Ob du isst oder nicht einmal kochen kannst. Ob du dich mit warmem oder kaltem Wasser wäschst. Ob du dich auskurierst oder monatelang eine Erkältung mit dir herumschleppst. Ob du diejenigen wiedersiehst, die du liebst, ob du dich wieder auf etwas freuen kannst, ob du reist, ob du träumst, ob du schläfst. Plötzlich reduziert sich das ganze Leben auf drei Stunden Strom am Tag, weil sie es so entschieden haben. Und du hast nie mitentschieden, dass sie dort sind, wo sie sind. Einige Herren, die du nicht gewählt hast, haben dir dein Land gestohlen, und du hast nicht bemerkt, wann das passiert ist.
Als Kind dachte ich, dass sie meine Heimat seien. Fidel Castro mit C wie Cuba. Olivgrün wie die Insel. Die Revolution hatte den sterbenden Kaiman wiederbelebt.
Dann habe ich mit allem gebrochen. Meine Heimat war mein Zuhause. Mein altes Zuhause, das zuerst Löcher im Dach hatte und nun wie ein kleines Schloss in einer Ecke des staubigsten und lautesten Viertels meiner Stadt stand.
Ein Schloss, erbaut mit dem Opfer meiner Mutter, die drei Jahre lang ihr Leben aufgab, um Haushalt, Arbeit und Liebe unter einen Hut zu bringen; und den Tränen meines Vaters, der immer weggehen wollte und zurückkehrte, um uns ein Dach über dem Kopf und das Schloss an der Ecke zu geben.
Dann wurde mir klar, dass ich nicht aus dieser Ecke herauskommen würde, wenn ich mich weiter daran festklammerte.
So wurde die Heimat zu einem imaginären Kuba. Eines, das ich nicht erlebte. Das Kuba, von dem mir niemand erzählt hat, das Kuba der Erschossenen, der Exilanten, der Mütter, die ihre Kinder nie wieder küssen konnten, derer, die kämpften und verraten wurden. Aber auch das Kuba, das in Liedern von Menschen vorkommt, die nicht mehr hier leben. Ein künstlerisches und episches Kuba, in dem man noch träumen konnte. Ein Kuba, das es nicht gibt, und ich glaube auch nicht, dass es das so bald geben wird.
Aber ich kann auch nicht an einer Vergangenheit festhalten, die nicht meine ist.
Meine Heimat ist jetzt alles, was ich wirklich liebe. Dazu gehören die Ecke, die Feuchtigkeitsflecken an der alten Decke, die Bar meines Großvaters väterlicherseits, die Zeichnungen meines Großvaters mütterlicherseits, das Essen meiner Großmütter. Meine Onkel und Tanten. Meine Cousins und Cousinen.
Meine Eltern, die mich wegen meines Asthmas mitten in der Nacht ins Krankenhaus brachten, meine Eltern, die aus Streichholzschachteln Modelle von Häusern bauten, bevor sie wussten, ob wir jemals ein Haus haben würden. Meine Eltern beim Transportieren von Steinen für die Mauern des Schlosses. Mein Bruder und ich, immer noch unter einem Sonnenschirm, damit wir im Haus nicht nass werden. Alle Freunde, die gegangen sind, die bald gehen werden. All die Musik. Alle Gedichte und die Geschichte, die wahre Geschichte, die wir noch nicht vollständig kennen.
Ein Kuba, das es nicht gibt und nie geben wird, ein Kuba ohne Militär, ohne Schuld, wo Kinder nicht wissen, wer sie regiert, wo Fleisch mit Kartoffeln wieder das tägliche Gericht ist und Großmütter nicht mehr sterben, ohne ihre Enkelkinder gesehen zu haben.
Ich habe einen wiederkehrenden Traum. Ich bin auf einem Konzert und ganz in Weiß gekleidet. Ich umarme alle meine Freunde. Kuba ist nun frei, und es gibt ein Konzert, um das zu feiern.
Das ist meine Heimat, ein Traum.
Und deshalb glaube ich, dass mich meine Heimat umbringt, weil ich in einem Kuba lebe und das andere liebe.
Als ich ein Kind war und traurig darüber, dass ich keine Streiks und Aufstände erlebt hatte, liebte ich Kuba bereits von ganzem Herzen, obwohl ich mir dessen nicht bewusst war. Ich wollte mein Land verändern, ohne es zu wissen.
Es sind 20 Jahre vergangen, seit ich begann, mir Fragen zu stellen, und ich habe nie Antworten gefunden. Ich sehne mich weiterhin nach Revolutionen, die mir jeden Tag weiter entfernt erscheinen. Ich vermisse weiterhin Dinge, die ich nie erlebt habe und auch nie erleben werde. Denn wenn Kuba eines Tages frei sein wird, werde ich nicht mehr jung sein, wahrscheinlich weit weg leben und ein anderes Leben führen.
Sie nehmen mir weiterhin fast alles Wesentliche weg. Das Wichtigste ist, sich innerlich eine eigene Heimat aufzubauen, die sie dir niemals nehmen können.
Sie können die Insel zerstören, sie im Meer versenken und anderen die Schuld dafür geben. Sie können auch noch die Kerzen löschen, aber niemals werden sie dir die Freiheit nehmen können, die du in deinem Geist gepflanzt hast, als du verstanden hast, dass Kuba nicht sie sind, sondern die erträumte Heimat in deinem Herzen.