Die Macht der Güte

Um unsere Entfremdung zu überwinden und liebevoller miteinander umzugehen, brauchen wir vor allem Übung.

Viele wissen es: Die Materie wird vom Geist geformt. Es sind unsere Gedanken und Gefühle, die die Welt zu dem machen, was sie ist. Mit unserer Schöpferkraft haben wir auch die Macht der Liebe wiederentdeckt. Wenn wir uns nicht verirren wollen auf dem Weg zur ganz großen, bedingungslosen, alles umfassenden Liebe, müssen wir uns gut im Boden verankern. Bevor wir uns hinaufschwingen in die Gefilde des Allerhöchsten, sollten wir uns darin üben, kleine Brötchen zu backen.

Ein scharfer Wind fegt durchs Land. Trotz sommerlicher Temperaturen geht es harsch zu — auch dort, wo wir es vielleicht nicht erwarten. Wir alle tragen Wunden und Verletzungen in uns, bei deren Berührung es ungemütlich wird. In einer Zeit, in der tief Vergrabenes und kollektiv Vergessenes an die Oberfläche kommt, kann es uns allen passieren, dass wir anderen Menschen nicht mit der Achtsamkeit begegnen, nach der wir streben. Es klingt gut in einer Zeit, in der wir Hoffnung und Zuversicht brauchen: kosmische Liebe, allumfassendes Eins, unendliche Möglichkeiten. Doch verstehen wir, was wir da sagen?

Wer von uns nutzt zum Beispiel seine telepathischen Fähigkeiten und die Kraft seiner inneren Heilströme? Welcher in der relativen Welt lebende Mensch kennt sich mit dem Absoluten aus? Jahrtausende lang haben wir sie nicht mehr gelebt, die Verbindung zum ursprünglichen Licht. Wir haben aus der Religion — dem, was uns mit der geistlichen Welt verbindet — Dogmen gemacht und aus Gott einen eifersüchtigen Weltraumpolizisten.

In einer Zeit, in der wir uns von allem entfremdet haben, einschließlich von uns selbst, reicht es nicht aus, mit dem Finger zu schnippen und alles ist wieder da. Es ist nicht genug, regelmäßig zu meditieren, sich einen Schamanen zu suchen und bestimmte Substanzen zu sich zu nehmen. Um unser allzu lang verschüttetes Potenzial wieder freizulegen und die Verbindung zu den höchsten Prinzipien und der universellen Liebe wieder aufzunehmen, braucht es mehr als einen starken Glauben. Es braucht vor allem Übung.

Boden unter den Füßen

Es sagt sich ganz einfach: Liebe. Ich tue das aus Liebe. Aus Liebe schlägt die Mutter ihr Kind, damit einmal etwas aus ihm wird. Aus Liebe verbrannte die Kirche diejenigen, die nicht an den rechten Gott glaubten. Aus Liebe werfen wir unserem Nächsten die schlimmsten Dinge ins Gesicht und drehen ihm für alle Zeit den Rücken zu. Denn aus der Ferne ist es leicht, jemanden zu lieben. Er tritt einem nicht mehr auf die Füße.

Toten kann man prächtige Altäre bauen und sich an den schönsten Erinnerungen laben. Doch wie sieht es im Alltag aus mit den Lebendigen? Wie sieht es mit denen aus, die uns Dinge sagen, die uns brüskieren und deren Verhalten uns auf die Palme bringt? Wie steht es hier mit der bedingungslosen Liebe? Ist auch dann noch alles eins und alles gut, wenn uns jemand verletzt? Oder werde ich zum Racheengel, sobald es für mich ungemütlich wird?

Liebe ich meinen Nächsten vor allem dann, wenn er mir nach dem Mund redet und sich so verhält, wie ich es mir wünsche? Kann ich Verbrecher lieben? Liebe ich die Politiker, die uns die Coronadiktatur eingebrockt haben, und diejenigen, die sie dabei unterstützen? Liebe ich Klaus Schwab und Bill Gates? Mir schwirrt der Kopf. Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich im Moment gar nicht so recht, was überhaupt Liebe ist. Dem anderen nichts Böses wollen und ihm viel Glück für seinen Weg wünschen scheint mir irgendwie knauserig. Also entscheide ich mich dafür, kleine Brötchen zu backen, bevor ich die Hochzeitstorte anschneide.

Tiefe Wurzeln

Meine Großmutter kommt mir in den Sinn — und mit ihr die Großmütter der Welt, die es mit Schürze und Keksdose schaffen, jede Träne zu trocknen. Ganz weich sind sie und rund. Meine war besonders rund. Ein bisschen schnippisch konnte sie sein und leicht zu beleidigen. Doch ihr Herz war groß. Immer hatte sie Zeit, niemals kam ich ungelegen. Alles konnte ich zu ihr tragen: meine Kindersorgen, meine glücklichen und unglücklichen Lieben, meine kühnsten Träume und Pläne. Obwohl sie an meinen rotgefärbten Haaren herummeckerte und sich bis zu ihrem Tod darüber beklagte, dass ich nicht den netten Nachbarjungen geheiratet habe, ließ sie mich, wie ich bin.

Sie saß da wie ein tief verwurzelter Baum, an den ich mich in jeder Lebenslage anlehnen konnte. Sie war einfach da und hörte zu. Das soll ihr mal einer nachmachen! Ihre Lieblingszeit war die blaue Stunde. Zur Zeit der Dämmerung flossen die Worte besonders leicht und ungehindert. Die Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und erkannten auch die feinen Schattierungen. Die Herzen waren geöffnet. Es war so einfach. Und es tat so gut. Es war etwas da, was heute aus der Mode gekommen ist: Güte, weiche, warme, umhüllende Nachsicht.

Güte ist, wenn alles gesagt werden darf. Alles hat seinen Platz. Niemand drängelt sich vor. Niemand stellt sich dar. Niemand will etwas beweisen. Nichts muss gerechtfertigt und nicht einmal erklärt werden. Die Dinge fließen in den Raum, ohne Ambition, ohne Wollen und Sollen, ohne Anklagen und Rechtfertigen. Wenn ich unsicher bin, ob es Liebe ist, dann denke ich an das warme Bad der Güte. In meinem ganzen Körper kann ich es spüren: Hier darf ich sein, hier bin ich geborgen. Hier gibt es kein Nachtragen, nur Annehmen.

Liebe ist

Etymologisch kommt das Wort Güte von „gut“ und bedeutet vereinigen, eng verbunden sein, zusammenpassen. Nichts stört die Harmonie, nichts klemmt. Alles kann fließen, auch die Tränen. Es duftet wie süßes Gebäck und fühlt sich weich und leicht an. Es gibt mir Boden unter den Füssen und erinnert mich daran, mich nicht in hochtrabenden Konzepten zu verlieren. Die Güte verbindet mich mit meiner Empfindsamkeit und führt mich zu der Stärke, die notwendig ist, die Liebe zu leben, die vor keiner Grenze Halt macht. Liebe ist ein scharfes Schwert. Nur mit Güte im Herzen werde ich es benutzen können. Es braucht Milde und Nachsicht, um damit nicht zu verletzen.

Sensitive is the new strong ist der Titel des neuen Buches von Anita Moorjani: Sensibilität ist die neue Stärke. Mitgefühl, Anteilnahme, Verständnis, Geduld, Uneigennützigkeit galten lange als Schwächen. In einer Zivilisation, die an sich selbst zerbricht, werden sie zu Qualitäten. Wir brauchen sie, um von einer Ellbogengesellschaft in eine neue Art des Zusammenlebens zu finden, in der wir uns nicht gegenseitig ausschließen, sondern einander begegnen und umarmen.

Hier helfen uns die kleinen Schwestern der Liebe. Sie unterstützen uns dabei, in uns die Schuld und die Scham zu überwinden und uns für die ganz große Liebe zu öffnen. Ich kann sie spüren. Ich kenne ihren Geschmack, ihren Klang, ihre Schönheit, ihre sanfte Macht. Sie fühlen sich gleichzeitig zart an und stark, beruhigend und inspirierend, geborgen und abenteuerlich. Die Liebe verbindet sie alle. Sie ist ohne Erwartung, ohne Zwang und vollkommen frei. Sie ist wie das Licht, das alles umströmt und alles durchdringt. Sie verzeiht alles, selbst das Schlimmste. Es ist gut zu wissen, dass es sie gibt.


Hier können Sie das Buch bestellen: als Taschenbuch oder E-Book.